Deutsche Atlantische Gesellschaft e.V.

NATO Talk 2016

Bericht von der NATO Talk Konferenz 2016

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Ein Bericht von: Christian Lipicki/ Björn Boening/ Martin Langhorst Mirjan Schulz Bundesakademie fĂŒr Sicherheitspolitik (BAKS)

Die Zukunft der NATO unter der Ägide des neuen US-PrĂ€sidenten Donald Trump stand im Mittelpunkt des diesjĂ€hrigen „NATO Talk around the Brandenburger Tor“. In der hochkarĂ€tigen Konferenz mit mehreren hundert Teilnehmern wurde insbesondere deutlich: FĂŒr ihre Sicherheit mĂŒssen die EuropĂ€er in den nĂ€chsten Jahren wohl deutlich mehr zahlen

„NatĂŒrlich hat das Ergebnis der US-Wahl auch Auswirkungen auf die NATO“, sagte der PrĂ€sident der Bundesakademie fĂŒr Sicherheitspolitik, Dr. Karl-Heinz Kamp, in seiner Ansprache auf der Veranstaltung „NATO 4.0 – eine neue NATO fĂŒr neue Herausforderungen?“ Kamp weiter: „Trump wird offensichtlich eine stĂ€rker auf Isolation gerichtete Politik verfolgen.“ Er warnte gleichzeitig vor zu großer Sorge: „Trump wird die Mehrheit seiner AnhĂ€nger enttĂ€uschen.“ LĂ€ngst nicht jedes Wahlversprechen lasse sich umsetzen. Die NATO, so der BAKS-PrĂ€sident, sei wieder in der Artikel-5-Welt angekommen. „Abschreckung braucht reale Substanz.“

Britischer Botschafter: Wir verlassen die EU, nicht Europa

Das Vorstandsmitglied der Deutschen Atlantischen Gesellschaft e.V., Generalleutnant a.D. JĂŒrgen Bornemann, wies darauf hin, dass „die Rolle Deutschlands in der NATO neu zu beleuchten“ sei. Als Grund dafĂŒr nannte er die US-Wahl, aber auch die zahlreichen sicherheitspolitischen Herausforderungen, wie das VerhĂ€ltnis Russland-NATO, den so genannten Islamischen Staat und den Brexit, also den angekĂŒndigten Ausstieg Großbritanniens aus der EU.

Der Botschafter des Königsreichs Großbritannien und Nordirland, Sir Sebastian Wood, der dritte Kooperationspartner des aktuellen NATO Talk, wies darauf hin: „Unser Land verlĂ€sst die EU, aber nicht Europa.“ Ziel Großbritanniens sei mehr europĂ€ische Sicherheit und nicht weniger. Zur NATO sagte er, dass sie mehr denn je gebraucht werde und sich in der kĂŒnftigen Ausrichtung darauf konzentrieren mĂŒsse, relevant und effektiv zu bleiben.

NATO bleibt Eckpfeiler europÀischer Sicherheit

Ein Highlight der Veranstaltung war der Auftritt des Abteilungsleiters Außen‑, Sicherheits- und Entwicklungspolitik im Bundeskanzleramt, Dr. Christoph Heusgen. Mit Blick auf die US-Wahl und deren Ausgang machte er deutlich, dass nichts so heiß gegessen werde, wie es gekocht wurde. Die NATO sei der Grundpfeiler der westlichen Sicherheitspolitik. Zugleich mĂŒsse die europĂ€ische Komponente weiterentwickelt werden. Es wurde deutlich, dass fĂŒr Verteidigung mehr finanzielle Mittel eingesetzt werden mĂŒssten.

In der anschließenden Diskussionsrunde „NATO nach vorne gedacht“ sagte der Beigeordnete GeneralsekretĂ€r fĂŒr Verteidigungspolitik und StreitkrĂ€fteplanung der NATO, Horst-Heinrich Brauß, zum Ausgang der US-Wahl: „In BrĂŒssel herrscht gespannte Erwartung, aber auch professionelle Gelassenheit.“ Und er fuhr fort: „Trump hat einen Punkt: Europa muss mehr in Verteidigung investieren.“ Das wollte Dr. Tobias Lindner in dieser GrundsĂ€tzlichkeit nicht stehen lassen. Der Bundestagsabgeordnete der GrĂŒnen und Mitglied im Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestages, schrĂ€nkte ein: „Erst muss klar sein, wer trĂ€gt welche Verantwortung im BĂŒndnis. Dann wird es auch um Geld gehen.“

Nouripour: NĂ€he Trump zu Putin ist Game Changer

Trump hatte im Wahlkampf mit kritischen Aussagen gegen die NATO fĂŒr massive Gegenwehr, insbesondere aus Europa, gesorgt. Der Generaldirektor des Internationalen MilitĂ€rstabs der NATO, Generalleutnant Jan Broeks, relativierte diese Wahlkampf-Aussagen: Das sei zu viel Spekulation. Broeks hob unterdessen den NATO-Russland-Rat als wichtiges GesprĂ€chsforum hervor. Lindner ergĂ€nzte, reden schade nie. Dann wisse man, was die verschiedenen Akteure denken.

In der nĂ€chsten Diskussion, dem „Transatlantik Talk“ zu den US-Wahlen wurde ebenfalls engagiert ĂŒber die Folgen des amerikanischen FĂŒhrungswechsels auf die internationale Politik gesprochen. Der GrĂŒne-Bundestagsabgeordnete und außenpolitischer Sprecher seiner Fraktion, Omid Nouripour, unterstrich, dass die NĂ€he von Trump zu Putin ein Game Changer, also ein „Spielwechsler“, fĂŒr das internationale Umfeld sei. Der frĂŒhere Vorsitzende des NATO-MilitĂ€rausschusses, General a.D Dr. Klaus Naumann, regte an, man mĂŒsse Konzepte möglichst eng mit Trump gemeinsam erarbeiten, dann wĂŒrde man auch nicht ĂŒberrascht werden.

„Russland nicht unterschĂ€tzen“

Dem VerhĂ€ltnis zwischen Abschreckung und Dialogbereitschaft widmete sich das Forum „Russland und der Westen“. James Appathurai, Stellvertretender Beigeordneter GeneralsekretĂ€r der NATO, stellte klar: „StĂ€rke ist die Basis fĂŒr einen Dialog“. Das Verhalten Russlands in Georgien und auf der Krim zeige ein beunruhigendes Muster, dass Moskau die territoriale IntegritĂ€t anderer Staaten nicht respektiere. Man sei jedoch zuversichtlich, dass Russland langfristig wieder zu den Prinzipien der NATO-Russland-Grundakte zurĂŒckkehren werde, begrĂŒndete der NATO-Offizielle die bestĂ€ndige Dialogbereitschaft der Allianz.

Hans-Peter Hinrichsen, Referatsleiter im AuswĂ€rtigen Amt, warb fĂŒr einen Dreiklang mit Russland: ZunĂ€chst mĂŒsse die Tatsache, dass Russland nicht mehr als Partner anzusehen sei, „gemanaged“ werden; hierzu zĂ€hlten Transparenzaufbau, Deeskalation und Kontaktbereitschaft. DarĂŒber hinaus mĂŒsse die eigene Resilienz gestĂ€rkt werden. Schließlich hĂ€lt er begrenzte Kooperation in Bereichen mit gleichen Interessen weiterhin fĂŒr sinnvoll, so z. B. in der RĂŒstungskontrolle. „Gerade in schwierigen Zeiten brauchen wir vertrauensbildende Maßnahmen dringender als je zuvor“, betonte Hinrichsen.

Andrey Kortunov, Generaldirektor der Russischen Gesellschaft fĂŒr Internationale Beziehungen, beschuldigte hingegen den Westen der „Heuchelei“. Die Umsetzung des Minsker Abkommens als Voraussetzung fĂŒr einen Sanktionsabbau liege nicht allein in Moskaus Macht – wie es die NATO darstelle -, insbesondere die Ukraine hintertreibe das Abkommen. Kontunov warnte in diesem Zusammenhang vor einer „UnterschĂ€tzung der sozialen Resilienz in Russland“ – Sanktionen wĂŒrden dadurch ihren Zweck verfehlen. Vom kĂŒnftigen US-PrĂ€sidenten erwarte man ein deutlich zurĂŒckhaltenderes Auftreten im Nahen Osten, skizzierte er ferner die russische Sicht auf Trump.

Deutsch-britische Zusammenarbeit: „Sharing common values“

Den „Perspektiven der deutsch-britischen Zusammenarbeit im Verteidigungsbereich“ widmete sich das letzte Panel. Wie sieht die Zukunft der MilitĂ€rkooperation beider Staaten angesichts des Brexits aus? Die bestehende Kooperation habe Modellcharakter, der weit ĂŒber den bilateralen Rahmen hinausgehe, waren sich die Panelisten einig. Angesichts der kommenden Austrittsverhandlungen forderte Will Jessett, Direktor fĂŒr strategische Planung im britischen Verteidigungsministerium, die rasche StĂ€rkung der militĂ€rpolitischen Zusammenarbeit.

Generalleutnant Karl MĂŒllner hingegen erwartet lediglich geringe Auswirkungen auf die Praxis: „Die negativen Folgen des Brexits sind als gering einzuschĂ€tzen“, so der Luftwaffen-Inspekteur. „Die deutsch-britische Zusammenarbeit stĂŒtzt sich vor allem auf NATO-Strukturen“. Es bleibt jedoch abzuwarten, inwieweit die militĂ€rische Kooperation durch die Brexit-Anstrengungen beeintrĂ€chtigt wird.

James de Waal vom Londoner Think-Tank Chatham House forderte die Vertiefung der strategischen Partnerschaft. Deutschland und Großbritannien sollten stĂ€rker voneinander lernen. So attestierte er Deutschlands internationaler ZurĂŒckhaltung bei militĂ€rischen EinsĂ€tzen sogar Vorbildcharakter und schloss optimistisch: „Strategic co-operation between Great Britain and Germany is easy, because we share common values.“

Viele Einzelzitate finden Sie unter: #natotalk16

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