Deutsche Atlantische Gesellschaft e.V.

Deutschland im Strategietest. Deutschland erprobt strategisches Handeln

Ausgabe 60: Dr. Philip Jan Schäfer und Dr. Joseph Verbovszky

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Vor knapp zwei Jahren wurde an dieser Stelle argumentiert, dass Deutschland Krieg spielen müsse, nicht im militärischen Sinn, sondern als methodischer Zugang, um strategische Entscheidungsprozesse unter Bedingungen ausgeprägter Unsicherheit besser zu verstehen.

Inzwischen wurden mehrere ressortübergreifende und gesamtgesellschaftlich angelegte Wargames durchgeführt. Sie liefern weder Prognosen noch Vorhersagen. Ihr Wert liegt darin, Einblicke in Entscheidungsdynamiken, Kooperationsmuster und institutionelle Logiken unter komplexen und sich verändernden Rahmenbedingungen zu ermöglichen.

Wargames als Analyseinstrument

An den Simulationen nahmen Vertreterinnen und Vertreter aus Ministerien, Unternehmen, Sicherheitsbehörden, internationalen Organisationen und zivilgesellschaftlichen Einrichtungen teil. Auf Grundlage definierter Szenarien trafen sie Entscheidungen unter Zeitdruck und auf Basis unvollständiger Informationen.

Entscheidungen verändern im Spiel die Ausgangslage und erzeugen neue Zwänge, Risiken und Handlungsmöglichkeiten. Daraus entstehen dynamische Wechselwirkungen, die reale strategische Prozesse nachvollziehbar machen, ohne deren unmittelbare Kosten oder Schäden zu verursachen. Die „safe to fail“-Umgebung ist kein Nebeneffekt, sondern methodischer Kern. Fehler und Fehleinschätzungen werden sichtbar, ohne irreversible Konsequenzen nach sich zu ziehen. Scheitern kann produktiven Wert haben, weil es Annahmen offenlegt, Routinen hinterfragt und Anpassungsprozesse anstößt. Ziel ist nicht, im Spiel zu gewinnen, sondern Handlungsfähigkeit für reale Krisensituationen zu verbessern.

Zentrale Erkenntnisse aus den Wargames

Die seit dem Aufruf „Krieg zu spielen“ durchgeführten Wargames zielten darauf ab wiederkehrende Muster strategischen Handelns unter Unsicherheit sichtbar zu machen. Über unterschiedliche Themenfelder hinweg lassen sich mehrere übergreifende Befunde festhalten.

  • Erstens: Strategisches Handeln findet dauerhaft unter Unsicherheit statt. Die sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen in Europa haben sich grundlegend verändert. Militärische Gewalt, geopolitische Rivalität, ökonomische Verwundbarkeit und hybride Einflussnahme überlagern sich. Strategische Unsicherheit ist keine temporäre Abweichung mehr, sondern strukturelle Konstante. Entscheidungen werden unter Bedingungen getroffen, in denen Informationen unvollständig, Zeitfenster begrenzt und Folgen nur eingeschränkt kalkulierbar sind.
  • Zweitens: Kooperation folgt institutionellen Logiken, nicht nur gemeinsamen Interessen. Akteure artikulieren gemeinsame Ziele, sichern zugleich aber ihre eigene institutionelle Handlungsfähigkeit ab. Entscheidungen folgen Mandaten, Zuständigkeiten, Rechenschaftspflichten und Ressourcenzwängen. Kooperation entsteht dort, wo institutionelle Logiken kompatibel sind. Sie bleibt fragil, wenn diese Kompatibilität fehlt. Wettbewerb und Abstimmung existieren parallel.
  • Drittens: Narrative strukturieren Entscheidungsräume. Akteure bevorzugen Handlungsoptionen, die mit ihrem bestehenden Lageverständnis vereinbar sind. Optionen, die dieses Deutungsmuster infrage stellen, werden seltener gewählt, selbst wenn sie funktional sinnvoll erscheinen. Narrative definieren, was als plausibel, legitim oder notwendig gilt. Strategische Leistungsfähigkeit hängt daher auch von der Fähigkeit ab, eigene Annahmen zu reflektieren und anzupassen.
  • Viertens: Sicherheit ist ein gesamtgesellschaftlicher Aushandlungsprozess. Strategische Handlungsfähigkeit ist nicht ausschließlich in staatlichen Institutionen verortet. Wirtschaftliche Akteure, Verbände und Betreiber kritischer Infrastrukturen übernehmen koordinierende oder stabilisierende Funktionen, oft nicht aufgrund formaler Mandate, sondern aufgrund zugeschriebener Kompetenz und Systemrelevanz. Der strategische Raum ist breiter und komplexer, als klassische Zuständigkeitslogiken nahelegen.
  • Fünftens: Selbstbeobachtung ist Teil strategischer Resilienz. Wargames zwingen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger dazu, unter Unsicherheit zu priorisieren, Risiken einzugehen und Zielkonflikte offen auszutragen. Implizite Annahmen und Routinen werden sichtbar. Strategische Resilienz entsteht nicht allein durch materielle Ressourcen, sondern auch durch die Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion.

Empirische Beobachtungen

Diese Befunde beruhen auf konkreten Simulationen in unterschiedlichen institutionellen Kontexten.

Beim von WELT gemeinsam mit dem German Wargaming Center durchgeführten Wargame Ernstfall wurde eine Eskalation im Baltikum simuliert. Das Red Team, besetzt mit Franz-Stefan Gady, Alexander Gabuev und Arndt Freiherr Freytag von Loringhoven, agierte konsequent zielorientiert, mit hoher Geschwindigkeit und klarer Priorisierung. Anstatt auf politische Abstimmungsprozesse zu warten, nutzte es Zeitfenster, Mehrdeutigkeiten und prozedurale Verzögerungen gezielt aus. Auf diese Weise gelang es, militärische und politische Fakten zu schaffen, bevor auf der Gegenseite kohärente Gegenmaßnahmen eingeleitet werden konnten. Das Ergebnis fand öffentliche Aufmerksamkeit. Auch Mark Rutte kommentierte den Spielverlauf und unterstrich die Verteidigungsbereitschaft des Bündnisses. In der öffentlichen Diskussion wurde das Szenario vor allem als Hinweis auf Fragen militärischer Fähigkeiten interpretiert. Analytisch zentral war jedoch ein anderer Befund. Das Blue Team, das Entscheidungsprozesse der Bundesregierung simulierte, war mit erfahrenen Fachleuten besetzt. Es fehlte nicht an Wissen, nicht an Problembewusstsein und nicht an grundsätzlicher Entschlossenheit. Dennoch zeigte sich, dass institutionelle Routinen, Abstimmungslogiken und implizite Erwartungshorizonte die Reaktionsgeschwindigkeit maßgeblich prägten. Die Verzögerung entstand weniger aus Informationsmangel als aus der Struktur kollektiver Entscheidungsprozesse. Sichtbar wurde damit ein Spannungsverhältnis zwischen operativer Geschwindigkeit auf der einen und prozeduraler Absicherung auf der anderen Seite.

Im Planspiel „Convergence“, durchgeführt von der Industrie- und Handelskammer Berlin gemeinsam mit dem German Wargaming Center, wurde Handlungsfähigkeit in einer sicherheitspolitischen Grauzone untersucht. Das Szenario blieb unterhalb formaler Eskalationsschwellen, erzeugte jedoch reale Belastungen für Infrastruktur, Logistik und gesellschaftliche Stabilität. Internationale Spannungen wirkten sich unmittelbar auf Landes und Bezirksebene aus. In den frühen Spielphasen investierten die beteiligten Akteure vor allem in Koordination, Lagebildaufbau und institutionelle Anschlussfähigkeit. Operative Maßnahmen rückten erst dann in den Vordergrund, wenn konkrete Engpässe als systemkritisch identifiziert und kollektiv anerkannt wurden. Entscheidungsdynamiken verdichteten sich entlang solcher Knotenpunkte. Dabei zeigte sich, dass formale Hierarchien allein keine Steuerungsfähigkeit garantieren. Handlungsfähigkeit entstand vielmehr durch geteilte Annahmen darüber, was als wirksam, legitim und notwendig gilt. Bemerkenswert war die Entwicklung der Industrie und Handelskammer selbst. Sie war zu Beginn nicht als zentrale Steuerungsinstanz angelegt. Im Verlauf des Spiels wurde ihr jedoch zunehmend eine koordinierende Rolle zugeschrieben, insbesondere im Bereich ziviler Logistik und Informationsvermittlung. Diese Aufwertung beruhte nicht auf formalen Mandaten, sondern auf Erwartungsdynamiken anderer Akteure. Sicherheit erschien damit als Ergebnis eines gesamtgesellschaftlichen Zusammenspiels und nicht als ausschließlich staatliche Aufgabe.

Im Planspiel Entanglement Ostschild 2026, durchgeführt vom German Wargaming Center im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, stand die Zukunft europäischer Rüstungskooperationen im Mittelpunkt. Die zentralen Ergebnisse wurden bereits auf der Tiergartenkonferenz 2025 vorgestellt und dort in einen breiteren sicherheitspolitischen Kontext eingeordnet. Ausgangspunkt war ein strukturelles Kooperationsdilemma zwischen nationalen industriepolitischen Interessen und dem Anspruch auf kollektive europäische Handlungsfähigkeit. Zu Beginn dominierten multilaterale Initiativen, europäische Technologieintegration und der Versuch, gemeinsame Projekte trotz politischer Spannungen voranzutreiben. Mit zunehmender Unsicherheit verschob sich jedoch die Logik des Handelns. Nationale Notprogramme, beschleunigte Beschaffungsverfahren und bilaterale Absprachen gewannen an Gewicht. Unter wachsendem Zeitdruck priorisierten Akteure kurzfristige operative Handlungsfähigkeit gegenüber langfristiger Systemkohärenz. Europäische Kooperationsrhetorik blieb zwar bestehen, wurde jedoch zunehmend mit nationaler Eigenlogik kombiniert. Sichtbar wurde ein wiederkehrendes Muster strategischen Handelns unter Unsicherheit. Je stärker der wahrgenommene Druck, desto größer die Tendenz, auf vertraute nationale Instrumente zurückzugreifen und multilaterale Prozesse zu umgehen oder zu verkürzen. Strategische Kohärenz erwies sich damit weniger als Frage formaler Bündnisse, sondern als Frage belastbarer Erwartungsstrukturen und gegenseitigen Vertrauens.

Fazit

Deutschland spielt keinen Krieg, um ihn zu führen. Deutschland nutzt inzwischen aber Wargames, um strategisches Verhalten unter veränderten Rahmenbedingungen zu verstehen. Die Simulationen zeigen, dass strategische Handlungsfähigkeit weniger an fehlendem Wissen scheitert als an institutionellen Routinen, Erwartungsstrukturen und Entscheidungslogiken. Geschwindigkeit wird zum Machtfaktor. Kooperation bleibt fragil. Narrative begrenzen oder erweitern Handlungsräume. Und Sicherheit entsteht im Zusammenspiel staatlicher und nichtstaatlicher Akteure. Wargames liefern keine Antworten im Sinne fertiger Handlungspläne. Sie schaffen einen Raum, in dem Annahmen überprüft, Routinen sichtbar und Entscheidungsprozesse unter Unsicherheit erprobt werden können. In einer Umgebung, in der Unsicherheit zur Dauerbedingung geworden ist, wird genau diese Fähigkeit zur strukturierten Selbstprüfung zu einer strategischen Ressource. Vielleicht liegt darin die eigentliche Bedeutung dieses Ansatzes. Strategische Handlungsfähigkeit beginnt nicht mit perfekten Informationen, sondern mit dem Verständnis der eigenen Entscheidungslogik.

Ein Beitrag von:

Dr. Philip Jan Schäfer

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für politische Theorie an der Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg und Co-Director des German Wargaming Center

Dr. Philip Jan Schäfer ist Co-Director des German Wargaming Center. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für politische Theorie an der Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg.

Zuvor war er Lehrkraft für besondere Aufgaben im Arbeitsbereich Politik und Gesellschaft der Universität Bielefeld. Davor war er wissenschaftlicher Rat am Zentrum für Informationsarbeit der Bundeswehr.

Nach dem Diplomstudium in Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin promovierte er an der Universität zu Köln mit einer herausragenden Arbeit zu den Auswirkungen von Umweltveränderungen auf die Sicherheitspolitik in den arabischen MENA-Staaten. Während seiner Promotion begann Schäfer im Kommunikationsbereich zu arbeiten und leitete die Landeskampagne für nachhaltige Mobilität des Landesverkehrsministeriums Baden-Württemberg.

In seiner späteren Tätigkeit als Assistant Professor im Global Studies Department der Korea University in Sejong unterrichtete und forschte Schäfer zu Mobilitätsthemen sowie zu systemtheoretischen Fragestellungen.

Dr. Joseph Verbovszky

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für politische Theorie an der Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg und Co-Direktor des German Wargaming Center und Research Fellow an der Defense AI Observatory (DAIO)

Dr. Joseph Verbovszky ist Co-Direktor des German Wargaming Center und Research Fellow an der Defense AI Observatory (DAIO). Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für politische Theorie an der Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg.

Davor promovierte er an der Universität der Bundeswehr München zum Thema Deutscher Strukturpazifismus und war für verschiedene Rüstungsunternehmen in den Bereichen internationale Zusammenarbeit und strategische Analyse tätig. Sein Masterstudium absolvierte er an der Johns Hopkins School of Advanced International Studies (SAIS) in Internationalen Beziehungen.

Ehrenamtlich engagiert er sich bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), wo er sowohl die Arbeitsgruppe Sicherheit als auch das Hauptstadtforum Berlin der Jungen DGAP leitet.

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