Deutsche Atlantische Gesellschaft e.V.

Mit 21 an der Front – Ein Erfahrungsbericht

Ausgabe 54: Malte Lauterbach

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Die Veröffentlichung dieses Essays erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Bundesministeriums der Verteidigung. Die Einsendung erfolgte im Rahmen des Nachwuchspreises zum Thema „Was bedeutet die NATO fĂŒr mich – heute und in der Zukunft?“ anlĂ€sslich des 70. Jahrestages des Beitritts der Bundesrepublik Deutschland zur NATO.

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Kyiv, Winter 2024: Gegen 03:00 Uhr rauschen Shahed-Drohnen ĂŒber die Stadt, der Einschlag kappt Stromleitungen – Heizung, Licht und Mobilfunk fallen binnen Minuten aus. Im Hotel springt ein Dieselgenerator an; das monotone Brummen liefert gerade genug Energie fĂŒr Notbeleuchtung und eine dĂŒrftige Internet­verbindung, ĂŒber die Meldungen weiterer Angriffe einlaufen. In diesem Moment wird spĂŒrbar, dass Sicherheit mehr ist als ein abstrakter Begriff: Sie entscheidet, ob KrankenhĂ€user arbeiten, ob Nachrichten­ströme offenbleiben, ob Menschen die Nacht heil ĂŒberstehen. FĂŒr mich, Jahrgang 2003 und seit zwei Jahren als Reporter in Konfliktgebieten unterwegs, steht die NATO deshalb nicht fĂŒr vergangene Weltordnungen, sondern fĂŒr ein kollektives Versprechen, solche Grundfunktionen zu schĂŒtzen – ein Versprechen, das wir kritisch prĂŒfen und aktiv mitgestalten mĂŒssen.

Als ich im Juli 2023 an einem polnischen Checkpoint nahe der ukrainischen Grenze auf eine Genehmigung wartete, reichten wenige Worte eines kroatischen Offiziers, um mich daran zu erinnern, dass Artikel 5 mehr ist als Paragrafensprache. Die kroatische Einheit rotierte dort im Rahmen der „Enhanced Forward Presence“, und ihr schlichtes Vorhandensein verĂ€nderte die Risikokalkulation der russischen Seite: Ein Angriff auf einen Soldaten hĂ€tte die gesamte Allianz auf den Plan gerufen.

Ein Jahr spĂ€ter verfolgte ich auf einer jordanischen Luftwaffenbasis mit US‑Kontingent, wie der Abschuss einer ballistischen Rakete aus dem Jemen Alarm auslöste. Nach wenigen Minuten lagen Lagebilder der NATO-Koalition vor, die das Gefahrengebiet fĂŒr alle zivilen Schiffe markierten. FĂŒr mich zeigt sich hier ein doppelter Kernnutzen: kollektive Abschreckung, die Eskalationen unwahrscheinlicher macht, und ein Echtzeit-Informationsnetz, das Journalisten wie Soldaten dieselbe, geprĂŒfte Datengrundlage bietet. Zugleich ist die NATO eine Werteplattform: Presse- und Meinungsfreiheit sind im BĂŒndnis kodifiziert und werden eingefordert. Dass ich als 22-JĂ€hriger Zugang zu hochrangigen Briefings habe und kritische Fragen stellen kann, ist nur möglich, weil Transparenz zur Funktionslogik der Allianz gehört. Positiv betrachte ich – zur europĂ€ischen Verteidigung zurĂŒckkehrend – die Abschreckung an der Ostflanke. Seit 2014 hat das „Baltic Air Policing“ keinen einzigen grenzĂŒberschreitenden Vorfall in Estland, Lettland oder Litauen eskalieren lassen. Kampfflugzeuge aus Deutschland, Spanien und anderen Partnern reagieren binnen Minuten auf Luftraumverletzungen – ein sichtbares Signal, das auch die Ukraine politisch entlastet.

Denn hĂ€ufig heben russische MilitĂ€rflugzeuge ohne Flugplan, Transponder‑Code und Funkkontakt von Kaliningrad oder St. Petersburg ab, woraufhin die auf den baltischen Basen Ć iauliai und Ämari rund um die Uhr alarmbereiten NATO‑Jets binnen Minuten starten, das Ziel visuell identifizieren und bis zum Verlassen des ĂŒberwachten Luftraums begleiten. 2023 mussten die Alliierten dafĂŒr ĂŒber 300‑mal aufsteigen; die meisten EinsĂ€tze ĂŒber der Ostsee. Russland testet damit Reaktionszeiten, sammelt AufklĂ€rung und demonstriert PrĂ€senz.

Die grĂ¶ĂŸte StĂ€rke der NATO ist ihre Standardisierung

Bereits der US-Navy Admiral Rickover wusste, dass die Kunst des Krieges die Kunst des logistisch Machbaren bedeutet. So lieferten wĂ€hrend der russischen Winteroffensive 2023 alliierte A400M-Transporter medizinisches GerĂ€t fĂŒr die Ukraine. Weil TrĂ€gerfahrzeuge, ContainergrĂ¶ĂŸen und Schnittstellen normiert sind, konnte ukrainisches Personal das Material ohne Umschlag einsetzen, sodass GĂŒter nicht manuell umgeladen werden mĂŒssen. So entschieden Stunden, nicht Tage ĂŒber Überlebenschancen Verwundeter.

Diese Beispiele zeigen, dass die NATO nicht nur Sicherheit verspricht, sondern tĂ€glich liefert: an den Grenzen des BĂŒndnisraums, in internationalen Koalitionen und auf den Nachschubwegen, die Leben retten. Die StĂ€rke der NATO ist aber zugleich ihre SchwĂ€che: Jede Entscheidung erfordert Einstimmigkeit. Als Russland im Sommer 2022 den Raum Odessa – und damit auch den BĂŒndnispartner RumĂ€nien – indirekt mit Marschflugkörpern bedrohte, dauerte es Monate, bis sich alle Mitglieder auf eine kombinierte Luftverteidigungsr­otation einigten; in dieser Zeit blieb die Hafen­infrastruktur ungeschĂŒtzt.

Zweites Problem: Burden Sharing. Zwar hat sich bei der vielkritisierten Lastenteilung seit dem Washington‑Gipfel 2024 spĂŒrbar etwas getan: Nach NATO‑Angaben erreichen inzwischen 22 bis 23 der 32 BĂŒndnispartner das Zwei‑Prozent‑Ziel – 2014 waren es erst drei Staaten. Gleichwohl stammen weiter rund zwei Drittel der gesamten Verteidigungsausgaben aus den USA, wĂ€hrend grĂ¶ĂŸere Volkswirtschaften wie Kanada, Italien und Spanien unter der Marke bleiben.

Drittens: Strategische Kommunikation bleibt durch das Einstimmigkeitsprinzip gehemmt: Jede offizielle NATO‑Verlautbarung muss konsensual freigegeben werden, was selbst in Krisen oft Stunden dauert und Reaktionsfenster fĂŒr Desinformation öffnet. Im Herbst 2024 verbreitete sich im Westjordanland auf arabischen KanĂ€len das GerĂŒcht, die NATO liefere „Bunkerbrecher“ an Israel. Binnen Stunden radikalisierten sich lokale Proteste, obwohl das BĂŒndnis gar nicht beteiligt war. Ohne eine offensivere Informationsstrategie, die Fehlnarrative frĂŒh kontert, droht die Allianz, den digitalen Raum zu verlieren.

Vom Skeptiker zur Rahmennation

Deutschland hat mit der Zeitenwende und den Sondervermögen die Voraussetzung geschaffen, von der Rolle des „grĂ¶ĂŸten Skeptikers“ zum verlĂ€sslichen Rahmennations­partner aufzusteigen. Bereits heute fĂŒhrt die Bundeswehr die „Enhanced Forward Presence“ in Litauen, betreibt moderne LuftraumĂŒberwachung fĂŒr Deutschland und die NATO und stellte Kernmodule der Patriot-Verteidigung in der Slowakei. Der Bundestag entscheidet in der Regel offen und nachvollziehbar ĂŒber Mandate, diese Transparenz wirkt bĂŒndnisbindend auf Partner mit stĂ€rker exekutiv geprĂ€gten Strukturen. Diplomatisch kann Berlin BrĂŒcken schlagen: zwischen einflussreichen Strömungen in Washington, die inzwischen vor allem auf einen raschen Waffenstillstand in der Ukraine drĂ€ngen, und sĂŒd‑ bzw. osteuropĂ€ischen Staaten, die aus ihrer Front‑ und Bedrohungslage heraus auf dauerhafte Abschreckungsdominanz bestehen.

Kurz: Deutschlands Gewicht liegt nicht nur im Haushalt, sondern in seiner Funktion als logistischer Hub im Herzen Europas und im Zusammendenken von Abschreckung, Diplomatie und auch RĂŒstungskontrolle, wie in den aktuellen Verhandlungen mit dem Iran.

Wir wagen einen kurzen Blick in die Zukunft: Bis 2035 wird die Abschreckung multidomain sein. Cyber- und WeltraumfĂ€higkeiten ergĂ€nzen konventionelle KrĂ€fte; KĂŒnstliche Intelligenz wertet Sensordaten in Echtzeit aus. Deutschland könnte als “Digital Framework Nation” das Betriebssystem dieser Vernetzung stellen: sichere Cloud-Knoten, quantenresistente VerschlĂŒsselung, ein gemeinsamer Datenraum fĂŒr Lage­bilder. Die Ukraine dĂŒrfte nach erfĂŒllter Reformagenda und anhaltender UnterstĂŒtzung Beitrittskandidat sein; ihre Front­erfahrung wĂŒrde das BĂŒndnis taktisch bereichern. Gleichzeitig muss die NATO ihre Resilienz nach innen stĂ€rken: Energie- und Lieferketten­sicherheit, zivile Krisen­vorsorge und ein robustes Desinformations­abwehrnetz zĂ€hlen kĂŒnftig ebenso zur Einsatzbereitschaft wie Kampf­panzer. Meine Generation – digital aufgewachsen und sicherheitspolitisch sozialisiert im Schatten mehrerer Kriege – wird entscheiden, ob dieses erweiterte BĂŒndnis agil bleibt oder an seiner GrĂ¶ĂŸe erstarrt. Verantwortung ĂŒbernehmen heißt: Technologien entwickeln, Narrative setzen, BeitrĂ€ge leisten.

NATO-Standards retten Leben – dieses Wissen verpflichtet

ZurĂŒck zur Kherson-Front, Sommer 2023: Artillerie nĂ€hert sich, Splitter peitschen ĂŒber trockenes Ackerland, wĂ€hrend SanitĂ€ter ein mobiles ROLE-2E-Feldlazarett rĂ€umen. Verwundete werden auf NATO-standardisierte Containertragen verlagert – Staub, Blut, doch jede Palette passt millimetergenau in gepanzerte SanitĂ€tsfahrzeuge und Transporthubschrauber. Mi-17 und EH-101 kreisen niedrig ĂŒber dem Boden, um den Evakuierungskorridor freizuhalten. ROLE-2E-Module bĂŒndeln Operationssaal, Intensivstation und Labor in zwei Containern; ihr Aufbau folgt Normen, die die NATO-Staaten gemeinsam festgelegt haben. Container fĂŒr Container entfaltet sich zu Operationssaal, Intensivstation und Labor, alles im NATO‑Standardmaß, sodass jede Trage und jede Palette millimetergenau einrasten. So entsteht in weniger als einer Stunde ein vollstĂ€ndiger chirurgischer Knotenpunkt, der lebensrettende Eingriffe ermöglicht und die Patienten stabilisiert.

Genau dieselbe Logik hielt im Januar 2024 das Dieselaggregat in unserem Kiewer Hotel am Laufen; Technik, Verfahren und SolidaritĂ€t, unsichtbar verknĂŒpft durch das BĂŒndnis. Hier, am Dnepr, begreifen wir: Sicherheit ist nicht bloß Diplomatie; sie entscheidet, ob ein Verwundeter Sauerstoff erhĂ€lt oder ein Bunker Licht hat, wĂ€hrend draußen Drohnen kreisen.

Dieses Wissen verpflichtet. Wenn wir wollen, dass die NATO 2035 noch trĂ€gt, mĂŒssen wir sie heute stĂ€rken, mit sachkundigen Debatten statt Symbolpolitik, mit Engagement in Reserve‑, Zivil- und Cyberverteidigung, mit entschlossenem EntkrĂ€ften von Desinformation.

Sicherheit bleibt formbar, aber nur, solange wir sie formen.

Ein Beitrag von:

Malte Lauterbach

Journalist
Weitere Informationen erhalten Sie von:

Dr. Nicolas Fescharek

Referent
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