Deutsche Atlantische Gesellschaft e.V.

Ein ehrlicher Blick auf die Lage

Am 08. 01. 2026 hielt Herr General a. D. Erhard BĂŒhler im Forum Mainz einen Vortrag mit dem Titel „Krieg in der Ukraine: Folgen fĂŒr die NATO, Deutschland und die Bundeswehr“.

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Die Lage entspricht nicht der im Kalten Krieg, sie ist gefĂ€hrlicher, komplexer, unĂŒbersichtlicher, unberechenbarer und vielschichtiger. Dies kann man an fĂŒnf Punkten festmachen:

Die Zeit der kooperativen Sicherheit mit Russland ist vorbei. Das Vertrauen in Putin wurde in der RĂŒckschau schon vor 2022 zerstört, aber von der Politik nicht wahrgenommen. Zwischen 2028 und 2030 wĂ€re ein Angriff auf die NATO möglich, dazu kommt die Gleichzeitigkeit von Krisen und Konflikten weltweit, oft ohne körperliche Gewalt beginnend. Die Grenzen zwischen Frieden und Krieg verschwimmen ebenso wie die zwischen innerer und Ă€ußerer Sicherheit, es entstehen hybride ZustĂ€nde. Auch bei VerbĂŒndeten entsteht ein neuer Nationalismus, damit treten innenpolitische Aspekte in den Vordergrund, internationale Allianzen verlieren an Bedeutung. Europa hat die FĂ€higkeit zur Landes- und BĂŒndnisverteidigung vernachlĂ€ssigt, auch im zivilen Bereich der Gesamtverteidigung. Seit einem knappen Jahr wird unsere Sicherheitsordnung nicht nur in Frage gestellt, sondern auch bedroht. Wir leben in einer Zeit der Ungewissheit, mindestens aber der Unberechenbarkeit.

Es wird Jahre, vielleicht Jahrzehnte dauern, eine stabile europĂ€ische Sicherheitsordnung wieder herzustellen, ein Thema fĂŒr unsere Kinder und Enkel. Noch können wir energisch zur VerhĂŒtung lĂ€ngerfristiger SchĂ€den gegensteuern. Wir mĂŒssen das machen, was wir seit vielen Jahren versprochen haben, aber ohne die Absicht, die Versprechen auch einzuhalten. Der europĂ€ische Pfeiler der NATO muss nicht nur militĂ€risch einen grĂ¶ĂŸeren Beitrag leisten. Die NATO ist nicht tot, trotz Gegenwind von Teilen der USA gegen die transatlantischen Beziehungen. Daraus folgt:
Der Zusammenhalt in NATO und EU ist der erste strategische Imperativ. Die Wahrung der Westbindung, der transatlantischen Verbindung, ist der zweite strategische Imperativ. Dazu mĂŒssen einige in den USA auch an ihre eigenen Interessen erinnert werden. Die Nationale US-Sicherheitsstrategie wie auch das praktische Handeln des US-MilitĂ€rs gehen weiterhin von dieser Verbindung aus und halten Russland fĂŒr die grĂ¶ĂŸte Bedrohung des euroatlantischen Raums. Durch maßlose Kritik an der Sicherheitsstrategie wird die Loslösung aktiv gefördert, dies widerspricht unseren politischen, gesellschaftliche, wirtschaftlichen und auch sicherheitspolitischen Interessen. Wir mĂŒssen mehr in die Sicherheit in Europa investieren, um die transatlantische Verbindung nicht zu verlieren. Alle haben sich auf mindestens 3,5% der BIP geeinigt, der deutsche Verteidigungshaushalt liegt 2026 bei 108 Mrd €, 2029 sollen es 153 Mrd € sein, 2014 waren es 33 Mrd €. Die EU ist dabei keine Konkurrenz zur NATO, dazu fehlen ihr die FĂ€higkeiten. Sie kann aber den europĂ€ischen Pfeiler der NATO durch RĂŒstungskooperation und gemeinsame Forschung, Entwicklung und Beschaffung stĂ€rken. Eine europĂ€ische Armee wĂŒrde einen europĂ€ischen Bundesstaat erfordern, der politisch nicht in Sicht ist. Ein europĂ€ischer nuklearer Schutzschild scheitert an rechtlichen und praktischen Fragen und an der nuklearen KapazitĂ€t von Frankreich und Großbritannien, die beide die USA nicht ersetzen könnten.

Zur Lage in der Ukraine: Sie muss den Krieg bestehen, besser gewinnen, um ihre SouverÀnitÀt und territoriale IntegritÀt zu bewahren. Dazu sind erforderlich:
Mehr stabiles und langfristiges Engagement der UnterstĂŒtzerstaaten, Lieferung weitreichender Waffen, Luftabwehrraketen und Munition, Aufhebung der Restriktionen beim Einsatz westlicher Waffen gegen operative Bedrohungen aus russischem Gebiet. Die russische Armee ist an der Frontlinie nicht zu schlagen, sie wird dort ihre politischen Ziele weiterverfolgen. Ihr muss daher die Grundlage dazu entzogen werden durch Zerstörung ihrer operativen und logistischen Basen weit hinter der Front.
Dabei muss jedoch auch beachtet werden, sich nicht in den Krieg hineinziehen zu lassen, dies wĂŒrde auch der Ukraine nichts nĂŒtzen. Daher AusbildungsunterstĂŒtzung nur außerhalb der Ukraine, NATO-Truppen nur in der Ukraine aufgrund eines Waffenstillstands‑, besser Friedensvertrags. Keine Ausdehnung der NATO-Luftverteidigung auf die Ukraine. Diplomatische Kontakte schaffen, um Lösungsmöglichkeiten auszuloten und Chancen zu nutzen, aber dabei nicht blauĂ€ugig, sondern gut vorbereitet sein. Sicherheitsgarantien definieren, mit denen die Welt einen Waffenstillstand oder einen aus heutiger Sicht in der Zukunft liegenden Friedensschluss absichern kann.

Das soll nicht nur der Ukraine helfen, sondern ist aus moralischen GrĂŒnden wie auch im eigenen Interesse notwendig, Hilfe zur Selbstverteidigung ist nach UN-Charta zulĂ€ssig. Wenn sich Russland durch militĂ€rische Gewalt oder Verhandlungen durchsetzen wĂŒrde, so hĂ€tte dies schwerwiegende Konsequenzen fĂŒr die Sicherheit. Daraus könnten dann folgende Schlussfolgerungen gezogen werden:
Der Einsatz militĂ€rischer Mittel lohnt, besonders mit einem UN-Mitglied mit Vetorecht an seiner Seite. Als Nuklearmacht kann man seine Nachbarn konventionell angreifen, dies wird zum Streben nach Nuklearwaffen fĂŒhren und unsere Welt nicht sicherer machen. Putins Russland wird nach einem Sieg den hybriden Krieg gegen den Westen fortfĂŒhren, um nach Trennung von Amerika und dem globalen SĂŒden ein destabilisiertes Europa und den euro-asiatischen Raum zu dominieren. Russland wird seine verbalen Bedrohungen militĂ€risch umsetzen, dazu reorganisiert und vergrĂ¶ĂŸert es seine Armee auf 1,5 Mio Soldaten und fĂŒhrt eine AufrĂŒstung fĂŒr einen Krieg nach dem Ukrainekrieg durch. Die Abschreckung dieser Bedrohung wird teurer als die UnterstĂŒtzung der Ukraine. Wir werden zu einem WettrĂŒsten gezwungen, besonders, wenn wir die US-FĂ€higkeiten in Europa ersetzen mĂŒssen. Eine Niederlage der Ukraine wĂŒrde zum grĂ¶ĂŸten FlĂŒchtlingsstrom nach dem Zweiten Weltkrieg fĂŒhren, der Europa ĂŒberfordern wĂŒrde.

Wie ist die aktuelle Lage im Ukrainekrieg?

An der Front tobt ein ZermĂŒrbungskrieg mit hohen Verlusten und geringen GelĂ€ndegewinnen. In der Luft erfolgen tĂ€glich Angriffe, um die Bevölkerung zu terrorisieren. Dazu kommen Informations‑, Desinformations- und EinschĂŒchterungskampagnen, um die westliche Bevölkerung von der UnterstĂŒtzung der Ukraine abzubringen. Russland hĂ€lt heute 19% der GesamtflĂ€che der Ukraine (incl. Krim), im April 2022 30%, im Herbst 2022 18%. Entgegen aller russischen Siegespropaganda wurden 2025 nur 0,7% von Russland erobert. Russland lebt von LagerbestĂ€nden modernisierbarer Waffen, die Neuproduktion ist geringer als die Verluste und geht weitgehend an Truppenteile fĂŒr einen Krieg gegen die NATO. Die Schwarzmeerflotte ist bis auf einen kleinen Rest zerschlagen und kaum mehr nutzbar. Die Ukrainer nehmen die Raffinerien aufs Korn, die Öleinnahmen Russlands sanken um 35% innerhalb eines Jahres, Russland muss nun Treibstoffe importieren und verbietet deren Ausfuhr. Die Wirtschaft leidet unter 17% Leitzins, Inflation, Steuererhöhung, ArbeitskrĂ€ftemangel in der Zivilindustrie und Nullwachstum trotz boomender Kriegsindustrie. Die Ukrainer stellen 40–50% ihrer Waffen selbst her. Die Ukrainer verteidigen sich aus strategischer Sicht sehr erfolgreich, trotz gelegentlicher GelĂ€ndeverluste und taktischer Niederlagen.

Das Putin-RĂ©gime muss den Krieg weiterfĂŒhren, um zu ĂŒberleben. Interessant ist, was im Hintergrund ablĂ€uft. Und in den USA gibt es nicht nur Trump und seine Spitzenleute, sondern viele ĂŒberzeugte Transatlantiker. Also nicht vor dem Trumpismus kapitulieren, sondern kĂ€mpfen! Trumps grĂ¶ĂŸtes Problem ist die Zwischenwahl, es wird bereits jetzt versucht, die Wahl durch WahlkreisverĂ€nderung zu manipulieren.

Die Ukraine ist nicht verloren und die Kriege werden hoffentlich nicht nach Europa zurĂŒckkehren. Dazu mĂŒssen wir weiter den Weg der UnterstĂŒtzung und der Abschreckung gehen.

Die Historiker werden untersuchen mĂŒssen, wie der blauĂ€ugige, radikale Abbau unserer VerteidigungsfĂ€higkeit und das Fehlen einer gesunden Balance zwischen MilitĂ€r, Zivilschutz und Diplomatie uns in diese Situation gebracht hat. General BĂŒhler geht davon aus, dass der Ukrainekrieg bereits 2022/23 zu Ende gegangen wĂ€re, wenn der Westen die Ukraine von Anfang an kraftvoll unterstĂŒtzt hĂ€tte.

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Michael Simon

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