Deutsche Atlantische Gesellschaft e.V.

New START: Der alte Abrüstungsvertrag ist tot, es lebe ein Neuer

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New START läuft aus: Trump verlangt einen neuen Atomwaffen-Abrüstungsvertrag mit Russland. Verifikation, Modernisierung, China und „Golden Dome“ entscheiden, ob die Doomsday Clock weiter näher rückt.

Der Text ist zuerst bei Europäische Sicherheit & Technik (ES&T) erschienen.

Nun hat auch Donald Trump Stellung bezogen. Das bedeutet: der alte Vertrag ist tot, es lebe ein neuer. Nachdem die beiden atomaren Supermächte sich nicht auf eine weitere Verlängerung des historischen Abrüstungsvertrags New Start einigen konnten, schrieb der US-Präsident nun, es brauche einen „neuen, verbesserten und modernisierten Vertrag“, der lange Bestand haben könne. Der alte Vertrag, das konnte sich Trump doch nicht verkneifen, sei „ein schlecht ausgehandeltes Abkommen der Vereinigten Staaten“, das „grob verletzt“ wurde.

Zuvor hatte Moskau nachdrücklich gedrängt, die Begrenzung des strategischen Atomwaffenarsenals auf beiden Seiten nicht einfach ersatzlos auslaufen zu lassen. Ausgerechnet der Scharfmacher in Sachen atomarer Bedrohung seit Beginn des Ukraine-Krieges, der Vizechef des russischen Sicherheitsrates, Dmitri Medwedew, hatte vor der Gefahr einer nuklearen Eskalation gewarnt. Mit Hinweis auf die sogenannte Doomsday Clock, also die Weltuntergangsuhr, sagte er: „Die Uhren ticken“. Er hatte 2010, damals noch russischer Präsident, New Start zusammen mit US-Präsident Obama unterzeichnet. Er begrenzte die Zahl der strategischen Atomsprengköpfe auf beiden Seiten auf 1.550, dazu wurden die einsetzbaren Trägerwaffen auf 800 eingefroren.

New START läuft aus und die Doomsday Clock tickt


Jetzt also gehen beide Atom-Staaten zurück auf los. Die Grundlage ist offenbar gelegt, eine neue Verhandlungsrunde zu beginnen. Gleichzeitig mit Trumps Zustimmung dazu wurde in Abu Dhabi bekanntgegeben, dass Russen und Amerikaner ihre Gespräche zwischen ihren Militärs auf höchster Ebene wieder aufnehmen wollen, die 2021 im Vorfeld auch der Spannungen um den Ukraine-Konflikt abgebrochen worden waren.

Tauwetter also? Zwar besteht gewiss kein Grund zur Euphorie. Aber zumindest doch die Hoffnung, dass die Zeiger der Doomsday Clock nicht noch schneller vorrücken. Sie stehen derzeit auf 85 Sekunden vor Mitternacht, ein historisch bedrohlicher Wert, der beschreiben soll, wie nahe die Welt an einen nuklearen Schlagabtausch gerückt ist.

Auch wenn die beiden größten Atommächte im strategischen Bereich eine Eskalation vermeiden wollen, bleiben weiterhin viele Fragezeichen. Und anders als etwa in Zeiten des Kalten Krieges gibt es eine Supermacht, die sich aufmacht, zu den beiden großen Staaten aufzuschließen: China.

China rüstet nuklear auf und wird zum Faktor

Peking hat sein Atomwaffenarsenal in den letzten Jahren deutlich ausgebaut, auf jetzt rund 600 Sprengköpfe. Fachleute schätzen, dass diese Zahl bis 2030 auf rund tausend ansteigen könnte. Damit rückt die Frage der nuklearen Rüstungsbegrenzung erneut ins Zentrum. Nicht mehr nur zwischen Washington und Moskau, sondern zunehmend auch mit Blick auf Peking.

Bisher hat China immer wieder darauf verwiesen, dass Russland und die USA doch das so deutlich größere Arsenal hätten, über 80 Prozent der weltweiten Bestände.  Sie sollten doch erst einmal auf das chinesische Niveau herunterkommen, erst dann könne man reden. Ein Außenamtssprecher sagte dann auch gleich zur neuen Lage, China habe die globale strategische Lage im Blick und wiederholte: „Chinas nukleare Fähigkeiten sind von ganz anderer Größenordnung als die der Vereinigten Staaten und Russlands“.

Es bleibt aber richtig, mit Peking in einen Dialog einzutreten, wie man vielleicht doch das chinesische Arsenal mit einbeziehen könnte.

Verifikation fehlt, Aufrüstung läuft weiter

Ein weiterer Stolperstein ist gewiss auch die Verifikation. Der jetzt ausgelaufene New Start-Vertrag sah detaillierte Vor-Ort-Überwachungsvereinbarungen vor, die auch penibel eingehalten wurden, in der Schlussphase jedoch eingestellt wurden. Ohne eine neue Vereinbarung zu diesen Kontrollen und das damit verbundene Vertrauen kann es keine erfolgreiche Neuauflage geben.

All diese Einzelheiten auszuhandeln, wird vermutlich Jahre dauern. Aber was geschieht bis dahin? Beide Seiten sind dabei, ihre vorhandenen Atomwaffen zu modernisieren. Besonders im Blick sind dabei zwei russische Waffensysteme, die auch nukleare Antriebe haben. Zum einen geht es um den großen Unterwasser-Torpedo Poseidon, der eine Reichweite von bis 6.000 Meilen und eine nukleare Sprengkraft haben soll, die etwa vor der US-Küste einen riesigen Tsunami auslösen könnte, der ganze Küstenstädte zerstören würde.

Auch einen ebenfalls nuklear betriebenen Marschflugkörper mit der Bezeichnung “Burewestnik“ haben die Russen entwickelt mit einer extremen Reichweite. Auch die Amerikaner sind dabei, sowohl die Sprengköpfe wie auch die Trägerwaffen zu modernisieren. Für ihre nukleare Streitmacht allein sind für dieses Jahr 87 Milliarden Dollar vorgesehen. Dabei rückt auch der Weltraum immer stärker in den Blick.

Auch Trumps Pläne für ein „Golden Dome“-Abwehrsystem für die USA gegen strategische Raketen, im Übrigen zur Stationierung auch in Grönland, könnte die Verhandlungen noch komplizierter machen, wie frühere Abrüstungsverträge gezeigt haben, als es um die Größe und Stationierung solche Systeme auf beiden Seiten ging.

Kontrollen fehlen, Eskalation bleibt möglich

Auch wenn jetzt die Zukunft der strategischen Atomwaffen neu verhandelt werden soll, so bleibt auch die Gefahr durch taktische Atomwaffen unverändert hoch. Während der Frühphase des Ukraine-Krieges, als die russischen Truppen im Herbst 2022 unter starken Druck gerieten, stellten westliche Geheimdienste unter den russischen Kommandeuren plötzlich intensive Rufe nach dem Einsatz von Atomwaffen fest. Durch geheime Verhandlungen konnte das zwar abgewendet werden, aber immer wieder kam es zu russischen Drohgebärden mit dem Einsatz von Atomwaffen auf dem Gefechtsfeld.

Dass die Russen bis in die letzten Wochen diese Drohungen wachhalten, zeigte der Einsatz der nuklearfähigen Oreschnik-Rakete, die in der Ukraine einschlug. Die NATO reagierte auf das nukleare Säbelrasseln und probte im Herbst 2025 sehr demonstrativ mit dem Manöver Steadfast Noon das Verfahren für den Einsatz von taktischen Atomwaffen. Die Bestände an nuklearen Sprengköpfen bei Russen und Amerikanern insgesamt sind nach wie vor hoch, circa 5.400 russische und 5.200 auf amerikanischer Seite.

Europas Nukleardebatte gewinnt an Fahrt

Die USA haben bisher für ihren nuklearen Schutzschirm für die Verbündeten auch einen Teil dieser Sprengköpfe in Europa, darunter auch in Deutschland, stationiert. Seit Trump wieder im Weißen Haus residiert, wachsen freilich innerhalb der NATO die Sorgen über die Verlässlichkeit dieses Schutzversprechens. Deshalb hat sich auch die Diskussion über eine europäische Atombombe wiederbelebt, die vor allem Frankreichs Präsident Emmanuel Macron vorantreibt. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz hat kürzlich deutsches Interesse daran signalisiert.

Aber auch weit über die Grenzen Europas hinaus wächst die nukleare Gefahr. Wieder einmal rückt der Fokus auch auf das iranische Atomprogramm. Präsident Trump hat in den letzten Wochen eine riesige Streitmacht in den Mittleren Osten entsandt, um die Machthaber in Teheran zum Aufgeben zu zwingen. Immerhin soll nun auch hier verhandelt werden, der Ausgang völlig offen.  Gerade hier jedoch muss ein Erfolg her, denn es geht vor allem auch um die Gefahr der Proliferation. Gelingt dem Iran doch noch der Bau einer Bombe, stehen viele Nachbarstaaten wie etwa zuvorderst Saudi-Arabien, aber auch die Türkei oder Ägypten bereit, ebenfalls Atommacht zu werden.

Die Bombe als großes Thema der Weltpolitik ist also wieder da. Ob durch die nun von Moskau und Washington erklärte Bereitschaft zu neuen Verhandlungen über die strategischen Atomwaffen das Glas wieder eher halb voll oder halb leer ist, bleibt im Auge des Betrachters. Es wäre schon ein großer Fortschritt, wenn der Zeiger der Weltuntergangsuhr wenigstens angehalten werden könnte.

Ein Beitrag von:

Werner Sonne

Journalist und Autor

Werner Sonne begann seine Karriere 1964 als Zeitungsredakteur und Reporter beim Kölner Stadtanzeiger. Im Anschluss daran arbeitete er für United Press International (UPI) in Bonn, bevor er zwischen 1968 und 1981 dreizehn Jahre lang als Korrespondent für den WDR in Bonn und Washington tätig war. Im Jahr 1982 wurde Sonne Stellvertretender Chefredakteur der Landesprogramme im WDR-Fernsehen in Köln. Nach 1984 war er zwanzig Jahre lang als Korrespondent der ARD in Warschau, Bonn, Washington und zuletzt in Berlin tätig. Von 2004 bis 2012 war er Berliner Studioleiter des ARD-Morgenmagazins.

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