Deutsche Atlantische Gesellschaft e.V.

EinschÀtzung der internationalen Lage zu Beginn des Jahres 2024

Ausgabe 44: General a.D. Dr. h.c. Klaus Naumann

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Die allgemeine Lage

Die Welt steht am Beginn der Entwicklung einer neuen Weltordnung. Ob sie weiterhin eine regelbasierte Ordnung sein wird, ist offen. Kein Versuch in der Geschichte, neue Ordnungen zu schaffen ist ohne Gewalt abgelaufen. Die Welt muss sich schon deshalb auf anhaltende, gleichzeitige und an verschiedenen Orten stattfindende kriegerische Konflikte einstellen.

FĂŒr Europa kommt hinzu, dass die Zeit kooperativer Sicherheit vorbei ist, weil deren Voraussetzung, gegenseitiges Vertrauen, durch Putin fĂŒr lange Zeit zerstört ist. Dennoch wird allgemein, vor allem aber in Deutschland, noch nicht verstanden, dass dies bedeutet, sich nun auf konfrontative Sicherheit einzustellen, das heißt nur Sicherheit gegen Russland bringt Sicherheit vor Russland.

GegenwĂ€rtig ist ein wesentliches Kennzeichen des zu Ende gegangenen Jahres, das das blutigste seit 1994 war, dass die Welt eine Auflehnung des globalen SĂŒdens gegen den von den USA gefĂŒhrten Westen und die bei uns ĂŒbliche freiheitliche, demokratische Ordnung im Rahmen einer durch die Kraft der Gesetze gesicherten Staatsordnung erlebt hat. Diese Entwicklung wird anhalten und sie wird durch die autokratischen MĂ€chte, vor allem China und Russland geschĂŒrt und genutzt werden, weil sie in darin eine Chance sehen, ihre Einflusszonen auszuweiten, auch weil sie irrtĂŒmlich glauben, der Abstieg der USA werde anhalten. Es ist deshalb auch im Jahr 2024 nicht nur mit dem Anhalten der bestehenden, sondern sogar mit neuen bewaffneten Konflikten zu rechnen.

Mit dieser Lage mĂŒssen in unserer westlichen Welt Regierungsorganisationen fertig werden, die, mit Ausnahme der USA, auf die BewĂ€ltigung einer, manchmal auch zweier gleichzeitiger Krisen ausgerichtet sind, nicht aber auf die in Zukunft wohl wahrscheinliche Gleichzeitigkeit mehrerer Krisen, die nahezu alle in ihren Auswirkungen, insbesondere auf Handel und Wirtschaft, globaler Natur sein dĂŒrften. Die jĂŒngste Entwicklung im Roten Meer, ‑zugleich ein Beispiel fĂŒr asymmetrische und hybride KriegfĂŒhrung, die, obwohl regional ausgefĂŒhrt, wirtschaftlich globale Folgen hat -, kann als Beleg fĂŒr diese Aussage dienen.

Viele dieser Krisen werden ohne zunĂ€chst erkennbare Anwendung unmittelbarer Gewalt gefĂŒhrt werden und sie beginnen vielfach durch mediale Beeinflussung lange vor ihrer Erkennbarkeit durch tradierte Politik. So gesehen, befindet sich die Welt möglicherweise seit Jahren in einem Weltkrieg, ohne dessen Beginn erkannt zu haben oder diese Dimension wahrzunehmen.

ZusÀtzlich erweisen sich unsere auf Reaktion ausgerichteten und international auf Einstimmigkeit angewiesenen Regierungs- und internationalen Organisationen als wenig geeignet, der Schnelligkeit und Vielzahl der Informationen aus den sozialen Netzwerken gerecht zu werden.

Des Weiteren ist das bevorzugt genutzte, weil oft als einzig anwendbares gesehene Instrument der Sanktionen dringlich zu verbessern. Es fehlt an Überwachung, an der Bereitschaft gegen Sanktionsbrecher vorzugehen und Drittstaaten zu sanktionieren, die durch Umgehungshandel profitieren.

Die Herausforderung schlechthin wird jedoch sein, der Gleichzeitigkeit und GlobalitĂ€t mehrerer Krisen gerecht zu werden, angepasste Regierungsformen und ‑organisationen zu entwickeln und im Handeln vielfach statt Reaktion auf PrĂ€vention und möglicherweise auch PrĂ€-emption, eventuell auch unter Einschluss von Gewaltanwendung, umzustellen. Ob und wo das Bewusstsein fĂŒr diese Notwendigkeiten in den Regierungszentralen vorhanden ist, ist mir nicht bekannt. Ich nehme aber an, man zögert Änderungen anzupacken, nicht zuletzt, weil das kommende Jahr Wahlen in mehr als 70 LĂ€ndern dieser Welt bringen wird und davon 4,2 Milliarden Menschen, also etwas mehr als 50 % der Bevölkerung unserer Welt betroffen sein werden. Manche mögen das einen Test der Demokratie nennen, sollten dann allerdings auch erwĂ€hnen, dass von diesen 4,2 Milliarden nur etwa 40% in Demokratien leben und dass Wahlen ohne rechtsstaatliche Ordnung keineswegs als Beleg von Demokratie dienen können. Wahlen in freien Gesellschaften gewinnt man aber im Allgemeinen nicht mit der Aufforderung grundlegenden Wandel zu wĂ€hlen, das bequeme „weiter so“ wird vielfach als SchlĂŒssel zum Erfolg gesehen.

Zumindest die westliche Welt wird deshalb mit einer unruhigen globalen Situation mit dafĂŒr ungeeigneten Instrumenten fertig werden mĂŒssen. Hinzukommen könnte der sich beschleunigende Klimawandel mit der Gefahr zunehmender Naturkatastrophen, die oftmals die Ärmsten treffen könnten, die wiederum am stĂ€rksten von ungebremsten Bevölkerungswachstum, vor allem in Afrika, geschwĂ€cht sein dĂŒrften. Ressourcenmangel, Hunger und Wassermangel werden Kennzeichen des kommenden Jahrzehnts sein. Eine Folge könnte sein, dass in den Ă€rmsten LĂ€ndern zunehmend Autokraten dominieren werden, aber auch in unserer westlichen Welt die Tendenz zu illiberalen Regierungsformen zunehmen könnte. FĂŒr das Europa der EU könnte das weitere Spaltung und damit zunehmenden Einfluss Chinas und Russlands bedeuten.

All diese Entwicklungen treten jedoch in ihrer Gewichtung in den Hintergrund vor der Entscheidung, die am 5. November 2024 in den USA getroffen werden wird. Die PrĂ€sidentschaftswahl im unverĂ€ndert mĂ€chtigsten Land der Welt hat mehr als alle vorangegangenen Wahlen wahrhaft globale Bedeutung.

Das Ergebnis der US-Wahlen am 5. November wird nicht nur darĂŒber entscheiden, ob die USA langfristig die einzige globale Macht dieser Welt bleiben werden, sie könnte kurzfristig die internationale Lage in allen gegenwĂ€rtigen wie kĂŒnftigen Konflikten dramatisch verĂ€ndern. Mehr als irgendwo sonst könnte diese Wahl Europas Sicherheitsarchitektur beeinflussen. Sollte Trump gewinnen, dann wird er zwar nicht aus der NATO austreten, weil er dazu eine nicht erreichbare Zwei Drittel-Mehrheit im Kongress brĂ€uchte, aber er wird das amerikanische Engagement und vor allem die unersetzbare atomare Garantie, die letztlich sicherheitsentscheidend ist, davon abhĂ€ngig machen, ob Europa und hier vor allem Deutschland das 2 % Ziel von 2014, das vergangenes Jahr beim NATO Gipfel in Riga bestĂ€tigt wurde, tatsĂ€chlich erreicht. Doch auch eine zweite Administration Biden wird den Schwerpunkt der USA nicht in Europa, sondern in Asien sehen.
Der Unterschied dĂŒrfte sein, dass das amerikanische Schutzversprechen bei Trump so wanken könnte, dass Putin Versuche unternehmen könnte, seine im Dezember 2021 klar formulierten Ziele in die Tat umzusetzen. Deutschland wie Europa mĂŒssen sich deshalb darauf einstellen, dass Russland frĂŒhestens ab 2025/26 sehr begrenzte neue Kriege, einen grĂ¶ĂŸeren Angriff auf europĂ€ische NATO-Staaten aber wohl kaum vor 2029/2030 fĂŒhren könnte. Nichtsdestoweniger wĂŒrde bereits ein begrenzter Erfolg im Baltikum das Ende der NATO wie der EU bedeuten, wĂŒrde Russland zur Vormacht in Europa machen und aller Voraussicht nach innenpolitische Verwerfungen Richtung Illiberalismus in nahezu allen europĂ€ischen Staaten, auch in Deutschland, auslösen. Das Ziel einer Pufferzone vor Russland wĂ€re damit fĂŒr Putin erreichbar, die Vorherrschaft der USA auf ihrer europĂ€ischen Gegend KĂŒste wĂ€re gefĂ€hrdet und damit wĂ€re die fĂŒr die globale Bedeutung Amerikas unverzichtbare Kontrolle Europas durch die USA gefĂ€hrdet.

Das ist der Kern der politischen Herausforderung, vor der der so genannte Westen im Jahr 2024 stehen wird und sie hat eine ganz einfache Messlatte: Die ErfĂŒllung des 2 % Ziels der NATO.

Der Westen hat durchaus das Potenzial dies zu verhindern, vorausgesetzt er bleibt geschlossen und im freien Europa erkennen die Politiker und gefĂŒhrt von ihnen die Bevölkerungen endlich die Gefahr und handeln bereits jetzt entschlossen. Geschieht das, dann kann Europa auch bei einer Wahl Trump zuversichtlich zu sein, schließlich ist Russlands Wirtschaftskraft gerade mal die Italiens und bei Nachdenken wird man auch in den USA erkennen, dass der Verlust Europas das Ende amerikanischer Weltherrschaft bedeutet.
Was gegenwĂ€rtig allerdings bedenklich stimmt ist die fehlende FĂŒhrungskraft in Europa und vor allem in Deutschland.

Es stehen Deutschland somit mehr als unruhige Monate bis zum Ende des Jahres bevor und so bleibt jetzt zu Jahresbeginn nur die Hoffnung, dass auch in Berlin die Gefahr endlich erkannt und dementsprechend parteiĂŒbergreifend gehandelt wird.

Vor diesem Hintergrund sind die derzeitigen in das Jahr 2024 hineinwirkenden Konflikte zu bewerten und es ist zu fragen, ob und wo neue Konflikte entstehen könnten.

Die bestehenden Konflikte

GegenwĂ€rtig sind es zwei Konflikte, die Europa und Deutschland unmittelbar berĂŒhren und die Positionierung verlangen: Der Ukraine Krieg, der nun schon fast zwei Jahre dauert und der blutige Konflikt im Nahen Osten seit dem 7. Oktober.
Beide Konflikte sind durch das Einwirken der USA, Russlands und Chinas miteinander verknĂŒpft und doch sehr unterschiedlich. Gemeinsam ist, dass mit ihnen die Gestaltungskraft des freien demokratischen Westens herausgefordert wird und Russland, gemeinsam mit China die Möglichkeit gegeben wird, zu versuchen, den so genannten globalen SĂŒden hinter sich zu einen. Dies zu verhindern ist die strategische politische Herausforderung schlechthin, fĂŒr den Westen in GĂ€nze, besonders aber fĂŒr Europa.

Strategisch gilt es, Lösungen zu finden, den globalen SĂŒden einzubinden, um zu verhindern, dass er von Russland und China vereinnahmt wird.

Dann erst kommen die operativen Fragen: Was zur Beendigung, zumindest zur Eingrenzung dieser Konflikte zu tun ist, wo Deutschland und Europa in diesen Konflikte stehen und ob, oder wenigstens welche, Lösungen zu erkennen sind.

In diesen beiden Konflikten haben die Gegenspieler des Westens sehr unterschiedliche Zielsetzungen.

Im Falle Ukraine ist es das mittelfristige russische Bestreben eine Einflusszone vor Russland zu errichten, Europa zu schwĂ€chen und, wenn möglich die USA aus Europa zu vertreiben, also das Ende der NATO herbeizufĂŒhren. ZusĂ€tzlich könnte Russland langfristig versuchen, den globalen SĂŒden hinter sich zu scharen, um eine BipolaritĂ€t USA-China zu verhindern.

Im Falle Nahost ist es das Ziel der von Iran gestĂŒtzten und als Instrument genutzten Hamas, die Versicherung der Juden dieser Welt endgĂŒltig zu zerstören, dass es einen sicheren Platz namens Israel fĂŒr alle Juden geben könne und zu verhindern, dass Israel einen Ausgleich mit den dem Hegemoniestreben des Iran im Wege stehenden sunnitischen Staaten am Golf und mit Ägypten findet. Gleichzeitig will Iran verhindern, dass die USA wieder in dieser Region gestaltend wirken können. So gesehen ist der von der Hamas möglicherweise aus Teherans Sicht zu frĂŒh gestartete Konflikt Teil des Ringens um den globalen SĂŒden und damit um die Vormacht in der Welt.

Wo steht Deutschland in diesen Konflikten?

Deutschland ist neben den USA der UnterstĂŒtzer der Ukraine schlechthin und verurteilt eindeutig Russlands hegemoniale Ambitionen.

Der Ukraine ist es im Laufe des Jahres 2023 nicht gelungen, den russischen besetzten Teil des Landes im SĂŒden zu durchstoßen, um damit die ZugĂ€nge zur Krim abzuschneiden und die russischen Besatzer so zu isolieren. Die ukrainische Offensive ist insgesamt aber nicht als gescheitert zu bewerten, denn es gab geringe GelĂ€ndegewinne, die russischen StreitkrĂ€fte haben schwere Verluste erlitten und vor allem ist die russische Kontrolle des Schwarzen Meeres insgesamt doch recht löchrig geworden. Es ist somit ein Patt entstanden, das in den Wintermonaten erneut schwere Opfer der ukrainischen Zivilbevölkerung und einen fĂŒr beide Seiten verlustreichen Stellungskrieg nach sich ziehen dĂŒrfte. Angesichts der grĂ¶ĂŸeren Ressourcen, vor allem bei Personal und Material, und der insgesamt zunehmend schwĂ€chelnden UnterstĂŒtzung der Ukraine durch die westlichen Staaten könnte die Waage sich trotz der betrĂ€chtlichen Verluste Russlands an Personal und Material zunehmend zu Gunsten Russlands zu neigen, vor allem, wenn die USA aus innenpolitischen GrĂŒnden als der UnterstĂŒtzer schlechthin ausfallen sollten. Zudem ist im I. Quartal eine VerstĂ€rkung der russischen Angriffe zu erwarten, weil Putin vor den russischen Wahlen im MĂ€rz Erfolge vermarkten will, obwohl er weiß, dass er seine im Dezember 2021 verkĂŒndeten strategischen Ziele nicht erreichen kann und noch nicht einmal die Ukraine in GĂ€nze unter seine Kontrolle bringen kann. Russland hat zwar erfolgreich seine Industrie auf Kriegswirtschaft umgestellt und wird damit wohl in der Lage sein, die gewaltigen Verluste in der Ukraine in circa fĂŒnf Jahren auszugleichen. Eine komplette Besetzung der Ukraine dĂŒrfte Putin allerdings selbst dann wohl kaum gelingen, denn er hat eine bis 2022 nicht existierende ukrainische IdentitĂ€t geschaffen. Sie wird nun dazu fĂŒhren, dass Russland voraussichtlich mit einem lang anhaltenden Guerrilla Krieg in der Ukraine rechnen mĂŒsste. Das gilt natĂŒrlich nicht fĂŒr die besetzten Gebiete in Donbass und auf der Krim.
Über die Ukraine hinaus wĂ€re Russland Nach Ausgleich der betrĂ€chtlichen Verluste in der Ukraine vermutlich in der Lage frĂŒhestens 2029/30 einen neuen, grĂ¶ĂŸeren Angriff auf Europa zu starten, dessen Ziel zumindest zunĂ€chst als Zwischenziel die RĂŒckeroberung der baltischen Staaten und nach Eingliederung von Belarus vermutlich auch Moldawiens wĂ€ren.

Russland ging somit militĂ€risch und politisch geschwĂ€cht in das Jahr 2024. Aber Russland wird seine Ziele nicht aufgeben, deshalb mĂŒssen Europa ebenso wie die NATO so schnell wie möglich ihre VerteidigungsfĂ€higkeit wiederherstellen und die nukleare AbschreckungsfĂ€higkeit zumindest erhalten.

Zu Verhandlungen und damit zu einem Einfrieren des derzeitigen Zustandes dĂŒrfte Putin nicht wirklich bereit sein. Entsprechende Signale dienen vor allem dem Ziel, den Westen noch mehr zu spalten. Auch die Ukraine ist derzeit nicht verhandlungsbereit, denn das Ziel, das widerrechtlich besetzte Gebiet zurĂŒckzuerobern wird bestehen bleiben und muss das auch, sogar aus Sicht des Westens, denn jede Anerkennung von Russland geraubten Gebietes wĂ€re das Ende des zentralen Elements der bestehenden europĂ€ischen Friedensordnung, keine Grenzen mit Gewalt zu verĂ€ndern. Putin setzt daher auf Zeit und hofft auf ein Zerbrechen der UnterstĂŒtzung der Ukraine und insbesondere auf Wahlergebnisse in den USA, aber auch in Großbritannien, die ein Ende der westlichen UnterstĂŒtzung der Ukraine bringen könnte. Deutschland, das ebenso wie die USA entscheidenden Anteil daran hat, dass die Ukraine in den vergangenen zwei Jahren nicht verloren hat, aber, nicht zuletzt durch oft zögerliche UnterstĂŒtzung, auch nicht gewinnen konnte, muss sich im Laufe der nĂ€chsten Monate erneut kritisch fragen, welches politische Ziel erreichbar ist. Die oft gestellte Frage, ob man nicht doch endlich weitreichende PrĂ€zisionswaffen liefern soll, ist zwar unverĂ€ndert richtig, im Vergleich zu der Frage, ob man einen ukrainischen Erfolg wirklich will, aber nachrangig.

Entscheidend könnte sein, den Russen deutlich zu machen, dass Putins Krieg das Land politisch aus drei GrĂŒnden bereits jetzt und unabĂ€nderlich zum Verlierer gemacht hat:

Russlands Krieg hat eine nie zuvor existierende geeinte Ukraine erzeugt, die in den Westen Europas will, er hat durch die Mitgliedschaft Finnlands und bald auch Schwedens die NATO gestĂ€rkt und er hat Russland einen seiner beiden ZugĂ€nge zum Atlantik, den durch die Ostsee, genommen. Vor allem aber, Russland hat alles Vertrauen verspielt, das es mehr denn je braucht, um Kooperation wiederherzustellen. Ohne Kooperation wird Russland zum einflusslosen Lieferanten Chinas und muss das Ziel begraben, jemals durch eine FĂŒhrungsrolle im globalen SĂŒden Augenhöhe mit den USA und China erreichen zu können.

Das Jahr 2024 wird voraussichtlich also keine deutliche VerĂ€nderung der militĂ€rischen Lage in der Ukraine bringen, vorausgesetzt die westliche UnterstĂŒtzung bleibt zumindest im derzeitigen Maße erhalten und der Ukraine gelingt es, ihre Personalprobleme zu bewĂ€ltigen.

Zu Verhandlungen könnte es frĂŒhestens Mitte 2024 kommen, weil ein vorlĂ€ufiges Ende des Ukraine- Krieges mit vorlĂ€ufigen Grenzen fĂŒr Biden den Wahlgewinn bedeuten könnte. Allerdings steht dem entgegen, dass Putin seine Hoffnungen vermutlich mit einem fĂŒr ihn gĂŒnstigen Wahlergebnis in den USA verbinden dĂŒrfte. Platzen diese oder es gibt militĂ€rische Erfolge der Ukraine, dann könnte Putin gezwungen sein, vorlĂ€ufigen Lösung zuzustimmen, um durch eine Pause erst einmal Kraft zu sammeln. In beiden FĂ€llen wĂ€re das Ergebnis immer nur ein Zwischenschritt, denn Putin wird die besetzten Gebiete nicht rĂ€umen und die Ukraine wird sie nicht aufgeben. Europa bleibt somit auch nach 2024 durch anhaltenden, gĂŒnstigstenfalls eingefrorenen Krieg gebunden und muss sich verteidigungsbereit machen.

FĂŒr Europa wie Deutschland hieße bereits eine Waffenruhe aber sich darauf einzustellen zur Sicherheit der Ukraine, eventuell sogar durch militĂ€rische PrĂ€senz beizutragen und dann eine Regelung fĂŒr den endgĂŒltigen Sicherheitsstatus der Ukraine einschließlich der Entscheidung ĂŒber eine NATO-Mitgliedschaft zu finden. Bedauerlich ist, dass es zunĂ€chst zu einem Alleingang Frankreichs kam, obwohl eine deutsch-französische Gemeinschaftsinitiative zum Schutz der Ukraine sicherlich richtiger gewesen wĂ€re.

ZusĂ€tzlich muss Deutschland bereits jetzt endgĂŒltig von der Formel Abschied zu nehmen, Sicherheit gĂ€be es nur mit Russland. Nun gilt es Sicherheit vor Russland zu erreichen und die gibt es nur gegen Russland. Dieses Ziel ist aber bis auf weiteres gegen die Nuklearmacht Russland nur mit den USA als VerbĂŒndetem Europas zu erreichen. Sie zu sichern, muss daher strategische und politische PrioritĂ€t Europas bleiben.

Im Konfliktfall Nahost darf man auf westlicher Seite bei allem Bestreben, das Leiden der PalĂ€stinenser zu verringern und trotz nicht unberechtigter Kritik an der militĂ€rischen OperationsfĂŒhrung Israels den Ausgangspunkt nicht aus den Augen verlieren: Einen Frieden mit Hamas wird es nicht geben, ja kann es nicht geben, solange das Ziel der Hamas die Auslöschung Israels bleibt. Alle bestehenden Forderungen nach Waffenstillstand ĂŒbersehen bislang diesen zentralen Punkt und lassen auch außer Acht, dass die so genannte arabische Welt kein echtes Interesse hat, einen PalĂ€stinenser Staat entstehen zu lassen.

Interesse an einem PalĂ€stinenser Staat hat allenfalls der Iran, denn damit hĂ€tte Iran einen VerbĂŒndeten, den man nutzen könnte, Israel zu binden und die sunnitischen Staaten am Persischen Golf zu schwĂ€chen.

Ein erreichbares politisches Ziel zur Beendigung dieses Krieges ist derzeit nicht zu erkennen, denn es mag wohl gelingen, die Hamas militĂ€risch zu besiegen, aber die Idee der Hamas, der einzige wirksame Vertreter PalĂ€stinas zu sein, ist nicht auszulöschen. Zudem ist das Interesse der Regierung Netanjahu an einer Beendigung der Kampfhandlungen begrenzt, denn dann wĂŒrden die Fragen nach der Schuld fĂŒr das anfĂ€ngliche Versagen Israels ebenso auf die Tagesordnung gesetzt werden, wie das Festhalten am Schutz der Siedler im Westjordanland, das eine Zwei – Staatenlösung nahezu unmöglich macht. Israel wird deshalb vermutlich noch einige Zeit weiterkĂ€mpfen, zugleich aber versuchen, den Konflikt auf Gaza begrenzt zu halten. Das kann es aber nur, solange die USA an ihrer UnterstĂŒtzung festhalten. Bis auf weiteres ist deshalb auch in Israel von einem nahezu eingefrorenen Konflikt mit betrĂ€chtlichen militĂ€rischen Verlusten Israels, kaum ertrĂ€glichen Verlusten unter der palĂ€stinensischen Bevölkerung und weltweit abnehmender UnterstĂŒtzung Israels auszugehen. Hamas dĂŒrfte im Krieg der Bilder somit eine Schuldumkehr erreichen: Die Verbrechen der Hamas vom 7. Oktober treten in den Hintergrund und die Bilder vom Bombenkrieg in Gaza dominieren.

Das Fehlen einer politischen Lösung wird den Druck auf die USA und auf Deutschland, das im gespaltenen Europa nahezu der einzige UnterstĂŒtzer Israels geworden ist, erhöhen. Beide Staaten werden damit in den Augen des globalen SĂŒdens zunehmend unglaubwĂŒrdig werden, weil ihnen vorgeworfen werden wird, menschliches Leben und die Herrschaft des Rechts nur zu achten, wenn es um westliches Leben und westliche Prinzipien geht. Diese Haltung ist Wasser auf die MĂŒhlen Putins und Xis, sich als wahre Freunde der LĂ€nder des globalen SĂŒdens darzustellen.

Es wird vermutlich allerdings nicht zu einer Ausweitung des Krieges kommen, denn der Handlanger des Iran im Libanon, die Hisbollah, ist nach dem sehr verlustreichen Einsatz ihrer KĂ€mpfer in Syrien noch nicht kriegsbereit und Iran selbst ist das auch nicht, nicht zuletzt aus wirtschaftlichen GrĂŒnden und wegen fehlender innerer StabilitĂ€t. Allerdings wird diese Lage Iran anspornen, sein Atomwaffenprogramm sogar zu beschleunigen, weil Teheran weiß, dass Atomwaffenstaaten kaum sanktionierbar sind.

Es könnte aber sein, dass internationaler Druck auf Israel bei einem Freilassen aller Geiseln durch die Hamas einen Waffenstillstand erzwingt, dessen Folge in Israel vermutlich das Ende der Ära Netanyahu sein dĂŒrfte und damit erzwingen wird, ĂŒber eine politische Lösung aus israelischer Sicht nachzudenken, also die Frage zu beantworten, was mit den PalĂ€stinensern geschehen soll.

Eine Zwei-Staatenlösung ist wenig wahrscheinlich, denn ein Kriterium eines jeden Staates, dass Staatsgebiet, fehlt. Niemand wird die mehr als 500.000 konfliktbereiten Siedler vertreiben wollen und können und ohne diesen Schritt gibt es de facto kein Staatsgebiet PalĂ€stina. Es wird also zunĂ€chst nur Zwischenlösungen geben wie einen entmilitarisierten, international ĂŒberwachten Gazastreifen, das Beibehalten der Scheinautonomie im Westjordanland und den Beginn langer Verhandlungen.

FĂŒr eine abschließende Regelung ist derzeit kaum Anderes als eine RĂŒckkehr Gazas zu Ägypten denkbar, mit einem Autonomiestatus eines international ĂŒberwachten Gaza-Gebiets, und einem Staat Israel mit Grenze am Jordan und autonomen, mit Jordanien kooperierenden PalĂ€stinensergebieten im Westjordanland, denn ein AbrĂŒcken Israels von seiner als unverzichtbar gesehenen Sicherheitsgrenze am Jordan und dem Zugang zum Wasser des Jordan ist nicht zu erwarten. Damit wĂŒrde Jordanien zum eigentlichen PalĂ€stinenser Staat, dem Israel ZugestĂ€ndnisse fĂŒr Mitwirkung in den Autonomiegebieten im Westjordanland machen mĂŒsste.

Trotz anfĂ€nglicher WiderstĂ€nde in der arabisch-sunnitischen Welt, in der TĂŒrkei und vor allem im Iran könnte ein solches Fernziel Voraussetzung fĂŒr die weitere AnnĂ€herung der arabischen Staaten am Golf an Israel sein. FĂŒr diese durch die Abraham Accords eingeleitete AnnĂ€herung wird es zunĂ€chst eine Pause geben, aber keinen Abbruch. Der Nutzen guter Beziehungen zu Israel dient den arabischen Staaten in ihrem BemĂŒhen, von Öl und Gas unabhĂ€ngiger zu werden. Israelische Technik ist dafĂŒr unverzichtbar und fĂŒr die arabischen Staaten Voraussetzung zur EindĂ€mmung iranischen Machtstrebens am Golf.

Eine solche Entwicklung wĂ€re auch im Interesse Europas und sollte von Deutschland wie der EU gefördert werden, denn sie könnte StabilitĂ€t vor Europas Toren bringen und zugleich neo-osmanischen TrĂ€umen der TĂŒrkei Grenzen setzen. Offen bleibt dabei allerdings, ob und wie man verhindern kann, dass Iran Atomwaffenstaat wird. Iran kann dieses Ziel schon bald erreichen, noch ist allerdings ein ĂŒberwachtes Einfrieren als virtuelle Atommacht bei wirtschaftlichen ZugestĂ€ndnissen nicht ausgeschlossen. GelĂ€nge dies nicht, dĂŒrfte ein atomares WettrĂŒsten am Golf, in Ägypten und in der TĂŒrkei mit dramatischen Konsequenzen fĂŒr Europa folgen.

Folgerungen fĂŒr Deutschland und Europa

Europa wie Deutschland bleiben somit durch beide Konflikte gebunden und auch damit in Sicherheitsfragen abhĂ€ngig von den USA. Sie mĂŒssen die amerikanische Bindung an Europa festigen. Dazu muss Europa seine Peripherie im SĂŒden, SĂŒdosten und zunehmend auch im Norden schĂŒtzen und so viel eigenstĂ€ndige Sicherheit vor Russland wie möglich suchen. Dies ist der einzig sichere Schutz vor den Ungewissheiten der Wahl in den USA im November 2024. Das Einhalten der Zusagen gegenĂŒber der NATO ist dafĂŒr der erste, allerdings unumgĂ€ngliche und vom Wahlergebnis in den USA unabhĂ€ngige Schritt. Die Zeitenwende muss endlich vollzogen werden. Wie Deutschland diese Verpflichtung erfĂŒllen kann und gleichzeitig das heutige VerhĂ€ltnis von investiven zu konsumtiven Ausgaben im Bundeshaushalt einhalten kann, ist eine der großen ungelösten politischen Fragen am Anfang des Jahres 2024. Sie ist Teil der dringenden Notwendigkeit, sich auf eine erneute PrĂ€sidentschaft Trump vorzubereiten, nicht nur darĂŒber zu sprechen. Diese wĂŒrde eine Abkehr von Europa bringen und den amerikanischen, vor allem nuklearen Schutzschirm recht löchrig machen. Weil das zu verhindern ist, mĂŒssen Deutschland wie Europa verstehen, was mit den 2% zu erreichen ist: Wieder verteidigungsgerĂ€t werden, an nuklearer Teilhabe festzuhalten und Abschied von den nicht realisierbaren Gedankenspielen einer eigenstĂ€ndigen europĂ€ischen Atommacht nehmen.

Verteidigungsbereit heißt im gesamten NATO- Gebiet und seiner Peripherie europĂ€ische Komponenten der NATO in allen fĂŒnf Dimensionen moderne KriegsfĂŒhrung: Land, Luft, See, Weltraum und Cyber einsatzbereit zu machen. Peripherie heißt auch den eisfrei werdenden Arktischen Ozean zu bedenken und in der Lage zu sein zum globalen Schutz der freien Seewege beizutragen. ZusĂ€tzlich mĂŒssen europĂ€ische StreitkrĂ€fte zu Hilfe in Katastrophen weltweit bereit sein, vor allem aber mĂŒssen sie vermehrt auch die Konflikte im Auge behalten, in denen die USA europĂ€ische UnterstĂŒtzung erwarten.

Ein solcher weiterer Konflikt könnte entstehen, wenn China fĂŒrchten mĂŒsste, Taiwan könne die UnabhĂ€ngigkeit erreichen wollen. Das Wahlergebnis vom 13. Januar ist zunĂ€chst als Beruhigung zu sehen. Taiwan dĂŒrfte den bisherigen Kurs fortsetzen, also keine UnabhĂ€ngigkeit erklĂ€ren, aber die EigenstĂ€ndigkeit Taiwans fördern. Damit gĂ€be es zunĂ€chst keinen Kriegsgrund fĂŒr Peking, das insgesamt allerdings weder wirtschaftlich noch militĂ€risch gegenwĂ€rtig und bis auf weiteres in der Lage ist, einen schnellen Erfolg gegenĂŒber Taiwan zu erzielen, sofern Taiwan weiterhin auf die UnterstĂŒtzung Japans, SĂŒdkoreas und vor allem der USA rechnen kann. Die aber scheint gewiss, da nur mit Taiwan die strategische Linie Japan – Taiwan – Philippinen gehalten werden kann. Nur mit ihr kann China im sĂŒdchinesischen Meer eingedĂ€mmt, ein Ausgreifen in den Pazifik wie den indischen Ozean verhindert werden und die chinesische Kontrolle der Straße von Malakka ausgeschlossen werden. Dies wiederum ist fĂŒr die USA strategische Bedingung fĂŒr die Sicherheit ihrer pazifischen KĂŒste und im Falle der Straße von Malakka fĂŒr Europa ĂŒberlebenswichtig.

Derzeit ist also mit demonstrativen Gesten Pekings, nicht aber mit einem Angriff auf Taiwan zu rechnen. Zu einem derartigen Schritt ist Peking vermutlich frĂŒhestens in der zweiten HĂ€lfte des Jahrzehnts in der Lage.

Europa muss diese Entwicklung weit stĂ€rker als bislang im Auge behalten und es muss wirtschaftlich wie militĂ€risch seine PrĂ€senz im asiatisch-pazifischen Raum verstĂ€rken und sichtbar machen. Dies gilt insbesondere auch fĂŒr Deutschland, dass sich nicht mit Worten begnĂŒgen darf, das wegen seiner großen AbhĂ€ngigkeit von China aber nur sehr eingeschrĂ€nkt handeln kann. Dennoch muss Deutschland in einer Krise in Asien solidarisch sein, im Ă€ußersten Fall auch militĂ€risch, wenngleich sehr begrenzt, weil es nur dann mit Sicherheit durch die NATO rechnen kann, die ohne die USA nicht zu erreichen ist.

Weitere Konflikte allerdings eher regionaler Dimension könnten im unruhigen Gebiet des Kaukasus, im West-Balkan und natĂŒrlich in Afrika entstehen. Sie werden Aufmerksamkeit und KrĂ€fte binden, aber kaum die globalen Auswirkungen zeitigen wie die genannten drei Konfliktherde.

Die Sicherheitspolitische Agenda 2024

Konsequenzen fĂŒr das politische Handeln Deutschlands mĂŒssten in den ersten Monaten des Jahres 2024 konzipiert werden, damit Deutschland bei den anstehenden internationalen Orientierungen, also 75 Jahre NATO beim Gipfel in Washington, der nach den Europawahlen zu bildenden EU- Kommission und der Wahl einer neuen PrĂ€sidentin oder PrĂ€sident und im Vorfeld des Entstehens einer kĂŒnftigen US-Regierung handlungsfĂ€hig ist.

Diese Konsequenzen mĂŒssen sichtbares Handeln nach sich ziehen, folgenlose Strategiepapiere sind einfach nicht genug. Die so entstehenden Vorgaben sollten dann auch Grundlage des Handelns in Wirtschaft und Industrie sein, vor allem aber mĂŒssen sie den Aufbau leistungsfĂ€higer und den Bedingungen der sich Ă€ndernden Lage angepasster StreitkrĂ€fte sichtbar machen.

Ein weiteres Faktum darf auch nicht ĂŒbersehen werden: Die Entwicklung unserer Welt wird langfristig von dem Wettbewerb zwischen den USA und China bestimmt werden. Das Entstehen einer neuen BipolaritĂ€t ist wahrscheinlicher als die oft genannte MultipolaritĂ€t.

In dieser Entwicklung sollte Deutschland bedenken, dass gegenwĂ€rtig die Fakten, die fĂŒr eine neue Dominanz der USA sprechen stĂ€rker sind als die fĂŒr China sprechenden Tatsachen: Die USA sind technologisch allen anderen Staaten der Welt weit voraus, sie sind in vielerlei Hinsicht nahezu autark, sie verfĂŒgen ĂŒber die stĂ€rksten und leistungsfĂ€higsten StreitkrĂ€fte der Welt, die insbesondere die Weltmeere ebenso beherrschen wie Weltraum und Cyberspace, sie haben mit dem Dollar das noch immer wichtigste und noch lange globale Zahlungsmittel in der Hand und sie sind von allen großen MĂ€chten die einzige, deren Bevölkerung zunehmen und zugleich jĂŒnger werden wird. Deutschland ist aus all diesen GrĂŒnden gut beraten, seine Bindung an die USA zu festigen und zu stĂ€rken.

Europas Rolle dagegen ist mehr als begrenzt, vor allem weil die EU gespalten ist und durch den voraussichtlich zunehmenden Einfluss illiberaler KrĂ€fte gespalten bleiben wird. Die fehlende Übereinstimmung zwischen Deutschland und Frankreich hat der EU den Motor genommene, der Brexit hat Europa der gestaltenden pragmatischen Kraft Großbritanniens beraubt und noch ist offen, ob und in welcher Weise Polen sein wachsendes Gewicht zur Geltung bringen kann. Europa muss Wege finden schnell handlungsfĂ€hig und Verteidigungsbereit zu werden, dabei muss auch den Gedanken eines Beginns mit einem Kern- Europa neuer Raum gegeben werden.

Europa kann bis auf weiteres nur im engen Verbund mit den USA gestaltend wirken, solange man in Washington erkennt, dass amerikanischer Einfluss der USA auf ihre europĂ€ische GegenkĂŒste Voraussetzung der globalen Dominanz der USA ist. Dieses Argument muss Europa im Vorfeld der US-Wahlen stĂ€rker als bislang nutzen. Niemand in Europa kann das wirkungsvoller tun als ein Deutschland, das seine Verpflichtungen erfĂŒllt und das durch die enge wirtschaftliche Verflechtung beider Staaten besonderes Gewicht hat.

Dazu gilt es eine entscheidende Voraussetzung im Inneren und möglichst parteiĂŒbergreifend zu schaffen: Staat und Gesellschaft mĂŒssen begreifen, dass eine verteidigungsbereite Bundeswehr und eine zum Handeln auch in der Konfrontation entschlossene und zum Schutz von Recht und Demokratie bereite Gesellschaft Voraussetzung fĂŒr den Erhalt des Friedens in Europa und der dafĂŒr unersetzlichen transatlantischen Bindung sind.

Ein Beitrag von:

General a.D. Dr. h.c. Klaus Naumann

Vorsitzender, NATO-MilitĂ€rausschuss (1996 – 1999); Generalinspekteur der Bundeswehr (1991 –1996)

Dr. h.c. Klaus Naumann, General a.D., geboren 1939 in MĂŒnchen, trat 1958 in die Bundeswehr ein und stieg nach Verwendungen in der Truppe, Verwendungen im Verteidigungsministerium und in der NATO Ende 1991 von der Position des Kommandierenden Generals des I. Korps in MĂŒnster zum Generalinspekteur der Bundeswehr auf.

In seine Amtszeit bis Februar 1996 fielen die Reorganisation und Reduzierung der Bundeswehr, die Auflösung und Teilintegration der Nationalen Volksarmee der frĂŒheren DDR, die innere Umstellung der Bundeswehr von Heimatverteidigung auf EinsĂ€tze im Rahmen von UN und NATO und die ersten AuslandseinsĂ€tze der Bundeswehr in Kambodscha, Somalia, Georgien, im Irak und auf dem Balkan.

Von Februar 1996 bis Mai 1999 war Naumann als Vorsitzender des MilitĂ€rausschusses der oberste Soldat der NATO. In dieser Zeit wurde die bis Herbst 2010 gĂŒltige Strategie der NATO erarbeitet, es begann die Partnerschaft fĂŒr den Frieden und die Zusammenarbeit mit Russland, die NATO nahm Polen, die Tschechische Republik und Ungarn und es begannen die Operationen in Bosnien und der Luftkrieg im Kosovo im MĂ€rz 1999. Nach seiner Versetzung in den Ruhestand im Mai 1999 ĂŒbernahm er eine Reihe ehrenamtlicher Aufgaben. In Deutschland war dies vor allem die PrĂ€sidentschaft der Clausewitz-Gesellschaft, der Deutsch-Britischen Offiziervereinigung und die Vize-PrĂ€sidentschaft der Deutschen Atlantischen Gesellschaft. International wurde Naumann unter anderem vom IISS London in dessen Beirat, vom ICRC in Genf als International Advisor und von Kofi Annan in das so genannte Brahimi Panel der Vereinten Nationen berufen. Er war dann Mitglied der Internationalen Kommission zu Intervention und staatlicher SouverĂ€nitĂ€t ( ICISS ), die im Dezember 2001 ihren Bericht „The Responsibilty to Protect“ vorlegte. Ab Mitte Oktober 2008 war er Mitglied der International Commission on Nuclear Non-Proliferation and Disarmament. Er ist im Vorstand der deutschen Atlantischen Gesellschaft, Mitglied des Kuratoriums der Gesellschaft fĂŒr Sicherheitspolitik und war von 2005 an 14 Jahre Mitglied des Senats der Deutschen Nationalstiftung.

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