Ein auf zwei Meter. Betonboden. Ein Fensterloch mit Gittern. Der Himmel ist nicht zu sehen. Eine Holzpritsche als Liegeplatz, ein Tisch, ein Waschbecken, ein Loch im Boden fĂŒr die Notdurft. Keine Matratze, keine Decke, keine Heizung. Keine BĂŒcher, keine Briefe, keine Besuche. Die komplette Isolation von der AuĂenwelt. Schlafen ist im Winter nicht möglich. Es ist eisig kalt. Man wacht immer wieder auf, zitternd, und muss sich bewegen. Essensrationen sind die einzige Abwechslung. Ansonsten nichts, auĂer das eigene ausgezehrte KörpergefĂŒhl, die zermĂŒrbenden Gedanken. Es ist menschenunwĂŒrdig. Es ist Folter. Viele verletzen sich selbst, um einen Tag auf der Krankenstation zu verbringen. Einige versuchen sich umzubringen. Zu viele sind an diesen UmstĂ€nden bereits gestorben.
Das ist heute der brutale Alltag in belarusischen GefÀngnissen. Die Strafisolationshaft ist der Preis, den viele Demokratinnen und Demokraten seit dem Sommer 2020 in Belarus zahlen, weil sie Lukaschenkas Diktatur durch freie Wahlen beenden wollten.
Vor drei Jahren, am 9. August 2020, fanden in Belarus die gefĂ€lschten PrĂ€sidentschaftswahlen statt. Ein ikonischer wie brutaler Sommer. In weiĂ-rot-weiĂ gingen hunderttausende Belarusinnen und Belarusen aus Protest auf die StraĂe. Sie versammelten sich hinter dem mutigen Frauentrio von Swetlana Tichanowskaja, Maria Kalesnikawa und Veronika Zepkala. Es war eine Stimmung der Hoffnung. Der Wille nach Freiheit und demokratischer Ăffnung war ĂŒberall im Land spĂŒrbar. Doch Diktator Lukaschenka ging fĂŒr den eigenen Machterhalt wörtlich ĂŒber Leichen. Seine Schergen prĂŒgelten die Opposition blutig nieder, zu viele bezahlten mit ihrem Leben. Tausende wurden in Schauprozessen verurteilt, andere ins Exil gezwungen. Vereine wurden zwangsaufgelöst, unabhĂ€ngige Medien geschlossen, Messenger-Dienste gesperrt. Das Recht auf freie MeinungsĂ€uĂerung existiert nicht. Bis heute steigt die Zahl der politischen Gefangenen fast tĂ€glich, bis heute werden die Gefangenen gefoltert.
Einer von ihnen ist Ihar Losik. 31 Jahre, Journalist, Vater einer kleinen Tochter. Ihar Losik wurde im Juni 2020 verhaftet, weil er sich fĂŒr freie Wahlen einsetzte. Seine Frau Daria wurde im Oktober 2022 vor den Augen der Tochter verhaftet, weil sie sich unermĂŒdlich fĂŒr Ihars Freilassung einsetzte. Beide bezahlen ihren Einsatz fĂŒr Demokratie mit einem grausamen Preis: der Trennung von ihrer Tochter.
Als Abgeordneter habe ich die Patenschaft fĂŒr Ihar und Daria Losik ĂŒbernommen. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen setze ich mich fĂŒr die Freilassung aller politischen Gefangenen in Belarus ein. Wir schreiben Briefe, erzĂ€hlen ihre Geschichte. Wir machen die ĂŒber 1.450 unschuldig Inhaftierten sichtbar, solange sie hinter Gittern sind. Wir werden keinen von ihnen vergessen, bis der letzte von ihnen wieder in Freiheit ist.
Menschlich, politisch und historisch empfinde ich es als meine Pflicht, die Demokratiebewegungen in Europa zu unterstĂŒtzen. Sie zu unterstĂŒtzen, liegt aber auch in unserem eigenen Interesse. Warum? Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine machte erneut und brutal deutlich, dass autokratische RĂ©gime keine vermeintlichen Garanten fĂŒr StabilitĂ€t sind, sondern zu Krieg und Zerstörung der europĂ€ischen Friedensordnung bereit sind. Belarus ist unter Diktator Lukaschenka zum Aufmarschgebiet russischer Truppen geworden. Skrupellose Wagner-Söldner sollen nun die belarusische Armee ausbilden. Wir haben deshalb ein ureigenes Interesse, nicht nur militĂ€risch die NATO-Ostflanke bestmöglich vor imperialistischen TrĂ€umen des Kremls zu schĂŒtzen, sondern auch die demokratischen KrĂ€fte in unserer Nachbarschaft zu stĂ€rken. Denn nur mit ihnen wird ein dauerhafter Frieden in Europa zu machen sein.
Der Sommer 2020 hat in Belarus etwas verÀndert. Die BrutalitÀt des Regimes verursachte ein kollektives Trauma. Jede Familie, jeder Freundeskreis ist betroffen. Jeder kennt jemanden, der verhaftet, gefoltert, verschleppt oder ermordet wurde. Aus diesem kollektiven Trauma ist jedoch eine beeindruckende Widerstandskraft erwachsen. Im Untergrund. Im Exil.
Diktaturen verschwinden nicht von heute auf morgen. Wir alle brauchen einen langen Atem. Demokratische Exil-Strukturen mĂŒssen wir daher langfristig unterstĂŒtzen. Ehemalige politische Gefangene, Oppositionelle, Journalisten, Juristinnen, Ărzte, Studierende, Wissenschaftler, KĂŒnstlerinnen, IT-Experten â sehr viele waren und sind gezwungen, ihr Land zu verlassen, weil sie den Mut zum Protest hatten. Ihnen gilt meine ungebrochene SolidaritĂ€t. Vilnius und Warschau sind zum Zufluchtsort der belarusischen Demokratiebewegung geworden. Auch in Berlin sollten wir noch mehr tun und die mutigen Demokratinnen und Demokraten aus Belarus stĂ€rker unterstĂŒtzen. Ihnen rufe ich zu: Wir sehen Euch und Euren Mut, Eure StĂ€rke, Eure Resilienz. Wir stehen fest an Eurer Seite. Wir werden Euch unterstĂŒtzen â solange wie nötig. ĐŃĐČĐ” ĐДлаŃŃŃŃ!






