Deutsche Atlantische Gesellschaft e.V.

Europas Gretchenfrage

Nach dem Schock des russischen Angriffs auf die Ukraine sucht der Kontinent eine neue Friedensordnung. Vor allem gilt es, eines zu klÀren: mit, ohne oder gegen Russland?

Atlantic Talk Podcast abonnieren:
RSS-Feed Apple Podcast Spotify

Hier können Sie den Artikel aus der Zeitschrift Internationale Politik herunterladen.
Das gesamte IP Special finden Sie hier.

Russlands Überfall auf die Ukraine hat das Grundprinzip der regelbasierten multilateralen Ordnung, wie sie durch die UN-Charta begrĂŒndet und fĂŒr Europa in der Charta von Paris prĂ€zisiert wurde, aus den Angeln gehoben. Insbesondere der Vertrauensverlust hinsichtlich aller vertraglichen Vereinbarungen und Zusicherungen Moskaus scheint irreparabel. Ist deshalb die Idee einer gemeinsamen europĂ€ischen Friedens- und Sicherheitsordnung endgĂŒltig ad acta gelegt – wie es in den zurĂŒckliegenden Monaten auch aus Kreisen der Bundesregierung, des Parlaments und der Medien zu hören war? Ist eine konstruktive Zusammenarbeit mit Russland auf Dauer unvorstellbar?

Die Antwort darauf liegt zuallererst in Moskau. Russland muss den Eroberungskrieg stoppen, die souverĂ€ne Gleichheit und territoriale IntegritĂ€t der Ukraine und der anderen Nachbarstaaten anerkennen. Dass der Kreml dazu in absehbarer Zeit bereit ist, bleibt allerdings fraglich. Denn in diesem Krieg geht es nur vordergrĂŒndig um die Revision geopolitischer und territorialer VerĂ€nderungen in Europa seit dem Beginn der 1990er Jahre. Moskaus Eliten trĂ€umen von der Wiederherstellung imperialer Dominanz in Europa, sehen sich in einer Art „letztem Gefecht“ gegen eine von den USA vorangetriebene liberale Weltordnung und wĂ€hnen sich als Opfer des Westens. Sergej Karaganov, Berater aller Moskauer Regierungen seit Boris Jelzin, drĂŒckt es so aus: „Dieser Krieg ist eine Art Stellvertreterkrieg zwischen dem Westen und dem Rest der Welt – Russland ist, wie es in der Geschichte oft der Fall war, die Spitze ‚des Rests‘ – fĂŒr eine zukĂŒnftige Weltordnung. Der Einsatz der russischen Elite ist sehr hoch – fĂŒr sie ist es ein existenzieller Krieg.“

ZurĂŒck zur alten GrĂ¶ĂŸe

TatsĂ€chlich bedient sich Putin spĂ€testens seit dem Beginn seiner zweiten PrĂ€sidentschaft im Jahre 2012 ganz offen kulturalistischer Anleihen bei der Betrachtung russischer Geschichte zur BegrĂŒndung seiner angeblich „heiligen Mission“ (Katja Gloger), Russland zur alten GrĂ¶ĂŸe der Sowjetunion zurĂŒckzufĂŒhren. Die Berufung auf das Erbe des Krieges gegen NaziDeutschland, in dessen Folge Moskau 

die Kontrolle ĂŒber weite Teile Osteuropas erlangte, kommt dabei nicht von ungefĂ€hr. Abgesehen von der kurzen Periode Michail Gorbatschows zwischen 1985 und 1991 wurde der Herrschaftsanspruch Russlands im östlichen Europa seit 1939 nie wirklich aufgegeben. So griffen selbst die im Westen als liberal angesehenen Politiker Boris Jelzin und dessen Außenminister Andrei Kosyrew schon 1993 die Formel vom „nahen Ausland“ auf, wonach Russlands Interessen „eine Stationierung von Truppen und militĂ€rischer AusrĂŒstung außerhalb des Territoriums der Russischen Föderation“ erforderlich machen könnten.

Moskau sah die NATO seit dem RĂŒckzug seiner Truppen aus den frĂŒheren Warschauer-Pakt-Staaten durch das Versprechen gebunden, eigene militĂ€rische Strukturen nicht dauerhaft auszudehnen. Daraus leitete man das Recht fĂŒr sich selbst ab, den betreffenden LĂ€ndern den Zutritt zu diesen Strukturen zu verwehren. Formal wurde zwar mit der Unterzeichnung der NATO-Russland-Grundakte am 27. Mai 1997 das „naturgegebene Recht“ aller Staaten anerkannt, „die Mittel zur GewĂ€hrleistung ihrer eigenen Sicherheit sowie der Unverletzlichkeit von Grenzen und des Selbstbestimmungsrechts der Völker selbst zu wĂ€hlen“. Doch obgleich dadurch faktisch ein Vetorecht gegen die BeitrittswĂŒnsche dritter Staaten zur NATO und EU verneint wurde, hatte sich Moskau offenbar herausgehobene Mitspracherechte auf Augenhöhe mit den USA ausgerechnet.

Die Erwartungen sollten sich nicht erfĂŒllen. Seit Barack Obama nach der Annexion der Krim im Jahre 2014 von Russland als einer bloßen „Regionalmacht“ sprach, verlegte sich die russische FĂŒhrung offen auf den Ausbau ihres militĂ€rischen Potenzials, einschließlich waffentechnischer Neuentwicklungen und der Stationierung neuer Raketen, die den INF-Vertrag als wichtigsten Pfeiler nuklearer RĂŒstungskontrolle in Europa zu Fall brachten.

Aus der Sicht der Kreml-FĂŒhrung war und ist die Unterschrift Boris Jelzins unter die Grundakte ein historischer Fehler, der korrigiert werden mĂŒsse, indem die NATO-Erweiterung umzukehren sei. Nur aus dieser Lesart lĂ€sst sich nachvollziehen, warum der Kreml in seinem Forderungskatalog an die USA und NATO im Dezember 2021 die RĂŒckkehr der Allianz zum Status quo noch vor das Jahr 1997 – also vor die erste Erweiterungsrunde – forderte.

Moskau sah sich befugt, bestimmten LĂ€ndern den Zutritt zu NATO-Strukturen zu verwehren

Stets strebte Moskau nach fortdauerndem Einfluss auf ehemals kontrollierte Staaten, deren legitime Interessen man ignorierte und deren BeitrittswĂŒnsche zu NATO und EU man als vom Westen orchestriert und gegen die Interessen Russlands gerichtet betrachtete. „Jede abweichende Meinung“, sagt der Politologe Thomas Meyer, konnte und kann aus dieser Sicht nichts anderes sein als „ein Angriff der ‚FĂŒnften Kolonne‘“, mit der Folge eines brutalen Freund-Feind-Denkens.

FĂŒr Dmitri Trenin, einen Kenner der russischen Außen- und MilitĂ€rpolitik, geht es dem Kreml nicht um die RĂŒckkehr zur vormaligen Ordnung „zu gĂŒnstigeren Bedingungen“, sondern um die „Bildung einer neuen Weltordnung“ – und zwar „zusammen mit nichtwestlichen LĂ€ndern“. Der gegen die Ukraine angestrebte „strategische Erfolg“ sei nur ein „erster Schritt“.

Rhetorik und Politik Russlands lassen am Ziel einer revisionistischen Korrektur der europĂ€ischen Landkarte kaum Zweifel. Das Werben um Mitstreiter wie China, Indien und SĂŒdafrika zeugt vielmehr von einer globalen Agenda. Das heißt im Umkehrschluss, dass es kein ZurĂŒck zu einer regelbasierten multilateralen Friedensordnung mit Russland geben wird, solange es Moskau auf ein Gegenmodell zu einer solchen Ordnung abgesehen hat.

Das rĂŒckt die Frage nach der VerlĂ€sslichkeit der noch bestehenden Institutionen, RĂ©gime und Regeln in den Fokus. Friedensordnungen dĂŒrften auf lange Sicht nur als regionale Projekte wie die EU existieren – auf der Basis ĂŒberwiegend geteilter Werte. Daneben dĂŒrften sich Kartelle bilden, innerhalb derer FĂŒhrungsmĂ€chte abhĂ€ngige Partner dominieren. An die Stelle einer multilateralen regelbasierten Weltordnung tritt eine multipolare Ordnung mit unterschiedlicher Regelungsdichte und wechselseitiger Konkurrenz.

Eine Friedensordnung mit Moskau scheint nicht möglich, eine kooperative Sicherheitsordnung schon

Die dĂŒsteren Aussichten fĂŒr eine gemeinsame Friedensordnung in Europa mit Russland schließen die Möglichkeit und die Notwendigkeit nicht aus, an einer kooperativen Sicherheitsordnung zu arbeiten. Auch Moskau kann die globalen Dynamiken der Moderne nicht ganz außer Kraft setzen, ohne die eigenen Interessen aufs Spiel zu setzen. Regeln fĂŒr das Zusammenleben der Staaten und Völker werden in der modernen Staatenwelt unerlĂ€sslich bleiben; die wechselseitigen Verflechtungen sind nicht ohne Weiteres aufzulösen.

Die Gefahr aber ist groß, dass sich kĂŒnftig auch andere MĂ€chte veranlasst sehen, Gewalt als probates Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen zu erachten und multilaterale Regeln nur zu akzeptieren, wenn sie diesem Ziel dienlich sind. Abmachungen werden folglich nur zu erreichen sein, wenn sich Interessen zumindest partikular ĂŒberschneiden.

Zwietracht im Westen sÀen

Derzeit ist die Antwort auf die Frage, ob es eine Friedensordnung ohne und gegen Russland geben kann, leider ebenso einfach wie ernĂŒchternd. Die Ordnung der Charta von Paris ist bis auf die Grundmauern zerstört, das Vertrauen in eine Sicherheitskooperation mit Russland dahin. Moskau seinerseits hat, so scheint es, kein Interesse an einer Ordnung, deren Regeln es nicht selbst bestimmen kann und die es als Gefahr fĂŒr den Fortbestand des eigenen politischen Systems betrachtet. Was bleibt, ist das Ziel eines möglichst krisenstabilen Sicherheitssystems, gestĂŒtzt auf die RealitĂ€t „unverrĂŒckbarer“ (Egon Bahr) Nachbarschaft. Ein Mindestmaß an Sicherheitsvorsorge gegen ein kriegsbereites Russland erfordert kollektive politische Entschlossenheit und die FĂ€higkeit, jeden Angriffsversuch abzuwehren.

DafĂŒr bedarf es der StĂ€rkung der kollektiven Resilienz der demokratischen Staaten Europas. Wladimir Putins Krieg gegen die Ukraine war laut Sergej Karaganov von der Erwartung begleitet, dass weder Europa sich auf eine Sanktionsfront gegen Russland einigen wĂŒrde, noch die USA aus Sorge, in einen Atomkrieg verwickelt zu werden, ernsthaft bereit wĂ€ren, den europĂ€ischen Staaten bei der Verteidigung militĂ€rischen Beistand zu leisten.

Moskaus auf diese Erwartung gestĂŒtzte Strategie, Zwietracht im westlichen BĂŒndnis zu sĂ€en, ist nicht im erhofften Maße aufgegangen, sie ist aber auch nicht vollends gescheitert, wie die schwierigen Diskussionen ĂŒber die Sanktionspakete belegen. Revisionistische Ambitionen Russlands werden auf Dauer nur scheitern, wenn die kollektive Handlungsbereitschaft und ‑fĂ€higkeit der EuropĂ€ischen Union deutlich verstĂ€rkt und die euro-atlantische Sicherheit mit den USA und Kanada strukturell enger als bisher verzahnt werden.

HierfĂŒr bedarf es der ĂŒberfĂ€lligen Vergemeinschaftung der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (GSVP), einschließlich der EinfĂŒhrung von Regeln fĂŒr die Anwendung qualifizierter Mehrheitsentscheidungen im Krisenfall. Dazu mĂŒssten zwar die EuropĂ€ischen VertrĂ€ge geĂ€ndert werden, aber die Alternative bestĂŒnde in anhaltender KrisenunfĂ€higkeit und AnfĂ€lligkeit gegen Spaltungsversuche von außen.

Vor allem das Prinzip einzelstaatlicher Entscheidungen ĂŒber die Aufstellung und den Einsatz multinationaler Kampftruppen scheint aus der Zeit gefallen. Das gilt auch fĂŒr das im Strategischen Kompass der EU fĂŒr 2025 terminierte Vorhaben einer gemeinsamen Eingreiftruppe. Die Truppe kommt zu spĂ€t und ist mit der geplanten PersonalstĂ€rke von 5000 zu klein dimensioniert. Ganz zu schweigen von der angekĂŒndigten, aber realitĂ€tsfernen Vorgabe, Beschaffungsprogramme der Mitgliedstaaten miteinander zu harmonisieren und Verteidigungshaushalte aufeinander abzustimmen. Solange eine Vergemeinschaftung der GSVP nicht gewollt und angestrebt wird, existiert das Ziel eigenstĂ€ndiger kollektiver Sicherheit Europas ebenso nur auf dem Papier wie die „strategische Autonomie“ Europas.

Daher sollte es in der Abstimmung mit den USA und anderen demokratischen Staaten um eine engere Kooperation und die strategische Integration kollektiver FĂ€higkeiten gegen ein autoritĂ€res RĂ©gime gehen, das im BĂŒndnis mit anderen Staaten zu einem globalen Feldzug gegen die liberale Demokratie aufgerufen hat und dem weder die USA noch Europa im Alleingang erfolgreich begegnen können. Wird Konvergenz zwischen Demokratie und Autokratie ausgeschlossen, bleibt die Abgrenzung der Systeme voneinander vorlĂ€ufig die einzige vertretbare Lösung gegen die Gefahr eines bewaffneten Großkonflikts. Das bedeutet, sich auf den Ernstfall der Verteidigung gegen weitere Aggressionen Russlands einzustellen.

VerteidigungsfĂ€higkeit allein bringt allerdings keine Sicherheit. Die Madrider NATO-BeschlĂŒsse vom Juni 2022 bieten eine entschlossene, auf viele Jahre ausgelegte militĂ€rische Antwort auf die von Russland ausgehende Bedrohung. Eine Ă€hnlich vorausschauende Dialog- und mögliche Kooperationsperspektive bietet das neue Strategische Konzept gegenwĂ€rtig nicht.

Nichtkooperative Sicherheitssysteme sind per se instabil, da die Intentionen der anderen Seite nicht transparent und die jeweiligen militĂ€rischen FĂ€higkeiten nicht durch RĂŒstungskontrolle ausbalanciert sind. Eine RĂŒckbesinnung auf die StabilitĂ€tsmechanismen des Ost-West-Konflikts reicht nicht aus. Russland fĂŒhrt gegen Europa und die USA seit LĂ€ngerem einen „heißen“ hybriden Krieg. Das einst enge Geflecht nuklearer und konventioneller RĂŒstungskontrolle ist bis auf wenige Ausnahmen zerrissen, vertrauens- und sicherheitsbildende Maßnahmen sind praktisch außer Kraft gesetzt. Die technischen Schwellen zwischen atomarer und konventioneller KriegfĂŒhrung sind aufgeweicht.

Auch sind die HandlungsablĂ€ufe operativer militĂ€rischer Entscheidungen inzwischen weitgehend automatisiert. Dank der FĂ€higkeiten zur AbstandskriegsfĂŒhrung ist es möglich, Angriffe auf vitale Infrastrukturen in großer Entfernung zu starten, ohne erhebliche Eigenverluste durch großflĂ€chige Landnahme zu riskieren. Weitere Staaten sind zudem in den Besitz von Atomwaffen gelangt oder stehen wie der Iran an der Schwelle dazu. Kurz: Die Sicherungsmechanismen des Kalten Krieges sind stark geschwĂ€cht oder verloren.

Weder verhindert Abschreckung weiteres WettrĂŒsten, noch garantiert sie StabilitĂ€t im Krisenfall

Alle Abschreckungssysteme gehen davon aus, dass Staaten auf das Mittel des Krieges verzichten, wenn sie befĂŒrchten, dabei inakzeptable SchĂ€den zu erleiden. Weder aber verhindert Abschreckung weiteres WettrĂŒsten, noch garantiert sie, wie sich zeigt, StabilitĂ€t im Krisenfall. Beides ist nur durch ein Mindestmaß an begleitender Zusammenarbeit zu erreichen.

Im GesprĂ€ch bleiben, trotz allem

Die Ost- und Entspannungspolitik der 1970er und 1980er Jahre beruhte auf der Überzeugung, dass Sicherheit im Nuklearzeitalter nur gemeinsam zu haben ist. Moskau hat diesen Konsens mit seinem Kriegskurs gesprengt, doch das globale Vernichtungsrisiko durch einen Atomkrieg bleibt bestehen. Wird Russland bereit sein, sich auf eine Anerkennung kooperativer Regeln zu besinnen und neue Abmachungen zu schließen? Wie verlĂ€sslich wĂ€ren kĂŒnftige Zusicherungen, wenn schon die vergangenen gebrochen wurden?

Keine dieser Fragen kann heute mit Gewissheit beantwortet werden. Um Ansatzpunkte zu finden, mĂŒssen wir die strategischen Interessen Russlands besser verstehen. Dabei ist nĂŒchterner Realismus gefordert, nicht Wunschdenken. Die Interessen der russischen FĂŒhrungseliten lesen sich wie folgt: dauerhaft gesicherter Machterhalt, Wiedererlangung der sowjetischen EinflusssphĂ€ren, globale Allianzbildung gegen die Ausbreitung von liberaler Demokratie, Bildung eines Kondominiums mit gleichgesinnten MĂ€chten, vor allem mit China, sowie die Schaffung eines Arsenals ĂŒberlegener militĂ€rischer Mittel zur UnterstĂŒtzung strategischer Ziele.

Die Aussichten auf Kooperation sind vor diesem Hintergrund nicht gut. Hinzu kommen Vorbehalte, mit einer FĂŒhrung zu verhandeln, die sich zahlloser Kriegsverbrechen schuldig gemacht hat. Solange Russland aber als Kooperationspartner fĂŒr die Lösung bestimmter Fragen unverzichtbar ist, sind Abmachungen auch mit der aktuellen russischen FĂŒhrung unverzichtbar. Das betrifft in erster Linie die Rolle Russlands als Vetomacht im UN-Sicherheitsrat, aber auch seine Mitwirkung an zwischenstaatlichen Vereinbarungen (allein schon zur Einstellung der Kampfhandlungen in der Ukraine) sowie alle internationalen Abkommen, die durch Russland ratifiziert worden sind, oder RĂ©gime, denen es weiterhin als Partnerstaat angehört.

Moskau sollte trotz manifesten Völkerrechtsbruchs nicht – wie vielfach gefordert – aus weiteren Abkommen oder Regimen ausgeschlossen werden. Das böte dem Kreml nur eine Handhabe, sich an vereinbarte Regeln nicht mehr halten zu mĂŒssen. Es wird auszuloten sein, welche Regeln fĂŒr die Bearbeitung globaler Probleme vereinbart werden können, die auch in Russlands Interesse liegen, etwa bei der Vermeidung eines unabsichtlichen Atomkriegs, der atomaren Nichtverbreitung und strategischen RĂŒstungskontrolle, beim Kampf gegen den Klimawandel sowie bei der Erschließung des Weltraums und des Meeresbodens.

Im Sicherheitsbereich sind kooperative Lösungen allenfalls niedrigschwellig zu erwarten – neben einer effektiven Kommunikation zwischen den politischen und militĂ€rischen FĂŒhrungen zur Vermeidung eines unbeabsichtigten Krieges sind das vor allem transparente Vorkehrungen gegen technisches Versagen und Fehlperzeptionen. Die NATO sollte Moskau fĂŒr diesen Zweck die Belebung des NATO-Russland-Rates anbieten. ZusĂ€tzlich könnten die vertrauens- und sicherheitsbildenden Maßnahmen der Organisation fĂŒr Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa – wie die Transparenzregeln des „Wiener Dokuments“ und das KrisenverhĂŒtungszentrum – dafĂŒr optimiert werden.

Auch das System Putin besitzt keine Bestandsgarantie auf Dauer

Bei allen Überlegungen sollte nicht vergessen werden: Das System Putin ist nicht mit Russland gleichzusetzen. Es gab in der Vergangenheit auch in Russland AnhĂ€nger einer stabilitĂ€tsorientierten Politik, und es gibt eine Protestbewegung gegen Putin, auch wenn ihre Vertreter zum Teil weggesperrt oder umgebracht wurden oder geflohen sind. Kein autoritĂ€res System besitzt eine Bestandsgarantie auf Dauer. Das „ultimative Ende“ der Beziehungen mit Russland zu verlangen, zeugt weder von strategischer Weitsicht noch von politischer Klugheit. Vielmehr sollten Bedingungen formuliert werden, deren ErfĂŒllung es Moskau ermöglichen wĂŒrde, ein konstruktiver Teil einer kooperativen europĂ€ischen Sicherheitsordnung zu sein. Die Grundregel der Ostpolitik Willy Brandts und Egon Bahrs, in Rechnung zu stellen, was ist, um zu verĂ€ndern, was verĂ€ndert werden kann, sollte auch fĂŒr das komplizierte VerhĂ€ltnis zu Russland beachtet werden.

Ein Beitrag von:

Prof. Dr. Dr. Hans-Joachim Gießmann

GeschĂ€ftsfĂŒhrer, Berghof Foundation (2008 – 2019); Politikwissenschaftler

Hans Joachim Giessmann ist Direktor Emeritus der Berghof Foundation und Associate Professor an der UniversitĂ€t Hamburg. Von 2008 bis 2019 war er Executive Director der Berghof Foundation. Zuvor war er stellvertretender wissenschaftlicher Leiter des Instituts fĂŒr Friedensforschung und Sicherheitspolitik in Hamburg. Von 2009 bis 2014 war er Mitglied des Global Advisory Council for Terrorism des Weltwirtschaftsforums und von 2011 bis 2012 Vorsitzender des Rates.
Seit 2014 unterstĂŒtzt er den afghanischen Friedensprozess, derzeit mit Schwerpunkt auf den Verhandlungen in Doha zwischen den Delegationen der Islamischen Republik Afghanistan und der Taliban-Bewegung. DarĂŒber hinaus unterstĂŒtzt er die BemĂŒhungen nationaler Akteure um die Wiederherstellung des Friedens und die Etablierung eines Nationalen Dialogprozesses in Äthiopien.
Als Autor, Herausgeber oder Mitherausgeber hat er 35 BĂŒcher und mehr als 300 wissenschaftliche Artikel mit Übersetzungen in mehr als 10 Sprachen veröffentlicht. Er ist weltweit in den Medien prĂ€sent, in den USA zum Beispiel bei CNN, ABC NBC, NPR, Washington Post und der Los Angeles Times. Hans J. Giessmann ist Mitglied im Vorstand der Deutschen Atlantischen Gesellschaft. Zudem war er bis 2025 Vorstandsmitglied der Deutschen Atlantischen Gesellschaft.

Weitere Informationen erhalten Sie von:

Elisabet Tsirkinidou M.A.

BĂŒroleitung · Referentin
LennĂ©straße 11 · 10785 Berlin
030 20649-134
030 20649-136

Dario Weilandt

Leiter Kommunikation und Digitale Medien
LennĂ©straße 11 · 10785 Berlin
030 20649-134
030 20649-136
Bildnachweise fĂŒr diese Seite
 Copyright
Foto ET 2023_1 Leo Simon foto-et-2023_1-150x150.jpg
DW 2023 Leo Simon 230411_lsimon_dag-8-150x150.jpeg
Michael Simon Leonhard Simon michael-simon-150x150.jpg
FĂŒr Abbildungen, die hier nicht gelistet sind, ist kein Urheber-Nachweis notwendig, oder wir selbst sind der Urheber.
Double Opt-in by Forge12