Die Vereinigten Staaten sind in einem AusmaĂ zerstritten wie zuletzt im amerikanischen BĂŒrgerkrieg im 19. Jahrhundert, so Politikwissenschaftler Stephan Bierling. Die Hauptursache sieht er in der parteipolitischen Polarisierung, die inzwischen alle Institutionen und Akteure der amerikanischen Demokratie erfasst habe. Dabei sind die USA die Ă€lteste bestehende Demokratie dieses Planeten und noch immer Weltmacht Nummer eins, von der gerade Deutschland profitiert hat. Grund genug, sich die Polarisierungs-Entwicklung in den USA genauer anzuschauen.
Es stehe bei den bevorstehenden PrĂ€sidentschaftswahlen so viel auf dem Spiel, dass Professor Bierling sie als âdie wichtigsten Wahlen in meinen Lebzeitenâ bezeichnet. Denn sollte Donald Trump erneut gewĂ€hlt werden, wĂŒrde ein Mann PrĂ€sident werden, der âkeine demokratische Faser in seinem Leibeâ habe und der versuchen werde, âwohlvorbereitet durchzuregierenâ. DemgegenĂŒber seien die Demokraten keine Gefahr fĂŒr die Demokratie, wenngleich sie Fehler gemacht und auch zur Polarisierung beigetragen hĂ€tten.
Im Atlantic Talk Podcast beleuchtet Moderator Oliver Weilandt mit dem Politikwissenschaftler eine Reihe von Polarisierungs-Faktoren im politischen System der USA, die das in der Verfassung fest verankerte System der checks and balances zunehmend ins Wanken und die prÀsidiale Gewalt einseitig gestÀrkt haben:
â Die Gerichtsbarkeit mit dem Urteil der Straffreiheit fĂŒr prĂ€sidiales Handeln wĂ€hrend der Amtszeit,
â der Föderalismus, in dem sich die Parteien einzelne Bundesstaaten praktisch untertan gemacht haben,
â die Macht reicher Influencer und Medien, die bar jeder NeutralitĂ€t nur einem Kandidaten dienen,
â die Wahlen, in denen sich durch das Gerrymandering Politikerinnen und Politiker ihre Wahlkreise zuschneiden,
â das VerhĂ€ltnis von Legislative und Exekutive, da im Kongress Blockade statt MĂ€Ăigung waltet.
AnkĂŒndigungen des Kandidaten Trump, er werde â nach dem Straffreiheitsurteil des Supreme Court â zur Durchsetzung seiner Interessen nicht davor zurĂŒckscheuen, gegebenenfalls die Nationalgarde einzusetzen und die StreitkrĂ€fte zu sĂ€ubern, hĂ€lt der Politikwissenschaftler Bierling fĂŒr Fantastereien. Er sieht in den StreitkrĂ€ften vielmehr einen Garanten fĂŒr die Einhaltung der Verfassung und hĂ€lt BĂŒrgerkriegsĂ€ngste fĂŒr unangebracht.
Auch gebe es Tendenzen, die zurĂŒck in Richtung Ausgleich, Kompromiss und MĂ€Ăigung wirken. Bierling verweist zum Beispiel auf das Thema Abtreibungsrecht in den USA, bei dem sich ein neuer Konsens herauszubilden scheine. Seine gröĂte Hoffnung setzt er aber auf die demografische VerĂ€nderung: Die USA wĂŒrden durch Zuwanderung âbunterâ. Nicht zuletzt diese migrantischen Gruppen hĂ€tten andere Ziele als die weiĂen, ideologischen Eliten. Sie wĂŒrden ânormalere Politikâ bevorzugen und könnten sich damit in einigen Jahren durchsetzen. Der Ausgang der diesjĂ€hrigen US-Wahlen bleibt jedenfalls spannend, und mit einem Tipp zum Ergebnis ist der Politikwissenschaftler vorsichtig. Aber er verrĂ€t, auf wen er eine Flasche Wein gesetzt hat âŠ






