Vor knapp zwei Jahren wurde an dieser Stelle argumentiert, dass Deutschland Krieg spielen mĂŒsse, nicht im militĂ€rischen Sinn, sondern als methodischer Zugang, um strategische Entscheidungsprozesse unter Bedingungen ausgeprĂ€gter Unsicherheit besser zu verstehen.
Inzwischen wurden mehrere ressortĂŒbergreifende und gesamtgesellschaftlich angelegte Wargames durchgefĂŒhrt. Sie liefern weder Prognosen noch Vorhersagen. Ihr Wert liegt darin, Einblicke in Entscheidungsdynamiken, Kooperationsmuster und institutionelle Logiken unter komplexen und sich verĂ€ndernden Rahmenbedingungen zu ermöglichen.
Wargames als Analyseinstrument
An den Simulationen nahmen Vertreterinnen und Vertreter aus Ministerien, Unternehmen, Sicherheitsbehörden, internationalen Organisationen und zivilgesellschaftlichen Einrichtungen teil. Auf Grundlage definierter Szenarien trafen sie Entscheidungen unter Zeitdruck und auf Basis unvollstÀndiger Informationen.
Entscheidungen verĂ€ndern im Spiel die Ausgangslage und erzeugen neue ZwĂ€nge, Risiken und Handlungsmöglichkeiten. Daraus entstehen dynamische Wechselwirkungen, die reale strategische Prozesse nachvollziehbar machen, ohne deren unmittelbare Kosten oder SchĂ€den zu verursachen. Die âsafe to failâ-Umgebung ist kein Nebeneffekt, sondern methodischer Kern. Fehler und FehleinschĂ€tzungen werden sichtbar, ohne irreversible Konsequenzen nach sich zu ziehen. Scheitern kann produktiven Wert haben, weil es Annahmen offenlegt, Routinen hinterfragt und Anpassungsprozesse anstöĂt. Ziel ist nicht, im Spiel zu gewinnen, sondern HandlungsfĂ€higkeit fĂŒr reale Krisensituationen zu verbessern.
Zentrale Erkenntnisse aus den Wargames
Die seit dem Aufruf âKrieg zu spielenâ durchgefĂŒhrten Wargames zielten darauf ab wiederkehrende Muster strategischen Handelns unter Unsicherheit sichtbar zu machen. Ăber unterschiedliche Themenfelder hinweg lassen sich mehrere ĂŒbergreifende Befunde festhalten.
- Erstens: Strategisches Handeln findet dauerhaft unter Unsicherheit statt. Die sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen in Europa haben sich grundlegend verĂ€ndert. MilitĂ€rische Gewalt, geopolitische RivalitĂ€t, ökonomische Verwundbarkeit und hybride Einflussnahme ĂŒberlagern sich. Strategische Unsicherheit ist keine temporĂ€re Abweichung mehr, sondern strukturelle Konstante. Entscheidungen werden unter Bedingungen getroffen, in denen Informationen unvollstĂ€ndig, Zeitfenster begrenzt und Folgen nur eingeschrĂ€nkt kalkulierbar sind.
- Zweitens: Kooperation folgt institutionellen Logiken, nicht nur gemeinsamen Interessen. Akteure artikulieren gemeinsame Ziele, sichern zugleich aber ihre eigene institutionelle HandlungsfÀhigkeit ab. Entscheidungen folgen Mandaten, ZustÀndigkeiten, Rechenschaftspflichten und RessourcenzwÀngen. Kooperation entsteht dort, wo institutionelle Logiken kompatibel sind. Sie bleibt fragil, wenn diese KompatibilitÀt fehlt. Wettbewerb und Abstimmung existieren parallel.
- Drittens: Narrative strukturieren EntscheidungsrÀume. Akteure bevorzugen Handlungsoptionen, die mit ihrem bestehenden LageverstÀndnis vereinbar sind. Optionen, die dieses Deutungsmuster infrage stellen, werden seltener gewÀhlt, selbst wenn sie funktional sinnvoll erscheinen. Narrative definieren, was als plausibel, legitim oder notwendig gilt. Strategische LeistungsfÀhigkeit hÀngt daher auch von der FÀhigkeit ab, eigene Annahmen zu reflektieren und anzupassen.
- Viertens: Sicherheit ist ein gesamtgesellschaftlicher Aushandlungsprozess. Strategische HandlungsfĂ€higkeit ist nicht ausschlieĂlich in staatlichen Institutionen verortet. Wirtschaftliche Akteure, VerbĂ€nde und Betreiber kritischer Infrastrukturen ĂŒbernehmen koordinierende oder stabilisierende Funktionen, oft nicht aufgrund formaler Mandate, sondern aufgrund zugeschriebener Kompetenz und Systemrelevanz. Der strategische Raum ist breiter und komplexer, als klassische ZustĂ€ndigkeitslogiken nahelegen.
- FĂŒnftens: Selbstbeobachtung ist Teil strategischer Resilienz. Wargames zwingen EntscheidungstrĂ€gerinnen und EntscheidungstrĂ€ger dazu, unter Unsicherheit zu priorisieren, Risiken einzugehen und Zielkonflikte offen auszutragen. Implizite Annahmen und Routinen werden sichtbar. Strategische Resilienz entsteht nicht allein durch materielle Ressourcen, sondern auch durch die FĂ€higkeit zur kritischen Selbstreflexion.
Empirische Beobachtungen
Diese Befunde beruhen auf konkreten Simulationen in unterschiedlichen institutionellen Kontexten.
Beim von WELT gemeinsam mit dem German Wargaming Center durchgefĂŒhrten Wargame Ernstfall wurde eine Eskalation im Baltikum simuliert. Das Red Team, besetzt mit Franz-Stefan Gady, Alexander Gabuev und Arndt Freiherr Freytag von Loringhoven, agierte konsequent zielorientiert, mit hoher Geschwindigkeit und klarer Priorisierung. Anstatt auf politische Abstimmungsprozesse zu warten, nutzte es Zeitfenster, Mehrdeutigkeiten und prozedurale Verzögerungen gezielt aus. Auf diese Weise gelang es, militĂ€rische und politische Fakten zu schaffen, bevor auf der Gegenseite kohĂ€rente GegenmaĂnahmen eingeleitet werden konnten. Das Ergebnis fand öffentliche Aufmerksamkeit. Auch Mark Rutte kommentierte den Spielverlauf und unterstrich die Verteidigungsbereitschaft des BĂŒndnisses. In der öffentlichen Diskussion wurde das Szenario vor allem als Hinweis auf Fragen militĂ€rischer FĂ€higkeiten interpretiert. Analytisch zentral war jedoch ein anderer Befund. Das Blue Team, das Entscheidungsprozesse der Bundesregierung simulierte, war mit erfahrenen Fachleuten besetzt. Es fehlte nicht an Wissen, nicht an Problembewusstsein und nicht an grundsĂ€tzlicher Entschlossenheit. Dennoch zeigte sich, dass institutionelle Routinen, Abstimmungslogiken und implizite Erwartungshorizonte die Reaktionsgeschwindigkeit maĂgeblich prĂ€gten. Die Verzögerung entstand weniger aus Informationsmangel als aus der Struktur kollektiver Entscheidungsprozesse. Sichtbar wurde damit ein SpannungsverhĂ€ltnis zwischen operativer Geschwindigkeit auf der einen und prozeduraler Absicherung auf der anderen Seite.
Im Planspiel âConvergenceâ, durchgefĂŒhrt von der Industrie- und Handelskammer Berlin gemeinsam mit dem German Wargaming Center, wurde HandlungsfĂ€higkeit in einer sicherheitspolitischen Grauzone untersucht. Das Szenario blieb unterhalb formaler Eskalationsschwellen, erzeugte jedoch reale Belastungen fĂŒr Infrastruktur, Logistik und gesellschaftliche StabilitĂ€t. Internationale Spannungen wirkten sich unmittelbar auf Landes und Bezirksebene aus. In den frĂŒhen Spielphasen investierten die beteiligten Akteure vor allem in Koordination, Lagebildaufbau und institutionelle AnschlussfĂ€higkeit. Operative MaĂnahmen rĂŒckten erst dann in den Vordergrund, wenn konkrete EngpĂ€sse als systemkritisch identifiziert und kollektiv anerkannt wurden. Entscheidungsdynamiken verdichteten sich entlang solcher Knotenpunkte. Dabei zeigte sich, dass formale Hierarchien allein keine SteuerungsfĂ€higkeit garantieren. HandlungsfĂ€higkeit entstand vielmehr durch geteilte Annahmen darĂŒber, was als wirksam, legitim und notwendig gilt. Bemerkenswert war die Entwicklung der Industrie und Handelskammer selbst. Sie war zu Beginn nicht als zentrale Steuerungsinstanz angelegt. Im Verlauf des Spiels wurde ihr jedoch zunehmend eine koordinierende Rolle zugeschrieben, insbesondere im Bereich ziviler Logistik und Informationsvermittlung. Diese Aufwertung beruhte nicht auf formalen Mandaten, sondern auf Erwartungsdynamiken anderer Akteure. Sicherheit erschien damit als Ergebnis eines gesamtgesellschaftlichen Zusammenspiels und nicht als ausschlieĂlich staatliche Aufgabe.
Im Planspiel Entanglement Ostschild 2026, durchgefĂŒhrt vom German Wargaming Center im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, stand die Zukunft europĂ€ischer RĂŒstungskooperationen im Mittelpunkt. Die zentralen Ergebnisse wurden bereits auf der Tiergartenkonferenz 2025 vorgestellt und dort in einen breiteren sicherheitspolitischen Kontext eingeordnet. Ausgangspunkt war ein strukturelles Kooperationsdilemma zwischen nationalen industriepolitischen Interessen und dem Anspruch auf kollektive europĂ€ische HandlungsfĂ€higkeit. Zu Beginn dominierten multilaterale Initiativen, europĂ€ische Technologieintegration und der Versuch, gemeinsame Projekte trotz politischer Spannungen voranzutreiben. Mit zunehmender Unsicherheit verschob sich jedoch die Logik des Handelns. Nationale Notprogramme, beschleunigte Beschaffungsverfahren und bilaterale Absprachen gewannen an Gewicht. Unter wachsendem Zeitdruck priorisierten Akteure kurzfristige operative HandlungsfĂ€higkeit gegenĂŒber langfristiger SystemkohĂ€renz. EuropĂ€ische Kooperationsrhetorik blieb zwar bestehen, wurde jedoch zunehmend mit nationaler Eigenlogik kombiniert. Sichtbar wurde ein wiederkehrendes Muster strategischen Handelns unter Unsicherheit. Je stĂ€rker der wahrgenommene Druck, desto gröĂer die Tendenz, auf vertraute nationale Instrumente zurĂŒckzugreifen und multilaterale Prozesse zu umgehen oder zu verkĂŒrzen. Strategische KohĂ€renz erwies sich damit weniger als Frage formaler BĂŒndnisse, sondern als Frage belastbarer Erwartungsstrukturen und gegenseitigen Vertrauens.
Fazit
Deutschland spielt keinen Krieg, um ihn zu fĂŒhren. Deutschland nutzt inzwischen aber Wargames, um strategisches Verhalten unter verĂ€nderten Rahmenbedingungen zu verstehen. Die Simulationen zeigen, dass strategische HandlungsfĂ€higkeit weniger an fehlendem Wissen scheitert als an institutionellen Routinen, Erwartungsstrukturen und Entscheidungslogiken. Geschwindigkeit wird zum Machtfaktor. Kooperation bleibt fragil. Narrative begrenzen oder erweitern HandlungsrĂ€ume. Und Sicherheit entsteht im Zusammenspiel staatlicher und nichtstaatlicher Akteure. Wargames liefern keine Antworten im Sinne fertiger HandlungsplĂ€ne. Sie schaffen einen Raum, in dem Annahmen ĂŒberprĂŒft, Routinen sichtbar und Entscheidungsprozesse unter Unsicherheit erprobt werden können. In einer Umgebung, in der Unsicherheit zur Dauerbedingung geworden ist, wird genau diese FĂ€higkeit zur strukturierten SelbstprĂŒfung zu einer strategischen Ressource. Vielleicht liegt darin die eigentliche Bedeutung dieses Ansatzes. Strategische HandlungsfĂ€higkeit beginnt nicht mit perfekten Informationen, sondern mit dem VerstĂ€ndnis der eigenen Entscheidungslogik.






