Einleitung
Ich danke fĂŒr die Einladung und sage gleich zu Beginn: Ich bejahe die Forderung, dass Europa handeln muss und hoffe noch immer, dass endlich der politische Wille entsteht, das auch zu tun. Doch bevor ich dazu VorschlĂ€ge machen werde, möchte ich einen Moment daran denken, dass ich am 1485. Tag seit dem Beginn von Putins verbrecherischen Angriffskrieg zu Ihnen spreche. Dass wir die Zeit haben nachzudenken, verdanken wir nicht zuletzt der unglaublichen Tapferkeit der ukrainischen Soldaten und dem beispielhaften Durchhaltewillen der Ukrainer.
Europa muss nun aber rasch handeln und es ist Greifbares zu erreichen, denn Russlands Kriegswirtschaft könnte die enormen materiellen Verluste aus dem Krieg in der Ukraine bis 2029 ausgeglichen haben. Die VerstÀrkungsprogramme der NATO dagegen werden bestenfalls 2031 abgeschlossen sein.
Wir leben deshalb, in meinen Augen, jetzt und in den nĂ€chsten fĂŒnf Jahren in der gefĂ€hrlichsten Zeit seit Ende des Zweiten Weltkrieges.
Ich werde zuerst die Lage schildern und dann die Schritte aufzeigen, die aus meiner Sicht notwendig wĂ€ren, um jetzt und auch kĂŒnftig Sicherheit fĂŒr Europa zu schaffen. Ich will also drei Fragen beantworten: Wo stehen wir, was brauchen wir und was ist zu tun?
Wo stehen wir?
Ich beginne die Beurteilung der Lage nicht, wie ĂŒblich, mit der Feindlage, sondern mit der, wenn Sie so wollen, GroĂwetterlage, gehe dann auf die eigentliche dramatische VerĂ€nderung ein, die VerlĂ€sslichkeit der USA, und komme erst dann zur EinschĂ€tzung des einzigen derzeit erkennbaren Gegners, Russland. NatĂŒrlich will ich mich nicht vor dem Thema Iran drĂŒcken, doch mein Thema ist Europa. Ich bin aber gern bereit, in der Diskussion auch auf Iran oder auch China einzugehen. Beide Konflikte haben Auswirkungen fĂŒr Europa.
Die GroĂwetterlage
Die Pax Americana ist zu Ende. Die USA wenden sich mehr und mehr von Europa ab, das begann schon unter Obama, doch Europa hat nicht reagiert, ist besorgniserregend schwach geblieben und in vielerlei Hinsicht auf die USA angewiesen, fĂŒr seine Sicherheit sogar abhĂ€ngig.
Europa, wenn ich Europa sage, meine ich die EU, ist nicht nur gespalten, es hat sich auch seiner wichtigsten Machtmittel selbst beraubt: Wirtschaftlicher StĂ€rke und militĂ€rischer Macht. Das ist die Folge zahlreicher Fehlentscheidungen der letzten 30 Jahre verstĂ€rkt durch die Regulierungswut der EU, die Technikskepsis in vielen Gesellschaften, das Ausufern des Sozialstaats, die ideologiegetriebene Deindustrialisierung und durch die seit 1998 betriebene AbrĂŒstung ohne VerteidigungsfĂ€higkeit im Auge zu behalten. Das in GĂ€nze zu reparieren, wird mehr als ein Jahrzehnt dauern, vor allem in einem Deutschland, dessen GeschĂ€ftsmodell, preiswerter Schutz durch Amerika, billige Energie aus Russland und ĂŒberschĂ€umender Export nach China, gescheitert ist. Aufschwung ist nicht in Sicht. Ob in diesem Europa ein EuropĂ€ischer Bund, wie ihn Professor Sinn vorschlĂ€gt, möglich ist, also ein supranationales BĂŒndnis, ist die groĂe, aber politisch völlig offene Frage. Es ist eine Frage des politischen Willens. Die mĂŒssen Politiker beantworten, mein Thema ist, wie man Sicherheit erreichen kann, Sicherheit, die man jetzt braucht und die man nur durch FĂ€higkeiten, nicht durch Ideen erreichen kann.
Wir erleben die Entwicklung einer neuen Weltordnung. Der Krieg in der Ukraine vor unserer HaustĂŒr war der Beginn der OuvertĂŒre, Iran mit seinem Vorspiel, Venezuela ist nun deren zweiter Teil. Europa erlebt den Krieg in der Ukraine, aber lĂ€ngst nicht alle EuropĂ€er haben verstanden, dass dort auch fĂŒr Europas Sicherheit gekĂ€mpft wird. Die Ukraine hilft uns Zeit zu gewinnen. Sie muss deshalb auch weiterhin unterstĂŒtzt werden, nachhaltig, nicht halbherzig und endlich durch alle europĂ€ischen Staaten. Der immer noch florierende Handel mit Russland, der Jahr fĂŒr Jahr Milliarden in Putins Kriegskasse spĂŒlt, muss ein Ende finden.
Der Krieg in der Ukraine ist aus vier GrĂŒnden lĂ€ngst ein globaler Konflikt, denn
1. fĂŒr Russland, das schon jetzt geschwĂ€chte und zum Vasallen Chinas gewordene Land, das aber allein wegen seiner GröĂe, elf Zeitzonen, und seinem weltgröĂten Atomwaffenpotenzial auch kĂŒnftig zwar mehr als eine regionale, aber doch keine globale Macht ist, wĂ€re eine Niederlage vermutlich das Ende seiner globalen und imperialen Illusionen,
2. fĂŒr China, den wichtigsten UnterstĂŒtzer Russlands ohne den Russland vermutlich bereits verloren hĂ€tte, ist jede SchwĂ€chung Russlands nĂŒtzlich, dennoch will es eine russische Niederlage vermeiden, weil Peking keine SchwĂ€chung autokratischer Regierungen will,
3. fĂŒr die Ukraine ist das de jure Hinnehmen auch nur von Teilergebnissen der russischen Aggression gleichbedeutend mit der Legitimation von Landnahme durch Gewalt. Das hinzunehmen, ist fĂŒr ganz Europa unannehmbar. Damit wĂŒrde die TĂŒr zu weiteren Kriegen In Europa geöffnet werden, und schlieĂlich
4. fĂŒr den Westen als Ganzes, auch fĂŒr die USA, wĂ€re die Annahme der russischen Forderungen der Verlust jeglicher GlaubwĂŒrdigkeit. Das Ergebnis wĂ€re weitere Unsicherheit.
Wie immer die kĂŒnftige Weltordnung aussehen wird, sicher ist, in der Ukraine fĂ€llt die Vorentscheidung, ob Europa, das weiterhin mit dem Nachbarn Russland leben muss, ein eigenstĂ€ndiger Akteur in der Welt von morgen sein wird.
Diese Welt wird zunÀchst eine Welt sein, in der nicht mehr die StÀrke des Rechts, sondern das Recht des StÀrkeren gilt, in der es wieder Interessenzonen gibt und damit den Kampf um Dominanz in ihnen, also auch Kriege. Krieg wird in dieser Welt ein getreuer Begleiter von uns Menschen bleiben.
Langfristig dĂŒrfte es nicht eine multipolare, sondern eine bipolare Welt werden, in der die beiden Hegemonialstaaten, die USA als maritime Macht in der westlichen HemisphĂ€re und China als kontinentale eurasische Macht und eventuell als FĂŒhrer des globalen SĂŒdens einander gegenĂŒberstehen. Daneben wird es regionale MĂ€chte geben, wie Russland, vielleicht auch Europa oder Indien. Die beiden GroĂen werden hoffentlich friedlich die zweifelsohne mögliche kooperative Lösung finden.
Meine erste Antwort zu der Frage âWo stehen wir?â ist somit: Nur FĂ€higkeiten, nicht Ideen schaffen Sicherheit, die FĂ€higkeiten aber fehlen Europa. Weil sie fehlen, lebt Europa jetzt in Unsicherheit.
Bislang glaubte man, das ertragen zu können, weil man sich auf den Schutz durch die USA verlassen konnte. Heute aber mĂŒssen wir uns fragen, können wir das noch? Europa konnte sich seit 1917 in allen Kriegen, auch dem Kalten Krieg und in allen Krisen, so zuletzt beim Zerfall Jugoslawiens und anfangs sogar in der Ukraine auf die USA verlassen. Das ist seit dem 20. Januar 2025 vorbei. Deshalb ist jetzt zu handeln. Das beginnt damit, dass Europa sich nicht lĂ€nger weg duckt oder bis zur Selbsterniedrigung anbiedert. Europa hat besorgniserregende SchwĂ€chen, aber auch StĂ€rken. Die muss Europa jetzt in der Auseinandersetzung mit seinem unersetzbarem BĂŒndnispartner USA nutzen. Die USA wenden sich von der regelbasierten Ordnung ab, die sie einst maĂgeblich geschaffen haben. Sie setzen auf das Recht des StĂ€rkeren und verlangen Gefolgschaft. Der gegenwĂ€rtige amerikanische PrĂ€sident hat aus dem verstĂ€ndlichen Prinzip âAmerica Firstâ ein unverstĂ€ndliches âAmerica Aloneâ gemacht.
Europa ist und bleibt aber abhĂ€ngig von diesem Amerika, militĂ€risch, da besonders nuklear, in der AufklĂ€rung und in der Beherrschung der Datenwelt, aber auch wirtschaftlich, technologisch und natĂŒrlich geostrategisch. Europa kann ohne die Beherrschung des Atlantik nicht verteidigt werden. Die transatlantischen Bindungen sind daher zu erhalten, ohne sie gibt es keine Sicherheit fĂŒr Europa. Auch fĂŒr die Wirtschaft gilt gegenseitige AbhĂ€ngigkeit. Ăberlegen Sie nur, was es fĂŒr Europas GeschĂ€ftswelt bedeuten wĂŒrde, wenn Microsoft morgen nicht mehr zur VerfĂŒgung stĂŒnde?
Doch Europa hat viele Möglichkeiten, ohne die die USA nicht die militÀrisch fast unangreifbare Weltmacht bleiben können. Als erstes, die USA haben eine Achilles-Ferse, die Europa nutzen kann: Die heute schon enorme, aber unter Trump sogar noch rapide wachsende Verschuldung der USA, nicht zuletzt durch den Krieg im Iran. Heute bereits verschlingen die Zinsen pro Jahr 13 % des BIP der USA.
Doch es geht weiter, seien es die durchaus ersetzbaren Energieexporte aus Amerika nach Europa, seien es die europÀischen Kredite, deren Entzug die WeltwÀhrung Dollar in Gefahr bringen könnte, seien es die betrÀchtlichen beiderseitigen Investitionen, sei es die Bedeutung Europas als Drehscheibe amerikanischer ProjektionsfÀhigkeiten nach Afrika wie nach Asien, Stichwort Ramstein. Der Verlust Europas wÀre das Ende der Weltmacht USA. Also: Sie brauchen uns, aber wir brauchen sie noch mehr.
Washington muss anerkennen, dass Europa Partner ist, nicht aber, wie AM Rubio, nur milder verpackt als ein Jahr zuvor VizeprĂ€sident Vance, in MĂŒnchen forderte, Gefolgsmann. Der Partner Europa muss seinerseits erkennen, dass auf den bisherigen Garanten europĂ€ischer Sicherheit, die USA, unter PrĂ€sident Trump nicht lĂ€nger, wie bisher, Verlass ist. Das ist das Novum. Bislang war es der Feind, der zum Handeln zwang, nun ist es auch der Freund, der die Welt verĂ€ndern will und sich nicht mehr an VertrĂ€ge oder Recht gebunden fĂŒhlt. Das einzig Berechenbare in der erratischen Politik des amerikanischen PrĂ€sidenten ist seine Unberechenbarkeit. Die enthĂ€lt aber paradoxerweise zugleich ein Element des Schutzes, denn kein Gegner kann sich sicher sein, wann und wie Trump reagiert. Allein dieser Ungewissheit im RisikokalkĂŒl Russlands wegen muss Europa an der NATO festhalten. Sie aufzugeben wĂ€re tödlicher Leichtsinn. Trump will aber keine ihn einengenden BĂŒndnisverpflichtungen. Die NATO nur, wenn er sie braucht, die EuropĂ€ische Union dagegen sieht er als Konkurrenten. Er will sie spalten und schwĂ€chen, unklar ist nur, ob er sie so hasst wie sein VizeprĂ€sident Vance. Er wird folglich weiter nach dem alten Prinzip âdivide et imperaâ handeln und auch mit Partnern in seinen ĂŒblichen drei Schritten vorgehen:
ZunĂ€chst verlangt er Unerreichbares, dann droht er mit Gewalt und schlieĂlich im dritten Schritt lenkt er ein, um daraus Vorteile fĂŒr die USA zu erreichen. Solch eine Partnerschaft verlangt Gefolgschaft, darauf lĂ€sst sich Sicherheit nicht aufbauen.
Trumps Schwerpunkt ist laut seiner Nationalen Sicherheitsstrategie die Kontrolle der westlichen HemisphĂ€re und die Vorbereitung auf eine Auseinandersetzung mit China. Europa ist dabei nachrangig und dennoch enthĂ€lt die Verteidigungsstrategie der USA die jĂŒngst hier in diesem Haus bestĂ€tigte Aussage, dass die VerbĂŒndeten, also auch Europa, verteidigt werden. Beruhigend, dennoch, Trump hat die NATO schwer beschĂ€digt hat, denn Vertrauen hĂ€lt BĂŒndnisse zusammenhĂ€lt, das ist weg.
Doch weil in einem Konflikt mit China die Beherrschung der europĂ€ischen KĂŒste durch die USA und ihre europĂ€ischen VerbĂŒndeten die Voraussetzung fĂŒr den Schutz des atlantischen RĂŒckens der USA und die damit mögliche Konzentration auf den Pazifik ist, bleibt es nationales Interesse der USA, die NATO als BĂŒndnis zum Schutz vor einem auf die Inbesitznahme ganz Europas zielenden russischen Angriffs zu erhalten. In diesem Fall wĂ€re Verlass auf die USA, weil sonst die amerikanische OstkĂŒste verwundbar wĂŒrde. In allen Krisen darunter aber, ist amerikanischer Schutz zweifelhaft geworden. FĂŒr diese Krisen muss Europa fĂ€hig werden, sich weitgehend allein zu verteidigen.
SchĂŒtzen muss sich Europa vor Russland, denn Russlands Traum von einer Einflusszone von Wladiwostok bis Lissabon, nicht bis Vancouver wie 1990 in Paris vereinbart, ist lebendig und kann nur verwirklicht werden, wenn der ab 2010 wiederholt unternommene Versuch, NATO und EU zu spalten und die Amerikaner aus Europa zu verdrĂ€ngen vor 2031, dem Zieldatum der VerstĂ€rkung der NATO, erfolgreich ist.
Lassen Sie mich hier sagen, dass die gelegentlich genannte Alternative, eine Sicherheitspartnerschaft mit Russland, derzeit nicht besteht. Wir haben mit Russland keine Chancen verspielt, weder 2001 und auf keinen Fall nach Putins Ultimatum 2021. Russland war schon vor Putin nicht willens, sich als Gleicher unter Gleichen einzuordnen. ZusĂ€tzlich hat es unter Putin gezeigt, dass es das zentrale Element einer jeden haltbaren europĂ€ischen Friedensordnung nicht respektieren will, das Element, dass Grenzen nicht mit Gewalt verĂ€ndert werden dĂŒrfen. Dazu hatte sich Russland mit der Charta von Paris 1990 verpflichtet. Doch schon 2007 in Georgien und dann 2014 auf der Krim, hat Russland seine vertraglichen Verpflichtungen gebrochen. Russland ist auch niemals vom Westen betrogen worden, wie es Putin seit 2007 behauptet, interessanterweise allerdings nicht in seiner Rede vor dem deutschen Bundestag 2001.
Heute ist Russland ein autokratischer, korrupter Staat, der unerfĂŒllbaren imperialistischen TrĂ€umen nachhĂ€ngt und der sich, in den Augen seiner Machthaber, trotz seiner gewaltigen wirtschaftlichen und demographischen Probleme, irrtĂŒmlich auf Augenhöhe mit den USA und China wĂ€hnt. Es fĂŒhrt in der Ukraine einen Krieg, den es vermutlich nicht gewinnen kann, der Russlands ruiniert und es schon jetzt zum Vasallen Chinas gemacht hat. Russland hat derzeit kein Interesse diesen Krieg zu beenden, erst wenn es ein Ziel, eine von ihm dominierte Einflusszone von Wladiwostok bis Lissabon erreicht hat. Nur so glaubt es sich vor Demokratie an seinen Grenzen schĂŒtzen zu können und zusĂ€tzlich scheint Putin nahezu missionarisch besessen zu sein, den dekadenten, woken Westen, dessen Ansteckungsgefahr er fĂŒrchtet, auszulöschen. Diese Ziele hat Putin nie aus dem Auge verloren, deshalb will er Europa auf 1997 zurĂŒckdrehen, er spielt auf Zeit und gaukelt Trump vor, der russische Sieg sei unaufhaltsam, dann sei der Weg fĂŒr amerikanische GeschĂ€fte frei. Er und seine Oligarchen fĂŒrchten nichts mehr als Freiheit, zudem haben sie Angst vor einem Kriegsende, das hunderttausende entlassene Soldaten nach Russland bringen wĂŒrde, in dem die dann das Einzige tun könnten, was sie gelernt haben, töten und plĂŒndern. Sie könnten den Staat gefĂ€hrden.
Doch Putin wird seine Ziele aus drei GrĂŒnden nicht erreichen:
1. Putin hat mit seinem Angriff eine ukrainische IdentitÀt geschaffen, die Ukrainer werden niemals aufgeben. Gegen diese Ukrainer kann Russland dieses riesige Land nicht besetzen.
2. Putin hat Europa geweckt. Es begreift nun, dass Verteidigung notwendig ist.
3. Putin hat die NATO nicht geschwÀcht, sondern durch den Beitritt Finnlands und Schwedens gestÀrkt.
Wo stehen wir also?
Solange in der Ukraine gekĂ€mpft wird, dĂŒrfte Russland kaum in der Lage sein, einen groĂ angelegten Angriff auf Europa zu wagen. Den zu verhindern, bleibt jetzt und in der Zukunft Aufgabe der NATO, weil nur die NATO durch den BĂŒndnispartner USA das gewaltige Nuklearpotential Russlands durch Abschreckung unter Kontrolle halten und nukleare Erpressung verhindern kann.
Europa, das schon seit 2014 nicht mehr im Frieden, sondern in einem hybriden Krieg lebt, muss mit fortdauerndem, gĂŒnstigstenfalls eingefrorenem Krieg in der Ukraine und anhaltenden imperialistischen TrĂ€umen Russlands rechnen. Nicht der groĂe Krieg in und um ganz Europa steht bevor, auch nicht ab 2029, wohl aber als Test des Zusammenhalts der NATO geplante, begrenzte Kriegshandlungen gegen NATO-LĂ€nder. Tritt das ein, dann wird Deutschland solidarisch sein mĂŒssen, dann werden Soldaten der Bundeswehr kĂ€mpfen mĂŒssen, fernab der halbwegs in Frieden lebenden Heimat, aber hoffentlich gestĂŒtzt von der der Mehrheit der Bevölkerung. Handeln die BĂŒndnispartner nicht solidarisch, dann wĂ€re das BĂŒndnis vermutlich am Ende und der Weg fĂŒr Russlands Dominanz frei.
Das beschreibt die Aufgabe: Es ist wiederum Sicherheit vor Russland zu schaffen, weil Sicherheit mit Russland derzeit nicht möglich ist. Somit ist erneut Krieg in all seinen Facetten zu verhindern, aber nun durch den Aufbau wirksamer europÀischer VerteidigungsfÀhigkeit. Das muss Europas Ziel sein.
Was braucht Europa dazu?
1. Die Absicherung gegen nukleare Erpressung durch die USA.
2. Die Beherrschung der Seewege im Nordatlantik.
3. Den politischen Willen, Europa durch Einsatz aller Mitteln zu verteidigen.
4. Die dazu erforderlichen militĂ€rischen FĂ€higkeiten, vor allem die, Russland schon in der ersten Reaktion erheblichen Schaden zuzufĂŒgen.
5. Die wirtschaftlichen Möglichkeiten auch unabhÀngig nachhaltig zu handeln.
MilitĂ€risch ist schon heute möglich, durch geschlossenes Handeln der EuropĂ€er einen Krieg zu verhindern, der die Inbesitznahme Europas zum Ziel hat. Die europĂ€ischen NATO-Staaten zusammen haben militĂ€rische FĂ€higkeiten gegen die ein Russland, das in vier Jahren Krieg unter enormen Verlusten, vermutlich mehr als eine Million Soldaten, gerade einmal 20 % des ukrainischen Territoriums erobern konnte, einen Krieg voraussichtlich nicht gewinnen könnte. Sind dann 2031 die beschlossenen Programme der NATO verwirklicht, â und das kann Europa dank seiner ĂŒberlegenen Wirtschaftskraftâ, dann wĂ€re jeder Angriff Russland zur Eroberung ganz Europas zum Scheitern verurteilt.
Kritisch sind also die nĂ€chsten fĂŒnf Jahre, doch auch in ihnen gibt es keinen Grund Angst zu haben. Es gibt aber jeden Grund, Europas FĂ€higkeiten jetzt aufzubauen, zu stĂ€rken und zu bĂŒndeln, auch endlich eine konsolidierte europĂ€ische RĂŒstungsindustrie zu schaffen, die erheblich schneller als heute und endlich ausgerichtet auf den Krieg des 21. Jahrhunderts, dessen AnfĂ€nge man in der Ukraine sehen kann. Geboten sind kĂŒnftig modulare Lösungen statt groĂer Lose, auch das kann man von der Ukraine lernen, die heute die wohl beste Drohnenindustrie der Welt hat und die im Gegensatz zu unserer Industrie kriegserprobte Lösungen bieten kann.
So könnte Europa den Krisen unterhalb des groĂen Krieges in Europa begegnen, vorausgesetzt, es gebe den politischen Willen der EuropĂ€er geschlossen, entschlossen und schnell zu handeln. Das ist heute Europas gröĂte SchwĂ€che, es fehlt der Wille zur Gesamtverteidigung. Heute haben den fast nur die Finnen haben. WĂŒrde Europa ein bisschen finnischer, dann wĂ€re Europa sicherer.
Vor allem aber, Europa muss sich entscheiden, welche Rolle es in der Welt spielen will, Spielball groĂer MĂ€chte oder Spieler? Ich wĂ€re fĂŒr Spieler.
Was ist dafĂŒr zu tun, welche Wege zu europĂ€ischer Sicherheit gibt es?
Allein auf die NATO zu setzen, kommt wegen der amerikanischen Unberechenbarkeit nicht in Betracht, die EU in ihrer heutigen Form allerdings kann Europa noch nicht einmal vor begrenzten Ăbergriffen schĂŒtzen. Sie ist viel zu langsam, zu bĂŒrokratisch, offensichtlich unwillig, bestehende FlexibilitĂ€ten zu nutzen und sie ist durch das Prinzip der Einstimmigkeit zum Krisenmanagement unfĂ€hig. In der Krise entscheidet Schnelligkeit, Entschlossenheit und Geschlossenheit.
Europa darf auf dem Weg zu sofort wirksamer europĂ€ischer Sicherheit nun nicht seine Fehler bei der EinfĂŒhrung des Euro wiederholen, also erst das Instrument, die so oft genannte Europaarmee, schaffen und dann auf die politische Union zu hoffen.
Europa darf auch nicht wie Deutschland bei dem Ausstieg aus der Atomenergie vorgehen, also etwas wie die NATO aufgeben, ohne Ersatz zu haben.
Um jetzt Sicherheit fĂŒr Europa auch vor begrenzten Aktionen zu schaffen, muss man zunĂ€chst beginnen, die Nachrichtendienste besser zu koordinieren, denn nur InformationsĂŒberlegenheit schafft Eskalationsdominanz. Die aber braucht man um Krisen zu beenden und damit Krieg zu verhindern. Folgend wĂ€ren dann meinen Augen drei Schritte erforderlich:
1. Sofortige Beschaffung fehlender europÀischer FÀhigkeiten zum Kampf mit Drohnen zu Land, in der Luft und auf See und Beschaffung weitreichender, russisches Territorium erreichender Waffenwirkung.
2. Sofortige Bildung einer schnellen, multinationalen Eingreiftruppe Immediate Reaction Force (IRF), um kleineren Ăbergriffen sofort zu begegnen.
3. Schnelle Bildung einer multinationalen Koalitionsstreitkraft European Response Force (ERF) durch eine âCoalition of the Willingâ.
So könnte ein Europa der zwei Geschwindigkeiten entstehen, das Europa der Verteidigung, dass eigenstÀndig nach dem Mehrheitsprinzip entscheidet, neben dem Europa der EU, das in allen anderen Felder der Politik wie bisher agiert.
Es entstĂŒnde so endlich der europĂ€ische Pfeiler der NATO, aber nun nicht mehr als ErgĂ€nzung transatlantischen Schutzes, sondern nun als Fundament europĂ€ischer Sicherheit. Schafft Europa das, dann wĂŒrde es der unverzichtbare Partner der unersetzlichen atlantischen Weltmacht USA.
Dieses Europa der Verteidigung verlangt die Beherrschung des europĂ€ischen Raums einschlieĂlich seiner Randmeere zu Land, in der Luft, auf See, im Weltraum und im Cyber Space, aber auch den Schutz der Seewege im Atlantik einschlieĂlich des Arktischen Ozeans. Dazu sollte in der ersten Stufe eine multinationale schnelle Eingreiftruppe (IRF)aus unter dem Dach der NATO befindlichen KrĂ€ften europĂ€ischer Staaten gebildet werden, um diese ohne zusĂ€tzliche neue StĂ€be in Krisen, nach Abstimmung mit der NATO, aber ohne Veto-Recht der NATO, bei begrenzten Angriffen auf NATO-Gebiet einzusetzen. Diese IRF mĂŒsste aus Komponenten aller drei TeilstreitkrĂ€fte und den bereits verfĂŒgbaren weitreichenden Waffen sowie Teilen der vorhandenen Cyberkomponenten bestehen. Als Anhalt fĂŒr die GröĂe denke ich an eine schnell einsatzbereite und im BĂŒndnisgebiet rasch verlegbare Brigade je Teilnehmerstaat, verstĂ€rkt durch angemessene Anteile der Luftwaffen und der Marinen und die erforderlichen âforce enablersâ. FĂŒr diesen Schritt sollte Deutschland die Initiative ergreifen und Frankreich und GroĂbritannien, möglicherweise auch Finnland und Polen einladen.
Im nĂ€chsten Schritt wĂ€ren von diesen Staaten gemeinsam weitere europĂ€ische NATO-Staaten zur Bildung einer âCoalition of the Willingâ einzuladen. Sie wĂŒrden gemeinsam die European Response Force (ERF) zu bilden. Noch vor der Einladung mĂŒssten die Teilnehmer an der IRF den Rahmen aushandeln. Teilnehmer der âCoaltionâ könnten vor allem Italien, die Baltischen Staaten, Schweden, Norwegen, DĂ€nemark und die Niederlande, aber auch die TĂŒrkei gehören. In diesem Schritt sollte geprĂŒft werden, ob zusĂ€tzlich eine neu zu schaffende, multinational zu bemannende und gemeinschaftlich zu finanzierende âEuropean Strike Componentâ aufgestellt werden sollte. Das bereits eingeleitete Projekt ELSA könnte man dazu nutzen. So wĂŒrde das auch zu nachhaltigem Kampf befĂ€higte, aber in Krisen unterhalb der BĂŒndnisverteidigung eigenstĂ€ndig einzusetzende, europĂ€ische Fundament der NATO gebildet, ein internationales Element also, nicht ein supranationales.
FĂŒr IRF wie ERF mĂŒssen die Eckpunkte des politischen Rahmens vereinbart werden, die auch als Anfangsposition fĂŒr die Verhandlungen zu einem EuropĂ€ischen Bund ĂŒbernommen werden könnten. Als solche schlage ich vor:
1. Diese Koalition wird keine ihre Waffen jemals als Erste einsetzen, aber im Falle eines Angriffs muss sie durch ihre Reaktion uneingeschrĂ€nkt dem Gegner die FĂŒhrungsfĂ€higkeit nehmen, auch auf seinem Territorium, seine kritische Infrastruktur zerstören und seine militĂ€rischen KrĂ€fte angreifen. Das kann auch Gegenangriffe auf russischem Staatsgebiet einschlieĂen.
2. Die Entscheidungen ĂŒber den Einsatz militĂ€rischer KrĂ€fte trifft der Rat der Regierungschefs der Teilnehmerstaaten. Sie erfolgt nach Mehrheitsprinzip, bindet aber alle Mitglieder. Entscheidend ist, sehr schnell zu handeln, fĂŒr vorherige Parlamentsbeteiligung ist keine Zeit.
3. Der Einsatzraum ist der Nordatlantik, der Arktische Ozean, der europÀische Kontinent und seine Randmeere
4. Die einzusetzenden Truppen mĂŒssen in der Lage sein, in den fĂŒnf Dimensionen modernen Krieges nachhaltig und durchhaltefĂ€hig zu kĂ€mpfen, also auf dem Land, in der Luft, auf See, im Cyberspace und im Weltraum.
Schon mit Beginn einer Krise ist anzudrohen, dass jeder russische Angriff auf ein NATO-Land eine Reaktion auf russischem Boden zur Folge haben wird. Nur wenn der Aggressor weiĂ, dass jeder Ăbergriff ihm sichtbaren Schaden zufĂŒgen wird, kann er abgeschreckt werden. Das setzt voraus, dass der eigene Bereich umfassend geschĂŒtzt ist. Die FĂ€higkeiten dazu sind teilweise schon heute vorhanden, sie sind zu verstĂ€rken. Was derzeit fehlt, ist der politische Wille, sie einzusetzen. Es darf nicht erneut geschehen, dass man sich von nuklearen Drohungen Russlands so einschĂŒchtern lĂ€sst, dass Angst als Besonnenheit verkauft wird. Deshalb ein Wort zur nuklearen Frage. Jeder Einsatz von Atomwaffen macht aus einem regionalen Konflikt eine globale Auseinandersetzung. Der Einsatz von Atomwaffen in Konflikten unterhalb des groĂ angelegten Angriffs auf Europa ist deshalb mehr als unwahrscheinlich. Auch kĂŒnftig könnte Putin mit dem nuklearen SĂ€bel rasseln. Die die Antwort darauf mussten die Androhung erhebliche, konventioneller Waffenwirkung auf russischem Gebiet sein. Dann werden die beiden HegemonialmĂ€chte USA und China einen russischen Atomwaffeneinsatz bei begrenzten Aktionen nicht zulassen. Sie wollen globalen Krieg verhindern. Bei begrenzten russischen Angriffe wird es deshalb keinen Einsatz von Atomwaffen geben.
Schon diese ersten Schritte zu europĂ€ischer Verteidigung mĂŒssen nachhaltig sein. Schutz Europas ist weit mehr als Verteidigung. Der Schutz Europas beginnt mit der FĂ€higkeit, die Menschen Europas vor Angriffen jeglicher Art zu schĂŒtzen und verlangt den Schutz der kritischen Infrastruktur. Letzteres verlangt militĂ€rische Komponenten wie Schutz des Luftraums, der KĂŒsten und des Cyberspace, setzt aber auch wirksamen umfassenden Bevölkerungsschutz voraus, also das ganze Spektrum vom Schutz der Nahrungsmittelversorgung und der Verkehrswege bis zu ausreichender Krankenhausversorgung und Datensicherheit.
Folgte man solchen VorschlĂ€gen, dann könnte in der gefĂ€hrlichen Zeit bis 2031 Europa vor begrenzten Angriffen geschĂŒtzt werden, vor dem groĂen Krieg wĂ€re es weiter durch die NATO geschĂŒtzt. Unter diesem Schirm könnte man beginnen, den politischen Willen dazu vorausgesetzt, an der langfristigem Vision eines EuropĂ€ischen Bundes arbeiten. Man könnte dann auch, ein Ende des Krieges in der Ukraine vorausgesetzt, darĂŒber nachdenken, einen Neubeginn mit Russland zu versuchen, sofern Russland bereit wĂ€re, sich zu verpflichten, zu den GrundsĂ€tzen der Charta von Paris zurĂŒckzukehren.
Die Ferne Zukunft: Ein EuropÀischer Bund
Ein EuropĂ€ischer Bund, wie von Professor Sinn vorgeschlagen, verlangt die Kraft, eine supranationale Union zu bilden. Das heiĂt im Bereich Verteidigung dem Bund die Befugnisse fĂŒr die StreitkrĂ€fteplanung, deren AusrĂŒstung und deren Einsatz, ja sogar Teile des Budgetrechts zu ĂŒbertragen. Manche nennen das Irrsinn, ich nenne es eine noch ferne Vision. Doch vor der Vision stehen die RealitĂ€ten. Zwei Hemmschwellen mĂŒssen schon vor einer entsprechenden Initiative geklĂ€rt sein: Erstens, der Parlamentsvorbehalt fĂŒr den Einsatz von StreitkrĂ€ften und, zweitens, die Bereitschaft der Nationen, Teile ihrer SouverĂ€nitĂ€t an einen EuropĂ€ischen Bund zu ĂŒbertragen.
Die Frage der Parlamentsbeteiligung muss Deutschland klĂ€ren. Die deutsche Regelung einer Parlamentsarmee ist in Europa nicht mehrheitsfĂ€hig. Krisen sind die Stunde der Exekutive, da kommt es auf blitzschnelle Reaktion an, auf die FĂ€higkeit, die Initiative zu gewinnen und durch Eskalationsdominanz die Krise zu beenden. Dem steht international heute schon das Gebot der Einstimmigkeit entgegen, aber mit dem in Deutschland bestehenden Erfordernis, das Parlaments ĂŒber EinsĂ€tze der Bundeswehr entscheiden zu lassen, ist wirksames, schnelles, möglicherweise sogar prĂ€ventives Handeln unmöglich. Will Deutschland Europa also handlungsfĂ€hig machen, dann ist diese Frage als Erstes politisch zu klĂ€ren.
Ein EuropĂ€ischer Bund verlangt aber noch weit mehr, nĂ€mlich die Ăbertragung von SouverĂ€nitĂ€tsrechten an eine europĂ€ische Institution. Die Nationen mĂŒssen bereit sein, auch die Befugnis, Soldaten einzusetzen, an den Bund zu ĂŒbertragen. Heute ist in Europa dazu niemand bereit, auch Deutschland nicht. Bliebe das so, dann wĂ€re die Idee des EuropĂ€ischen Bundes noch vor ihrer Geburt tot.
Die Einladung, ĂŒber einen Bund zu sprechen sollte an alle europĂ€ischen NATO- wie EU-Staaten ergehen, damit auch an die TĂŒrkei. ZusĂ€tzlich sollte eine Einladung Kanadas als assoziiertes Mitglied geprĂŒft werden. Mit Kanada könnte Europa die nötige strategische Tiefe durch den Nordatlantik erreichen und zugleich den Schutz des zu DĂ€nemark gehörenden Grönland verbessern.
Schon bei den ersten Schritten zur Gestaltung eines EuropĂ€ischen Bundes ist auch zu bedenken, ob, wann und wie die Nuklearwaffen Frankreichs und GroĂbritanniens zur Abschreckung genutzt werden können. Es ist auszuschlieĂen, dass die beiden NuklearmĂ€chte ihr Recht, zur letzten und alleinigen Entscheidung ĂŒber den Einsatz ihrer Nuklearwaffen, jemals teilen werden. Das Potenzial beider Staaten ist sehr begrenzt. Es reicht zur Abschreckung Russlands nicht aus, schafft aber friedenserhaltende Ungewissheit im RisikokalkĂŒl und es könnte in einem Zweitschlag Russland unermesslichen Schaden zufĂŒgen. Auf jeden Fall machte es den EuropĂ€ischen Bund zur Nuklearmacht.
ZusĂ€tzlich sollte man auch Möglichkeiten einer europĂ€ischen nuklearen Teilhabe zu prĂŒfen, beispielsweise durch Abstellen von TrĂ€germitteln. PrĂ€sident Macron hat erst kĂŒrzlich die Bereitschaft Frankreichs bekundet, Optionen mit seinen europĂ€ischen Partnern zu erörtern. Dieses Angebot sollte aufgegriffen werden, dennoch, die sicherste Option und die einzige kurzfristig wirksame, bleibt das Beibehalten der nuklearen Teilhabe in der NATO.
Vom Aufbau einer zusĂ€tzlichen, gemeinschaftlich zu entwickelnden, zu beschaffenden, zu finanzierenden und nach Entscheidung der politischen Spitze des EuropĂ€ischen Bundes einzusetzenden europĂ€ischen Atommacht ist abzuraten. Neben rechtlichen Fragen sprechen der gewaltige finanzielle Aufwand, technologische Probleme und vor allem der erhebliche Zeitaufwand dagegen. Im Ăbrigen, Europa sollte alles vermeiden, was zu einer Welt neuer AtommĂ€chte fĂŒhren könnte. Eine Welt voller neuer AtommĂ€chte wĂ€re die unsicherste aller Welten.
Es mĂŒssten dann Vertragsverhandlungen ĂŒber die Bildung eines EuropĂ€ischen Bundes einschlieĂlich eines integrierten Oberkommandos der europĂ€ischen StreitkrĂ€fte folgen. Sie sollten innerhalb einer Frist von nicht mehr als zwei Jahren abgeschlossen werden. Danach wĂ€re der Vertrag den nationalen Parlamenten zur Ratifizierung binnen des Folgejahres vorzulegen.
Ein solcher supranationaler EuropĂ€ischer Bund könnte in einer noch sehr fernen Zukunft sogar als europĂ€ische Macht gemeinsam mit der atlantischen Weltmacht USA global Krieg verhindern könnte. Vor allem könnte dieser Bund Europa auch in einer Welt in der das Recht des StĂ€rkeren gilt zu einer Insel machen, in der die Kraft des Rechts Macht einhegt. Das entsprĂ€che dem Erbe der europĂ€ischen AufklĂ€rung, einer Staatsordnung nĂ€mlich, in der das Recht des Individuums durch die Macht des Rechts sogar vor der Macht des eigenen Staates geschĂŒtzt ist. Das ist und bleibt in der Menschheitsgeschichte das bislang beste Organisationsprinzip eines Staates. Es auch in einer Zeit zu schĂŒtzen und zu erhalten, in der die Gleichzeitigkeit einer neuen Welt Ordnung, der digitalen Revolution und deswegen demographische Verschiebungen nicht mehr bezahlbaren Sozialstaates greifende und schmerzliche Reformen verlangen, ist Europas Bestimmung. Das verlangt im Inneren Mut zur Reform und Politiker, die nicht mehr dem Rat Talleyrands folgen: âDa rennt mein Volk, ich bin sein FĂŒhrer, ich muss ihm hinterherâ. Nach auĂen verlangt das europĂ€ische StĂ€rke, Selbstbewusstsein und den Willen sich zu schĂŒtzen. Vielleicht wĂ€re dann die Idee des EuropĂ€ischen Bundes die Idee, deren Zeit gekommen ist und die ist, nach Viktor Hugo, unwiderstehlich.
Die FĂ€higkeit, Verteidigung jetzt und einen europĂ€ischen Bund in der Zukunft zu erreichen, hat Europa. Was fehlt, ist die Entschlossenheit in der Welt von heute ein gestaltender Akteur zu sein, der nicht nur daheim fĂŒr Ordnung sorgt, sondern auch in seiner Peripherie, der ein Akteur ist, der nicht nur reagiert, sondern pro-aktiv Gefahr verhindert und der den politischen Willen hat, nationale EigenstĂ€ndigkeit aufzugeben und gemeinsam zu handeln. Nur unter diesen Bedingungen wird Europa Spieler und bleibt nicht lĂ€nger Spielball. Derart mutige Politiker brauchen mutige BĂŒrger. WĂŒrden also alle EuropĂ€er, vor allem aber die Deutschen, so wie die Skandinavier, die Balten und die Polen es schon sind, dann könnte man europĂ€ische Sicherheit schaffen. Dort begreift man, dass man nicht rĂŒstet, um Krieg zu fĂŒhren, sondern um ihn zu verhindern, denn dort weiĂ man, dass noch immer gilt: âSi vis pacem para bellumâ. Unsere Nachbarn wissen vor allem, dass letztlich die Demokratie auf dem Spiel steht. Die kann nur in Sicherheit gedeihen, deshalb gilt erneut: Sicherheit ist nicht alles, aber ohne Sicherheit ist Alles nichts.






