Einleitung
Vor mehr als drei Jahren, am 27. Februar 2022, sprach der damals amtierende Bundeskanzler Scholz in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag von einer Zeitenwende, ausgelöst durch Putins rechtswidrigen und verbrecherischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022. In der Tat, es war eine Zeitenwende, denn die bis dahin geltende Sicherheitsarchitektur fĂŒr Europa, gegrĂŒndet auf zahlreiche VertrĂ€ge mit Russland, hat dieser Angriff durch Putin, wie bereits vorher 2008 in Georgien und 2014 auf der Krim, in StĂŒcke gerissen. Es begann eine neue Zeitrechnung, wir sind seitdem in einem hybriden Krieg und wir erleben die Geburtswehen einer neuen Weltordnung. Die Deutschen mĂŒssen sich fragen, wo Deutschland und Europa stehen und welche Rolle sie in dieser neuen Welt spielen wollen. Gestalter oder weiterhin abhĂ€ngig Getriebener, wirtschaftlich eine globale Macht, aber politisch einflusslos und militĂ€risch ein vom Schutz durch andere abhĂ€ngiger Zwerg?
Geschehen ist zwar einiges beim Wiederaufbau der zerrĂŒtteten Bundeswehr, aber bei Weitem nicht genug, vor allem geht es viel zu langsam. Warum? Weil im Bewusstsein der Mehrheit der Deutschen die von Scholz ausgerufene Zeitenwende kaum stattgefunden hat. Anders kann man sich das Wahlergebnis der letzten Bundestagswahl nicht erklĂ€ren und schon gar nicht das Manifest einiger SPD-Politiker, die weltfremd und verantwortungslos Lösungen der 80er Jahre als Weg in die Zukunft vorschlagen, dabei aber unterschlagen, dass diese Politik westliche StĂ€rke zur Voraussetzung hatte. Ein stattlicher Teil der Deutschen will wohl noch immer das bequeme âWeiter soâ. GutglĂ€ubig hoffen viel zu viele auf Verhandlungslösungen mit einem Russland, das zur Durchsetzung seiner imperialistischen Ziele Kriegsverbrechen auf Kriegsverbrechen in der Ukraine begeht. Sie setzen auf einen PrĂ€sidenten Putin, der keines seiner imperialistischen Ziele aufgegeben hat und eine russische Herrschaftszone von Wladiwostok bis Lissabon anstrebt. Begleitet wurde das von der anhaltenden Auflehnung des globalen SĂŒdens gegen den Westen und seine Ordnungsvorstellungen.
Doch das war nur der Erste Akt im Drama Neue Weltordnung, es folgte der Zweite und er begann mit der Rede des US VizeprĂ€sidenten J. D. Vance im Februar 2025 in MĂŒnchen. Es folgten der inszenierte Eklat mit dem ukrainischen PrĂ€sidenten in Washington am 28. Februar, die nachgiebigen Telefonate mit Putin, Trumps wirtschaftliche KriegserklĂ€rung an die ganze Welt am âLiberation Dayâ mit seiner rational kaum erklĂ€rbaren Zollpolitik und deren Sprengstoff fĂŒr die bestehende internationale Ordnung, auch fĂŒr unser NATO-BĂŒndnis. Dessen Festigkeit wurde beim NATO-Gipfel in Den Haag zwar vorerst bestĂ€tigt, erkauft mit einer stattlichen Erhöhung der Verteidigungsausgaben der NATO-Staaten, mit der Aufgabe gegebener Versprechen gegenĂŒber der Ukraine und mit fast unertrĂ€glicher UnterwĂŒrfigkeit vor PrĂ€sident Trump. Diese Haltung setzte sich fort, als die KommissionsprĂ€sidentin der EU einen Zoll-Deal mit Trump vereinbarte, der den USA 0 % Zoll brachte, der EU aber 15 %. Es folgte die Ausweitung des Nahostkriegs auf Iran, der vor Europas Toren dramatische VerĂ€nderungen brachte. Zur Jahresmitte billigte der US Congress das Haushaltskonzept Trumps mit dem âBig Beautiful Billâ, eine Lösung zugunsten der Reichen, deren Rechnung mit Trumps fragwĂŒrdiger Zollpolitik bezahlt werden soll. Sie könnte aber nach den Erfahrungen aus den dreiĂiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts den USA durch Inflation und steigende Arbeitslosigkeit mehr schaden als nutzen, vor allem aber eine horrende Schuldenlast bringen. Damit werden die USA zu einem Land, das mehr fĂŒr Zinsen zahlen muss, als es fĂŒr Verteidigung ausgibt. Es wird zunehmend nach innen sehen und erwarten, dass seine VerbĂŒndeten sich weitgehend selbst verteidigen. Aber dennoch wird es dann, auf China konzentriert, seine Weltmachtstellung durch globale Machtprojektion zu wahren suchen.
Das ist der Kern des Zweiten Aktes, also die Hinwendung zu einer Welt, in der nur das Recht des StĂ€rkeren gilt und nicht mehr die Macht des Rechts. Wir leben in einer neuen Zeit, in einer Zeit, in der es keine regelbasierte Weltordnung, sondern erneut nur Interessenzonen gibt, also in einer Welt, in der das Gesetz des Dschungels gilt. Es ist eine Welt, in der PrĂ€sident Trump nicht unbedingt isolationistisch zu handeln scheint, sondern in der er die Weltmachtrolle der USA gegen den einzigen echten Konkurrenten, China, sichern will. Es ist eine kalte Welt, in der das Völkerrecht kaum noch gilt, in der Autokraten sich wohlfĂŒhlen und in der sich Demokraten warm anziehen mĂŒssen, um sich zu schĂŒtzen. Es ist aber auch eine Welt, in der die USA Gefahr laufen, zur Autokratie oder zu einer Oligarchie zu werden. Europa könnte so mehrheitlich zum Hort von Freiheit und rechtsstaatlicher Demokratie werden. Vielleicht gewinnt es daraus erneut anziehende Kraft, vorausgesetzt es verringert seine vielfĂ€ltigen AbhĂ€ngigkeiten und wird endlich fĂ€hig, sich selbst zu schĂŒtzen. Europa wird Teil einer Welt sein, die keineswegs die so oft erwĂ€hnte multipolare Welt sein wird, sondern vermutlich eine bipolare, beherrscht von den USA und von China. Im Wettbewerb der beiden ĂŒberwiegen langfristig alle Vorteile bei den USA, sofern Trump sie nicht durch ein im globalen SĂŒden als Drohung verstandenes Auftrumpfen verspielt. China dagegen wird durch Geduld und scheinbar attraktive Angebote einer in AbhĂ€ngigkeit fĂŒhrenden Zusammenarbeit Anhang zu gewinnen suchen.
Offen ist, wie sich die eher regionalen MĂ€chte Indien, Russland und die EuropĂ€ische Union in dieser Weltordnung positionieren werden. Russland wird aus seinem Antagonismus zu den USA nicht herausfinden und weiter versuchen, Europa zu spalten und zu dominieren. Indien sieht sich als Gegengewicht zu China in Asien, ob es den USA aber gelingen wird, Indien an sich zu binden, ist angesichts Trumps tumber Zollpolitik offen. Es entsteht somit durch die noch einige Zeit anhaltenden Kriege eine Welt, die bis auf Weiteres voller Spannungen, Ungewissheiten und Risiken sein wird. Die Gestaltung dieser neuen Weltordnung dĂŒrfte der Inhalt des Dritten Aktes sein. In ihm wird Europa vor der Frage stehen, ob es weiterhin getriebener Statist oder gestaltender Akteur sein will.
Die Lage
Wo stehen Deutschland und Europa nun am Beginn des Dritten Aktes und was sind ihre Optionen? Dazu ein Blick zurĂŒck auf die Entwicklung dieses Jahres. Er beginnt mit dem Krieg in Europa, geht weiter in den Nahen Osten und von dort in den Pazifik und nach China, bevor die Folgen fĂŒr Deutschlands Sicherheitspolitik und fĂŒr seine Gesellschaft betrachtet werden.
Hilf- und einflusslos musste Europa in diesem Jahr erleben, dass der US-amerikanische PrĂ€sident erst einmal alle Waffenlieferungen an die Ukraine einstellte und dann doch wieder aufnahm. BestĂŒrzt, ja beschĂ€mt vom ruchlosen Verhalten eines US-amerikanischen PrĂ€sidenten, empört ĂŒber die TĂ€ter-Opfer-Umkehr durch Trump bis hin zu seinen von Nachgiebigkeit geprĂ€gten Kontakten mit Putin, erlebte die Welt, dass souverĂ€ne Rechte der Ukraine leichtfertig und vermutlich wegen amerikanischer Wirtschaftsinteressen preisgegeben wurden. In dem fĂŒr Europa unverĂ€ndert unersetzlichen NATO-BĂŒndnis wuchsen die Sorgen seitdem Tag fĂŒr Tag. Viele EuropĂ€er wissen, dass ein fĂŒr Putin siegreiches Ende seines verbrecherischen Krieges fĂŒr die Ukraine die Auslöschung, fĂŒr Europa aber nicht das Ende des Krieges, sondern der Anfang neuer Kriege in Europa sein könnte. Russland fĂŒhrt seinen brutalen Angriffskrieg fort, zermĂŒrbt zunehmend die Zivilbevölkerung, beginnt systematisch die Landwirtschaft der Ukraine zu zerstören und zahlt dafĂŒr mit gewaltigen Verlusten Russlands, an Personal ebenso wie an Material. Einen Waffenstillstand lehnt der Kreml kategorisch ab und Verhandlungen macht Russland durch unerfĂŒllbare Forderungen, schriftlich nahezu ultimativ bereits im Dezember 2021 formuliert, unmöglich.
Ohne Gegenleistung aber hat PrĂ€sident Trump bereits politische Forderungen Moskaus ĂŒbernommen, so etwa die Ablehnung einer NATO-Mitgliedschaft der Ukraine und die Abtretung eines Teils ihres Territoriums an Russland. Nach diesen Vorleistungen konnte niemand erwarten, dass die Begegnung Putins mit Trump in Alaska auch nur Anzeichen einer Verhandlungsbereitschaft ergeben könnte. FĂŒr Putin wurde Alaska ohne Gegenleistung zum Erfolg, denn der international gesuchte Kriegsverbrecher wurde vom mĂ€chtigsten Mann der Welt auf Augenhöhe empfangen, dadurch aufgewertet und aus der internationalen Isolation entlassen. Putin aber setzt weiter auf Krieg, ja er braucht ihn, um jeden Gedanken an Reformen in Russland zu ersticken. Nichts fĂŒrchtet er mehr als die Gedanken von Recht, Freiheit und Demokratie. Er zahlt dafĂŒr einen Russland langfristig ruinierenden Preis. Allein im Juli dĂŒrfte Russland ohne nennenswerten GelĂ€ndegewinn in der Ukraine 33.000 Mann verloren haben. Die Gesamtverluste des russischen Angriffskrieges, also Tote, Vermisste und Gefangene, dĂŒrften 1 Million Menschen bereits ĂŒberschreiten, und das fĂŒr knapp 20 % Gewinn ukrainischen Territoriums. Was diese Zahl bedeutet, erkennt man, wenn man erinnert, dass die USA in 20 Jahren Vietnamkrieg etwa 58.000 Mann verloren haben. Aber Russland wird weiter Krieg fĂŒhren. Es setzt, vermutlich vergeblich, auf Zerfall des Widerstandswillens der Ukraine, auf RĂŒckzug der USA, Zerbrechen der UnterstĂŒtzung durch die EuropĂ€er und hofft so, sein strategisches Ziel doch noch zu erreichen: Die Spaltung der NATO und der EuropĂ€ischen Union und das VerdrĂ€ngen der USA aus Europa.
Hat man dieses Ziel vor Augen, dann erkennt man die Dimension des Krieges in der Ukraine: Es geht um russische Dominanz in ganz Europa und im ersten Schritt um die Wiederherstellung der âHeiligen Russischen Dreieinigkeitâ aus Russland, Belarus und der Ukraine. Dieses Ziel wird Putin nicht aufgeben, aber die Ukrainer werden sich nicht ergeben. Europa wird daher vermutlich noch einige Zeit mit Krieg in der Ukraine leben mĂŒssen.
Putin lebt in einem Wahn, in dem er die ârussische Weltâ als eine der groĂen MĂ€chte in der Welt der Zukunft sieht, auf Augenhöhe mit den USA und mit China. Das aber ist fĂŒr Russland unerreichbar. Russland steht vor einer demographischen Katastrophe, es verliert viele junge Menschen durch Auswanderung, manche SchĂ€tzungen sprechen von mehr als einer halben Million, und Russland könnte bis zur Jahrtausendwende auf weniger als 100 Millionen Menschen schrumpfen, von denen fast die HĂ€lfte Moslems sein werden. Russland hat auĂer Waffen und Rohstoffen nichts zu bieten, es steht durch die Auswirkungen des Klimawandels in seinen riesigen Permafrostgebieten vor einer weiteren, aus eigener Kraft kaum zu bewĂ€ltigenden Katastrophe, muss hilflos zusehen, wie in Sibirien zunehmend illegale chinesische Einwanderer in groĂer Zahl, manche SchĂ€tzungen sagen etwa eine halbe Million, Platz finden und es gerĂ€t durch die gewaltigen Kosten des Krieges immer mehr in einflusslose AbhĂ€ngigkeit von China. China aber verachtet Russland, es hat seine offenen historischen Rechnungen, wie die ungleichen VertrĂ€ge und Gebietsverluste, nicht vergessen. Dennoch unterstĂŒtzt China Russland durch Kauf von Energie und Lieferung von elektronischen Komponenten, weil es hofft, durch anhaltenden Krieg die USA zu binden. China hat kein Interesse, diesen Krieg zu beenden, denn ein schwaches Russland wird zu seinem Spielball. Hinzukommt, dass Russlands militĂ€rische StĂ€rke nicht einmal ausreicht, eine zum Widerstand entschlossene Ukraine als Ganzes in Besitz zu nehmen und zu kontrollieren. Einen Krieg gegen ein geschlossenes, verteidigungsfĂ€higes und zum Kampf entschlossenes Europa kann Russland kaum gewinnen und gegen eine geschlossene NATO wĂŒrde es mit Sicherheit verlieren. Ăberlegen ist Russland nur in der Gesamtzahl seiner Atomwaffen, deren Einsatz aber die Vernichtung Russlands bedeuten wĂŒrde. Man darf zudem nicht vergessen, dass das Bruttosozialprodukt Russlands etwa in der GröĂe des italienischen liegt. Eine Chance, mit Gewalt eine Spaltung Europas herbeizufĂŒhren besteht nur dann, wenn auf einen weiteren Test nach den Drohnen im polnischen Luftraum, beispielsweise einen begrenzten VorstoĂ Russlands auf NATO-Gebiet, die NATO nicht mit groĂer Entschlossenheit und HĂ€rte reagiert. Das kann die NATO schon heute, erst recht, wenn sie die BeschlĂŒsse des NATO-Gipfels von Den Haag verwirklicht.
Bleibt sie dann noch geschlossen, dann dĂŒrfte sich auch dieses, heute bei hoher russischer Risikobereitschaft durchaus bestehende Fenster der Gelegenheit, fĂŒr Russland zu Beginn des nĂ€chsten Jahrzehnts schlieĂen. Die gefĂ€hrlichsten Jahre fĂŒr Europa sind somit die nĂ€chsten fĂŒnf Jahre. Die Gefahr heute ist gröĂer, als sie es je im Kalten Krieg war. Deswegen muss nun auch in Deutschland das TrĂ€umen ein Ende finden. Wir haben keine Zeit, es muss schnell gehandelt werden, nicht nur jetzt, sondern nachhaltig auch im nĂ€chsten Jahrzehnt. Geschieht das, dann könnte eine Chance bestehen, die USA an Europa gebunden zu halten, auch wenn Trump mehr Interesse an russischen Rohstoffen als an der souverĂ€nen IntegritĂ€t der Ukraine haben dĂŒrfte. Auf der Basis einer intakten und erstarkten NATO muss man dann versuchen, einen Weg zu Verhandlungen mit Russland zu finden, in denen allerdings zwei Kernelemente europĂ€ischer Sicherheit unverhandelbar bleiben mĂŒssen: Erstens das Prinzip, dass keine Grenzen mit Gewalt verĂ€ndert werden dĂŒrfen und zweitens, dass alle Staaten Europas frei sein mĂŒssen, selbst zu entscheiden, in welcher Staats- und Regierungsform sie leben und zu welchem BĂŒndnis sie gehören wollen. Erst dann, nicht jetzt, kann man öffentlich nachdenken, wie ein Waffenstillstand abzusichern ist.
Die Voraussetzung europĂ€ischer Sicherheit jetzt und in der vorhersehbaren Zukunft ist daher das feste BĂŒndnis mit den Vereinigten Staaten von Amerika, also die NATO. Das zu erreichen, ist fĂŒr die so abhĂ€ngigen EuropĂ€er angesichts Trumps Unberechenbarkeit schwer. UnterwĂŒrfigkeit ist nicht der Weg, sondern die Bereitschaft, europĂ€ische Trumpfkarten, die es durchaus gibt, auch entschlossen zu spielen. Keine der bisherigen Aussagen der USA hat die Sicherheitspartnerschaft mit Europa eindeutig infrage gestellt, wohl aber die Wertegemeinschaft der regelbasierten Ordnung. Das NATO-BĂŒndnis, das auf Berechenbarkeit und dem Vertrauen auf gegenseitigen Beistand beruht, muss daher mit Trump weiter in Ungewissheit leben. Ein Austritt der USA aus der NATO ist zwar unwahrscheinlich, da die Zwei-Drittel-Mehrheit im Senat nicht zu erreichen ist, doch Zweifel an der amerikanischen Beistandsverpflichtung nach Art. 5 des NATO-Vertrags bleiben, auch nach dem NATO-Gipfel in Den Haag. Zweifel bleiben auch, ob man in Washington, vor allem ob Trump erkannt hat, dass Putin nicht weniger als die Kapitulation der Ukraine und das ZurĂŒckdrehen aller Entwicklungen in Europa seit 1997 will. Dem nachzugeben wĂŒrde die TĂŒren zu neuen Kriegen in Europa weit öffnen. Europa bleibt deshalb keine Zeit, es muss rasch aus eigener Kraft verteidigungsfĂ€hig werden. Das heiĂt nun aber nicht, von unserer Seite das Ende der NATO herbeizureden oder rein europĂ€ische RĂŒstungsanstrengungen zu fordern. Zu denen ist Europa derzeit technisch und industriell kaum in der Lage. Wer das tut, hilft Putin, denn damit wĂŒrde er Zeit gewinnen.
Allerdings gilt in Trumps Welt wie bei anderen Autokraten das Recht des StĂ€rkeren und nicht die Macht des Rechts. In dieser Welt ist Europa ein Konkurrent, den man nach dem alten römischen Prinzip âdivide et imperaâ, teile und herrsche, schwĂ€chen muss, um ihn gefĂŒgig zu halten. Ein starkes Europa ist nicht im Interesse Trumps, wenngleich er verstĂ€rkte RĂŒstung Europas fordert. Das aber nur, weil er KĂ€ufe bei der leistungsstarken und oftmals ĂŒberlegenen US-amerikanischen RĂŒstungsindustrie erhofft. Damit will er zugleich erreichen, dass Europa nicht durch eigene Innovation in Spitzentechnologie als wirtschaftlicher Konkurrent stĂ€rker und in Sicherheitsfragen unabhĂ€ngiger wird. Wer mit Trump verhandeln will, muss also eine eigenstĂ€ndige europĂ€ische RĂŒstungsindustrie aufbauen, nicht durch Kopieren, sondern durch Schwerpunkt in den Sektoren, in denen Europa besser ist. Die gibt es, als Beispiel seien nur die Tankflugzeuge von Airbus genannt.
Gleichzeitig aber ist Europa eben auch ein letztlich doch unersetzbarer BĂŒndnispartner. Das BĂŒndnis bietet den USA vielfache Möglichkeiten, die Entwicklungen in Europa zu beeinflussen, ja zu kontrollieren. Das aufzugeben, wĂ€re gegenĂŒber dem Wirtschaftskonkurrenten Europa mehr als dumm. Auch diese Dichotomie bleibt: Die USA und Europa sind VerbĂŒndete und doch Konkurrenten.
Aber wichtiger ist ein anderer Punkt: Die NATO, das BĂŒndnis der USA mit Europa und Kanada, ist nicht nur das unverĂ€ndert notwendige Sprungbrett fĂŒr US-amerikanische Machtprojektion in den Nahen Osten und den Indischen Ozean, sie ist vor allem das globale Musterbeispiel einer erfolgreichen Allianz. WĂŒrde Amerika es aufkĂŒndigen oder schwĂ€chen, dann wĂŒrde es in seinem BĂŒndnisgeflecht im asiatisch-pazifischen Raum einen destabilisierenden Schock auslösen und sich so gegenĂŒber seinem einzigen echten Konkurrenten auf dieser Welt, China, schwĂ€chen. Die USA dĂŒrften deshalb formal an ihrer Beistandsverpflichtung festhalten, zugleich aber die Ungewissheit ĂŒber AusmaĂ und Zeitpunkt des Einlösens ihrer Schutzgarantie fĂŒr Europa, vor allem der nuklearen, aufrechterhalten. Damit zwingen sie Europa, endlich die seit mehr als 20 Jahren geforderten Anstrengungen zur eigenen Verteidigung wahrzumachen und sie signalisieren zugleich Russland, dass Europa keineswegs die nĂ€chste Beute Russlands sein kann. Diese friedenserhaltende Ungewissheit gilt es zu bewahren, aber es darf auch keine Illusionen geben. Die einzige Berechenbarkeit Trumps ist seine Unberechenbarkeit. Die zeigte Trump im Ăbrigen auch mit seiner Entscheidung, das iranische Atomprogramm zu bombardieren. Ungewissheit fĂŒr den Gegner ist die gute Seite der Trumpschen Unberechenbarkeit. Die schlechte ist allerdings, dass Unberechenbarkeit Vertrauen beschĂ€digt. Vertrauen aber ist das unersetzliche Band, das BĂŒndnisse zusammenhĂ€lt. Weil derzeit auf den US-amerikanischen PrĂ€sidenten, nicht auf die USA, kein Verlass ist, muss Europa endlich handeln, um sich selbst zu schĂŒtzen und um die USA zurĂŒck ins Boot zu holen.
Es ist also nĂŒchtern zu entscheiden, was zu tun ist, um weiteren Schaden in den transatlantischen Beziehungen zu verhindern. Europas Ausgangspunkt bei der nun beginnenden Gestaltung einer neuen Weltordnung ist unverĂ€ndert: Europa ist und bleibt nicht nur fĂŒr seine Sicherheit noch in das nĂ€chste Jahrzehnt hinein von den USA abhĂ€ngig. Doch selbst dann braucht Europa die nukleare RĂŒckendeckung der USA. Nur sie verwehrt es Putin, mit Atomwaffen zu drohen. Die vorhandenen europĂ€ischen Atomwaffen reichen dafĂŒr nicht aus. Sie können vermutlich Krieg durch die Androhung unermesslichen Schadens fĂŒr Russland verhindern, aber kaum nukleare Erpressung durch russische Drohung schon in der Krise. Die nukleare Teilhabe an der Abschreckungsmacht der USA bleibt deshalb bis auf Weiteres unersetzlich, ja sie ist sogar Voraussetzung der französischen Atomstrategie.
Die nun zahlreichen Rufe nach konventioneller europĂ€ischer VerteidigungsfĂ€higkeit, nach einer, ohne vorangehende politische Einigung allerdings illusionĂ€ren Europa-Armee, sind grundsĂ€tzlich richtig, aber eigenstĂ€ndige europĂ€ische nukleare Abschreckung dĂŒrfte absehbar kaum erreichbar sein. Die zum Teil lachhaften nuklearen Gedankenspiele einiger deutscher Professoren sind nicht der Rede wert, aber die entscheidende Frage bleibt: Kann im nuklearen Bereich das Dictum von General de Gaulle: âLe nuclĂ©aire ne se partage pasâ jemals ĂŒberwunden werden? Wie man es deshalb auch drehen und wenden will: Europa bleibt abhĂ€ngig, auch in seiner konventionellen VerteidigungsfĂ€higkeit. Wer daran zweifelt, betrachte nur einmal, wer die DatenflĂŒsse beherrscht und wer sogar im Weltraum kĂ€mpfen kann.
Es gibt somit nur einen Weg: Europa muss nun endlich die seit fast Jahrzehnten fehlende Entschlossenheit, auf eigenen Beinen zu stehen, aufbringen und durchhalten, es muss die Ukraine weiter unterstĂŒtzen, es muss den Druck auf Russland erhöhen und es muss aufhören, weiterhin fĂŒr rund 20 Milliarden Euro im Jahr in Russland einzukaufen und damit einen Teil der Kriegsmaschine Russlands zu finanzieren. Auch das sind Voraussetzungen, will man eine neue transatlantische Klammer schmieden.
Deren Grundlage aber sind die beiderseitigen sicherheitspolitischen Interessen, denn weiterhin gilt Henry Kissingers Wort: Nationen kennen keine Freunde, nur Interessen.
Europas Interessen kann man in drei kurzen Punkten beschreiben:
Europa braucht, erstens und vor allem, jetzt und bis auf Weiteres den Schutzschirm der amerikanischen Nuklearmacht.
Europa braucht, zweitens, die Beherrschung des Atlantiks und der AusgĂ€nge aus dem Arktischen Ozean von Grönland bis zu den Azoren, weil nur so Europa auch gegen das gröĂte Land der Welt, Russland, strategisch auch konventionell zu verteidigen ist. Die strategisch entscheidende Dimension europĂ€ischer Sicherheit liegt im Atlantik. Sie ist nur zu erreichen, wenn die USA und Kanada an der Seite Europas stehen.
Europa braucht drittens DatenĂŒberlegenheit. Die ist bis auf Weiteres nur mit den USA an der Seite Europas zu erreichen. Ein Blick auf nur einen Sektor in diesem Bereich, KĂŒnstliche Intelligenz, zeigt dies. In diesem Gradmesser der Zukunft verfĂŒgen die USA ĂŒber 68,9 % der KI-Rechenleistung, China ĂŒber 14,5% und die EU ĂŒber 6,1 %. Die USA verfĂŒgen also ĂŒber mehr als doppelt so viel Rechenleistung wie der Rest der Welt und sie haben im Gegensatz zu Deutschland keine Energieprobleme, diese Rechenleistung zu generieren.
Europa braucht also die USA, doch auch die haben nur Interessen, zumal in Europa, und dieser Umstand liefert den EuropÀern einen wichtigen Trumpf.
Die USA sind die einzige globale Seemacht. Dies zu bleiben, setzt voraus, beide GegenkĂŒsten, also die atlantisch-europĂ€ische wie die pazifisch-asiatische, kontrollieren zu können. Das BĂŒndnis mit Europa sichert die atlantische und hĂ€lt so den USA den RĂŒcken frei, sollte China in einem Konflikt mit den USA versuchen, ein BĂŒndnis mit Russland zu schmieden, um den Amerikanern ihre europĂ€ische GegenkĂŒste wegzunehmen. Deren Verlust wĂŒrde die USA verwundbar machen. Zudem wĂŒrde der Verlust des Zugangs zu Europa den USA die Basis fĂŒr die noch immer unersetzliche Machtprojektion in den Raum des erweiterten Nahen Ostens, also den Zu- und Ausgang zum/aus dem Indischen Ozean, aber auch nach Afrika nehmen. Das wĂ€re das Ende globaler amerikanischer Vormacht, der einzigen Macht dieser Welt, die geschĂŒtzt von zwei Weltmeeren in allen fĂŒnf Dimensionen moderner KriegsfĂŒhrung global kĂ€mpfen kann, also zu Land, in der Luft, auf See, im Cyberspace und im Weltraum.
Als Zweites ist das Gewicht Europas als Handelspartner und als EmpfĂ€nger wie Geber gewaltiger Investitionen in Billionenhöhe zu nennen. Beide Seiten mögen sich ĂŒber Zölle streiten, aber beide Seiten können es sich nicht leisten, sich als Wirtschaftspartner zu verlieren. Europas Wirtschaftskraft ist zehnmal so groĂ wie die russische und dahinter steht die InnovationsfĂ€higkeit von ĂŒber 400 Millionen freien Menschen.
SchlieĂlich hat Europa, drittens, durchaus einige militĂ€rische FĂ€higkeiten, die die USA nicht unbedingt im Lager ihrer Gegner wissen und ĂŒber deren technische Entwicklung sie unverĂ€ndert Bescheid wissen wollen. Das gelingt am einfachsten durch das NATO-BĂŒndnis, das den USA zwar Beistand abverlangt, aber auch Kontrolle ermöglicht. In Zeiten rasanter technischer Entwicklungen, allen voran der kĂŒnstlichen Intelligenz, die es auch fĂŒr einen David möglich machen könnte, sogar prĂ€ventiv die strategische LĂ€hmung eines Goliaths zu erreichen, kann dieser Aspekt sogar strategisches Gewicht erlangen.
Es gibt also beiderseitige Sicherheitsinteressen. Somit gilt fĂŒr Europa: Keine Sicherheit ohne die USA, und fĂŒr die USA: Unanfechtbare Weltmacht nur mit Europa.
Es spricht also alles fĂŒr die Beibehaltung und Festigung des atlantischen BĂŒndnisses. Europa muss darĂŒber in Washington sprechen, nicht unterwĂŒrfig wie der NATO-GeneralsekretĂ€r, der versuchte, beim Gipfel von Den Haag einen Eklat zu vermeiden, nicht als Bittsteller wie die EU-KommissionsprĂ€sidentin in Schottland, sondern auf Augenhöhe, gestĂŒtzt auf europĂ€ische Wirtschaftskraft und wachsende europĂ€ische konventionelle VerteidigungsfĂ€higkeit.
Dennoch bleibt eine bittere RealitÀt: Putin wird nicht einlenken und die Ukraine wird nicht aufgeben. Europa muss sich auf weitere Jahre Krieg in der Ukraine einstellen.
Es werden bittere und blutige Jahre werden. An der Front wird ĂŒberwiegend ein Krieg mit Drohnen zu Land, in der Luft, auf See und im Cyberspace gefĂŒhrt werden. Die Ukraine hat dort qualitativ wohl die Nase vorne, quantitativ liegen die Vorteile bei Russland. Die Verluste in den unmittelbaren KĂ€mpfen werden relativ gering sein, aber blutig wird dieser Krieg durch Putins rĂŒcksichtslose Bombardierung der Ukraine. Die zahlreichen Russlandfreunde sollten dabei erinnern: Jeder dieser Angriffe ist ein Kriegsverbrechen. Die Antwort der Ukraine wird zunehmende Bombardierung von militĂ€rischen Zielen in der Tiefe Russlands mit in der Ukraine entwickelten Fernlenkwaffen sein. Das bleibt nicht ohne Wirkung, wie die bereits jetzt festzustellende Verringerung der russischen RaffineriekapazitĂ€t durch ukrainische Drohnenangriffe um etwa 20 % zeigt.
Noch einmal: Die gefĂ€hrlichsten Jahre werden die bis etwa 2030 sein, allerdings nur, wenn die NATO-LĂ€nder ihre in Den Haag ĂŒbernommenen Verpflichtungen nicht erfĂŒllen. Dann könnte Russland versucht sein, durch einen begrenzten Angriff die NATO zu testen. Reagiert die dann nicht entschlossen, geschlossen und mit groĂer HĂ€rte, dann könnte sie zerfallen und dann wĂ€re Russland die Vormacht in Europa. Handelt die NATO allerdings wie in Den Haag beschlossen, dann hat Russland trotz seiner die Wirtschaft belastenden RĂŒstung keine Aussicht auf Erfolg. Die NATO kann den so oft vorhergesagten Krieg ab 2030 verhindern, wenn sie jetzt handelt.
Doch die Weltmacht USA muss ĂŒber Europa hinausdenken und die globale Wirtschaftsmacht Europa sollte das auch. Schwerpunkt der USA wird bis auf Weiteres Asien sein, denn dort sitzt der einzige echte Gegenspieler, der Herausforderer werden könnte, China. Deshalb ein Exkurs zu den beiden Konfliktherden, die Europa wie die USA gegenwĂ€rtig berĂŒhren: Nahost und China/Taiwan.
Nahost
Die Region des erweiterten Nahen Ostens vom östlichen Mittelmeer einschlieĂlich der AusgĂ€nge aus dem Schwarzen Meer und dem Zugang zum Suezkanal bis zu den ZugĂ€ngen zum Indischen Ozean ist fĂŒr Europa wie fĂŒr die USA eine SchlĂŒsselzone. Sie ist eine SchlĂŒsselzone fĂŒr die Energieversorgung der Welt mit Gas und Ăl und sie ist die strategische Drehscheibe fĂŒr Machtprojektion nach Russland, nach Asien und nach Afrika.
Nach den seit dem Ăberfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und den seither gefĂŒhrten Kriegen, vor allem dem gegen den Iran im FrĂŒhjahr 2025, ist der lokale und unangefochtene Hegemon nun Israel, vermutlich die einzige Atommacht in der Region. Israel hat zunĂ€chst die Handlanger des Iran, die Hisbollah im Libanon, die Hamas im Gazastreifen und auch die Huthi im Jemen weitgehend und vermutlich nachhaltig ausgeschaltet, dann im Oktober 2024 die Luftverteidigung des Iran gelĂ€hmt und schlieĂlich im FrĂŒhjahr 2025 den Iran entscheidend geschwĂ€cht. Es war eine sorgfĂ€ltig und von langer Hand geplante Angriffsoperation in vielen Dimensionen, durchgefĂŒhrt in unbestrittener israelischer LuftĂŒberlegenheit. Den möglicherweise entscheidenden, wenngleich völkerrechtlich fragwĂŒrdigen Schlag gegen das iranische Atomwaffenprogramm aber fĂŒhrten die USA mit einem in ihrer Dimension bisher noch nie erlebten Angriff durch strategische Bomber direkt aus den USA und durch aus UâBooten abgefeuerte Marschflugkörper. Der Krieg gegen die Hamas wird noch dauern, aber eine Ausweitung durch Eingreifen anderer arabischer Staaten ist nicht zu erwarten, solange âRĂ©gime Changeâ im Iran nicht zum Ziel erklĂ€rt wird. Dies ist unwahrscheinlich, weil die USA, China und Russland das in seltener Eintracht verhindern werden.
Anhaltende UnterstĂŒtzung Israels durch die USA vorausgesetzt, ist Israel damit im Raum des Nahen Osten die unanfechtbare militĂ€rische Vormacht. Sein Ziel, die Hamas zu vernichten, hat Israel bislang nicht vollstĂ€ndig erreicht. Es bleibt ohnehin eine offene Frage, ob man eine Terrorbewegung wie die Hamas militĂ€risch ĂŒberhaupt vernichten kann. Sie ist nachhaltig geschwĂ€cht, auch weil die Geldgeber Iran und Katar weitgehend ausfallen. Aber die Hamas hat einen wirksamen âRecruiting Sergeantâ, den Hass, der mit jedem getöteten Hamas-KĂ€mpfer neu angefacht wird. Die Ausschaltung der Hamas könnte Israel nur erreichen, wenn es gelĂ€nge, die Hamas zur Aufgabe ihrer GrĂŒndungsidee zu bewegen, die Vernichtung Israels zum Ziel zu machen. Die ist die Existenzquelle der Hamas, aber zugleich der kaum abweisbare Grund Israels, eine Zweistaatenlösung abzulehnen. Doch der Hamas ist es gelungen, durch die Macht der Bilder und durch geschickte, oft mehr als einseitige Berichte die Weltmeinung in erheblichem Umfang gegen Israel einzunehmen und in den Hintergrund zu drĂ€ngen, wer den Krieg durch seine nicht entschuldbaren Verbrechen begonnen hat, dass es viele der heutigen Opfer waren, die die Untaten der Hamas frenetisch bejubelten und wer geholfen hat, wohl auch unter Nutzung von Hilfsgeldern fĂŒr die PalĂ€stinenser, das fast 700 km lange, zum Teil mehrstöckige Tunnelsystem unter dem Gazastreifen zu bauen. Andererseits hat sich Israel durch sein hartes, nur aus den Bedingungen der Region zu erklĂ€rendes Vorgehen weltweit isoliert, hat vermutlich Kriegsverbrechen begangen und die Frage aufgeworfen, ob seine KriegfĂŒhrung noch dem Grundsatz der VerhĂ€ltnismĂ€Ăigkeit gerecht wird. Auch die ungesĂŒhnten Verbrechen von Siedlern an PalĂ€stinensern im Westjordanland dĂŒrfen nicht unerwĂ€hnt bleiben. In erheblichen Teilen der Welt hat die Hamas Israels Handeln genutzt, die Schuldfrage zu Lasten Israels umzudrehen. Trotz all dem, die Kampfhandlungen werden weitergehen, es sei denn, die Hamas wĂŒrde alle Geiseln freigeben und ihrer Entwaffnung zustimmen.
Das alles wird nichts an den politischen Bedingungen fĂŒr die Zeit nach Ende der Kampfhandlungen Ă€ndern. Die Hamas hat eine Zweistaatenlösung fĂŒr lange Zeit unerreichbar gemacht und wird dafĂŒr auĂer verbalen Versicherungen auch keine nachhaltige UnterstĂŒtzung der arabischen Staaten gewinnen. Sie dĂŒrften nach dem Ausschalten der MachtansprĂŒche des Iran den Weg eines Ausgleichs mit Israel suchen, weil sie die Zusammenarbeit mit dem technologisch ĂŒberlegenen Israel fĂŒr die Zeit nach Ăl- und Gasreichtum brauchen. Eine Lösung mit einem erweiterten Autonomiestatus der PalĂ€stinenser in einem Staat Israel und mit einer gesichtswahrenden Lösung fĂŒr die Heiligen StĂ€tten der drei monotheistischen Religionen dĂŒrften fĂŒr sie als Ăbergangslösung hinnehmbar sein. Diese Lösung wĂ€re bis zu dem völkerrechtswidrigen Angriff Israels auf HamasfĂŒhrer in Katar am 9. September erreichbar gewesen. Dieser Angriff, der noch nicht einmal sein Ziel erreicht hat, dĂŒrfte fĂŒr einige Zeit die Chancen auf einen Ausgleich mit den sunnitischen Staaten am Golf zerstört haben. Er ist als eine strategische Dummheit zu bezeichnen, die noch dazu Israel in der Welt noch mehr isoliert hat.
Die USA werden sich weiterhin nicht gegen die oben skizzierte Formel stellen. Die EuropĂ€er sind sicher gut beraten, nicht zu starr auf dem derzeit Unerreichbaren, der Zweistaatenlösung, zu beharren. Sie können aber andererseits fĂŒr Völkerrechtsverletzungen wie die in Katar nicht dulden. Erreichbar erscheint derzeit aber nur eine Abwesenheit von Krieg im Nahen Osten eine Verhandlungslösung mit einem atomwaffenfreien Iran und nach einiger Zeit eine RĂŒckkehr zu den Abraham Accords.
Das wĂ€re dann das Ende im Zweiten Akt des Dramas Weltordnung. Er endet im gĂŒnstigsten Fall mit zwei eingefrorenen Kriegen, also in einer Welt in Unsicherheit.
China/ Taiwan
Im Dritten Akt sind dann die USA und China die Akteure, die EuropĂ€er ebenso wie Russland und vielleicht sogar Indien eher Statisten. Der entscheidende Faktor der Zukunftsgestaltung fĂŒr die USA wie fĂŒr Europa heiĂt China. FĂŒr die USA geht es um ihre Rolle als einzige global uneingeschrĂ€nkt handlungsfĂ€hige Weltmacht, fĂŒr Europa geht es um die Existenzsicherung als regionale Macht, die mit den USA verbĂŒndet bleibt, aber nicht bereit ist, seine freiheitliche, rechtsstaatliche und demokratische Staatsordnung aufzugeben.
Die USA haben eine Vielzahl von Handlungsmöglichkeiten, denn sie sind dank ihrer Insellage zwischen zwei Weltmeeren nahezu unangreifbar, sie verfĂŒgen ĂŒber eine noch wachsende und jĂŒnger werdende Bevölkerung, sie sind nicht zuletzt dank der WeltwĂ€hrung Dollar die unverĂ€ndert wichtigste globale Wirtschaftsmacht, sie sind heute und vermutlich bis auf Weiteres die technologisch noch immer fĂŒhrende Macht dieser Welt und sie verfĂŒgen als einzige ĂŒber global einsetzbares MilitĂ€r, das in allen fĂŒnf Dimensionen moderner KriegsfĂŒhrung handeln kann, Land, Luft, See, Weltraum und Cyberspace. Nutzen sie alle diese TrĂŒmpfe mit Geduld und einer klaren, aber nicht unterdrĂŒckenden Strategie, dann können sie sogar eine unipolare Welt erreichen. Europa dagegen hĂ€ngt wirtschaftlich in so erheblichem MaĂe von China ab, nicht nur bei kĂŒnstlichen Erden, dass es in einem Konfliktfall kaum Spielraum hĂ€tte, Sanktionen zu verhĂ€ngen, aber doch an der Seite der USA stehen mĂŒsste. Europa braucht vor allem den freien Welthandel und den Zugang zu den Weltmeeren, es ist in vielen Bereichen technologisch und wissenschaftlich nicht auf dem Stand der USA und auch nicht mehr auf dem Stand Chinas. Zudem hat Europa, ebenso wie Russland und China, das demographische Problem einer abnehmenden und Ă€lter werdenden Bevölkerung.
China hat seinerseits deutlich weniger Spielraum als die USA, aber es gewinnt zunehmend Einfluss im globalen SĂŒden, der sich gegen amerikanische Dominanz auflehnt. Sein Instrument ist dabei die Shanghai Cooperation Organisation, der, rechnet man den 10 Mitgliedern die 16 Partner hinzu also 26 Staaten mit 3,8 Milliarden Menschen angehören und die durch China de facto das Monopol in Gewinn und Verarbeitung der Seltenen Erden besitzt.
China hat derzeit aber mit gewaltigen wirtschaftlichen Problemen zu kĂ€mpfen, nicht nur im Immobilienbereich. Es steht vor einer demographischen Katastrophe gegen Ende des Jahrhunderts, wenn die Bevölkerung von derzeit ĂŒber 1 Milliarde Menschen auf etwa 600 Millionen schrumpfen dĂŒrfte, und das in einer alternden Gesellschaft, in der es so gut wie keine sozialen Sicherheitssysteme gibt, weil der Kommunismus das tradierte System, die Familie, zerstört hat. Hinzukommt die immense Gefahr, dass anhaltender Klimawandel die QuellflĂŒsse der groĂen Ströme Chinas und zum Teil Indiens, die fast alle in Tibet liegen, versiegen lassen könnte. Unter solchen Bedingungen könnte das gewaltige Staudammprojekt Chinas in Tibet fĂŒr Indien sogar Kriegsgrund werden.
Die Folge könnte Trinkwassermangel fĂŒr Hunderte von Millionen Menschen sein. Konfrontiert mit solchen Problemen dĂŒrfte China eher nach innen blicken und auĂenpolitische Abenteuer im Stil Putinâscher Angriffskriege vermeiden wollen. Dennoch wird das politische Ziel bleiben, Taiwan bis zum 100. Geburtstag der Volksrepublik 2049 einzugliedern.
Taiwan könnte also der Auslöser eines chinesisch-amerikanischen Krieges werden. Es geht dabei nicht nur um das Einhalten der Vereinbarung zwischen Taiwan und den USA, was in ganz Asien als Gradmesser amerikanischer VerlĂ€sslichkeit gesehen wird, sondern es geht vor allem um die strategische Bedeutung der Inselkette Japan-Taiwan-Philippinen. Deren Behauptung ist fĂŒr die USA der SchlĂŒssel zu ihrer Sicherheit im pazifischen Raum. Nur mit ihr kann chinesische maritime Projektion Richtung Guam, Hawaii und amerikanische WestkĂŒste verhindert und der Zugriff Chinas auf die StraĂen von Taiwan und Malakka ausgeschlossen werden. Hinzukommt, dass die Folgen eines solchen militĂ€rischen Konflikts um Taiwan fĂŒr die Weltwirtschaft dramatisch wĂ€ren. Durch die StraĂe von Taiwan gehen mehr als 40 % aller Containertransporte, durch die dann ebenfalls betroffene StraĂe von Malakka ca. 35% des Welthandels. Die alternativen Routen durch einen eisfreien Arktischen Ozean dĂŒrften nicht vor Mitte des nĂ€chsten Jahrzehnts verfĂŒgbar sein und werden dann sicher zum Zankapfel zwischen Russland und den USA werden. Zudem ist Taiwan qualitativ der wichtigste Chip-Produzent der Welt. Kein anderes Land kann derzeit Chips von 1nm herstellen. Ohne sie aber bleibt kĂŒnstliche Intelligenz oder autonomes Fahren ein ferner Traum. Auch China braucht Taiwans Chip-Industrie, könnte sie in einem Krieg aber niemals unversehrt in die Hand bekommen.
AuĂerdem hĂ€ngt China von der Bindung an internationale Wirtschaftsvereinbarungen ab, ohne die es seine auf Export ausgerichtete Wirtschaftspolitik nicht durchhalten könnte. Ein Angriffskrieg könnte Chinas Welthandel ruinieren. Den aber braucht es, weil es nur durch dessen ErtrĂ€ge die zur StĂŒtzung seines autoritĂ€ren Systems unersetzliche innenpolitische Balance wahren und die angesichts der dramatischen demographischen Entwicklung bestehende Gefahr innerer Unruhen beherrschen kann. Solange in Chinas KalkĂŒl offenbleibt, ob die USA zugunsten Taiwans eingreifen wĂŒrden, dĂŒrfte China vermutlich seine Strategie, Taiwan weiterhin durch militĂ€rische EinschĂŒchterung zunehmend zu zermĂŒrben, beibehalten, auch weil es die militĂ€rischen FĂ€higkeiten zu einer Eroberung Taiwans derzeit noch nicht hat. Die Eroberung Taiwans wĂŒrde eine Operation ĂŒber 160 km offene See gegen ein vermutlich ĂŒberwiegend zum Kampf bereites Volk von 20 Millionen Menschen in einem zum Teil schwierigen, bergigen GelĂ€nde verlangen. Trotz aller Anstrengungen dĂŒrfte China dazu bis auf Weiteres nicht in der Lage sein. Taiwan und China setzen offensichtlich auf das von der Ukraine gelernte Konzept eines âWalls aus Drohnenâ. Das wiederum könnte Ursache von Fehlkalkulationen werden und so die Kriegsgefahr erhöhen. Die Entwicklung im Dritten Akt ist somit derzeit bis auf Weiteres offen, aber voll latenter Kriegsgefahr.
Folgerungen fĂŒr Deutschland
Was erwartet ein parteiungebundener Deutscher von der Bundesregierung, die in Europa richtigerweise fĂŒhren will, und was ist zu tun?
Hierzu zwei Punkte vorab: Erstens, es muss nun sehr schnell ernst gemacht werden mit der KriegstĂŒchtigkeit der Bundeswehr und unseres Landes, â und das ist weit mehr als nur RĂŒstung fĂŒr die Bundeswehr -, und, zweitens, die Ukraine muss weiterhin unterstĂŒtzt werden, denn ihr Kampf schwĂ€cht Russland, gewinnt Zeit fĂŒr uns und schĂŒtzt so auch unsere Freiheit.
Wo steht Deutschland? Nach einem im Verteidigungsministerium verlorenen ersten Jahr der Ampel hat ein energischer neuer Minister gegen zahlreiche WiderstĂ€nde aus seiner Partei den Wiederaufbau der seit dem Anfang des Jahrtausends vernachlĂ€ssigten und schwer beschĂ€digten Bundeswehr eingeleitet. Mit Zustimmung der gröĂten Oppositionspartei wurde ein Sondervermögen beschlossen und sind zahlreiche Beschaffungsvorhaben beschleunigt worden. JĂŒngst wurde ein neues Wehrdienstgesetz beschlossen, das allerdings ausschlieĂlich auf Freiwilligkeit setzt, damit vermutlich zu kurz greift und somit Zeit verliert, um die dem BĂŒndnis beim Gipfel von Den Haag zugesagten PersonalverstĂ€rkungen zu verwirklichen. Doch die bisherigen Verbesserungen reichen nicht aus und sie erfolgen angesichts der bestehenden Gefahr zu langsam. AuĂerdem bleiben viele MĂ€ngel: Die Bundeswehr ist kopflastig, es fehlt Personal und trotz mancher Verbesserungen dauern Beschaffungen noch immer viel zu lange. Vor allem aber ist die neue Dimension der KriegsfĂŒhrung mit Drohnen zu Land, in der Luft und auf See bislang allenfalls rudimentĂ€r angelegt. Deutschland wĂ€re gut beraten, das von der Ukraine im Kampf gegen Russland erfolgreich verwirklichte Konzept eines dreidimensionalen Walls aus Drohnen grĂŒndlich auszuwerten und zu ĂŒbernehmen.
Dringlich ist der Aufbau einer AbschreckungsfĂ€higkeit gegenĂŒber Russland, die deutlich macht, dass jeder Angriff auf NATO-Gebiet fĂŒr Russland der Schritt in den Abgrund ist und es damit nichts (und einen Krieg gegen die NATO ohnehin nicht) gewinnen kann.
Das bedeutet umfassende Luftverteidigung, auch gegen Hyperschallwaffen, weitreichende konventionelle Waffenwirkung gegenĂŒber Russlands Kernland, Aufbau einer FĂ€higkeit zu Angriff und Verteidigung mit Drohnen zu Land, in der Luft und auf See und die FĂ€higkeit zu umfassendem, elektronischem Schutz bis hin zur LĂ€hmung des Gegners.
Das heiĂt im politischen Entscheidungsprozess aber auch, die unverĂ€ndert gĂŒltigen GrundsĂ€tze des Krisenmanagements zu beachten, also initiativ statt reaktiv zu handeln, risikobereit zu sein, ĂŒber Eskalationsdominanz zu verfĂŒgen und das Staatsgebiet des Angreifers niemals als Sanktuarium zu sehen. ZusĂ€tzlich mĂŒssen alle Möglichkeiten einer Erweiterung der nuklearen Abschreckung durch die europĂ€ischen AtommĂ€chte geprĂŒft werden. Auch hier gilt der alte Grundsatz aller Strategie: Man muss auf das Unerwartete vorbereitet sein. FĂŒr Europa heiĂt das, Optionen zu entwickeln, wie man auch ohne die USA Russland nuklear abschrecken kann.
AuĂerdem sind die neuen Dimensionen der KriegsfĂŒhrung zu nutzen. Hybride Operationen und Cyberoperationen verlangen lange vor einem herkömmlichen Krieg gegebenenfalls prĂ€ventiv, vielleicht sogar prĂ€-emptiv zu handeln. Im strategischen Instrumentenkasten wird Disruption Vorrang vor Zerstörung gewinnen.
Deutschlands Sicherheits- und AuĂenpolitik war bislang regional. Aber wer FĂŒhrungsnation Europas sein will, der muss global denken und handeln. Sich auf Europa und militĂ€rische Verteidigung zu beschrĂ€nken, greift zu kurz. Frankreich und GroĂbritannien handeln seit Langem global, und wenn Deutschland Partner auf Augenhöhe sein will, dann muss es das auch tun. Das bedeutet, auch die Marine zu verstĂ€rken. Der neue Seeraum eisfreier Arktischer Ozean und die PrĂ€senz im IndoPazifik, gemeinsam mit europĂ€ischen Partnern, verlangen das.
Die neue Regierung hat die finanziellen Grundlagen geschaffen, sie muss aber auch das Personal fĂŒr die in Den Haag ĂŒbernommenen zusĂ€tzlichen NATO-Verpflichtungen bereitstellen. Ăber eine allgemeine Dienstpflicht fĂŒr MĂ€nner und Frauen wird man daher bald nachdenken mĂŒssen. Unserer Jugend muss man sagen, dass die Ăbernahme einer kurzen Pflicht der Preis fĂŒr ein langes Leben in Freiheit ist.
âWhatever It Takesâ ist ein guter Grundsatz, um Autokraten abzuschrecken. Dem dient das Ziel, dass die Bundeswehr in allen fĂŒnf Dimensionen nachhaltig kĂ€mpfen können muss: Land, Luft, See, Weltraum und Cyberspace. Sie muss zusammen mit den VerbĂŒndeten in der Lage sein, Russland durch die Androhung unermesslichen Schadens von allen Angriffen auf das NATO-Gebiet abzuschrecken, Europa weitgehend selbststĂ€ndig zu verteidigen und sie muss BeitrĂ€ge da leisten, dort wo der unersetzliche amerikanische VerbĂŒndete die Hilfe der EuropĂ€er braucht. Das verlangt nicht nur die Mittel, sondern vor allem die Entschlossenheit und den Willen, sie auch zu nutzen. Dazu ist schnell zu handeln, nicht auf langwierige bĂŒrokratische Entwicklungsprojekte zu setzen oder nur europĂ€isch zu kaufen, sondern das zu nehmen, was der Truppe höchstmögliche LeistungsfĂ€higkeit so schnell wie möglich gibt. âWhatever It Takesâ ist also zu ergĂ€nzen durch âWherever it comes fromâ.
So könnte ein Europa entstehen, das in der Lage wĂ€re, die USA an Bord zu halten und das sich auch der Aufgabe stellen könnte, die Ukraine nach Vereinbarung einer Waffenruhe vor erneuten Ăbergriffen zu schĂŒtzen. Deren Sicherheit ist europĂ€isches Kerninteresse. Bei ihrem Schutz kann Deutschland nicht an der Seitenauslinie verharren. Das zu entscheiden, kommt allerdings erst nach einer Waffenruhe in Betracht. Optionen vorbereitend zu durchdenken ist richtig, sie öffentlich bereits zu diskutieren ist vorschnell und ĂŒberflĂŒssig.
Heute werden die Konturen einer neuen Weltordnung bestimmt. Europa darf dabei nicht abseits stehen, und das gilt auch und ganz besonders fĂŒr Deutschland. Es muss nun endlich die Kraft aufbringen, geschlossen zu handeln und seine volle HandlungsfĂ€higkeit herzustellen, auch in einer Welt, in der bis auf Weiteres nur das Recht des StĂ€rkeren gilt. Nur so kann es auf Augenhöhe mit den USA sprechen, wird von China ernst genommen und kann Russland abschrecken.
Dazu kommt es nun auf jeden Einzelnen an.
Sicherheit bedeutet nicht nur durchhaltefĂ€higes MilitĂ€r, sondern auch eine leistungsfĂ€hige europĂ€ische RĂŒstungsindustrie, einen ausreichenden Zivilschutz und eine digitalisierte Gesellschaft, damit man auf das Unerwartete blitzschnell reagieren kann und so maximalen Schutz fĂŒr die verwundbare kritische Infrastruktur, vor allem aber fĂŒr die Menschen erreichen kann. Alles in allem ist es eine Herkulesaufgabe, die sich der neuen deutschen Regierung, Europa, aber vor allem seinen Menschen stellt. Auf sie kommt es an. Die Menschen mĂŒssen begreifen und annehmen, dass Schutz vor Ă€uĂerer Gefahr eine Aufgabe eines jeden StaatsbĂŒrgers ist und dass er das wollen muss. Es gilt erneut der Satz aus dem Alten Rom: âsi vis pacem para bellumâ, wenn du den Frieden willst, musst du den Krieg vorbereiten. Die Menschen mĂŒssen verstehen, dass Europa nicht aufrĂŒstet, um Krieg zu fĂŒhren, sondern um Krieg zu verhindern. Das gelingt aber nur, wenn alle EuropĂ€er so zu kĂ€mpfen bereit sind wie derzeit nur Balten, Finnen und Polen. Hier hat Deutschland viel nachzuholen und zusĂ€tzlich mĂŒssen die Deutschen mehrheitlich bereit sein, auch im Inneren durchgreifende und schmerzhafte Reformen zu schultern. Der Staat muss der Innovation Vorrang vor dem Konsum geben, nur so bleibt er fĂŒr die Jungen attraktiv, und die sind unsere gemeinsame Zukunft.
Es ist eine riesige Aufgabe, vor der die Deutschen stehen, aber es ist eine machbare Aufgabe. Deswegen muss am Ende der Botschaft nicht der Berg der Probleme stehen, sondern die Zuversicht, ja, die Gewissheit, dass wir es schaffen können. Das können wir, diesmal aber nicht wie vor zehn Jahren als hohle Phrase der Hilflosigkeit gesagt, sondern als Signal unbeugsamer Entschlossenheit zum Schutz des besten Staats unserer Geschichte und durch den eisernen Willen zu Reform. Das ist die Dimension, um die es letztlich geht: Auf dem Spiel steht unsere Demokratie. Reformen glaubhaft durchzusetzen nimmt den Radikalen die Luft zum Atmen.
Entscheidend wird deshalb vor allem sein, die Menschen mitzunehmen bei dieser zweiten Zeitenwende. Das ist Aufgabe der uns fĂŒhrenden Politiker. Auf den Kanzler kommt es jetzt vor allem an, er muss die Deutschen aufrĂŒtteln und sie ĂŒberzeugen, dass die nun unvermeidlichen Opfer sich lohnen. Aber auch wir, die Deutsche Atlantische Gesellschaft, können beitragen und die Botschaft verstĂ€rken. Die Politiker mĂŒssen ihren MitbĂŒrgern sagen, wie groĂ die Gefahr ist, aber dass sie zu bewĂ€ltigen ist. Dann wird die Mehrheit den Wandel wollen, denn sie wird erneut begreifen, dass Freiheit zu erhalten und zu schĂŒtzen ist, dass sie aber niemals selbstverstĂ€ndlich ist. Gemeinsam muss man Sicherheit zum Schutz der Freiheit erarbeiten. Opfer dafĂŒr sind unvermeidlich, aber sie lohnen sich. DafĂŒr kann man Mehrheiten gewinnen, wenn man den Menschen immer wieder die Wahrheit sagt, wie groĂ die Gefahr ist, aber dass Deutschland sie meistern kann. Dann werden sie erneut zustimmen, dass Sicherheit zwar nicht Alles ist, aber ohne Sicherheit alles nichts ist.







