Deutsche Atlantische Gesellschaft e.V.

(59) Sind die „un-vereinigten“ Staaten von Amerika noch zu retten?

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Die Vereinigten Staaten sind in einem Ausmaß zerstritten wie zuletzt im amerikanischen BĂŒrgerkrieg im 19. Jahrhundert, so Politikwissenschaftler Stephan Bierling. Die Hauptursache sieht er in der parteipolitischen Polarisierung, die inzwischen alle Institutionen und Akteure der amerikanischen Demokratie erfasst habe. Dabei sind die USA die Ă€lteste bestehende Demokratie dieses Planeten und noch immer Weltmacht Nummer eins, von der gerade Deutschland profitiert hat. Grund genug, sich die Polarisierungs-Entwicklung in den USA genauer anzuschauen.

Es stehe bei den bevorstehenden PrĂ€sidentschaftswahlen so viel auf dem Spiel, dass Professor Bierling sie als „die wichtigsten Wahlen in meinen Lebzeiten“ bezeichnet. Denn sollte Donald Trump erneut gewĂ€hlt werden, wĂŒrde ein Mann PrĂ€sident werden, der „keine demokratische Faser in seinem Leibe“ habe und der versuchen werde, „wohlvorbereitet durchzuregieren“. DemgegenĂŒber seien die Demokraten keine Gefahr fĂŒr die Demokratie, wenngleich sie Fehler gemacht und auch zur Polarisierung beigetragen hĂ€tten.

Im Atlantic Talk Podcast beleuchtet Moderator Oliver Weilandt mit dem Politikwissenschaftler eine Reihe von Polarisierungs-Faktoren im politischen System der USA, die das in der Verfassung fest verankerte System der checks and balances zunehmend ins Wanken und die prÀsidiale Gewalt einseitig gestÀrkt haben:
– Die Gerichtsbarkeit mit dem Urteil der Straffreiheit fĂŒr prĂ€sidiales Handeln wĂ€hrend der Amtszeit,
– der Föderalismus, in dem sich die Parteien einzelne Bundesstaaten praktisch untertan gemacht haben,
– die Macht reicher Influencer und Medien, die bar jeder NeutralitĂ€t nur einem Kandidaten dienen,
– die Wahlen, in denen sich durch das Gerrymandering Politikerinnen und Politiker ihre Wahlkreise zuschneiden,
– das VerhĂ€ltnis von Legislative und Exekutive, da im Kongress Blockade statt MĂ€ĂŸigung waltet.

AnkĂŒndigungen des Kandidaten Trump, er werde – nach dem Straffreiheitsurteil des Supreme Court – zur Durchsetzung seiner Interessen nicht davor zurĂŒckscheuen, gegebenenfalls die Nationalgarde einzusetzen und die StreitkrĂ€fte zu sĂ€ubern, hĂ€lt der Politikwissenschaftler Bierling fĂŒr Fantastereien. Er sieht in den StreitkrĂ€ften vielmehr einen Garanten fĂŒr die Einhaltung der Verfassung und hĂ€lt BĂŒrgerkriegsĂ€ngste fĂŒr unangebracht.

Auch gebe es Tendenzen, die zurĂŒck in Richtung Ausgleich, Kompromiss und MĂ€ĂŸigung wirken. Bierling verweist zum Beispiel auf das Thema Abtreibungsrecht in den USA, bei dem sich ein neuer Konsens herauszubilden scheine. Seine grĂ¶ĂŸte Hoffnung setzt er aber auf die demografische VerĂ€nderung: Die USA wĂŒrden durch Zuwanderung „bunter“. Nicht zuletzt diese migrantischen Gruppen hĂ€tten andere Ziele als die weißen, ideologischen Eliten. Sie wĂŒrden „normalere Politik“ bevorzugen und könnten sich damit in einigen Jahren durchsetzen. Der Ausgang der diesjĂ€hrigen US-Wahlen bleibt jedenfalls spannend, und mit einem Tipp zum Ergebnis ist der Politikwissenschaftler vorsichtig. Aber er verrĂ€t, auf wen er eine Flasche Wein gesetzt hat â€Š

Zu Gast:

Prof. Dr. Stephan Bierling

Leiter der Professur fĂŒr Internationale Politik und transatlantische Beziehungen, Uni Regensburg

Prof. Dr. Stefan Bierling ist ein deutscher Politikwissenschaftler. Seit 2000 lehrt er an der UniversitĂ€t Regensburg und leitet dort die Professur fĂŒr Internationale Politik und transatlantische Beziehungen. Der Professor hat zahlreiche Veröffentlichungen zur deutschen und amerikanischen Außenpolitik vorgelegt und ist im Jahr 2013 zum "Professor des Jahres" gewĂ€hlt worden.

Moderation:

Oliver Weilandt

GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Hörfunkagentur Internationaler Audiodienst (iad)

Oliver Weilandt moderiert den »Atlantic Talk Podcast« der Deutschen Atlantischen Gesellschaft. Der Agenturleiter und Autor zahlreicher Radiofeature und politischer Hintergrundberichte auf den Wellen der ARD sowie in den Programmen des Deutschlandradios verantwortet unter anderem auch das Privatfunkprogramm der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

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