Bei dieser sicherheitspolitischen Tagung sprachen wir u.a. mit Prof. Dr. Gerlinde Groitl, apl. Professorin fĂŒr Internationale Politik an der UniversitĂ€t Regensburg sowie Leiterin ISS Institut fĂŒr Sicherheit und Strategie in MĂŒnchen und Dr. Andrew B. Denison, Direktor von Transatlantic Networks.
Nach BegrĂŒĂung und inhaltlicher EinfĂŒhrung durch Felix Kraft (KAS) und Michael Simon (DAG) folgte eine allgemeine Vorstellungsrunde sowie im Anschluss die Filmdokumentation âFerien ohne Urlaub: Politische Entscheidungen Adenauers in Cadenabbiaâ, die den historischen Wert des Tagungsortes herausstrich und gleichzeitig auf den Stadtrundgang mit Lucia Pini vorbereitete, der im Anschluss stattfand.
Der folgende Tag stand zunĂ€chst ganz im Zeichen des Gastlandes bzw. der deutsch-italienischen Beziehungen. ZunĂ€chst erlĂ€uterte Heiner Enterich humorvoll und kenntnisreich mehr zur Villa La Collina, ihrer Geschichte und ihrem berĂŒhmten Mieter. Dabei wurde auch auf den neuen historischen Rundgang ĂŒber das GelĂ€nde der Villa hingewiesen.
AnschlieĂend fand der hochinteressante Besuch der Villa Vigoni, dem deutsch-italienischen Zentrum fĂŒr den europĂ€ischen Dialog statt mit einer hervorragenden (kunst)historischen FĂŒhrung durch Magdalena Rabas. Abgerundet wurde der italienische Teil des Seminars durch den Vortrag von Dr. Matteo Scotto zu aktuellen politischen Entwicklungen in Italien und den deutsch-italienischen Beziehungen. Georgia Meloni habe eine stabile Regierung etabliert, so Scotto. Obwohl ihre Partei anders als die deutsche CDU im europĂ€ischen Parlament der Fraktion der EuropĂ€ischen Konservativen und Reformer angehöre, zu der beispielsweise auch die PiS-Partei aus Polen zĂ€hle, arbeite sie sehr gut mit dem deutschen Bundeskanzler zusammen. Nicht nur mit Merz verstehe sich Meloni gut, sie habe auch einen guten Draht zum amerikanischen PrĂ€sidenten. Zuletzt sei sie aber mit einem Referendum zu einer Justizreform gescheitert, was als herbe politische Niederlage zu werten sei. Zudem habe der italienische Ex-General Roberto Vannacci eine neue rechtsextreme Partei namens Futuro Nazionale gegrĂŒndet. Vorbild dieser Partei sei die deutsche AfD und sie könne in Zukunft zu einer Bedrohung fĂŒr das RegierungsbĂŒndnis von Georgia Meloni werden.

Das Seminarthema wurde von Prof. Gerlinde Groitl eröffnet. WĂ€hrend hierzulande Pessimismus das neue Normal sei, blickten die Menschen in anderen LĂ€ndern optimistischer in die Zukunft. Europa stehe aber in einer Welt im Umbruch einem âKrisenquartettâ gegenĂŒber:
Demokratie unter Druck. Die Politik mĂŒsse dafĂŒr sorgen, dass das nur noch schwach ausgeprĂ€gte Systemvertrauen wiederhergestellt werde.
Die RĂŒckkehr der Geopolitik. Vor allem Russland habe eine andere Vorstellung von einem neuen Europa mit einer Zweiteilung in Interessenzonen. Um Raumkontrolle â nichts anderes sei Geopolitik â gehe es auch China und den USA.
Die transatlantische Beziehungskrise. Deutschland habe in Wahrheit noch nie eine eigene AuĂenpolitik ohne die USA gemacht. Dies mĂŒsse die Bundesrepublik erst lernen. Der vielgescholtene US-PrĂ€sident Trump sei ein Katalysator fĂŒr eine schon lĂ€nger andauernde Entwicklung in den USA. Die Frage, ob wir mit den USA noch auf der gleichen Seite stehen, stelle sich nun jedoch durchaus mit Blick auf verschiedene Ereignisse und natĂŒrlich auf die Zollpolitik oder durch Aktionen, wie das Abkanzeln des ukrainischen PrĂ€sidenten im Gegensatz zum roten Teppich fĂŒr den russischen PrĂ€sidenten. Wenn ein roter Faden in der Politik Donald Trumps auszumachen sei, dann der, dass es keine Abstimmung mit Europa gebe. FĂŒr die kĂŒnftigen Beziehungen zu den USA seien drei Szenarien denkbar: Das Ende der Zusammenarbeit, ein âDurchwurstelnâ oder ein Neuanfang.
Europas eigene wirtschaftliche, militĂ€rische und politische SchwĂ€che. Es sei dringend geboten, die Wirtschaft zu deregulieren und anzukurbeln, die Verteidigungsausgaben zu erhöhen und die politische Fragmentierung zu ĂŒberwinden.

Dr. Andrew Denison schloss an, dass das gute VerhĂ€ltnis der USA zu Europa und die Zusammenarbeit 80 Jahre lang fĂŒr Frieden, Freiheit und Wohlstand in nie dagewesenem AusmaĂ gesorgt habe. Der âSirengesang der amerikanischen Kulturâ bleibe auch weiterhin die Melodie des Westens. Wenn man sich die nationalen Sicherheitsstrategien der USA ĂŒber die Jahre ansehe, seien diese von groĂer KontinuitĂ€t geprĂ€gt: dem Streben nach jenem Dreiklang von Frieden, Freiheit und Wohlstand durch die Durchsetzung von UnabhĂ€ngigkeit, Sicherheit und wirtschaftlicher StĂ€rke. Europa sei fĂŒr diese Interessen nach wie vor ein natĂŒrlicher und nĂŒtzlicher Partner, mĂŒsse aber seine Hausaufgaben machen. Denn strategisch richte sich der Blick der USA auf den asiatischen Raum, um dort die GroĂmĂ€chte Russland und China einzudĂ€mmen und abzuschrecken.
Am Dienstag eröffnete Prof. Groitl die Tagung und betonte, dass wir EuropĂ€er den USA Ă€hnlicher seien, als wir glaubten. Es stelle sich die Frage, wie man eine entgrenzte globalisierte Welt in einer national aufgeteilten Welt handhaben könne. Erst die FĂŒhrungsbereitschaft der USA hĂ€tten in der Vergangenheit Europa handlungsfĂ€hig gemacht. Sie empfahl mehr Gelassenheit in Bezug auf die USA. Es gebe eine Konstante in der Politik der USA, die da laute: Zusammen mit den Partnern gegen Autokratien, wenn möglich, aber auch allein, wenn notwendig. Europa mĂŒsse endlich Ziele definieren und âMuskeln aufbauenâ zu deren Durchsetzung. SchlieĂlich gebe es gegenĂŒber dem Staat die Anspruchshaltung, wehrhaft nach auĂen und freiheitlich nach innen zu sein. Dazu stelle sich die Frage nach der FĂŒhrungsrolle in Europa, die nur kollektiv beantwortet werden könne.
Dr. Denison ergĂ€nzte zur kĂŒnftigen Rolle der USA, es gebe drei Szenarien: die Pax Atlantica, die Pax Americana und die Multipolare Welt. Europa habe eine zentrale Bedeutung fĂŒr die USA. Im Rahmen der NATO habe man nach Artikel 3 eine Lastenteilung vereinbart und nach Artikel 5 eine Beistandsverpflichtung. Die USA fordere seit Langem die gerechte Lastenteilung ein. Dieser kĂ€men die EuropĂ€er nun endlich nach. Die USA wollten Deutschland in seiner FĂŒhrungsrolle stĂ€rken (Partnership in Leadership). Die USA machten durch den Verteidigungshaushalt von einer Billion Euro klar, dass sie weiter einen Machtanspruch hĂ€tten. Zudem seien 75.000 US-Truppen in Europa stationiert, die ohne Zustimmung des Kongresses nicht reduziert werden könnten. Das zeige, dass Europa ein wichtiger strategischer Partner der USA bleibe.
In der abschlieĂenden Diskussionsrunde am Mittwoch skizzierten beide Experten Szenarien fĂŒr die Zukunft. Russland werde in jedem Fall eine dauerhafte, aber handhabbare Bedrohung bleiben. Möglich sei ein Szenario, in dem sich die USA und Europa zerstritten, ebenso wie ein Szenario, in dem die EuropĂ€er ihre VerteidigungsfĂ€higkeit ausbauten und gemeinsam mit den USA in einer revitalisierten und funktionierenden NATO im neuen âkalten Kriegâ gegen Russland und China stehen. Europa habe es in der Hand. Abgerundet wurde das Seminarprogramm durch eine gefĂŒhrte Exkursion nach Como und einem gemeinsamen Boccia-Abend.






