Rede vom 20. Juni 2024 vor dem Bonner Forum der Deutschen Atlatischen Gesellschaft
Ich danke fĂŒr die Einladung. Ich freue mich, wieder einmal in Bonn zu sein, so viele Bekannte von einst wiederzusehen, in der Stadt zu sein, in der ich fast 15 meiner 41 Berufsjahre verbrachte und hier zu sprechen, nur wenige Schritte entfernt von unserer ersten Bonner Wohnung am Langen Grabenweg .
Ich bin gebeten worden, Ihnen die internationale Lage vorzutragen und möchte das so nĂŒchtern wie man das als parteiungebundener BĂŒrger Deutschlands tun kann, keineswegs pessimistisch, aber schonungslos realistisch. Ich lasse die ĂŒblichen AllgemeinplĂ€tze wie Welt im Umbruch und Europa am Rande eines Krieges weg und beginne nach einem kurzen RĂŒckblick auf die NATO mit einer EinschĂ€tzung der generellen Lageentwicklung, gehe dann auf das ein, was uns Alle Tag fĂŒr Tag an den Fernsehschirmen bedrĂŒckt, die bestehenden Konflikte, fĂŒge einen Blick auf die groĂe Ungewissheit China an und ende mit dem Blick auf die Herausforderungen fĂŒr die NATO und fĂŒr Deutschland.
Der RĂŒckblick
Deutschland hat der NATO viel zu verdanken. Schutz im Kalten Krieg bis 1989, Sicherheit wĂ€hrend der Gestaltung der Einheit Deutschlands ab 1990 und Schutz vor Gefahr und InstabilitĂ€t in den ĂŒberwiegend unruhigen Jahren von 2001 bis heute.
Erinnern wir im Heute globaler Unsicherheit noch einmal das Damals, gehen wir zurĂŒck ins Deutschland des Jahres 1949: Noch immer in weiten Teilen zerstört, aber mitten im Wiederaufbau, ĂŒberbevölkert durch die Aufnahme von Millionen von FlĂŒchtlingen aus den 1945 verlorenen Gebieten, besetzt von den vier SiegermĂ€chten des Zweiten Weltkriegs, unbewaffnet, aber in Wirklichkeit bereits geteilt, weil die Trennlinie zwischen Ost und West mitten durch Deutschland lief und an ihr eine Sowjetunion lauerte, die ihren Machtbereich bereits bis zur Elbe ausgedehnt hatte und bereit war, ihn bis zum Atlantik zu erweitern. In dieser Lage entstand vor 75 Jahren die NATO als BĂŒndnis zur Verhinderung neuer Kriege in Europa und zum Schutz vor sowjetischer Expansion, es entstanden aber auch, die Teilung Deutschlands zementierend, die Bundesrepublik Deutschland im Westen und die Deutsche Demokratische Republik im Osten.
Ein formales Schutzversprechen fĂŒr die neue Bundesrepublik Deutschland gab es nicht, es galt Besatzungsrecht. Nach Art. 6 des NATO-Vertrags hĂ€tte lediglich ein Angriff auf die StreitkrĂ€fte von NATO-Partnern im besetzten Deutschland den BĂŒndnisfall ausgelöst, nicht aber ein Angriff auf Deutschland an sich.
Ich habe von den 75 Jahre NATO 41 als Soldat der Bundeswehr erlebt. Ich möchte deshalb ergĂ€nzend den erlebten Weg Deutschlands in den Westen, das Ringen um Vorneverteidigung zum Schutz des westdeutschen Territoriums in einem Krieg beschreiben und vor allem ausfĂŒhren, wie auch durch das
Zusammenwirken in der NATO das Wunder der Versöhnung mit den Kriegsgegnern im Zweiten Weltkrieg geschehen konnte, als Deutschland im Mai 1955, also gerade einmal zehn Jahre nach dem Ende dieses mörderischen Krieges mit Millionen von Toten auf beiden Seiten BĂŒndnismitglied wurde. Soldaten der frĂŒheren Wehrmacht, die vor etwas mehr als zehn Jahren den neuen Kameraden möglicherweise im Kampf als Feinde gegenĂŒbergestanden hatten und die in dieser völlig neuartigen Organisation nun groĂe Probleme hatten, sich in den Sprachen Englisch und Französisch zu verstĂ€ndigen, hatten nun Vertrauen aufzubauen. Sie wurden allerdings mit Respekt vor ihrer Leistung im Krieg aufgenommen, ein deutlicher Gegensatz zu ihren deutschen MitbĂŒrgern, damals wie heute. Nicht zuletzt in der NATO wurde so das Vertrauen gesĂ€t, das es dann 1990 möglich machte, dass Deutschland im Einvernehmen mit allen Gegnern im Zweiten Weltkrieg und mit Zustimmung aller Nachbarn zum mĂ€chtigsten Staat Europas wurde.
Die globale Entwicklung
Die Welt steht heute am Beginn der Entwicklung einer neuen Weltordnung. Ob sie weiterhin eine regelbasierte Ordnung und ob sie wirklich multipolar sein wird, ist offen. Kein Versuch in der Geschichte, neue Ordnungen zu schaffen ist ohne Gewalt abgelaufen. Man sollte deshalb nicht ĂŒberrascht sein, dass das vergangene Jahr das blutigste seit 1994 war, weitere Konflikte werden folgen. Sie werden anhaltende, gleichzeitige und an verschiedenen Orten stattfindende, oft kriegerische Konflikte sein.
FĂŒr Europa kommt hinzu, dass die Zeit kooperativer Sicherheit vorbei ist, weil deren Voraussetzung, gegenseitiges Vertrauen, durch Putin fĂŒr lange Zeit zerstört ist. Dennoch wird allgemein, vor allem aber in Deutschland, noch nicht verstanden, dass dies bedeutet, sich nun auf konfrontative Sicherheit einzustellen.
Ein Kennzeichen der beginnenden Entwicklung einer neuen Weltordnung ist die Auflehnung des globalen SĂŒdens gegen den von den USA gefĂŒhrten Westen und damit verbunden gegen unsere freiheitliche, demokratische Ordnung, geschĂŒtzt durch die Macht des Rechts und nicht durch das Recht des StĂ€rkeren. Diese Entwicklung, gerade unterstrichen durch das Ergebnis der BĂŒrgenstockKonferenz, dĂŒrfte anhalten und sie wird durch die autokratischen MĂ€chte, vor allem China und Russland geschĂŒrt und genutzt werden, weil sie in darin eine Chance sehen, ihre Einflusszonen auszuweiten, auch weil sie irrtĂŒmlich glauben, der Abstieg der USA werde anhalten und sie könnten das Recht des StĂ€rkeren nutzen. Es ist deshalb sogar mit neuen bewaffneten Konflikten zu rechnen.
Mit dieser Lage mĂŒssen in unserer westlichen Welt Regierungsorganisationen fertig werden, die, mit Ausnahme der USA, auf die BewĂ€ltigung einer, manchmal auch zweier gleichzeitiger Krisen ausgerichtet sind, nicht aber auf die in Zukunft wohl wahrscheinliche Gleichzeitigkeit mehrerer Krisen, die, obwohl regional, nahezu alle in ihren Auswirkungen, insbesondere auf Handel und Wirtschaft, globaler Natur sein dĂŒrften. Die jĂŒngste Entwicklung im Roten Meer, âzugleich ein Beispiel fĂŒr asymmetrische und hybride KriegfĂŒhrung, die, obwohl regional ausgefĂŒhrt, wirtschaftlich globale Folgen hat -, kann als Beleg fĂŒr diese Aussage dienen.
Viele dieser Krisen werden ohne zunĂ€chst erkennbare Anwendung unmittelbarer Gewalt gefĂŒhrt werden und sie beginnen vielfach durch mediale Beeinflussung lange vor ihrer Erkennbarkeit durch tradierte Politik. Dem folgt das weite Spektrum hybrider KriegsfĂŒhrung von Terrorismus ĂŒber Cyberangriffe bis hin zu Eingriffen in Wirtschaft und Finanzen. So gesehen, befindet sich die Welt möglicherweise seit Jahren in einem Weltkrieg, ohne dessen Beginn erkannt zu haben oder diese Dimension wahrzunehmen.
ZusÀtzlich erweisen sich unsere auf Reaktion ausgerichteten und international auf Einstimmigkeit angewiesenen Regierungs- und internationalen Organisationen als wenig geeignet, der Schnelligkeit und Vielzahl der Informationen aus den sozialen Netzwerken gerecht zu werden.
Des Weiteren ist das bevorzugt genutzte, weil oft als einzig anwendbar gesehene Instrument der Sanktionen dringlich zu verbessern. Es fehlt an Ăberwachung, an der Bereitschaft gegen Sanktionsbrecher vorzugehen und Drittstaaten zu sanktionieren, die durch Umgehungshandel profitieren.
Die Herausforderung schlechthin wird jedoch sein, der Gleichzeitigkeit und GlobalitĂ€t mehrerer Krisen gerecht zu werden, angepasste Regierungsformen und âorganisationen zu entwickeln und im Handeln vielfach statt Reaktion auf PrĂ€vention und möglicherweise auch PrĂ€-emption, eventuell auch unter Einschluss von Gewaltanwendung, umzustellen. In LĂ€ndern wie Deutschland, wo man irrtĂŒmlich glaubt, internationale Konflikte lieĂen sich nur im Rahmen kodifizierten Rechts regeln, wird das eine gewaltige Herausforderung. Ob und wo das Bewusstsein fĂŒr diese grundlegenden VerĂ€nderungen bereits vorhanden ist, ist mir nicht bekannt. Ich nehme aber an, man zögert ĂŒberall Ănderungen anzupacken, nicht zuletzt, weil das Jahr 2024 Wahlen in mehr als 70 LĂ€ndern dieser Welt bringen wird und davon 4,2 Milliarden Menschen, also etwas mehr als 50 % der Bevölkerung unserer Welt betroffen sein werden. Wahlen in freien Gesellschaften gewinnt man im Allgemeinen nicht mit der Aufforderung grundlegenden Wandel zu wĂ€hlen, das bequeme âweiter soâ wird vielfach, ich meine fĂ€lschlicherweise, als SchlĂŒssel zum Erfolg gesehen.
Zumindest die westliche Welt wird deshalb mit einer unruhigen globalen Situation mit dafĂŒr ungeeigneten Instrumenten fertig werden mĂŒssen. Hinzukommen könnte der sich beschleunigende Klimawandel mit der Gefahr zunehmender Naturkatastrophen, die oftmals die Ărmsten treffen könnten, die wiederum am stĂ€rksten von ungebremsten Bevölkerungswachstum, das gilt vor allem fĂŒr Afrika, geschwĂ€cht sein dĂŒrften. Ressourcenmangel, Hunger und Wassermangel werden Kennzeichen des kommenden Jahrzehnts sein. Folgen könnten sein, dass Migration vor allem fĂŒr Europa zum kaum lösbaren Problem werden wird, dass das Einschleusen von FlĂŒchtlingen als Waffe genutzt werden könnte und Staaten durch Ressourcenmangel gelĂ€hmt werden. Zudem dĂŒrften in den Ă€rmsten LĂ€ndern, aus der Not geboren, zunehmend Autokraten dominieren, aber auch in unserer westlichen Welt könnte die Tendenz zu illiberalen Regierungsformen zunehmen. FĂŒr das Europa der EU könnte das weitere Spaltung, zunehmenden Einfluss nationalistischer KrĂ€fte und damit wachsenden Einfluss Chinas und Russlands bedeuten, den sie gewiss gewinnen werden, wenn in Europa die Geschlossenheit, gemeinsam zu handeln verloren geht. Jeder von uns sollte gerade in diesen Tagen an die Warnung des frĂŒheren französischen StaatsprĂ€sidenten Mitterrand denken, der vor dem Europaparlament 1995 sagte. âLe nationalisme, câest la guerreâ, Nationalismus heiĂt Krieg. Er fĂŒgte spĂ€ter an: âKrieg ist nicht nur Vergangenheit, er kann auch unsere Zukunft seinâ. Heute stehen wir fast vor dieser Zukunft. Die Wahlen zum europĂ€ischen Parlament vor knapp zwei Wochen mit ihrem erkennbaren Erstarken nationalistischer KrĂ€fte sollten alle Demokraten als Warnschuss begreifen. Als unmittelbare Folge dieser Wahl ist von einer SchwĂ€chung Europas durch fehlende Geschlossenheit auszugehen, denn es könnte wertvolle Zeit vergehen, bis Rat und Kommission zu neuer FĂŒhrung finden.
All diese Entwicklungen treten jedoch in ihrer Gewichtung in den Hintergrund vor der Entscheidung, die am 5. November 2024 in den USA getroffen werden wird. Die PrÀsidentschaftswahl im unverÀndert mÀchtigsten Land der Welt hat mehr als alle vorangegangenen Wahlen wahrhaft globale Bedeutung.
Das Ergebnis am 5. November wird nicht nur darĂŒber entscheiden, ob die USA langfristig die einzige globale Macht dieser Welt bleiben werden, sie könnte kurzfristig die internationale Lage in allen gegenwĂ€rtigen wie kĂŒnftigen Konflikten dramatisch verĂ€ndern. Mehr als irgendwo sonst könnte diese Wahl Europas Sicherheit beeinflussen. Sollte Trump gewinnen, dann wird er zwar nicht aus der NATO austreten, weil er dazu eine nicht erreichbare Zwei Drittel-Mehrheit im Kongress brĂ€uchte, aber er
wird das amerikanische Engagement und vor allem die unersetzbare atomare Garantie, die letztlich sicherheitsentscheidend ist, davon abhÀngig machen, ob Europa, und hier vor allem Deutschland, das schon heute zu niedrig angesetzte 2 % Ziel von 2014, das vergangenes Jahr beim NATO-Gipfel in Vilnius als Untergrenze bestÀtigt wurde, tatsÀchlich auch in 2025 und dann dauerhaft erreicht. Auch eine zweite Administration Biden wird Derartiges fordern und zusÀtzlich werden beide den Schwerpunkt der USA nicht in Europa, sondern in Asien sehen.
Der Unterschied könnte aber sein, dass das amerikanische Schutzversprechen bei Trump so wanken könnte, dass Putin versucht sein könnte, seine im Dezember 2021 klar formulierten Ziele in die Tat umzusetzen. Deutschland wie Europa mĂŒssen sich deshalb auf ein Jahrzehnt voll latenter Kriegsgefahr einstellen. Vergessen wir nicht, bereits ein begrenzter Erfolg im Baltikum könnte das Ende der NATO wie der EU bedeuten, wĂŒrde Russland zur Vormacht in Europa machen und aller Voraussicht nach innenpolitische Verwerfungen Richtung Illiberalismus in nahezu allen europĂ€ischen Staaten, auch in Deutschland, auslösen. Das Ziel einer Pufferzone vor Russland wĂ€re damit fĂŒr Putin erreichbar.
Das ist der Kern der politischen Herausforderung, vor der der so genannte Westen 2024 und 2025 stehen wird. Aber es ist eine Herausforderung, die der Westen bewĂ€ltigen kann. Der Westen hat das Potenzial sein Scheitern zu verhindern, vorausgesetzt, er bleibt geschlossen und im freien Europa erkennen die Politiker und, gefĂŒhrt von ihnen, die Bevölkerungen endlich die Gefahr und handeln entschlossen. Europa kann so auch bei einer Wahl Trump zuversichtlich zu sein, schlieĂlich entspricht Russlands Wirtschaftskraft gerade mal der Italiens. Zudem, bei Nachdenken wird man auch in den USA erkennen, dass der Verlust Europas das Ende amerikanischer Weltherrschaft bedeutet, denn die globale Seemacht USA muss beide GegenkĂŒsten, also Asien wie Europa, kontrollieren können.
Was gegenwĂ€rtig allerdings bedenklich stimmt ist die fehlende FĂŒhrungskraft in Europa und vor allem in Deutschland. Die drohende InstabilitĂ€t in Frankreich und die nicht mehr von einer Mehrheit unterstĂŒtzte Regierung in Berlin unterstreichen diesen Befund.
Es stehen Europa und damit Deutschland somit mehr als unruhige Monate bis zum Ende des Jahres bevor. Ich hoffe noch immer, dass in Berlin die Gefahr endlich erkannt und dementsprechend wenigstens im Bereich Sicherheit parteiĂŒbergreifend gehandelt wird.
Die bestehenden Konflikte
Vor diesem Hintergrund sind die beiden Konflikte zu betrachten, die Europa ganz unmittelbar berĂŒhren: Der Ukraine Krieg, der nun schon mehr als zwei Jahre dauert, und der blutige Konflikt im Nahen Osten seit dem 7. Oktober 2023.
Beide Konflikte sind durch das Einwirken der USA, Russlands und Chinas miteinander verknĂŒpft und doch sehr unterschiedlich. Gemeinsam ist, dass mit ihnen die Gestaltungskraft des freien demokratischen Westens herausgefordert wird und Russland, gemeinsam mit China die Möglichkeit gegeben wird, zu versuchen, den so genannten globalen SĂŒden hinter sich zu einen. Dies zu verhindern ist die strategische politische Herausforderung schlechthin, fĂŒr den Westen in GĂ€nze, besonders aber fĂŒr Europa.
Dann erst kommen die operativen Fragen: Was zur Beendigung, zumindest zur Eingrenzung dieser Konflikte zu tun ist, wo Deutschland und Europa in diesen Konflikten stehen und ob, oder wenigstens welche, Lösungen zu erkennen sind.
In beiden Konflikten haben die Gegenspieler des Westens zwar das gemeinsame langfristige Ziel, den Westen, vor allem die USA zu schwÀchen, aber kurzfristig doch sehr unterschiedliche Zielsetzungen.
Im Falle Ukraine ist es das mittelfristige russische Bestreben eine Einflusszone vor Russland zu errichten, Europa zu schwĂ€chen und, wenn möglich die USA aus Europa zu vertreiben, also das Ende der NATO herbeizufĂŒhren.
Im Falle Nahost nutzen Russland wie China den Konflikt, um ihren Einfluss in der Region zu mehren, vielleicht sogar eine Achse China- Russland- Iran und Nordkorea herzustellen. Lokaler Hauptakteur dort ist der Iran. Er stĂŒtzt die Hamas, deren Ziel es ist, den GrĂŒndungsmythos Israels zu zerstören, dass es einen sicheren Platz namens Israel fĂŒr alle Juden geben könne und zu verhindern, dass Israel einen Ausgleich mit den dem Hegemoniestreben des Iran im Wege stehenden sunnitischen Staaten am Golf und mit Ăgypten findet. Gleichzeitig will Iran verhindern, dass die USA wieder in dieser Region gestaltend wirken können. So gesehen ist der von der Hamas, möglicherweise aus Teherans Sicht zu frĂŒh gestartete, Konflikt Teil des Ringens um den globalen SĂŒden und damit um die Vormacht in der Welt.
Wo steht Deutschland in diesen Konflikten?
Deutschland ist neben den USA der UnterstĂŒtzer der Ukraine schlechthin und verurteilt eindeutig Russlands hegemoniale Ambitionen.
Der Ukraine ist es 2023 nicht gelungen, ihre Offensive zum Erfolg zu fĂŒhren, aber sie ist insgesamt auch nicht völlig gescheitert, denn es gab geringe GelĂ€ndegewinne, den russischen StreitkrĂ€fte wurden sehr schwere Verluste zugefĂŒgt und vor allem ist die russische Kontrolle des Schwarzen Meers gebrochen geworden. Man kann trotz der derzeitigen personellen und materiellen Ăberlegenheit der Russen von einem Patt sprechen, das in den kommenden Monaten allerdings erneut schwere Opfer der ukrainischen Zivilbevölkerung, starke BeschĂ€digungen der ĂŒberlebenswichtigen Infrastruktur der Ukraine und militĂ€risch einen fĂŒr beide Seiten verlustreichen Stellungskrieg nach sich ziehen dĂŒrfte. Angesichts der gröĂeren Ressourcen, vor allem bei Personal und Material, und der insgesamt zunehmend schwĂ€chelnden UnterstĂŒtzung der Ukraine durch die westlichen Staaten könnte sich die Waage trotz der gewaltigen Verluste Russlands an Personal und Material zunehmend zu Gunsten Russlands zu neigen, vor allem, wenn die USA, ab Sommer vom Wahlkampf gelĂ€hmt, als der UnterstĂŒtzer schlechthin ausfallen sollten. Russland hat zwar erfolgreich seine Industrie auf Kriegswirtschaft umgestellt und wird damit wohl in der Lage sein, die gewaltigen Verluste in der Ukraine in circa fĂŒnf Jahren auszugleichen. Eine komplette Besetzung der Ukraine dĂŒrfte Putin allerdings selbst dann wohl kaum gelingen, denn er hat eine bis 2022 nichtexistierende ukrainische IdentitĂ€t geschaffen. Sie wĂŒrde bei einer Besetzung ĂŒber den Donbass hinaus, vorausgesetzt Russland hĂ€tte die KrĂ€fte dazu, voraussichtlich zu einem langanhaltenden, am Ende kaum zu gewinnenden Guerilla Krieg in der Ukraine fĂŒhren. Aber die Ukraine ist fĂŒr Putin SchlĂŒssel zu seinen imperialen Ambitionen und wĂ€re bei Erfolg wohl der Anfang eines Kampfes um Europa. Alle in Deutschland und in Europa, die das aus verstĂ€ndlicher Sehnsucht nach Frieden ĂŒbersehen, verkennen, dass in der Ukraine die Zukunft Europas entschieden werden könnte. Deutschland, Europa, ja der Westen mĂŒssen der Ukraine helfen, diesen Krieg zu gewinnen, nur so wird Putin zum Einlenken und zum AbrĂŒcken von seinen imperialen TrĂ€umen vom Dezember 2021 gezwungen. Tun wir das nicht, dann könnte Russland nach Ausgleich seiner betrĂ€chtlichen Verluste etwa ab 2029/30 in der Lage sein, einen neuen, gröĂeren Angriff in Europa zu starten, dessen Zwischenziel die RĂŒckeroberung der baltischen Staaten und nach Eingliederung von Belarus vermutlich auch Moldawiens wĂ€ren.
Russland ging somit zwar militĂ€risch und vor allem politisch geschwĂ€cht in das Jahr 2024, aber Putin wird seine Ziele nicht aufgeben. Deshalb mĂŒssen Europa ebenso wie die NATO so schnell wie möglich ihre VerteidigungsfĂ€higkeit wiederherstellen, sich nicht von Putins Drohungen mit Atomwaffen beeindrucken lassen und zu deren Abwehr die eigene nukleare AbschreckungsfĂ€higkeit erhalten.
Zu Verhandlungen und damit zu einem Einfrieren des derzeitigen Zustandes dĂŒrfte Putin nicht wirklich bereit sein. Entsprechende Signale wie jĂŒngst dienen vor allem dem Ziel, den Westen noch mehr zu spalten. Auch die Ukraine ist nicht verhandlungsbereit, denn das Ziel, das widerrechtlich besetzte Gebiet zurĂŒckzuerobern, wird bestehen bleiben und muss das auch, sogar aus Sicht des Westens, denn jede Anerkennung von Russland geraubten Gebietes wĂ€re das Ende des zentralen Elements der bestehenden europĂ€ischen Friedensordnung, keine Grenzen mit Gewalt zu verĂ€ndern. Putin setzt daher auf Zeit und hofft auf ein Zerbrechen der UnterstĂŒtzung der Ukraine und insbesondere auf Wahlergebnisse in den USA, aber auch in GroĂbritannien und nun wohl auch in Frankreich, die ein Ende der westlichen UnterstĂŒtzung der Ukraine bringen könnte. Deutschland, das ebenso wie die USA entscheidenden Anteil daran hat, dass die Ukraine in den vergangenen zwei Jahren nicht verloren hat, aber, nicht zuletzt durch oft zögerliche UnterstĂŒtzung, auch nicht gewinnen konnte, muss sich im Laufe der nĂ€chsten Monate erneut kritisch fragen, welches politische Ziel erreichbar ist. Die oft gestellte Frage, ob man nicht doch endlich weitreichende PrĂ€zisionswaffen liefern soll, ist zwar unverĂ€ndert richtig, ersetzt aber nicht ein klar definiertes politisches Ziel. Lassen Sie mich deutlich sagen, die Lieferung des Taurus hĂ€tte den Krieg nicht beendet, hĂ€tte möglicherweise aber ukrainische Verluste geringer gehalten. So bedauerlich die zögerliche Haltung des Bundeskanzlers, seine oftmals fragwĂŒrdige Argumentation und vor allem die unverstĂ€ndlichen Auflagen fĂŒr die Ukraine auch sein mögen, entscheidend ist jedoch, dass der Westen letztlich keine Strategie hat. UnterstĂŒtzung so lang wie möglich ist keine Strategie. Das Ziel muss doch sein, den Konflikt zu beenden, die völlige Zerstörung der Ukraine zu verhindern, Russland einzudĂ€mmen und den Menschen in der Ukraine die Hoffnung auf eine bessere, vor allem freie Zukunft zu geben. Von diesem Ziel ausgehend sind Wege zu suchen. Ein Anfang könnte darin liegen, den Russen deutlich zu machen, dass Putins Krieg Russland politisch aus drei GrĂŒnden bereits jetzt und unabĂ€nderlich zum Verlierer gemacht hat:
Russlands Angriff hat
- eine nie zuvor existierende geeinte Ukraine erzeugt, die in den Westen Europas will, hat
- durch die Mitgliedschaft Finnlands und Schwedens die NATO gestÀrkt und hat Russland einen seiner beiden ZugÀnge zum Atlantik, den durch die Ostsee, weitgehend genommen. Vor allem aber, hat damit
- Russland Vertrauen verspielt, das es mehr denn je braucht, um Kooperation wiederherzustellen. Ohne Kooperation mit dem Westen wird Russland zum einflusslosen Rohstofflieferanten Chinas und muss das Ziel begraben, jemals durch eine FĂŒhrungsrolle im globalen SĂŒden Augenhöhe mit den USA und China erreichen zu können.
Zu Verhandlungen könnte es frĂŒhestens nach den US-Wahlen, vielleicht schon je nach Ergebnis, Ende 2024 kommen. In jedem Fall wĂ€re das Ergebnis aber immer nur ein Zwischenschritt. Doch schon bei Zwischenschritten stellt sich die Frage nach der Zukunft der Ukraine in der EU wie in der NATO und dann natĂŒrlich auch, ob ein denkbarer Waffenstillstand der militĂ€rischen Absicherung bedĂŒrfe. Europa bleibt somit auch nach 2024 durch anhaltenden, gĂŒnstigstenfalls pausierenden Krieg gebunden.
ZusĂ€tzlich muss Deutschland von der Formel Abschied zu nehmen, Sicherheit gĂ€be es nur mit Russland. Diese Formel beruhte auf dem Vertrauen in den Partner Russland, das aber hat Putin fĂŒr lange Zeit zerstört. Nun gilt es Sicherheit vor Russland zu erreichen und die gibt es nur gegen Russland. Dieses Ziel ist aber bis auf weiteres gegen die Nuklearmacht Russland nur mit den USA als VerbĂŒndetem Europas zu erreichen. Sie zu sichern, muss daher strategische und politische PrioritĂ€t Europas, allen voran Deutschlands, bleiben.
Im Konfliktfall Nahost darf man auf westlicher Seite bei allem Bestreben, das Leiden der PalĂ€stinenser zu verringern und trotz nicht unberechtigter Kritik an der militĂ€rischen OperationsfĂŒhrung Israels den Ausgangspunkt nicht aus den Augen verlieren: Einen Frieden mit Hamas wird es nicht geben, ja kann
es nicht geben, solange das Ziel der Hamas die Auslöschung Israels bleibt. Alle bestehenden Forderungen nach dauerhaftem Waffenstillstand ĂŒbersehen diesen zentralen Punkt und lassen auch auĂer Acht, dass die so genannte arabische Welt kein echtes Interesse hat, einen PalĂ€stinenser Staat entstehen zu lassen. Interesse an einem PalĂ€stinenser Staat hat allenfalls der Iran, denn damit hĂ€tte Iran einen VerbĂŒndeten, den man nutzen könnte, Israel zu binden und die sunnitischen Staaten am Persischen Golf zu schwĂ€chen. Der Ruf nach einer Zweistaatenlösung ist nichts anderes als ein politisches Placebo. Voraussetzung einer Zweistaatenlösung ist Vertrauen in eine palĂ€stinensische Regierung. Dieses Vertrauen aber hat die Hamas am 7. Oktober fĂŒr eine lange Zeit zerstört und die unfĂ€hige Autonomiebehörde in Ramallah hat nichts getan, wenigstens ein bisschen Vertrauen zu wecken.
Ein erreichbares politisches Ziel zur Beendigung dieses Krieges ist derzeit nicht zu erkennen, denn es mag vielleicht gelingen, die Hamas militĂ€risch zu besiegen, aber der Anspruch der Hamas, der einzige wirksame Vertreter PalĂ€stinas zu sein und Israel vernichten zu wollen, wurde am 7.Oktober sogar noch gestĂ€rkt und ist nicht auszulöschen. Zudem ist zu bedenken, dass das Interesse der Regierung Netanjahu an einer Beendigung der Kampfhandlungen begrenzt ist, denn dann wĂŒrden die Fragen nach der Schuld fĂŒr das anfĂ€ngliche Versagen Israels ebenso auf die Tagesordnung gesetzt werden wie teilweise berechtigte Kritik an der OperationsfĂŒhrung Israels, vor allem aber das Festhalten Netanjahus am Schutz der Siedler im Westjordanland, das eine Zwei â Staatenlösung nahezu unmöglich macht. Israel wird deshalb vermutlich noch einige Zeit weiterkĂ€mpfen, zugleich aber versuchen, den Konflikt auf Gaza begrenzt zu halten. Das kann es aber nur, solange die USA an ihrer UnterstĂŒtzung festhalten. Bis auf weiteres ist deshalb in Nahost von einem nahezu eingefrorenen Konflikt mit betrĂ€chtlichen militĂ€rischen Verlusten Israels, kaum ertrĂ€glichen Verlusten unter der palĂ€stinensischen Bevölkerung und weltweit abnehmender UnterstĂŒtzung Israels auszugehen. Hamas dĂŒrfte im Krieg der Bilder somit eine Schuldumkehr erreichen: Die Verbrechen der Hamas vom 7. Oktober treten in den Hintergrund und die Bilder vom Bombenkrieg in Gaza dominieren, ja können sogar die LegitimitĂ€t Israels Infragestellen. Ganz deutlich sah man das erst vor wenigen Tagen als die vier Geiseln aus dem Haus eines Journalisten befreit wurden und niemand erwĂ€hnte, dass die zahlreichen palĂ€stinensischen Toten vor allem darauf zurĂŒckzufĂŒhren sind, dass die Hamas die Geiseln noch immer festhĂ€lt.
Das Fehlen einer politischen Lösung wird den Druck auf die USA und auf Deutschland, das im gespaltenen Europa nahezu der einzige UnterstĂŒtzer Israels geworden ist, erhöhen. Beide Staaten werden damit in den Augen des globalen SĂŒdens zunehmend unglaubwĂŒrdig werden, weil ihnen vorgeworfen werden wird, menschliches Leben und die Herrschaft des Rechts nur zu achten, wenn es um westliches Leben und westliche Prinzipien geht. Das ist Wasser auf die MĂŒhlen Putins und Xis, sich als wahre Freunde der LĂ€nder des globalen SĂŒdens darzustellen.
Es wird vermutlich bei Nadelstichen wie im Roten Meer bleiben, allerdings nicht zu einer Ausweitung des Krieges kommen. Der Handlanger des Iran im Libanon, die Hisbollah, ist nach dem sehr verlustreichen Einsatz ihrer KĂ€mpfer in Syrien noch nicht kriegsbereit und Iran selbst ist das auch nicht, nicht zuletzt aus wirtschaftlichen GrĂŒnden und wegen fehlender innerer StabilitĂ€t. Im Ăbrigen hat der iranische Raketenangriff auf Israel zwar den seit vielen Jahren anhaltenden Schattenkrieg auf die Ebene eines offenen Konflikts gehoben, aber die AbwehrfĂ€higkeit Israels, vor allem die erstaunliche, arabische Staaten einschlieĂende, internationale Kooperation in der Abwehr dieses Angriffs und der weit wirksamere als berichtete Gegenschlag Israels haben die Gefahr einer direkten Konfrontation verringert. Allerdings wird diese Lage Iran anspornen, sein Atomwaffenprogramm sogar zu beschleunigen, weil Teheran weiĂ, dass Atomwaffenstaaten kaum sanktionierbar sind.
Es könnte dennoch sein, dass internationaler Druck auf Israel bei einem Freilassen aller Geiseln durch die Hamas einen Waffenstillstand erzwingt, dessen Folge in Israel vermutlich das Ende der Ăra Netanyahu sein dĂŒrfte und damit erzwingen wird, endlich ĂŒber eine politische Lösung aus israelischer Sicht nachzudenken, also die Frage zu beantworten, was mit den PalĂ€stinensern geschehen soll.
Eine schnelle Zwei-Staatenlösung ist dennoch wenig wahrscheinlich, denn ein Kriterium eines jeden Staates, dass Staatsgebiet, fehlt. Niemand wird die mehr als 700.000 konfliktbereiten Siedler vertreiben wollen und können und ohne diesen Schritt gibt es de facto kein Staatsgebiet PalĂ€stina. Zum anderen, wie bereits gesagt, hat die Hamas am 7. Oktober 2023 die wesentliche Voraussetzung eines PalĂ€stinenserstaates selbst zerstört: Das Vertrauen, dass ein solcher Staat ein verlĂ€sslicher Nachbar sein wĂŒrde.
Die Zweistaatenlösung wird also als Wunschlösung auf der Agenda von Verhandlungen bleiben, es wird aber zunĂ€chst nur Zwischenlösungen geben wie einen entmilitarisierten, international ĂŒberwachten Gazastreifen, das Beibehalten der Scheinautonomie im Westjordanland und den Beginn langer Verhandlungen.
Trotz anfĂ€nglicher WiderstĂ€nde gegen alle Formen von Zwischenlösungen in der arabisch-sunnitischen Welt, in der TĂŒrkei und vor allem im Iran könnten sie Voraussetzung fĂŒr die weitere AnnĂ€herung der arabischen Staaten am Golf an Israel sein. FĂŒr diese durch die Abraham Accords, also Kooperation mit den Golfstaaten im Gegenzug zur Anerkennung Israels, eingeleitete Entwicklung wird es vielleicht eine Pause geben, aber keinen Abbruch. Der Nutzen guter Beziehungen zu Israel dient den arabischen Staaten in ihrem BemĂŒhen, von Ăl und Gas unabhĂ€ngiger zu werden. Israelische Technik ist dafĂŒr unverzichtbar und fĂŒr die arabischen Staaten Voraussetzung zur EindĂ€mmung iranischen Machtstrebens am Golf.
Eine solche Entwicklung wĂ€re auch im Interesse Europas und sollte von Deutschland wie der EU gefördert werden, denn sie könnte StabilitĂ€t vor Europas Toren bringen und zugleich neo-osmanischen TrĂ€umen der TĂŒrkei Grenzen setzen. Offen bleibt dabei allerdings, ob und wie man verhindern kann, dass Iran Atomwaffenstaat wird. Iran kann dieses Ziel in sehr kurzer Zeit erreichen, noch ist allerdings ein ĂŒberwachtes Einfrieren als virtuelle Atommacht bei wirtschaftlichen ZugestĂ€ndnissen nicht ausgeschlossen. GelĂ€nge dies nicht, dĂŒrfte ein atomares WettrĂŒsten am Golf, in Ăgypten und in der TĂŒrkei mit dramatischen Konsequenzen fĂŒr Europa folgen, den Irans Raketen können heute bereits fast ganz Europa erreichen.
Soweit der Blick auf die beiden brennenden Konflikte dieser Tage, doch nicht genug damit, weitere Konflikte zeichnen sich ab.
Ein besonders schwerer könnte entstehen, wenn China fĂŒrchten mĂŒsste, Taiwan könne die UnabhĂ€ngigkeit erreichen wollen. Das Wahlergebnis vom 13. Januar ist zunĂ€chst als Beruhigung zu sehen. Taiwan dĂŒrfte den bisherigen Kurs fortsetzen, also keine UnabhĂ€ngigkeit erklĂ€ren, aber die EigenstĂ€ndigkeit Taiwans fördern. Damit gĂ€be es zunĂ€chst keinen Kriegsgrund fĂŒr Peking, das insgesamt allerdings weder wirtschaftlich noch militĂ€risch gegenwĂ€rtig und bis auf weiteres in der Lage ist, einen schnellen Erfolg gegenĂŒber Taiwan zu erzielen, sofern Taiwan weiterhin auf die UnterstĂŒtzung Japans, SĂŒdkoreas und vor allem der USA rechnen kann. Die aber scheint gewiss, da nur mit Taiwan die strategische Linie Japan â Taiwan â Philippinen gehalten werden kann. Nur mit ihr kann China im sĂŒdchinesischen Meer eingedĂ€mmt, ein Ausgreifen in den Pazifik wie den indischen Ozean verhindert werden und die chinesische Kontrolle der StraĂe von Malakka ausgeschlossen werden. Dies wiederum ist fĂŒr die USA strategische Bedingung fĂŒr die Sicherheit ihrer pazifischen KĂŒste. Im Falle der StraĂe von Taiwan ist Kontrolle sogar fĂŒr die Weltwirtschaft entscheidend (90% aller Container) und im Falle der StraĂe von Malakka fĂŒr Europa (44% des Welthandels) ĂŒberlebenswichtig.
Derzeit ist also mit demonstrativen Gesten Pekings, nicht aber mit einem auf Eroberung zielenden Angriff auf Taiwan zu rechnen. Zu einem derartigen Schritt ist Peking vermutlich frĂŒhestens in der zweiten HĂ€lfte des Jahrzehnts in der Lage, eher spĂ€ter. ZusĂ€tzlich ist zu bedenken, dass China sehr vorsichtig handelt und stets langfristig denkt. China braucht eine intakte Chip Industrie in Taiwan und die katastrophale demographische Entwicklung Chinas dĂŒrfte im Denken Pekings eine weit stĂ€rkere Rolle spielen als in den Lagebeurteilungen des Westens.
Europa muss die Entwicklung in Asien weit stĂ€rker als bislang im Auge behalten. Es darf nicht nur China sehen, sondern muss auch das bevölkerungsreichste Land der Welt, Indien, und den gröĂten muslimischen Staat der Welt, Indonesien, bedenken. Europa muss wirtschaftlich wie militĂ€risch seine PrĂ€senz im asiatisch-pazifischen Raum verstĂ€rken und sichtbar machen. Dies gilt insbesondere auch fĂŒr Deutschland, dass sich nicht mit Worten begnĂŒgen darf, das wegen seiner groĂen AbhĂ€ngigkeit von China aber nur sehr eingeschrĂ€nkt handeln kann. Dennoch muss Deutschland in einer Krise in Asien, in der existenzielle Risiken fĂŒr die USA entstehen könnten, solidarisch sein, im Ă€uĂersten Fall auch militĂ€risch, wenngleich sehr begrenzt. Jedermann bei uns muss wissen, dass UnterstĂŒtzung der USA in europĂ€ischen Krisen nur zu erreichen ist, wenn Europa auch in Krisen, in denen strategische Interessen der USA in Gefahr sind, SolidaritĂ€t mit den USA zeigt. Nur dann ist im Gegenzug die SolidaritĂ€t der USA zu erwarten, die wiederum Grundlage aller Sicherheit durch die NATO ist. Mehr als fĂŒr alle anderen Staaten der NATO ist dies fĂŒr Deutschland von existenzieller Bedeutung, denn Deutschland ist das einzige NATO-Land, dass verbindlich auf Herstellung und Besitz von Atomwaffen verzichtet hat.
Weitere Konflikte allerdings eher regionaler Dimension könnten im unruhigen Gebiet des Kaukasus, im West-Balkan und natĂŒrlich in Afrika entstehen. Sie werden Aufmerksamkeit und KrĂ€fte binden, aber kaum die globalen Auswirkungen zeitigen wie die genannten drei Konfliktherde. Soweit der Blick auf die aktuellen Krisen in einer aus den Fugen geratenen Welt.
Folgerungen fĂŒr Deutschland und Europa
Europa wie Deutschland bleiben somit durch beide Konflikte gebunden, vor allem die bleiben in Sicherheitsfragen abhĂ€ngig von den USA. Sie mĂŒssen die amerikanische Bindung an Europa festigen. Dazu muss Europa seine Peripherie im SĂŒden, SĂŒdosten und zunehmend auch im Norden schĂŒtzen und so viel eigenstĂ€ndige Sicherheit vor Russland wie möglich suchen. Dies ist der einzig sichere Schutz vor den Ungewissheiten der Wahl in den USA im November 2024. Das Einhalten der Zusagen gegenĂŒber der NATO ist dafĂŒr der erste, allerdings unumgĂ€ngliche und vom Wahlergebnis in den USA unabhĂ€ngige Schritt. Vor allem aber die im Bewusstsein der Deutschen in der Politik bereits versandende Zeitenwende muss endlich vollzogen werden. Wie Deutschland diese Verpflichtung erfĂŒllen kann, gleichzeitig das heutige VerhĂ€ltnis von investiven zu konsumtiven Ausgaben im Bundeshaushalt einhalten und dann auch noch die Schuldenbremse beachten kann, ist eine der groĂen ungelösten politischen Fragen des Jahres 2024. Sie muss gelöst werden in einer WohlfĂŒhl- Gesellschaft, die neu lernen muss, dass es ein Leben ohne Risiko nicht gibt. Dazu mĂŒssen die Deutschen verstehen, was Zeitenwende wirklich heiĂt. Es geht es nicht nur um den Wiederaufbau der ab 2000 verantwortungslos abgebauten Bundeswehr und die Wiederherstellung einer leistungsfĂ€higen, nachhaltig produzierenden RĂŒstungsindustrie, sondern es geht um eine grundsĂ€tzliche Wende des Denkens in Deutschland. Die Deutschen haben verlernt, was den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg möglich gemacht hat: Die Bereitschaft, Lasten zu tragen, Opfer zu bringen, Risiko auf sich zu nehmen, der Mut und die Kraft Neues zu gestalten, ist verloren gegangen, erstickt von einer VollkaskoMentalitĂ€t, in der die Menschen verlernt haben, dass Gemeinwohl Vorrang vor dem Einzelwohl hat. Wir haben uns einlullen lassen von einer Politik, die uns glauben machte, die drei SĂ€ulen unseres Wohlstands, billige Energie von Russen, ergiebige AbsatzmĂ€rkte in China und billige Sicherheit durch die USA, wĂŒrden bestĂ€ndig sein. Das ist vorbei. Wandel durch Handel war ein Trugschluss, Schlafwandeln statt Handeln war ein Fehler. Der seit Jahren geforderte Ruck muss endlich durch unsere Gesellschaft gehen, doch dazu ist FĂŒhrung gefordert, FĂŒhrung von vorne, nicht bequem aus der Meute, angepasst an Meinungsumfragen. Das ist der Kern der Zeitenwende. Wir stehen vor der dringenden Notwendigkeit, uns auf raue Winde einzustellen, dazu könnte auch eine erneute PrĂ€sidentschaft Trump zĂ€hlen. DarĂŒber zu sprechen reicht einfach nicht, es muss gehandelt werden. Im Bereich Sicherheit heiĂt das, dass Deutschland wie Europa verstehen mĂŒssen, was mit den schon heute unzureichend zu nennenden 2% als Untergrenze zu erreichen ist: Wieder verteidigungsbereit werden, an nuklearer Teilhabe festzuhalten und Abschied von den nicht realisierbaren Gedankenspielen einer Russlands Atommacht ausgleichenden, eigenstĂ€ndigen europĂ€ischen Atommacht und der Fata Morgana einer europĂ€ischen Armee zu nehmen.
Verteidigungsbereit heiĂt im gesamten NATO- Gebiet und seiner Peripherie europĂ€ische Komponenten der NATO in allen fĂŒnf Dimensionen moderne KriegfĂŒhrung : Land, Luft, See, Weltraum und Cyber einsatzbereit zu machen. Peripherie heiĂt auch den eisfrei werdenden Arktischen Ozean zu bedenken und in der Lage zu sein zum globalen Schutz der freien Seewege beizutragen. ZusĂ€tzlich mĂŒssen europĂ€ische StreitkrĂ€fte zu Hilfe in Katastrophen weltweit bereit sein, vor allem aber mĂŒssen sie vermehrt auch die Konflikte im Auge behalten, in denen die USA europĂ€ische UnterstĂŒtzung erwarten. FĂŒr die Planung einer kĂŒnftigen Bundeswehr heiĂt das, noch einmal intensiv ĂŒber eine VerstĂ€rkung der Marine, die FĂ€higkeit zur KriegfĂŒhrung mit und gegen Drohnen und die deutlichere Ausformung von Cyber und AI-FĂ€higkeiten nachzudenken.
Die unumgĂ€nglichen Konsequenzen fĂŒr das politische Handeln Deutschlands mĂŒssen jetzt konzipiert werden, damit Deutschland bei den anstehenden internationalen Orientierungen, also am besten bereits beim NATO-Gipfel in Washington, spĂ€testens aber im Vorfeld des Entstehens einer kĂŒnftigen US-Regierung handlungsfĂ€hig ist.
Dazu gilt es eine entscheidende Voraussetzung im Inneren und möglichst parteiĂŒbergreifend zu schaffen: Staat und Gesellschaft mĂŒssen begreifen, dass eine verteidigungsbereite Bundeswehr und eine zum Handeln auch in der Konfrontation entschlossene und zum Schutz von Recht und Demokratie bereite Gesellschaft Voraussetzung fĂŒr den Erhalt des Friedens in Europa und der dafĂŒr unersetzlichen transatlantischen Bindung sind.
Wir mĂŒssen gemeinsam endlich erkennen, dass das bequeme âWeiter soâ keine Lösung ist und vor allem, dass wir keine Zeit haben. Jetzt ist Handeln geboten, entschlossenes Handeln, auch wenn das Risiko bedeutet, dann kann man auch die Menschen fĂŒr entschiedenes Eintreten und fĂŒr Verantwortung fĂŒr unsere Freiheit gewinnen. Wir mĂŒssen wieder lernen, dass Freiheit niemals Freiheit von allen Bindungen bedeutet, sondern die Verantwortung voraussetzt fĂŒr den Erhalt von Freiheit einzutreten, dass es keine Rechte gibt, ohne auch Pflichten zu ĂŒbernehmen. Meine Generation hat versucht, das zu leben, heute können wir Al nur noch mahnen, das VermĂ€chtnis von fast 60 Jahren in den 75 Jahren Erfolg in der NATO zu wahren: Frieden und das gröĂte GlĂŒck in unserer Geschichte der letzten Jahrhunderte, die deutsche Einheit und Deutschlands unwiderrufliche Verankerung im freien, demokratischen Westen.
Diese 75 Jahre waren nicht immer einfach, aber eine Leitlinie galt immer: Angst ist ein schlechter Ratgeber. Sie erzeugt die Neigung, jedes Risiko zu vermeiden und Zögerlichkeit. Dies als Besonnenheit zu verkaufen, um damit den Frieden zu sichern, dĂŒrfte bei einem Gegenspieler wie Putin nur dazu fĂŒhren, die TĂŒr zum nĂ€chsten, gröĂeren Krieg weit aufzumachen.
Europa bleibt nicht viel Zeit. Wir alle mĂŒssen uns besinnen, dass nur in Sicherheit Wohlstand zu erhalten und Frieden und Freiheit zu garantieren sind. Denken Sie daran, was fĂŒr Willy Brandt Voraussetzung war als er vom Frieden sprach: Sicherheit ist nicht alles, aber ohne Sicherheit ist alles nichts. FĂŒr Deutschland hieĂ das beim NATO-Beitritt 1955: Ein Angriff auf einen von uns, ist ein Angriff auf alle von uns. Diese Formel hat uns die lĂ€ngste Friedenszeit unserer Geschichte gebracht. Sie gilt unverĂ€ndert, aber wirken kann sie nur, wenn wir alle, vor allem unsere Jugend, bereit sind, auch kĂŒnftig Risiken zu teilen, Lasten gemeinsam zu tragen und zusammen die Vision von haltbarem Frieden in der transatlantischen Welt zu verwirklichen.






