Dass sich ein exportabhängiges Land wie Deutschland Gedanken über freie Handelswege machen muss, ist keine neue Erkenntnis, sie hat sogar schon einmal einen Bundespräsidenten das Amt gekostet. 2010 sagte Horst Köhler in einem Interview, ein Land mit Deutschlands Außenhandelsabhängigkeit müsse wissen, dass »im Zweifel, im Notfall, auch militärischer Einsatz notwendig« sein könne, um Interessen wie freie Handelswege zu schützen, ein Satz, der seinen Rücktritt einleitete. Um genau diese Frage, Sicherheit der Seewege und Freiheit der Handelsrouten, ging es beim sicherheitspolitischen Sommerabend der Deutsch-Atlantischen Gesellschaft Nordhessen im Kasseler Hafen, zu dem der Befehlshaber der Flotte, Vizeadmiral Axel Deertz, über Schattenflotte, Ostsee-Sicherheit und die Straße von Hormus sprach.
Ein maritimer Empfang und ein volles Haus
Regierungspräsident Mark Weinmeister (CDU) eröffnete den Abend als Schirmherr. Er erinnerte an die enge Verbindung Nordhessens zur Marine über die Patenschaft mit der Fregatte Hessen und kündigte an, dass der alte Anker des Schiffs künftig vor dem Regierungspräsidium zu sehen sein wird. Mit Blick auf die eigene Region schlug er den Bogen zum Thema des Abends: »Wenn man die Fulda ordentlich runterfährt, kommt man dann auch in die Nordsee«, so Weinmeister, der von niedrigen Wasserständen und deren Folgen für Frachtkosten berichtete, ein kleines Beispiel dafür, wie unmittelbar Sicherheit auf See auf Preise und Versorgung durchschlägt.

© Elena Haudel, fullepfoten.pixieset.com
Unter den weiteren Gästen waren mit Maximilian Bathon und Dominik Leyh (beide CDU), Mitglieder des Hessischen Landtags, sowie der Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Kassel, Daniel Bettermann (SPD). Ebenfalls vor Ort waren Landrat Andreas Siebert (SPD) und die frühere hessische Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU), heute Mitglied der DAG im Regionalforum Nordhessen. Für die Industrie war Dr. Björn Bernhard von der Firma Rheinmetall vor Ort, dessen geplante Investition am Flughafen Kassel-Calden Weinmeister in seiner Rede eigens hervorhob. Auch das Landeskommando Hessen war stark vertreten.

© Elena Haudel, fullepfoten.pixieset.com
Schon der Empfang machte klar, dass an diesem Abend kein gewöhnlicher Vortrag anstand: Admiral Deertz wurde standesgemäß auf dem Seeweg in den Kasseler Hafen gebracht und mit einem maritimen Zeremoniell begrüßt, mit Ehrenerweisung an Front und Seite. Der Andrang beim Yachtclub Kassel war so groß, dass einige Gäste während der Veranstaltung stehen mussten. Bei sommerlichen Temperaturen und stimmungsvollem Blick auf den Hafen bot der Abend, was ihm eine Mitarbeiterin der Organisatoren attestierte: das Flair einer lauen Sommernacht am Wasser.

© Elena Haudel, fullepfoten.pixieset.com
Schattenflotte, Ostsee und ein Abend mit klaren Worten

© Elena Haudel, fullepfoten.pixieset.com
In seinem Impuls beschrieb Deertz die See als das, was sie für die deutsche Sicherheitspolitik heute wieder ist: ein Schauplatz strategischer Konkurrenz, in Teilen bereits ein Kriegsschauplatz, ob im Schwarzen Meer oder an der Straße von Hormus. Als Auftrag der deutschen Marine nannte er den klaren Fokus auf die Nordflanke, mit Russland als primärer Bedrohung. Seine Linie für die kommenden Jahre brachte er auf einen Satz: »Kämpfen zu können, um nicht kämpfen zu müssen.«

© Elena Haudel, fullepfoten.pixieset.com
Zur russischen Schattenflotte, die Sanktionen umgeht und dabei auch als möglicher Träger hybrider Bedrohungen gilt, wurde Deertz konkret. Als Beispiel nannte er einen Tanker mit Verbindungen nach Venezuela und in den Iran, Baujahr 2002, der seit 2020 fast jährlich den Besitzer wechselte, manchmal zweimal im Jahr: »Die wechseln den Besitzer, den Namen, die Kennung, die Reeder, den Versicherer, die Ladung«, so Deertz. „In dem Moment, wo man sie ergreifen will, das Ding schon wieder seinen Namen geändert.«
Für Verfolgungsbehörden sei das kaum zu handhaben, zumal viele Schiffe der Schattenflotte unter Flaggen von Staaten führen, die gar kein Flaggenregister betreiben. In der Ostsee agiere die Marine bewusst deeskalierend, mit klaren Regeln für Kommandantinnen und Kommandanten, die an Zeiten des Kalten Krieges erinnern: nicht zu dicht auffahren, nicht den Kurs abschneiden, im Zweifel zurückstecken. Das Ganze, sagte Deertz trocken, »klingt so ein bisschen nach Katz und Maus. Ist es auch. War es im Kalten Krieg auch. Nicht schön, aber da steht man.«
Offen sprach Deertz auch über den Zustand der Flotte selbst. Die Marine sei zahlenmäßig die kleinste ihrer Geschichte, gleichzeitig aber ungewöhnlich präsent und in der NATO anerkannt, etwa bei der Koordinierung der Sicherheitsüberwachung in der Ostsee. Zum gestoppten Fregattenprojekt 126 und der geplanten Alternative machte er klar, was für ihn als Befehlshaber der Flotte vor allem zählt: schnell verfügbare Schiffe zu bekommen.
Die Straße von Hormus und ein waches Publikum
Zum zweiten Schwerpunkt des Abends, der Lage an der Straße von Hormus, schilderte Deertz eine angespannte Situation mit rund 6.000 wartenden Seeleuten auf blockierten oder behinderten Handelsschiffen. Eine deutsche Beteiligung an einer möglichen Minenräumung sei an klare Bedingungen geknüpft: einen tragfähigen Waffenstillstand, ein völkerrechtliches Dach und ein Mandat des Bundestages.
Im anschließenden Gespräch und in der offenen Fragerunde zeigte sich das Publikum gut informiert und hartnäckig nachfragend, unter anderem zur Zusammenarbeit von Marine und Bundespolizei, zu unbemannten Systemen nach ukrainischem Vorbild und zur internationalen Koordination der Ostsee-Anrainer. Eine Zuhörerin fragte pointiert nach der rechtlichen Handhabe gegenüber Schiffen der Schattenflotte, eine andere Frage zielte auf verständlichere Begriffe im Marineschiffbau für Haushaltspolitiker und Öffentlichkeit.
Zum Abschluss dankte die DAG Nordhessen dem Yachtclub Kassel und seinem Kommodore, Kapitän zur See d.R. Jan Hörmann, für die Gastfreundschaft und überreichte Vizeadmiral Deertz und seiner Frau ein Geschenk aus regionalen Spezialitäten sowie den Coin der Deutsch-Atlantischen Gesellschaft.

© Elena Haudel, fullepfoten.pixieset.com
Die Bratwürste fanden reißenden Absatz, und viele Gäste blieben noch lange bei angeregten Gesprächen zusammen.

© Elena Haudel, fullepfoten.pixieset.com






