Am 20. August 2026 hielt Herr Brigadegeneral Frank Reiland im Forum Mainz einen Vortrag mit dem Titel „Handlungsfähig in der Krise – Die Bundeswehr im Aufwuchs“. Dabei machte er deutlich, wie stark unsere Sicherheitspolitik sowohl die staatlich zuständigen Stellen wie auch die Gesellschaft als Ganzes betreffe und wie die Bundeswehr die aktuelle Herausforderung insbesondere des personellen Aufwuchses aktuell meistert.
Zu Beginn betonte er, dass Sicherheitspolitik uns alle angehe, dies wurde in der Vergangenheit vielleicht ein wenig aus dem Blickfeld verloren, obwohl wir seit fast zwei Jahrzehnten im Dauerzustand „Krise“ lebten. Für viele Menschen immer noch überraschend, habe sich Russland als Bedrohung für Freiheit und Stabilität in Europa erwiesen. Heute sei in unserer Gesellschaft alles in hohem Maße vernetzt, wir seien damit störanfälliger gegen äußere Angriffe, die zunehmend hybrid und unterhalb der Schwelle konventioneller Kampfhandlungen vorgenommen werden. Russland sei lange aus dem Blickwinkel unseres eigenen Weltbildes beurteilt worden, habe aber ein ganz anderes Staatsverständnis und Vorstellungen von Machtprojektion als die freiheitlichen Gesellschaften. Für das Publikum war an dieser Stelle besonders erschreckend, sich nochmal zu vergegenwärtigen, welche enormen menschlichen Verluste die russische Führung bereit sei, im Angriffskrieg gegen die Ukraine in Kauf zu nehmen.
Dennoch wachse Russlands Militär stetig weiter und baue seine Fähigkeiten aus. Einem solchen aggressiven Vorgehen Russlands könne letztendlich nur mittels Abschreckung durch Stärke begegnet werden. Interessant sei hierbei die Entwicklung der Wahrnehmung Deutschlands in Europa, von dem heute von den europäischen und transatlantischen Partnern erwartet würde, mutig Verantwortung zu übernehmen. Daraus abgeleitet wurde in den relevanten verteidigungspolitischen Dokumenten der Kurs klar vorgegeben: die Bundeswehr soll die stärkste konventionelle Armee Europas werden.


Basis für diesen Aufwuchs der Bundeswehr sei die deutsche Militärstrategie. Sie identifiziere Russland klar als größte Bedrohung unserer Sicherheit und sieht vor, dass die Bundeswehr auf 260.000 aktive Soldaten und Soldaten sowie und 200.000 Reservisten anwachse.
Als Teil der Gesellschaft, stehe die Bundeswehr natürlich auch vor den gleichen Herausforderungen, wie Deutschland insgesamt. So sei etwa im Rahmen der gesamtdemographischen Entwicklung die Zahl der Schulabgänger stark gesunken. Somit konkurrierten Bundeswehr und Wirtschaft wegen des Fachkräftemangels stärker um weniger junge Menschen, die zudem vor umfassenderen Herausforderungen stünden als frühere Generationen. Und doch hätten sie eben Werte, die ihnen wichtig sind und für die sie sich engagieren wollten. Dass der Dienst in der Bundeswehr einer der wichtigsten Wege ist, für diese Werte einzustehen, sei eines der zentralen Argumente für die Überzeugung junger Bürgerinnen und Bürger für einen freiwilligen Wehrdienst.
Parallel zu diesem freiwilligen Wehrdienst würden aktuell die infrastrukturellen, ausrüstungstechnischen und organisatorischen Voraussetzungen geschaffen, die ein Aufwuchs benötige. Der freiwillige Wehrdienst fuße auf der Befragung der jungen Menschen zu ihrer Bereitschaft für einen Dienst in der Bundeswehr. Für die Fragebogenaktion ab 2026 sei es erst einmal notwendig gewesen, die notwendigen Datenverbindungen zu den Einwohnermeldeämtern wiederherzustellen und eine Gesetzeslage und ein Softwaresystem aufzubauen, welches eine Erfassung der notwendigen Daten ermögliche. Seit Januar 2026 liefe nun die Fragebogenbefassung der jungen Menschen und sie liefe sehr gut: 96% der zur Beantwortung verpflichteten Menschen hätten geantwortet, was unter diesen Bedingungen ein hervorragendes Ergebnis sei.
Ab 2027 könne dann die Musterung wieder aufgenommen werden, da bis dahin die hierfür notwendigen Kapazitäten der Musterungsorganisation ausgebaut sein würden. Ungeachtet dessen bliebe die Bundeswehr an interessierten und interessanten Menschen aktiv dran, um sie für einen freiwilligen Wehrdienst zu gewinnen. Und die Bundeswehr habe den Männern und Frauen, die sich für den Dienst interessieren enorm viel zu bieten. Wer bei der Bundeswehr beruflich einsteigen wolle, könne dies in mehr als 1.000 Berufsbildern tun. Auch Weiterqualifizierungen und Laufbahnaufstiege seien perspektivisch aufgrund der engen Begleitung durch die Personalführung für Soldatinnen und Soldaten in nahezu allen Bereichen möglich. Und die Attraktivität des Dienstes scheine sich mehr und mehr herumzusprechen, denn die Zahl der Soldatinnen und Soldaten steige kontinuierlich an. Der Aufwuchs sei im vollen Gange. Dabei sei es wichtig zu verstehen, dass neben den beruflichen Chancen stets auch die Sinnhaftigkeit des Dienstes eine Rolle für die jungen Menschen spiele.
Zum Ende und in einer angeregten abschließenden Diskussion wurde eine Perspektive nochmals besonders betont: Gesamtstaatliche Verteidigung sei bei Weitem nicht nur eine Aufgabe der Bundeswehr, sondern eine allumfassende Gemeinschaftsaufgabe. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssten alle an einem Strang ziehen, das eine Ziel zu erreichen, nämlich Deutschland zu schützen.








