Deutschland rüstet auf, investiert Milliarden in die Bundeswehr und will in Europa mehr Verantwortung übernehmen. Doch wie kommt das bei den Partnern an? Das fragt die neue digitale Gesprächsreihe „Munich Calling: Deutschland von außen betrachtet“, die das ISS Institut für Sicherheit und Strategie München und das Forum München der Deutschen Atlantischen Gesellschaft gemeinsam ausrichten. Zum Auftakt am 5. November 2026 ging der Anruf nach Washington, D.C.
Eigentlich sollte Dr. Liana Fix zu Gast sein. Sie fiel kurzfristig aus, das Gespräch mit ihr wird nachgeholt. Für sie sprang Prof. Dr. Gerlinde Groitl ein. Die Direktorin des ISS München lehrt derzeit als Helmut Schmidt Distinguished Visiting Professor an der Johns Hopkins University in Washington. Moderiert hat Lisa-Marie Geltinger vom ISS München und der Universität Regensburg. Für das Forum München der DAG begrüßte Brigadegeneral a.D. Helmut Dotzler die Teilnehmenden.
Nach den Midterms: Richtungsstreit in beiden Parteien
Das Gespräch fand zwei Tage nach den US-Zwischenwahlen statt, bei denen die Demokraten beide Kammern des Kongresses zurückerobert haben. In Washington habe sie vor allem Erleichterung erlebt, berichtete Groitl: Viele hoffen, dass der Kongress die Exekutive künftig stärker kontrolliert. Bei den Republikanern habe der Streit über den künftigen Kurs schon begonnen. Die einen wollen zurück zu mehr Anstand und solidem politischem Handwerk. Das MAGA-Lager dagegen wirft Trump vor, die eigene Agenda verraten zu haben, etwa mit dem Krieg gegen den Iran. Den Demokraten stehe eine ähnliche Debatte noch bevor. Fest stehe bislang nur, dass die Wahl ein Votum über Donald Trump war.
Wer daraus schließe, dass alles ohne Trump automatisch gut für Europa sei, mache es sich zu einfach, warnte Groitl. Auch der linke Flügel der Demokraten pflege einen Wirtschaftspopulismus, der zuerst auf das eigene Land schaut. In der Außenpolitik könne der Kongress den Präsidenten ohnehin nur begrenzt einhegen. Sein stärkstes Instrument sei die Haushaltsmacht.
Deutschland als MusterschĂĽler unter Beobachtung
Wie sieht Washington die deutsche Zeitenwende? Gemessen werde vor allem am Geld, sagte Groitl, und da stehe Deutschland derzeit sehr gut da. Berlin gelte als Musterschüler Europas. Am Ende zählten aber die Fähigkeiten, die mit dem Geld entstehen, und die Frage, ob daraus mehr gemeinsame europäische Handlungsfähigkeit wird. Gelingt das nicht, könne die Stimmung schnell kippen: „Nicht die Intentionen zählen, sondern nur der Output.“ In Washington verfolge man sehr genau, ob die Bundesregierung ihre Reformen zu Hause auch durchsetzen kann.
Anders als viele Europäer sorge sich die Trump-Administration kaum um ein mögliches Ungleichgewicht in Europa. Sie setze auf die Nationalstaaten und sehe Deutschland als Motor der europäischen Zusammenarbeit. Für Berlin sei das eine Gratwanderung: Es müsse für Washington ansprechbar sein, ohne in Europa den Eindruck zu erwecken, allein führen zu wollen. Einfluss in Washington habe nur, wer eigene Vorschläge mitbringt. Passivität und reflexhafte Bedenken der Europäer kämen dort schlecht an.
Die NATO steht nicht in Frage
Trotz aller Rhetorik des Präsidenten werde die NATO in Washington nicht grundsätzlich in Frage gestellt, betonte Groitl. Auf der Arbeitsebene funktioniere die Zusammenarbeit so gut wie eh und je, vorausgesetzt, Europa übernimmt mehr Lasten. In der Fragerunde ging es außerdem um eine mögliche neue Eskalation im Iran-Krieg, um die Finanzierung der Aufrüstung auf Pump, um die Wehrpflicht und um die Zukunft der Ukraine. Eine Mitgliedschaft der Ukraine in EU und NATO hält Groitl für unrealistisch. Europa müsse deshalb über andere Formen der Einbindung nachdenken.
Zum Schluss stellt „Munich Calling“ jedem Gast dieselbe Frage: Was würden Sie Berlin auf die Mailbox sprechen? Groitls Antwort: „Die USA sind red, white and blue und nicht schwarz und weiß.“ Statt mit Schwarz-Weiß-Bildern auf die Vereinigten Staaten zu blicken, müsse man genau hinschauen, welche Positionen es in den Parteien gibt und mit wem man arbeiten kann.
Die nächste Folge von „Munich Calling“ im Dezember führt nach Paris. Das Gespräch mit Liana Fix wird nachgeholt, den Termin finden Sie dann auf der Website der DAG.








