Eine strategische Neuausrichtung der NATO war schon lange geplant. Dringend notwendig gemacht hatte diese Neuausrichtung aber vor allem der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine: Die Mitgliedschaft Finnlands und Schwedens, die geplante stĂ€ndige Alarmbereitschaft von 300.000 NATO-Soldatinnen und Soldaten zur Verteidigung der NATO-Ostgrenzen, vielseitige militĂ€rische und finanzielle UnterstĂŒtzungen der Ukraine â all das erhöht die Ăberlebenschancen der angegriffenen Ukrainerinnen und Ukrainer, all das erhöht die Sicherheit weiterer Staaten â innerhalb und auch auĂerhalb des NATO-BĂŒndnisses. Ein Grund zu allgemeiner Heiterkeit sind solche BeschlĂŒsse dennoch nicht. Denn sie machen deutlich, dass Krieg in Europa eben nicht der Vergangenheit angehört, dass Verteidigung und Abschreckung ab jetzt gezwungener MaĂen zu einem Teil unseres alltĂ€glichen Lebens werden.
Es lohnt sich daher allemal, genauer zu hinzusehen, welche BeschlĂŒsse die 30 NATO-Mitgliedstaaten in Madrid gefasst haben, was die Formulierungen mancher BeschlĂŒsse genau sagen und was sie auch nicht sagen, ohne deshalb nichtssagend zu sein. Wie weit reicht die UnterstĂŒtzung der Ukraine? Immer nur bis zur Grenze von Sicherheitsgarantieren heran, aber nie darĂŒber hinaus? Sollen die 300.000 Soldatinnen und Soldaten entlang der NATO-Ostgrenze stĂ€ndig stationiert werden, alle oder einige von ihnen? Damit wĂŒrde die NATO â wie es Russland wiederholt gemacht hat â die NATO-Russland-Grundakte ihrerseits verletzen. Auffallend ist es sicherlich, dass das Madrider Abschlussdokument die Grundakte gar nicht mehr erwĂ€hnt. Ist sie also gar nicht mehr in Kraft?
RĂŒdiger König, der StĂ€ndige Vertreter der Bundesrepublik Deutschland bei der NATO in BrĂŒssel, betont die Einheit der NATO. Im GesprĂ€ch mit Podcast-Moderator Oliver Weilandt beschreibt der deutsche NATO-Botschafter aber auch unterschiedliche Haltungen der Mitgliedsstaaten. Die könnten sich vermutlich auch in kĂŒnftigen Stationierungsentscheidungen widerspiegeln. Ob, wo und wann aus der bisherigen »VorneprĂ€senz« der Battlegroups eine dauerhafte »Vorneverteidigung« wird, lĂ€sst das Strategiepapier zunĂ€chst offen.
Zur neuen NATO-Strategie gehören aber auch weitere Themen: Das VerhÀltnis zu China, die globale Gesundheit mit ihren Herausforderungen wie der BekÀmpfung des Hungers oder der Pandemie, der Klimawandel, der internationale Terrorismus. Auch das sind aus Sicht der NATO Sicherheitsbedrohungen, denen sie sich stellen will.
Botschafter RĂŒdiger König ist seit Jahrzehnten krisenerfahren im politischen wie im militĂ€rischen Sinn. Der Politikwissenschaftler und Staatsrechtler war im Lauf seiner diplomatischen Karriere bei den Vereinten Nationen in New York tĂ€tig, ebenso wie in der deutschen Botschaft im pakistanischen Islamabad. Von 2010 bis 2013 war RĂŒdiger König deutscher Botschafter in der afghanischen Hauptstadt Kabul, anschlieĂend hat er mehrere Jahre die Abteilung KrisenprĂ€vention, Stabilisierung, Konfliktnachsorge und HumanitĂ€re Hilfe im AuswĂ€rtigen Amt geleitet. Allzu oft ging und geht es fĂŒr den heutigen NATO-Botschafter bei all diesen Stationen um das Sterben oder Leben von bedrohten Menschen und Völkern.







