Hohe Temperaturen lassen den Permafrostboden in Alaska auftauen. Heftige NiederschlĂ€ge fĂŒhren zu erheblichen BauschĂ€den an GebĂ€uden auf der Eielson Air Force Base bei Fairbanks und ziehen Reparaturkosten in Millionenhöhe nach sich. Bewaffnete Auseinandersetzungen werden in Kamerun zwischen Fischern und Bauern um knapper werdende Wasserressourcen gefĂŒhrt, hunderte sterben, tausende mĂŒssen fliehen. Die Auswirkungen des Klimawandels stellen das MilitĂ€r vor neue, unvorhergesehene Herausforderungen, die sowohl die Einsatzbereitschaft als auch die finanzielle Belastbarkeit der StreitkrĂ€fte auf die Probe stellen. Es stellt sich daher die Frage, inwieweit das MilitĂ€r in KlimaschutzmaĂnahmen eingebunden ist, welche Auswirkungen zu erwarten sind und wie dem Klimawandel von Seiten des MilitĂ€rs begegnet werden kann.
Ein Ansatzpunkt ist Deutschlands neue Nationale Sicherheitsstrategie. Hier werden die Auswirkungen des Klimawandels auf die nationale Sicherheit zwar grundsÀtzlich anerkannt, aber gerade im Hinblick auf das MilitÀr geht die Analyse nicht weit genug. Die Rolle militÀrischer Einrichtungen, der Schutz der operativen EinsatzfÀhigkeit, die strategischen Implikationen, aber auch die Vorteile der Umsetzung von Klimaschutzzielen mit Blick auf geopolitische Interessen werden nicht erwÀhnt.
Bedrohung fĂŒr Soldaten, Infrastruktur und AusrĂŒstung
Steigende Temperaturen, extreme Wetterereignisse und der Anstieg des Meeresspiegels haben weitreichende Folgen fĂŒr Soldaten, militĂ€rische Logistik und AusrĂŒstung. Der menschliche Körper wird durch anhaltende Hitze stark belastet. Soldatinnen und Soldaten mĂŒssen sich auf immer lĂ€ngere Perioden extremer Hitze im Einsatz einstellen. Die militĂ€rische AusrĂŒstung muss ĂŒberdacht werden, um die körperliche Belastung der Soldaten zu reduzieren. Leichtere AusrĂŒstung unter Beibehaltung der Schutzwirkung oder die Planung der Trinkwasserversorgung sind Aspekte, die bisher kaum berĂŒcksichtigt wurden. Gleichzeitig muss die militĂ€rische Infrastruktur ĂŒberdacht werden. Heftige WaldbrĂ€nde haben beispielsweise dazu gefĂŒhrt, dass eine der gröĂten militĂ€rischen Einrichtungen der USA, die Travis Air Force Base in Nordkalifornien, evakuiert werden musste, wĂ€hrend andernorts milliardenteure Flugzeuge beschĂ€digt wurden. Der Schutz dieser Einrichtungen muss ebenso in die Planungen einbezogen werden, wie sich die Einsatzlogistik durch die mögliche Unbenutzbarkeit von Transportwegen wie StraĂen und Schienen massiv verĂ€ndern kann.
Spannungen um knappe Ressourcen werden steigen
Landverknappung durch DĂŒrren, wiederholte Ăberschwemmungen von AckerflĂ€chen, steigende Nahrungsmittelpreise durch ErnteausfĂ€lle, verĂ€nderte Bedingungen fĂŒr die Viehwirtschaft, Wassermangel und andere Extremereignisse können gesellschaftspolitische Spannungen verschĂ€rfen. Fluchtbewegungen, die durch die genannten PhĂ€nomene ausgelöst werden, sind bereits zu beobachten. Die Wahrscheinlichkeit, dass das MilitĂ€r vermehrt in humanitĂ€re EinsĂ€tze oder Friedensmissionen eingebunden wird, steigt. Auf der anderen Seite eröffnet das Abschmelzen der Eismassen an den Polkappen neue Möglichkeiten der Rohstoffgewinnung und der Nutzung von Schiffspassagen â sowohl fĂŒr zivile als auch fĂŒr militĂ€rische Zwecke. So beobachten das US-MilitĂ€r, aber auch Norwegen bereits verstĂ€rkte militĂ€rische AktivitĂ€ten russischer und chinesischer StreitkrĂ€fte in bisher ungenutzten oder neutralen Gebieten wie Spitzbergen. Wesentliche kritische Infrastrukturen wie Gaspipelines oder Tiefsee-Internetkabel wĂ€ren durch militĂ€rische AktivitĂ€ten massiv gefĂ€hrdet.
StreitkrÀfte als Kohlenstoffdioxidemittenten
Ob der Klimawandel in seinem derzeitigen AusmaĂ noch aufgehalten oder zumindest verlangsamt werden kann, ist umstritten. Klar ist aber, dass die vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen reduziert werden mĂŒssen, um Schlimmeres zu verhindern. Das MilitĂ€r ist in besonderem MaĂe an den CO2-Emissionen beteiligt, so ist z.B. das US-MilitĂ€r einer der gröĂten staatlichen Verbraucher fossiler EnergietrĂ€ger und trĂ€gt hier eine besondere Verantwortung.
Ganz allgemein gesprochen verbraucht vor allem der Betrieb von MilitĂ€rfahrzeugen und âflugzeugen, die oft mit groĂen und leistungsstarken Motoren ausgestattet sind, viel Treibstoff und verursacht damit hohe CO2-Emissionen. Aber auch der Betrieb von militĂ€rischen Einrichtungen wie Kasernen, Ausbildungszentren und Waffendepots trĂ€gt zum AusstoĂ von Treibhausgasen bei, da fĂŒr Beleuchtung, Heizung und KĂŒhlung groĂe Mengen an Energie benötigt werden, die hĂ€ufig aus fossilen Brennstoffen gewonnen wird. Auch bei der Produktion von Waffen und RĂŒstungsgĂŒtern, die oft energieintensive Herstellungsprozesse erfordert, entstehen erhebliche Mengen an CO2.
Eine effektive und glaubwĂŒrdige Klimaschutzstrategie kann nur dann erfolgreich sein, wenn die militĂ€rischen Institutionen in die Planungen zur Emissionsminderung einbezogen werden. Ein Umstand, der in der Nationalen Sicherheitsstrategie keine ErwĂ€hnung findet. Aber nicht nur der Verzicht sollte im Vordergrund stehen, sondern auch die Nutzung der immensen Innovationschancen.
Innovationen und Investitionen schĂŒtzen
In all den genannten Bereichen besteht ein erhebliches Potenzial fĂŒr Emissionsminderungen durch intensive Forschung und Innovation. Die Herausforderung besteht darin, dass die derzeitigen industriellen Lösungen oft unzureichend sind. MilitĂ€rische EinsĂ€tze finden oft unter extremen Bedingungen statt und erfordern eine hohe ZuverlĂ€ssigkeit von AusrĂŒstung und Technologie, die unter schwierigen Bedingungen wie Schmutz oder starken Temperaturschwankungen funktionieren mĂŒssen. Zweifel an der ZuverlĂ€ssigkeit können den Einsatz gefĂ€hrden und letztlich dem Ansehen der Truppe schaden. Investitionen in klimafreundliche, grĂŒne Technologien fĂŒr den militĂ€rischen Einsatz können jedoch das Vertrauen in diese Technologien wieder stĂ€rken. Gleichzeitig können die erheblichen Ausgaben zu ganz neuen Kooperationen fĂŒhren, die Wirtschaft ankurbeln und neue ArbeitsplĂ€tze schaffen. Ebenso können, wie sich in der Vergangenheit immer wieder gezeigt hat, Investitionen im militĂ€rischen Bereich zu erheblichen Verbesserungen im zivilen Bereich fĂŒhren.
Trotz dieser Herausforderungen und trotz berechtigter Zweifel am derzeitigen Stand klimafreundlicher Technologien, wie z.B. der geringen Effizienz von Batterien, können konkrete Anstrengungen zur deutlichen Reduktion von Emissionen mittel- und langfristig zu einem strategischen Vorteil werden. Investitionen in klimafreundliche Technologien wie Solarenergie, Wind- und Wasserkraft oder neue Antriebsformen wie Wasserstoff machen die NATO-Staaten unabhĂ€ngiger von Ăl- und Gasimporten. Gleichzeitig wĂ€chst der strategische Vorteil. Systeme, die ohne externe Energiequellen auskommen, sind flexibler einsetzbar und können autarker agieren. So ist das MitfĂŒhren von Treibstoff in Konfliktgebiete ein extremes Risiko, Treibstofflager und lieferungen sind ein wichtiges Ziel im aktuellen Krieg in der Ukraine. Ebenso sind StreitkrĂ€fte, insbesondere in LĂ€ndern mit geringen eigenen Ressourcen an fossilen Brennstoffen, von globalen Preisen und Lieferketten abhĂ€ngig. Ausgedehnte militĂ€rische Konflikte können die Kosten massiv in die Höhe treiben. Ausgaben, die nicht von allen getragen werden können oder an anderer Stelle effizienter ausgegeben werden könnten.
In einer sich dynamisch verĂ€ndernden geopolitischen Landschaft ist die unbegrenzte VerfĂŒgbarkeit fossiler Brennstoffe keineswegs garantiert. Selbst kurzfristige VersorgungsengpĂ€sse können Milliarden kosten oder im Ernstfall das Leben von Soldaten gefĂ€hrden. Die Verringerung der AbhĂ€ngigkeit von fossilen Brennstoffen kann daher die Autonomie militĂ€rischer Operationen erhöhen und gleichzeitig die nationale Sicherheit stĂ€rken. Diese Autonomie kann in den kommenden Jahren ein wichtiger geostrategischer Vorteil sein, insbesondere vor dem Hintergrund sich verĂ€ndernder globaler Allianzen.
Geopolitik und Klimawandel mĂŒssen zusammen gedacht werden
Wenn die Ukraine bombardiert wird und die Verteidigungsministerien genug damit zu tun haben, die grundlegenden Sicherheitsgarantien zu gewĂ€hrleisten, könnte man sich fragen, ob dies der richtige Zeitpunkt ist, um ĂŒber den Klimawandel und seine Auswirkungen auf das MilitĂ€r nachzudenken. Wir mĂŒssen jedoch aufhören, in Listen zu denken und davon auszugehen, dass die russische Bedrohung jetzt bekĂ€mpft wird und der Rest spĂ€ter kommt. Die Bedrohungslandschaft ist vielschichtig und eine Bedrohung kann neben einer anderen bestehen. Deshalb ist es wichtig, im Rahmen einer Sicherheitsstrategie die militĂ€rischen Aspekte des Klimawandels viel stĂ€rker mitzudenken und zu berĂŒcksichtigen.





