NATO TALK 2017

Bericht von der NATO Talk Kon­fe­renz 2017

Ein Bericht von: Sebas­ti­an Nie­ke und Phil­ipp Fritz (Bun­des­aka­de­mie für Sicher­heits­po­li­tik)

Das gesam­te Pro­gramm fin­den Sie hier.

Quo vadis, NATO ? Experten diskutieren am Brandenburger Tor

Die Her­aus­for­de­run­gen an die NATO stün­den klar im Raum, sag­te Bun­des­mi­nis­ter Chris­ti­an Schmidt zum Auf­takt der Kon­fe­renz – jetzt gel­te es, die Ant­wor­ten dar­auf zu koor­di­nie­ren, so sein Aus­blick auf den dies­jäh­ri­gen NATO Talk around the Bran­den­bur­ger Tor. „Die Poli­tik hat eine die­nen­de Funk­ti­on“, gab er dabei zu beden­ken, und somit sei mit Wahl­er­geb­nis­sen kon­struk­tiv umzu­ge­hen, „dies­seits und jen­seits des Atlan­tiks“. BAKS-Prä­si­dent Dr. Karl Heinz Kamp sag­te in sei­ner Begrü­ßung, dass der dies­jäh­ri­ge NATO Talk unter einem beson­de­ren Stern ste­he, denn nicht nur die künf­ti­gen trans­at­lan­ti­schen Bezie­hun­gen, son­dern „die Zukunft des Wes­tens ins­ge­samt“ ste­he auf dem Spiel. Zu den viel­ge­stal­ti­gen exter­nen Bedro­hun­gen durch Russ­lands Han­deln in Ost­eu­ro­pa sowie Extre­mis­mus und Staats­zer­fall im Mitt­le­ren Osten und Nord­afri­ka sei­en mit der Trump-Admi­nis­tra­ti­on und man­chen Signa­len ost­eu­ro­päi­scher Part­ner auch poli­ti­sche Her­aus­for­de­run­gen inner­halb des Wes­tens hinzugekommen.

NATO und EU: Separable but not Separate

Vor die­sem Hin­ter­grund ver­wies der Ver­tre­ter der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on in Deutsch­land Richard Küh­nel dar­auf, dass die Euro­päi­sche Uni­on „in ers­ter Linie Soft Power“ sei, doch „auch die stärks­te Soft Power kann lang­fris­tig nicht ohne ein Min­dest­maß an Ver­tei­di­gungs­in­te­gra­ti­on aus­kom­men“. Küh­nel stell­te zugleicht her­aus, dass die NATO der Kern euro­päi­scher Ver­tei­di­gung blei­be, denn ein Kon­kur­renz­ver­hält­nis zwi­schen EU und dem Atlan­ti­schen Bünd­nis „kann nie­mals eine Opti­on dar­stel­len.“ Ver­gleich­bar äußer­ten sich die Bot­schaf­te­rin Frank­reichs in Deutsch­land Anne-Marie Descôtes und der Geschäfts­trä­ger der US-Bot­schaft in Ber­lin Kent Logs­don auf dem ers­ten Podi­um der Kon­fe­renz. So stell­te Descôtes fest, es sei gut für Euro­pa, sei­ne Auto­no­mie aus­zu­bau­en, es mache jedoch kei­nen Sinn, „die euro­päi­sche Ver­tei­di­gung als Gegen­mo­dell zur NATO auf­zu­stel­len“. Log­son sag­te, er hal­te wie­der­um „more coope­ra­ti­ons in EU-Mis­si­ons like in Mali“ für sinn­voll – „bet­ween EU and NATO“. Bei­de begrüß­ten zudem das gestei­ger­te sicher­heits­po­li­ti­sche Enga­ge­ment Deutsch­lands. Unter dem Strich ließ sich der Blick auf die Zukunft der EU-NATO-Bezie­hun­gen somit auf eine alte, auch beim NATO Talk wie­der viel­ge­brauch­te For­mel brin­gen: „sepa­ra­ble but not separate“.

Blick nach Osten: Abschre­ckung und Dialog

Was bedeu­tet das für die NATO? Damit setz­te sich das zwei­te Podi­um, ein­ge­führt vom deut­schen Stän­di­gen Ver­tre­ter bei der NATO Bot­schaf­ter Dr. Hans-Die­ter Lucas, aus­ein­an­der. Als größ­te Her­aus­for­de­run­gen wur­den die Bedro­hung in Ost­eu­ro­pa und die Fol­gen des radi­ka­len Isla­mis­mus benannt. Der lang­jäh­ri­ge Außen­mi­nis­ter Tsche­chi­ens Alex­an­dr Von­dra for­der­te, dass gegen­über Russ­land auf die „Ein­hal­tung von red lines gepocht“ und zugleich aber die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit der Putin-Admi­nis­tra­ti­on auf­recht­erhal­ten wer­den müs­se. Um die­sen Dua­lis­mus von Abschre­ckung und Dia­log sicher­stel­len zu kön­nen, brau­che es einen Aus­bau der logis­ti­schen Struk­tu­ren, gab der Gene­ral­di­rek­tor des Inter­na­tio­na­len Mili­tärstabs der NATO Gene­ral­leut­nant Jan Bro­eks mit Blick auf die ange­kün­dig­ten Plä­ne für zwei neue Kom­man­do­stä­be des Bünd­nis­ses zu beden­ken. Pro­fes­sor Dr. Johan­nes Var­wick frag­te, ob denn alle Part­ner tat­säch­lich einen gemein­sa­men Blick gen Mos­kau hät­ten und sprach sich für einen „neu­en poli­ti­schen Anlauf“ mit Russ­land aus. Mit Blick auf das Enga­ge­ment der NATO im glo­ba­len Kri­sen­ma­nage­ment sag­te Var­wick: „Streit­kräf­te dür­fen nicht als Ersatz für feh­len­de poli­ti­sche Lösun­gen miss­braucht werden.“

Euro­päi­sche Sicher­heit bes­ser organisieren

Der bereits ange­klun­ge­nen Fra­ge nach der Rol­le der EU wid­me­te sich ein eige­nes Podi­um, das ganz unter der dem Ein­druck der jüngst ver­ab­schie­de­ten Plä­ne für eine stän­di­ge struk­tu­rier­te Zusam­men­ar­beit Euro­pas in Ver­tei­di­gungs­fra­gen („PESCO“) stand. Euro­pa habe Anpas­sungs­be­darf bei den Struk­tu­ren, so der ein­hel­li­ge Befund. „Es kann nicht sein, dass die Pan­zer beim Zoll ste­hen“, spitz­te Lei­te­rin des Euro­pean Poli­ti­cal Stra­te­gy Cen­tres der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on Syl­via Hart­leif zu, als sie auf die ent­ste­hen­den Schwie­rig­kei­ten ver­wies, wenn mili­tä­ri­sches Gerät quer durch Euro­pa bewegt wird, wie es gera­de im Rah­men der NATO-Mis­si­on Enhan­ced For­ward Pre­sence zur Rück­ver­si­che­rung der ost­eu­ro­päi­schen Part­ner immer wie­der erfor­der­lich ist. Ent­schei­dend sei aber aus Hart­leifs Sicht die finan­zi­el­le Fra­ge: „Zusam­men geben wir in der EU für Ver­tei­di­gung 50 Pro­zent des US-Etats aus, errei­chen aber nur 15 Pro­zent Effi­zi­enz.“ Die EU müs­se ihre Aus­ga­ben des­halb intel­li­gen­ter ein­set­zen. Ihre Kol­le­gin Ves­se­la Tcher­ne­va vom Büro des Euro­pean Coun­cil on For­eign Rela­ti­ons in Bul­ga­ri­en ver­wies dar­auf, dass euro­päi­sche Sicher­heit auch über Ver­tei­di­gung hin­aus zu den­ken sei: “Flucht, Migra­ti­on, Grenz­si­che­rung und inne­re Sicher­heit – dafür müs­sen wir nun Geld ausgeben.”

Der Wes­ten am Ende?

Klei­ne-Brock­hoff hielt fest, dass vor allem inne­re Her­aus­for­de­run­gen des Wes­tens ent­schei­dend für des­sen Zukunft wären, und die­se gel­te es nun anzu­ge­hen. Den USA sei dabei Ver­trau­en ent­ge­gen zu brin­gen, „solan­ge sie star­ke Kon­troll­me­cha­nis­men und einen star­ken Kon­gress“ hät­ten. Die Ver­bin­dung zu den Ver­ei­nig­ten Staa­ten wer­de auf­recht­erhal­ten – „trotz oder viel­leicht sogar gegen“ den amtie­ren­den US-Prä­si­den­ten Donald Trump. Des­sen Son­der­be­ra­ter und Abtei­lungs­di­rek­tor NATO und Euro­pa im Natio­na­len Sicher­heits­rat Richard Hoo­ker ver­wies wie­der­um dar­auf, dass aus Sicht der USA in Zukunft die Fra­ge der trans­at­lan­ti­schen Las­ten­tei­lung ent­schei­dend blei­be. Dass eine sol­che Las­ten­tei­lung nicht nur mate­ri­ell zu ver­ste­hen sei, son­dern wie in Afgha­ni­stan mög­li­cher­wei­se auch Men­schen­le­ben betref­fe, gab Pro­fes­sor Dr. Sön­ke Neit­zel zu beden­ken. Gera­de in der Bun­des­re­pu­blik sah er dies­be­züg­lich eine aus­ge­präg­te Zurück­hal­tung, die für die Glaub­wür­dig­keit Deutsch­lands, ob in NATO oder EU, zuwei­len pro­ble­ma­tisch sein könn­te: „Wir bie­ten zwar unse­re Fähig­kei­ten an, aber kämp­fen sol­len die anderen.“

Der NATO Talk Around the Bran­den­bur­ger Tor 2017 war eine Koope­ra­ti­ons­ver­an­stal­tung der Deut­schen Atlan­ti­schen Gesell­schaft und der Bun­des­aka­de­mie für Sicher­heits­po­li­tik. Die Kon­fe­renz wur­de durch die NATO, das Pres­se- und Infor­ma­ti­ons­amt der Bun­des­re­gie­rung und den Freun­des­kreis der Bun­des­aka­de­mie für Sicher­heits­po­li­tik e.V. unterstützt.

Das abschlie­ßen­de Podi­um wei­te­te aber­mals den Blick und frag­te nach der Zukunft der west­li­chen Wer­te­ge­mein­schaft. „Ich habe schon zu oft gehört, das Ende des Wes­tens ist gekom­men – ich glau­be das nicht“, sag­te Tho­mas Klei­ne­Brock­hoff, der 12 Jah­re in Washing­ton ver­bracht hat und zuletzt im Bun­des­prä­si­di­al­amt für die poli­ti­sche Pla­nung und die Reden von Bun­des­prä­si­dent Joa­chim Gauck zustän­dig war. Fyo­dor Lukya­nov, Chef­re­dak­teur der Zeit­schrift Rus­sia in Glo­bal Affairs warf nicht ohne Iro­nie ein, dass es nach zahl­rei­chen Inter­ven­tio­nen der NATO offen­bar allein Russ­land sei, wel­ches das Bünd­nis eini­ge. Zugleich sag­te er: „Wenn der Wes­ten wirk­lich am Ende wäre, dann wäre das eine Kata­stro­phe für die gan­ze Welt.“