Ein Bericht von: Katharina MĂŒnster und Sebastian Nieke (BAKS)
Das gesamte Programm finden Sie hier.





Unnötig, ĂŒberholt, gespalten? Die NATO wurde schon mit vielen Adjektiven belegt, die wenigsten davon freundlich. Dabei ist sie unverzichtbar fĂŒr Europa, sagen NATO-GeneralsekretĂ€r Jens Stoltenberg und internationale Experten beim NATO Talk 2018.
NATO-GeneralsekretĂ€r Jens Stoltenberg ist ein vielbeschĂ€ftigter Mann. Ende Oktober wohnte er der gröĂten NATO-Ăbung seit Ende des Kalten Krieges bei, Anfang November besuchte er Soldaten in Afghanistan, wenige Tage spĂ€ter gedachte er in Paris der Opfer des Ersten Weltkriegs. Trotz seines vollen Terminkalenders nahm er sich am 12. November Zeit, den NATO Talk around the Brandenburger Tor mit einer Grundsatzrede zu eröffnen und sich den Fragen von Konferenzteilnehmern zu stellen (zur Dokumentation der Rede bei der NATO hier klicken). âIch fĂŒhle, dass ich hier unter Freunden der NATO binâ, begrĂŒĂte er die rund 600 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der einer Kooperationsveranstaltung der Deutschen Atlantischen Gesellschaft und der BAKS. Noch viel mehr aber ging es ihm um eine andere Art von Freundschaft: die mal schwierige, mal zermĂŒrbende, aber weiter unverzichtbare Partnerschaft Europas und der USA.
âWir mĂŒssen ehrlich zugeben, dass es Unterschiede und Meinungsverschiedenheiten gibtâ, sagte Stoltenberg, âbeim Handel, beim Atomabkommen mit dem Iran und bei anderen Themen.â Zumindest auf der Konferenz war von Uneinigkeit wenig zu spĂŒren. Europa könne seine Sicherheit nicht alleine garantieren, so der allgemeine Tenor, und gerade deshalb mĂŒsse es mehr zur kollektiven Verteidigung beitragen. âTransatlantisch bleiben, europĂ€ischer werdenâ ist derzeit eine vielgehörte Forderung dazu, und der NATO Talk hatte sich zum Ziel gesetzt, zu erörtern, wie das in Zukunft gelingen kann.
US-NATO-Politik: rhetorischer Bruch, faktische KontinuitÀt
Ein stĂ€rkerer Beitrag Europas zur Verteidigung ist auch eine der Kernforderungen US-PrĂ€sident Trumps seit seinem Amtsantritt â wenn er nicht gerade die EU als Feind bezeichnet oder den Multilateralismus in Zweifel zieht. âPrĂ€sident Trump ist ein Nullsummenspielerâ, sagte Botschafter a.D. Dr. Klaus Scharioth in seinem Auftaktstatement zum NATO Talk. In der internationalen Politik gemeinsam mehr zu erreichen sei keine Option fĂŒr ihn. Und was bedeutet das fĂŒr die Allianz? Beim NATO Talk wurde rasch deutlich, dass es Unterschiede zwischen der Rhetorik des US-PrĂ€sidenten und der Allianzpolitik der USA gibt. So sagte GeneralsekretĂ€r Stoltenberg in seiner Rede, dass die Vereinigten Staaten ihr Engagement in der NATO sogar gesteigert hĂ€tten. âIn den letzten Jahren haben die USA das Budget fĂŒr ihre militĂ€rische PrĂ€senz in Europa um vierzig Prozent erhöhtâ, so Stoltenberg. Uneinigkeiten seien in einem BĂŒndnis von Demokratien stets ânatĂŒrlichâ, diese habe es auch frĂŒher gegeben. âDie Lehre aus der Geschichte ist aber, dass wir in der Lage sind, unsere Differenzen zu ĂŒberwindenâ, so Stoltenberg â das gelte es auch zukĂŒnftig sicherzustellen.




âZwei Prozent, sonst nichtsâ?
FĂŒr Stoltenberg und viele Teilnehmer der Konferenz Ă€ndert das nichts daran, dass Europa mehr fĂŒr seine Sicherheit tun muss. âIch brauche höhere Verteidigungsausgaben â auch von Deutschlandâ, forderte der GeneralsekretĂ€r. In den USA bestehe darĂŒber ein Konsens, und das bereits seit Trumps AmtsvorgĂ€nger Obama, wie viele Diskutanten unterstrichen. âFĂŒr den PrĂ€sidenten heiĂt es Zwei Prozent, sonst nichtsâ, sagte Julianne Smith von der Robert Bosch Academy. Die Demokraten wĂŒrden die gleiche Forderung schon seit Jahren stellen, unterstrich Smith, die zuvor in der Obama-Administration tĂ€tig gewesen war. Klaus Scharioth wiederum gab zu bedenken, dass dabei nicht nur in militĂ€rischen Bahnen gedacht werden mĂŒsse: âWenn ich einen Hammer habe, ist noch nicht jedes Problem ein Nagelâ, so der langjĂ€hrige deutsche Botschafter in Washington. So seien auch zivile BeitrĂ€ge zur gemeinsamen Sicherheit mitzubedenken, etwa in der KrisenprĂ€vention oder bei der Integration von FlĂŒchtlingen.
Die Rede von GeneralsekretÀr Stoltenberg können Sie hier anschauen:
Keine Konkurrenz zwischen EU und NATO
Mit Blick auf die Frage, was die EuropĂ€ische Union mit Blick auf die sicherheits- und verteidigungspolitische Lastenteilung leisten könne, betonte Stoltenberg, dass es nicht zur Konkurrenz zwischen EU und NATO kommen dĂŒrfe. EuropĂ€ische Zusammenarbeit im Verteidigungsbereich sei ihm willkommen â âaber nur, wenn sie in der transatlantischen Partnerschaft verankert ist.â Gerade den von den USA geleisteten Beitrag ersetzen zu wollen, sei illusorisch. âNach dem Brexit werden 80 Prozent der Verteidigungsausgaben in der NATO von Staaten auĂerhalb der EU kommenâ, stellte Stoltenberg heraus. âEuropĂ€ische Einigkeit kann transatlantische Einigkeit daher niemals ersetzenâ, so sein Fazit.
EuropÀische Armee versus Armee der EuropÀer
Auch auf die gegenwĂ€rtige Diskussion um eine âeuropĂ€ische Armeeâ versus eine âArmee der EuropĂ€erâ ging die Konferenz ein. Generalleutnant Hans-Werner Wiermann, der Deutschland in den MilitĂ€rausschĂŒssen der NATO und der EU vertritt, sah eine EU-Armee als âidealtypische Figurâ, die aber âdurchaus nĂŒtzlich seinâ könne, um die StreitkrĂ€ftekooperation auf dem Kontinent weiter zu vertiefen. Ăhnlich Ă€uĂerte sich der stellvertretende britische NATO-Botschafter Nick Pickard. Er habe âno angstâ vor einer europĂ€ischen Armee â diese könne âein Luftschlossâ im positiven Sinne sein. Er zweifle allerdings am Willen der Parlamente Frankreichs und Deutschlands, eine solche Armee wirklich mitzutragen. General Wiermann wies wiederum auf die Frage nach der Legitimation hin: Beim Einsatz von StreitkrĂ€ften gehe es âum Leben und Tod â wer ĂŒbernimmt dafĂŒr die Verantwortung?â Diese Frage mĂŒsse âin BrĂŒssel politisch beantwortet werdenâ. Der bisweilen geĂ€uĂerten Kritik, dass gerade der Parlamentsvorbehalt des Deutschen Bundestages einer stĂ€rkeren StreitkrĂ€fteintegration Europas im Wege stehe, wurde beim NATO Talk energisch widersprochen. Der GrĂŒnen-Abgeordnete Dr. Tobias Linder verwies auf das EuropĂ€ische Parlament als Instanz, um sicherzustellen, âdass die Entscheidung demokratisch legitimiert istâ, wenn denn eines Tages EU-gemeinsame StreitkrĂ€fte zum Einsatz kĂ€men.





Den INF-Vertrag erhalten
Ăberlagert wurde der NATO Talk durch die AnkĂŒndigung US-PrĂ€sident Trumps, den amerikanisch-russischen INF-Vertrag zu verlassen, welcher seit 1987 ballistische Mittelstreckenraketen verbietet und dessen Einhaltung durch Russland insbesondere von US-Experten seit lĂ€ngerem bezweifelt wird. GeneralsekretĂ€r Stoltenberg bezeichnete den Vertrag in seiner Rede als einen âEckpfeiler der RĂŒstungskontrolleâ, der gerade âaus transatlantischen Anstrengungen heraus entstandenâ sei. Er sprach sich fĂŒr die Erhaltung des Vertrags aus und mahnte zugleich dessen Einhaltung durch Russland an: âWir dĂŒrfen Vertragsverletzungen nicht sanktionslos zulassen.â Botschafter Scharioth schloss sich ihm an: âWir mĂŒssen Russland ganz klar machen, dass wir diese Verletzung nicht akzeptieren können.â Europa drohe sonst von dem Schutz der nuklearen Abschreckung im Rahmen des nuklearen Gleichgewichts zwischen Russland und den USA abgekoppelt zu werden. Scharioth warb deshalb fĂŒr den Dialog mit Russland und verwies als etwaigen Ausweg auf die Möglichkeit, den Vertrag durch Einbeziehung neuer Vertragspartner wie China zu multilateralisieren.
Der NATO Talk Around the Brandenburger Tor
Der NATO Talk Around the Brandenburger Tor wurde 2008 von der Deutschen Atlantischen Gesellschaft ins Leben gerufen. Seit 2014 wird er gemeinsam mit der Bundesakademie fĂŒr Sicherheitspolitik ausgerichtet. Die Konferenz bringt einmal im Jahr nationale und internationale Experten und EntscheidungstrĂ€ger zusammen, um ĂŒber aktuelle Fragen der NATO zu diskutieren.












