Justyna Gotkowska, stellvertretende Direktorin des unabhĂ€ngigen Warschauer âCenter for Eastern Studiesâ (OSW), kann sich noch gut daran erinnern, wie der frĂŒhere polnische StaatsprĂ€sident Lech KaczyĆski im Jahr 2008 in Tiflis gegen das militĂ€rische Vorgehen Russlands demonstriert hat und sagte: âWir wissen sehr gut, dass heute Georgien, morgen die Ukraine, ĂŒbermorgen die baltischen Staaten und dann vielleicht mein Land, Polen, an der Reihe sindâ. Dieses Zitat widerspiegele gut die Sicht von Polens Bevölkerung auf den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine.
Dieser Krieg wirkt wie ein Katalysator auf die polnisch-deutschen Beziehungen, denn er macht einerseits deutlich, wie sehr beide Nationen das gleiche Ziel verfolgen, nĂ€mlich Frieden in Europa wieder herzustellen. Geht es andererseits um den richtigen Weg dorthin, scheinen sich viele Ăbereinstimmungen und ErklĂ€rungen in Luft aufzulösen â in dicke Luft, um es salopp zu formulieren.
Auf der MĂŒnchner Sicherheitskonferenz hat Bundeskanzler Olaf Scholz den besonders in Warschau vorgetragenen Dauervorwurf der deutschen Zögerlichkeit in Fragen der militĂ€rischen UnterstĂŒtzung der Ukraine zurĂŒckgewiesen. Nach der generellen Freigabe der Lieferung von Leopard-Panzern sei er nun gespannt, wer von den laut fordernden LĂ€ndern seine modernen Kampfpanzer denn nun nach Kiew auf die Reise schicken werde.
Was sich wie GeplĂ€nkel anhört, hat weitreichende Folgen, denn gerade die Frage, ob die Ukraine diesen Krieg nicht nur nicht verlieren, sondern auch gewinnen soll, unterscheidet die deutsche und die polnische Strategie gegenĂŒber Russland an entscheidender Stelle.
Justyna Gotkowska erklĂ€rt im GesprĂ€ch mit Moderator Oliver Weilandt ihre These, nach der Bundeskanzler Olaf Scholz Angst vor einer âtotalen Niederlage Russlandsâ habe, denn diese könnte ein unvorhersehbares (vielleicht noch viel schlimmeres) Russland nach Putin bedeuten; wobei Scholz darĂŒber nicht offen rede, wĂ€hrend der französische StaatsprĂ€sident Emmanuel Macron durchaus sage, dass Frieden mit Russland nur möglich sei, wenn die Ukraine nicht alle Gebiete zurĂŒckgewinne.
Sie erlÀutert auch, warum man die Angst Deutschlands (und Frankreichs) vor dem Einsatz nuklearer Waffen durch Russland gerade in den Ost-Mittel-Staaten Europas nicht teile, obwohl diese Staaten wahrscheinlich als erste betroffen wÀren.
In dieser Folge des Atlantic Talk Podcasts geht es auch um die geopolitische Neuordnung Europas aus polnischer Perspektive: Wo verortet sich Polen in einer kĂŒnftigen europĂ€ischen Friedensordnung, wenn es gemeinsam mit der Ukraine Memoranden fĂŒr energie- und infrastrukturelle Zukunftsprojekte unterzeichnet? Ist die kĂŒnftige Achse Warschau-Kiew eine Art âĂlysĂ©e-Vertragâ und eine Union innerhalb der Union â oder liegt die Zukunft noch mehr als bisher in der verstĂ€rkten Integration Polens und der Ukraine in EU und NATO?
Eine Aufzeichnung vom 20.02.2023.






