Warum Deutschland seine Sicherheit nicht lÀnger von Personen abhÀngig machen sollte
Der Ausgang der US-PrĂ€sidentschaftswahl am 4. November 2024 hĂ€lt nicht nur Sicherheitsexperten in Atem. Falls Donald Trump das Rennen macht, muss Europa seinen militĂ€rischen Schutz selbst in die Hand nehmen. Mit Kamala Harris könnten die Deutschen und ihre Nachbarn ruhiger schlafen. Doch muss der Blick erst ĂŒber den Atlantik schweifen, um zu erkennen, dass es nicht ratsam ist, Sicherheits- und Verteidigungspolitik von Personen abhĂ€ngig zu machen? Politische Entscheider kommen und gehen, militĂ€rische, klimabedingte und vor allem Cyber-Bedrohungen bleiben.
HypeverdÀchtig: Lichtgestalten
Nach dem Gewese um Freiherr Karl-Theodor zu Guttenberg gibt es in Truppe und Bevölkerung wieder einen Hype. Das Objekt: Bundesminister der Verteidigung Boris Pistorius. Immer mehr Menschen im Lande verklĂ€ren ihn zur Lichtgestalt, die es in Zeiten des Ukraine-Krieges schon richten werde. DafĂŒr gibt es durchaus sachliche GrĂŒnde. Als ehemaliger Innenminister Niedersachsens weiĂ er, wie innere Sicherheit geht. Von da ist es aus Sicht vieler nur ein kleiner Schritt fĂŒr einen, der in der Bundeswehr gedient hat, zum Dienstherrn der StreitkrĂ€fte. Im Kontext des Konzeptes vernetzter Sicherheit passt Pistorius deshalb gut ins Bild. Doch alles, was er fĂŒr die Bundeswehr erreichen will â ob Wehrhaftigkeit oder Wehrpflicht â muss durch ein Nadelöhr: seine Partei, die SPD. Und als wĂ€re diese als Showstopper, der u.a. die Ausstattung mit bewaffnungsfĂ€higen Drohnen und eine Aufstockung des Verteidigungsetats auf das nötige, NATO-kompatible Niveau ĂŒber Jahrzehnte verhinderte, nicht schon genug, muss er vermeiden, mit seiner PopularitĂ€t den Groll des Bundeskanzlers heraufzubeschwören. Der Herr in Hardthöhe und Bendlerblock ist gleichwohl zum informellen FĂŒhrer verdammt. Denn ihm schreibt Meinungsumfragen zufolge eine Mehrheit jene FĂŒhrungskraft zu, die sie dem Kanzler abspricht. FĂŒr die Politik aus seinem Hause, dem Bundesministerium der Verteidigung (BMVg), bedeutet das: Egal wie sinnvoll die VorschlĂ€ge zu Erneuerung und StĂ€rkung der Bundeswehr sein mögen, sie stoĂen an parteipolitische und persönliche Grenzen, liegen in der Folge deshalb hĂ€ufig auf Eis und verschwinden schlieĂlich mit Ablauf einer Legislaturperiode im Nebel der DiskontinuitĂ€t.
Hybris?
Ăhnlich erfolglos endete der Versuch der AuĂenministerin, das Konzept eines Nationalen Sicherheitsrates (NSR) fĂŒr Deutschland zu usurpieren. Kanzler wie Beamte am Werderschen Markt waren wenig erpicht auf einen Egotrip, der ihrem tradierten Gestaltungs- und Machtanspruch zuwiderlief. Ob die Ministerin letztlich am Widerstand von Karrierediplomaten scheiterte, sei dahingestellt. Beseelt von den Möglichkeiten ihres Amtes bĂŒrstete sie jedenfalls krĂ€ftig gegen den Strich ihrer Partei, den GrĂŒnen, indem sie den NSR ohne deren RĂŒckendeckung erstmals öffentlich erwĂ€hnte. Nachdenken ĂŒber einen Nationalen Sicherheitsrat â eigentlich logisch fĂŒr eine, die die Erstellung einer Nationalen Sicherheitsstrategie zu stemmen hatte. Es hĂ€tte ein Meilenstein fĂŒr die Nationale Sicherheit der Bundesrepublik werden können. Doch das scheiterte schon daran, dass das AuswĂ€rtige Amt (AA), die Amtschefin oder beide der Hybris verfielen, sie könnten bei der Erstellung einer Nationalen Sicherheitsstrategie die Beteiligung anderer Ressorts gen Null schrumpfen und die LĂ€nder gleich ganz auĂen vor lassen. All dies gipfelte in einer merkwĂŒrdigen Pressekonferenz, in der die Ministerin des AuswĂ€rtigen einen Bogen ins zutiefst Innere der Bundesrepublik zu schlagen suchte. Ein Nationaler Sicherheitsrat passe nicht zu Verfassung und Föderalismus. Ob das die Ăsterreicher, die ihren in einem föderalen System verankerten NSR derzeit aufwerten und fĂŒr zusĂ€tzlichen Schutz vor AnschlĂ€gen sorgen, genauso sehen? Nicht unerwĂ€hnt bleiben darf, um wie vieles fĂ€higer als das AA sich das BMVg ĂŒber Jahrzehnte erwiesen hatte, als ihm noch die FederfĂŒhrung ĂŒber WeiĂbĂŒcher zur Bundeswehr und zur Sicherheit des Landes ĂŒbertragen war. Statt weitblickender Strategie verstaubt nun ein Hochglanz-ErklĂ€rbuch Ă la Grundkurs AuĂenpolitik in den Regalen. Das kommt davon, wenn vorpreschende Einzelne nicht im Verfahren umfassender Ressortabstimmung wieder eingebremst werden, weil es kein institutionelles Korrektiv wie den Nationalen Sicherheitsrat gibt.
Auch der Bundeskanzler widmete sich mit der Frage, ob und wo ein Nationaler Sicherheitsrat eingerichtet werden solle, einem Thema, ĂŒber das es wie im grĂŒnen Lager bis dahin keinerlei Stellungnahmen, BeschlĂŒsse oder AntrĂ€ge aus dem Willy-Brandt-Haus gegeben hatte. Dazu geraten haben dĂŒrfte ihm der konservative Seeheimer Kreis der Sozialdemokraten. Um drei Ziele zu erreichen: Kanzler und Koalition in ein besseres Licht zu rĂŒcken, Union und Liberalen ein zentrales Projekt weg- und die verunsicherte Bevölkerung fĂŒr sich einzunehmen. Denn im Gegensatz zur SPD hatten CDU und CSU das Modell aus der Wissenschaft zur Einrichtung eines Nationalen Sicherheitsrates in PrĂ€sidiumsbeschlĂŒssen, Parteiprogrammen, parlamentarischen AntrĂ€gen und Pressestatements lĂ€ngst aufgegriffen und mit dem Partei- und Fraktionsvorsitzenden Friedrich Merz sogar zur Chefsache gemacht. Die FDP, die das Konzept bereits frĂŒher in die eigene Programmatik integriert und die Idee eines EuropĂ€ischen Sicherheitsrates dafĂŒr aufgegeben hatte, kam mit ihren Forderungen aber als leiser Rufer in der Koalition letztendlich nicht zum Ziel. Unwahrscheinlich, dass sie als BefĂŒrworter dort ĂŒberhaupt gehört wurde. Indes werden deren ReprĂ€sentanten nicht mĂŒde, einen NSR zu fordern, jĂŒngst erst wieder im Nachgang zum Afghanistan-Untersuchungsausschuss. Allerdings ohne zu erwĂ€hnen, dass sowohl beim Abzug der Bundeswehr von dort als auch bei den Evakuierungen aus Mali und dem Sudan vier bis zu zwölf Monate frĂŒher hĂ€tte gehandelt werden können und mĂŒssen, um die akute Gefahr fĂŒr die Bundeswehr und Deutsche vor Ort abzuwenden . Auch Einlassungen des BND-PrĂ€sidenten Bruno Kahl im Ausschuss, es habe Fehler bei der Lagebewertung gegeben, stimmen nachdenklich. Insbesondere sei die Geschwindigkeit der Einnahme Kabuls durch die Taliban falsch eingeschĂ€tzt worden. In der Gesamtschau ist das Chaos in Kabul jedoch lediglich die Spitze des Eisbergs, der sich aus dem Fehlen eines Nationalen Sicherheitsrates zusammensetzt und ein systemisches Versagen offenbart.
Hoch gepokert und verloren
Der Coup von Kanzler und AuĂenministerin, der die Opposition und den liberalen Koalitionspartner auf die PlĂ€tze verwiesen und Umfragepunkte generiert hĂ€tte, gelang nicht. Hoch gepokert, Hohn und Spott geerntet. Nicht nur fĂŒr den absehbar dĂŒnnen Gehalt des als Nationale Sicherheitsstrategie angekĂŒndigten Papiers, sondern insbesondere fĂŒr die Entscheidung gegen einen Nationalen Sicherheitsrat. Kurioserweise hatte es hinter den Kulissen allerlei verbale Verrenkungen gegeben, um ja nicht das Unwort âNationalâ gebrauchen zu mĂŒssen. MerkwĂŒrdig, wo doch die Nationale Sicherheitsstrategie oder das Nationale Cyber-Abwehrzentrum auch so heiĂen dĂŒrfen. Glaubt man Presseberichten, scheiterte die seit langem ĂŒberfĂ€llige Einrichtung eines NSR als ĂŒbergeordnete Sicherheitsbehörde am Ende wohl an persönlicher Hybris gepaart mit Kompetenzgerangel. Von Unvermögen oder Ăberforderung sprach â zumindest öffentlich â niemand. Auf jeden Fall erwiesen hier einzelne Personen mit ihrem Taktieren der Nationalen Sicherheit einen BĂ€rendienst. Doch wĂŒnscht sich die Bevölkerung nicht, dass politisches Handeln jener gröĂeren Sache dient, die nur gemeinsam wirksam verfolgt und umgesetzt werden kann: gesamtstaatliche und gesamtgesellschaftliche WiderstandsfĂ€higkeit (Resilienz)? Solange Wohl und Wehe einzig von Personen in Spitzenpositionen abhĂ€ngig ist und nicht institutionalisiert wird, bleibt Sicherheitsvorsorge in der Bundesrepublik ein Roulette-Spiel.
Elefant im Raum
Der Elefant bleibt einstweilen im Raum. Noch immer gibt es keine Institution, die alle relevanten Fragen bedienen und die Nationale Sicherheitsstrategie umsetzen kann. Ein Systemfehler, der in Kombination mit der Unsicherheit ĂŒber Gestaltungskraft und âwillen einzelner handelnder Personen jetzt und in Zukunft ein explosives Gemisch ergibt. Mit mehr Gewicht auf fachliche Beratung wĂŒrde dieser fatale Wirkmechanismus durchbrochen. AusschlieĂlich in einem NSR stĂŒnde Expertise umfassend, permanent aktualisiert und rund um die Uhr zur VerfĂŒgung. Verstetigung und Versachlichung der Nationalen Sicherheitsvorsorge sind dringend geboten. Denn Aggressoren oder Saboteure scheren sich nicht um Eitelkeiten oder Wiederwahl. Ganz im Gegenteil: Jeder Zwist, jedes machtpolitische Vakuum, das vom Wesentlichen ablenkt oder HandlungsfĂ€higkeit lĂ€hmt, spielt ihnen in die HĂ€nde.

WĂ€re der Nationale Sicherheitsrat ein Hybrid-Motor â flexibel und leistungsfĂ€hig â er fĂ€nde sicherlich mehr AnhĂ€nger. Dieses Antriebsystem kann Benzin, Diesel und Batterie. Hybride Angreifer dagegen arbeiten zusĂ€tzlich mit Gas, Sonnenblumenöl, Erbsensuppe und Kölnisch Wasser. Irritierend und verwirrend? Richtig. Und dahinter steckt Methode. Demagogie wie auch Despoten gedeihen besonders gut auf dem NĂ€hrboden von Desinformation. UnĂŒbersichtlich und mittelprĂ€chtig effektiv ist auch der Kampf gegen hybride Aktionen, wenn die Vorbereitung und DurchfĂŒhrung von AbwehrmaĂnahmen nicht umfassend, konzertiert und â ein Novum in der Bundesrepublik â unter Einbeziehung der Bevölkerung koordiniert wird. Es kommt auf alle an, nicht auf den einen oder anderen an der Spitze, der jederzeit ersetzbar ist.
Wo soll das alles hinfĂŒhren, wenn sich in der deutschen Sicherheitsarchitektur institutionell nichts Ă€ndert? Welche Institution schafft endlich eine vollstĂ€ndige Bestandsaufnahme der Ressourcen der Bundesrepublik nicht nur kurzfristig, sondern ĂŒber Jahre hinweg und koordiniert ihren Schutz? Wo werden Konzepte fĂŒr eine internationale Friedensordnung post Putin entworfen? Wer garantiert dafĂŒr, dass Protagonisten der Bundesregierungen der Zukunft sich nicht auch auf Irrwege begeben und AbhĂ€ngigkeiten schaffen? Kurz: Je weniger Personalisierung und je mehr Versachlichung, desto mehr VerlĂ€sslichkeit und Sicherheit steht zu erwarten. Wissenschaftlich und ressortĂŒbergreifend hergeleiteten fachlichen Rat eines Nationalen Sicherheitsrates kann kein Politiker auf Dauer ignorieren, ohne Widerstand befĂŒrchten zu mĂŒssen. Aufgabe eines NSR mĂŒsste es auĂerdem sein, messbare Kriterien zu entwickeln, an denen ablesbar ist, ob Politiker ausreichend fĂŒr Sicherheit sorgen. WĂŒnschenswerter Begleiteffekt: weniger AnfĂ€lligkeit fĂŒr Demagogie. Ein Grund mehr, es 65 Staaten weltweit gleichzutun und einen Nationalen Sicherheitsrat in Deutschland zu etablieren.







