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Abschlussbericht des YATA-Seminars „Strategiewandel durch Klimawandel?“


3 April, 2020

Wenn in Russland der Permafrostboden taut, in Niger Ackerboden unfruchtbar wird und ganze Inseln in Ozeanien vom Meer verschluckt werden, werden die direkten Folgen des Klimawandels sichtbar. Längst prägen die klimatischen Veränderungen jedoch nicht mehr nur den Alltag der Menschen in den betroffenen Regionen. Auch hier in Deutschland, der EU und der NATO müssen sicherheitspolitische Strategien an die neuen Umstände angepasst werden, denn der Klimawandel ist nicht länger ein Zukunftsszenario, sondern ist schon jetzt ein entscheidender Faktor in vielen Konfliktkontexten und stellte auch die Bundeswehr im Ausland vor neue Herausforderungen.

Vom 02.-06. März 2020 fand das sicherheitspoltitische Seminar mit dem Namen „Strategiewandel durch Klimawandel? Wie klimatische Veränderungen unsere Sicherheitspolitik prägen“, unser diesjähriges Kooperationsseminar mit dem Zentrum Informationsarbeit Bundeswehr statt. In guter Atmosphäre konnten die Auswirkungen des Klimawandels auf die Entwicklungs-, Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik in Deutschland und der internationalen Gemeinschaft in Strausberg und Berlin erörtert werden.

von Timo Eichhammer

1.      Ziele und Erwartungen

Bei der Konzeption des alljährlich stattfindenden sicherheitspolitischen Seminars setzt sich die YATA Germany das Ziel, Studierende, Jungakademiker und Young Professionals für aktuelle sicherheitspolitische Herausforderungen und prägende Themen zu sensibilisieren. Die inhaltliche Planung des fünftägigen Seminars erfolgt in enger Abstimmung zwischen dem YATA Germany Vorstand und dem Zentrum Informationsarbeit Bundeswehr (ZInfoABw). Die detaillierte Ausgestaltung des Programms liegt dabei in den Händen des ZInfoABw, weswegen diese Themen auch aus dem Blickwinkel der Bundeswehr beleuchtet werden.

In den letzten Monaten dominierte vor allem die Bekämpfung des Klimawandels als gesamtgesellschaftliche Herausforderung den öffentlichen Diskurs in Deutschland. Zwar hat die Bewegung „Fridays for Future“ einer breiten Öffentlichkeit und auch Teilen der Bundesregierung die Dringlichkeit der Lage vor Augen führen können, doch die sicherheitspolitische Komponente wurde im Diskurs weitestgehend ignoriert. Es war der YATA Germany und dem ZInfoABw daher ein Anliegen, den SeminarteilnehmerInnen (ST) zu erörtern, inwiefern klimatische Veränderungen schon jetzt die Arbeit in den Ministerien und die Planung und Durchführung von Auslandseinsätzen der Bundeswehr verändert. Darüber hinaus sollte ein Bewusstsein für die komplexe Wechselwirkung zwischen Klimawandel, Migration und Konflikten geschaffen werden. Ganz grundlegend drehte sich das Seminar um die Reziprozität, dass Klimawandelbekämpfung und Sicherheitspolitik nicht mehr voneinander zu trennen sind und der „vernetzte Ansatz“ nur nachhaltig erfolgreich sein kann, wenn klimatische Faktoren berücksichtigt werden.

Neben der inhaltlichen Zielsetzung diente das Seminar auch als Plattform für den Austausch unter den TeilnehmerInnen. In den Pausen, bei gemeinsamen Mahlzeiten und in der Freizeit erhielten sie die Möglichkeit, sich miteinander zu vernetzen und Kontakte zu knüpfen. Um eine Gruppendynamik zu etablieren, standen den ST in Strausberg eigene Zimmer zur Verfügung, sodass man gemeinsam als Gruppe in den Tag starten konnte und nach dem Abendessen die Möglichkeit zum lockeren Get-Together hatte.

2.     Durchführung und Ablauf

Das Seminarprogramm erstreckte sich über fünf Tage und beinhaltete informative Komponenten sowie Gelegenheiten zum Austausch mit Expert*innen aus den Ministerien, internationalen Organisationen und Forschungseinrichtungen.

Der erste Seminartag diente zunächst dem Kennenlernen in gemütlicher Runde und einer Vorstellung seitens des ZInfoABw. Am Nachmittag wurde den ST das Planungsamt der Bundeswehr vorgestellt, das unter anderem auch für die strategische Vorausschau zuständig ist. Das Team identifiziert Zukunftstrends und erstellt plausible Szenarien für die nächsten Jahrzehnte. Eines dieser Szenarien ist etwa ein erhöhtes Risiko inner- und zwischenstaatlicher Konflikte, das aus der zunehmenden Konkurrenz um knappe Ressourcen und fruchtbaren Boden erwächst. Auch hier in Deutschland sei mit einem gesellschaftlichen und politischen Konflikt zu rechnen: Aufgrund der steigenden Anzahl an „Klimaflüchtlingen“ könnte es bald einen budgetären Verteilungskonflikt zwischen Klimaschutz und Grenzschutz geben.

Am zweiten Seminartag wurde die Rolle des Klimawandels in der deutschen Außenpolitik und der Verteidigungspolitik beziehungsweise den Auslandseinsätzen der Bundeswehr thematisiert. Im Auswärtigen Amt spielt neben den „klassischen“ außenpolitischen Schwerpunkten der Bundesrepublik auch der Einsatz für eine internationale Koordination des Klimaschutzes eine zunehmend wichtige Rolle. Deutschland ist durch die Energiewende nach wie vor ein glaubwürdiger Partner in der globalen Klimadiplomatie und nutzt diese Position auch im UN-Sicherheitsrat, um wegweisende Resolutionen auf den Weg zu bringen. Wenngleich nicht alle internationalen Partner die deutschen Bemühungen hin zu mehr Nachhaltigkeit und Umweltschutz unterstützen, bieten sich auf Ebene der UN vielfältige Möglichkeiten zur Abstimmung, etwa durch „Koalitionen der Willigen“. Im BMVg wurden zunächst die sicherheitspolitischen Implikationen des Klimawandels beleuchtet, ehe die ST einen Einblick in die konkreten Auswirkungen klimatischer Veränderungen auf die Auslandseinsätze der Bundeswehr gewinnen konnten. Einsätze der Bundeswehr werden, etwa in Afghanistan, für Mensch und Ausrüstung immer strapaziöser, je extremer die Klimabedingungen werden. Die Bundeswehr versucht, auf Basis von Einsatzauswertungen, das Beschaffungswesen an extreme Klimabedingungen anzupassen.

Nach den Vorträgen und anschließenden Diskussionen mit den Referenten bekam die YATA und der Fachbereich Sicherheitspolitik im Bundespresseamt die Gelegenheit, sich den ST zu präsentieren. So beleuchtete Kamala Jakubeit die Arbeit der YATA in Berlin und im internationalen Kontext und konnte so manch eine(n) Teilnehmer(in) für eine Mitgliedschaft bei der DAG/ YATA gewinnen. Der zweite Seminartag fand beim YATA-Stammtisch ein gemütliches und lockeres Ende.

Am dritten Tag, nach einem Vortrag über den „European Green Deal“ der Kommissionspräsidentin von der Leyen fuhr die Seminargruppe zum Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Hier wurde, mit interaktiven Elementen und auf erfrischend kurzweilige Art und Weise, das Thema Klimaresilienz in den besonders betroffenen Staaten Peru und Tansania thematisiert. Ohne ein allzu pessimistisches Bild zu zeichnen, konnten die ST verinnerlichen, dass der Klimawandel nicht nur bekämpft werden muss, sondern auch die individuelle Resilienz gegen die klimatischen Veränderungen erhöht werden muss. Während westliche Zivilisationen durch ein hohes Maß an wirtschaftlicher Sicherheit, guter medizinischer Versorgung oder einer belastbaren Infrastruktur die Folgen des Klimawandels gut abwehren können, sind in Tansania und Peru ganze Existenzen bedroht. Der Vortrag und die anschließende Gesprächsrunde wurde von den ST sehr gut angenommen, wodurch ein reger Austausch mit den Referenten entstand – auch die Frage, inwiefern die Klimakrise noch zu bewältigen sei und ob Resilienz bald wichtiger werde als Bekämpfung des Klimawandels, wurde offen diskutiert.

Am vierten Tag im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) wurden die ST in die Funktionsweise deutscher Entwicklungszusammenarbeit und die Koordinierung mit dem AA und BMVg in Fragen der Krisenprävention eingeführt. Wie Entwicklungszusammenarbeit konkret funktioniert, wurde im Anschluss anhand der Projekte der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Afghanistan mit Förderung des AA und BMZ präsentiert. Als konkretes Beispiel wurde ein Aufforstungsprojekt genannt: In Afghanistan geht die Waldfläche wegen der extensiven Landwirtschaft und krimineller Kapitalisierung der Waldflächen seit Jahren stark zurück, was den Lebensraum vieler BürgerInnen negativ beeinträchtigt. Mit ihrem Projekt forstet die GIZ in Zusammenarbeit mit marginalisierten Gruppen (vorwiegend Frauen) viele Landstriche wieder auf und unterstützt die BürgerInnen, den Aufforstungsprozess selbst zu gestalten, zu verwalten und zu überwachen (local ownership). So werde gesellschaftliche Inklusion und Umweltschutz sinnvoll kombiniert. Am Nachmittag lag der Fokus schließlich wieder auf dem Nexus zwischen Klima und Konflikten. Bei adelphi, einem Think Tank für Klima-, Umwelt- und Entwicklungsfragen, wurde anhand mehrerer konkreter Beispiele (z.B. Tschadseebecken) veranschaulicht, dass der Klimawandel sowohl Konfliktreiber und -katalysator sein kann, oftmals aber auch die Grundlage für internationale Zusammenarbeit ist. Die ST nutzten anschließend in der naheliegenden Buchkantine die Möglichkeit, sich bei einer Mahlzeit über die gesammelten Eindrücke und Erkenntnisse locker auszutauschen. Angesichts des regen Austauschs und der guten Gespräche lässt sich festhalten, dass die ST die Vorträge nicht nur gut angenommen, sondern deren Inhalte und Botschaften auch fest verinnerlicht haben.

Dies spiegelte sich auch am fünften und letzten Seminartag in der abschließenden Gruppendiskussion in der Redaktion der Bundeswehr (RedBw) wieder. Diese war auch durch die Frage geprägt, inwiefern sich Deutschland und Europa eher einer Klimahysterie als einem Klimanotstand gegenübersehen. In einer Paneldiskussion war diese Frage zuvor unter anderem anhand der „Fridays for Future“-Bewegung erörtert worden. Ausnahmslos alle ST teilten die Auffassung, dass die Bezeichnung des Klimanotstandes notwendig ist, um diese Herausforderung angesichts der verheerenden Folgen des Klimawandels als Menschheitsaufgabe zu begreifen. Also solche dürfe die Bekämpfung und Eindämmung des Klimawandels nicht nur als Zukunftsthema für die Wissenschaft, sondern als omnipräsente Herausforderung für die Gesellschaft und alle Politikbereiche durch permanenten Druck aufoktroyiert werden. Viele ST äußerten die Erkenntnis, dass Klima und Sicherheit nicht mehr getrennt voneinander beobachtet werden können, sondern immer die Wechselwirkung zwischen beiden berücksichtigt werden müsse. Außerdem wurde hervorgehoben, dass klimatische Veränderungen nicht zwangsweise mit einem erhöhten Stressniveau und somit einem erhöhten Konfliktpotenzial einhergehen müsse. Neue Umweltbedingungen können von Staaten und Gesellschaften auch als Grundlage für eine Überwindung alter Konflikte und Kooperation im beidseitigen Bedürfnis nach Sicherheit und Wohlstand verstanden werden.

Letztendlich lebt ein Seminar nicht nur von Vorträgen, Diskussionen und neuen Erkenntnissen. Auch die Vernetzungen zwischen den TeilnehmerInnen und eine gute Gruppendynamik tragen zum Erfolg eines Seminars bei. Obwohl nicht alle TeilnehmerInnen gemeinsam in Strausberg übernachtet haben und die Gruppe dadurch zunächst entzerrt wurde, ist sie im Laufe der Tage gut zusammengewachsen, was einen fruchtbaren inhaltlichen und persönlichen Austausch ermöglicht hat.

YATA Germany freut sich, dass das Seminar so gut angenommen wurde und hofft, dass die TeilnehmerInnen bleibende Eindrücke und Erkenntnisse für ihren weiteren akademischen und beruflichen Weg gewinnen konnten!

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