âWir haben 20 Jahre afghanische Eigenverantwortung gepredigt, aber gleichzeitig den Afghanen gesagt, wie sieâs machen sollenâ â So fasst Dr. Ellinor Zeino den wohl grundlegenden Fehler der Afghanistan-Politik zusammen. Zeino leitet das AuslandsbĂŒro Afghanistan der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kabul. Sie initiiert und moderiert Religions- und Menschenrechts-Dialoge im Trackâ1.5âFormat, vor allem zwischen den verschiedenen afghanischen Konfliktparteien und afghanischen Frauen. Im Atlantic Talk Podcast beschreibt die Expertin fĂŒr Bedrohungslagen, wie die Menschen in völlig abgeschotteten Blasen nebeneinanderher leben. Um das aufzubrechen, sei ihr eigener Anspruch: âWir wollen nicht mit gleichgesinnten Leuten redenâ.
Die vom ehemaligen US-PrĂ€sidenten Donald Trump erzwungenen FriedensgesprĂ€che zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban in Doha will Zeino nicht fĂŒr gescheitert erklĂ€ren, âdenn die Alternative wĂ€re BĂŒrgerkriegâ. Und auch wenn die Taliban die Regierung kĂŒnftig ĂŒbernehmen sollten, gehe von dem sogenannten âIslamischen Staat Karahasan-Provinzâ (ISKP) eine besorgniserregende Bedrohung aus: âGerade auch in den groĂen StĂ€dten unter der urbanen Mittelschicht sind salafistische Gruppen aktiv, auch der ISKPâ. Es gehe deshalb vor allem darum, der jungen Bevölkerung, die ja die Mehrheit der afghanischen Bevölkerung darstellt, echte Perspektiven zu bieten, zumal fĂŒr diese Menschen auch die Taliban nicht mehr wirklich attraktiv seien.
Im Atlantic Talk Podcast mit Moderator Oliver Weilandt spricht Dr. Ellinor Zeino auch ĂŒber das Interesse Chinas an einem stabilen Afghanistan, um das Land an die neue SeidenstraĂe anzuschlieĂen, und inwieweit dies dazu fĂŒhren könnte, dass auch die Nachbarstaaten stabilisierend auf Afghanistan einwirken könnten. Auch die TĂŒrkei habe Ambitionen, in dem Konflikt Verantwortung zu ĂŒbernehmen. Deutschland wĂŒrden die Taliban nicht nur als Teil der NATO sondern auch als interessanten und wichtigen Wirtschaftspartner betrachten, verbitten sich jedoch jegliche Einmischung in innere Angelegenheiten im Hinblick auf Menschen- und Frauenrechte in einem vom Islam geprĂ€gten Staat.
Aus Afghanistan, in dem bereits jetzt ein Drittel der Bevölkerung BinnenflĂŒchtlinge sind, wird es in naher Zukunft auch groĂe Fluchtbewegungen in Richtung Europa geben. Das liegt fĂŒr Dr. Zeino auf der Hand, âinsbesondere auch nach Deutschlandâ. Sie macht auch deutlich, wie schwierig das Thema Asyl fĂŒr frĂŒhere und heutige afghanische Helfer der Bundeswehr, Geheimdienste und NGOs ist, und warum sie fĂŒr diese eine sorgfĂ€ltige individuelle Einzelfall-Entscheidung ebenso als notwendig erachtet, wie fĂŒr Afghanen, die aus Deutschland abgeschoben werden sollen. Nicht nur unter diesem Aspekt geht es deshalb bei Afghanistan auch um die Verantwortung Deutschlands.







