Am 28. Januar lud die Deutsche Atlantische Gesellschaft zur traditionellen „Strategischen Lage zu Jahresbeginn“ mit dem Abteilungsleiter Politik im Bundesministerium der Verteidigung ein. Begrüßt wurden die Gäste von Präsident der Deutschen Atlantischen Gesellschaft und Hohem Repräsentanten für Bosnien und Herzegowina, BM a.D. Christian Schmidt. Im Mittelpunkt stand der Vortrag von Dr. Jasper Wieck, der die aktuelle sicherheitspolitische Lage – in Anlehnung an den kanadischen Premierminister Mark Carney – als Phase des „Bruchs“ beschrieb: In hohem Tempo geraten Grundannahmen der internationalen Ordnung ins Wanken, während parallel mehrere Krisen Aufmerksamkeit binden – von Nahost bis zu neuen Spannungen im hohen Norden.
Russland als zentrale Bedrohung für Europas Sicherheit
Trotz dieser „disruptiven“ Entwicklungen setzte Wieck einen klaren Schwerpunkt: Russland bleibe die zentrale Bedrohung für die Sicherheit Europas. Der russische Revisionismus richte sich nicht nur auf die besetzten Gebiete in der Ukraine, sondern ziele auf eine hegemoniale Stellung nach sowjetischem Vorbild. Hybride Angriffe auf NATO-Staaten und ihre Gesellschaften gehörten bereits heute zum Instrumentarium Moskaus. Eine politische Beendigung des Krieges ändere daran wenig, solange die strategischen Ziele unverändert blieben.
Transatlantische Lage und europäische Verantwortung
Ein zweiter Schwerpunkt betraf die transatlantische Lage. Der US-Fokus auf China sei seit Jahren absehbar; zugleich erwarteten die USA eine stärkere europäische Verantwortung für konventionelle Verteidigung. Wieck verwies in diesem Zusammenhang auf die NATO-Beschlüsse von Den Haag und den dort markierten Aufwuchs der Verteidigungsanstrengungen. Gleichzeitig warnte er vor Fehlschlüssen, wenn die russische Bedrohung in strategischen Debatten zu stark auf die Ukraine reduziert werde.
Arktis, Grönland und glaubhafte Handlungsfähigkeit
Ausführlich ging Wieck auf die Arktis und die Grönland-Debatte ein. Russland verfüge dort über erhebliche militärische Fähigkeiten; die NATO habe den Nordatlantik und den hohen Norden jedoch seit langem in ihre Planungen und Übungen eingebunden. Entscheidend sei, amerikanische Sicherheitsinteressen glaubhaft im NATO-Rahmen zu adressieren – und diese Politik durch konkrete europäische Fähigkeiten zu untermauern.
Leitlinien zum Schluss: regelbasiert – und machtbewusst
Zum Abschluss formulierte Wieck zwei Leitlinien: Deutschland und Europa sollten an der regelbasierten Ordnung festhalten, müssten zugleich aber stärker in Machtkategorien denken. Europa könne als handlungsfähiger Machtpol auftreten – breiter als nur die EU, ausdrücklich auch mit Partnern wie Großbritannien und Norwegen – und politische Ziele durch belastbare militärische und wirtschaftliche Beiträge absichern.
Ausgiebige Diskussion mit Publikum und Podium
An den Impuls schloss sich eine ausführliche Diskussion an, moderiert von Sina-Maria Schweikle. Neben Dr. Jasper Wieck nahm auch Anna Engelke an der Debatte teil. Die Möglichkeit, Fragen aus dem Publikum zu stellen, wurde dabei intensiv genutzt und prägte den Austausch über die sicherheitspolitischen Herausforderungen zu Jahresbeginn.
Im Anschluss an Vortrag und Diskussion lud die Deutsche Atlantische Gesellschaft zu einem kleinen Empfang ein, der Raum für weitere Gespräche und Vernetzung bot.





