Deutsche Atlantische Gesellschaft e.V.

NATO und China: AnnÀherung und Dialog im Jahr des Tigers?

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Im Dezember vergangenen Jahres sagte die ehemalige Bundeskanzlerin Merkel in ihrer Abschiedsrede, dass man immer versuchen sollte, die Welt mit den Augen des anderen zu sehen. Dies gelte auch und besonders fĂŒr die Gestaltung der Außenbeziehungen Deutschlands. 

Die Empfehlung, die Angela Merkel ihrem Nachfolger Olaf Scholz und seinem Kabinett ans Herz legte, ist sicherlich klug. Aber wie lĂ€sst sie sich in der rauen internationalen RealitĂ€t umsetzen, die zunehmend von strategischer RivalitĂ€t und Aggression geprĂ€gt wird? 

Reden die GroßmĂ€chte oft genug miteinander? Finden sie den richtigen Ton? Und wie lassen sich Kompromisse finden, wenn die nationalen Positionen und Interessen oft so weit auseinander liegen? 

Track-2-Dialog

Informelle GesprĂ€che im vertraulichen Rahmen können offizielle diplomatische AktivitĂ€ten oftmals bei der Lösung von Konflikten oder schwierigen politischen AnnĂ€herungen unterstĂŒtzen. Sogenannte Track-2-Dialoge bringen ehemalige Diplomaten und militĂ€rische Vertreter, die nicht mehr weisungsgebunden sind, an einen Tisch. HĂ€ufig beteiligen sich auch akademische Experten an solchen GesprĂ€chen.

Ein erfolgreicher Track-2-Prozess sollte verschiedene Funktionen erfĂŒllen: er sollte dazu beitragen, eine vertrauensvolle AtmosphĂ€re zu schaffen, um offene GesprĂ€che zwischen den beteiligten Seiten zu fĂŒhren, und die Motivationen, politischen Intentionen und Interessen der Parteien offenzulegen; er sollte allen Seiten ermöglichen, zu lernen, konstruktiv mit Kritik umzugehen, und schließlich sollte er, wenn möglich, zu einigen konkreten Handlungsempfehlungen fĂŒhren oder zumindest die weiteren Schritte in der AnnĂ€herung der Parteien oder bei der Konfliktlösung skizzieren. 

‘NATO-China Relations: Charting The Way Forward’

Der Bericht, den die zwei Denkfabriken fĂŒr das kĂŒnftige VerhĂ€ltnis des westlichen VerteidigungsbĂŒndnisses zur Weltmacht China vorgestellt haben, ist das Resultat eines solchen informellen Dialoges. Das in Kalifornien und Paris ansĂ€ssige Center for Strategic Decision Research (CSDR) und der offizielle Think tank des chinesischen Außenministeriums, Center for International Strategic Security (CISS), haben mit „NATO-China Relations: Charting The Way Forward“  einen höchst interessanten Bericht vorgelegt. Auf der NATO-Seite waren die beiden ehemaligen Stellvertretenden Beigeordneten NATO-GeneralsekretĂ€re, Jamie Shea und Stefanie Babst, der ehemalige dĂ€nische NATO-Botschafter, Michael Zilmer-Johns, sowie Dr. Roger Baylon, der Direktor des CSDR, beteiligt. Die chinesische Seite wurde von Generalmajor Gong Xianfu, VizeprĂ€sident des CIISS angefĂŒhrt. Zu seiner Delegation gehören ehemaligen Spitzendiplomaten und ‑offiziere sowie eine Reihe von Sicherheitsexperten.

WorĂŒber haben beide Seiten geredet? 

Im Verlauf von 15 Monaten diskutierte die Gruppe ein breites Spektrum internationaler Sicherheitshemen, das von den Entwicklungen in der asiatisch-pazifischen Region bis zu möglichen Szenarien der amerikanisch-chinesischen Beziehungen reichte. Im Mittelpunkt der vertraulichen GesprĂ€che stand aber das VerhĂ€ltnis der NATO zu China. Wie interpretieren beide Seiten die wichtigsten globalen und regionalen Trends und Sicherheitsrisiken? Wo gibt es fundamentale Interessensunterschiede und in welchen Themenbereichen existieren möglicherweise AnknĂŒpfungspunkte fĂŒr Dialog und Zusammenarbeit?  Welche Lehren können die NATO und China aus frĂŒheren Begegnungen und ersten Formen praktischer Zusammenarbeit ziehen?

Einen großen Teil ihrer Diskussionen verwandten beide Parteien darauf, sich ĂŒber ihre jeweiligen Wahrnehmungen auszutauschen. Nicht wirklich ĂŒberraschend kam dabei zu Tage, dass die Perzeptionen ĂŒber die strategischen Absichten und politischen AktivitĂ€ten der jeweils anderen Seite weit auseinanderklaffen. China betrachtet die NATO immer noch als ein von den USA dominiertes ‚BĂŒndnis des Kalten Krieges‘, das versuche, den Aufstieg Chinas zur Weltmacht zu begrenzen und es in ‚unfairer Weise‘ kritisiere. Auf der Seite der NATO-VerbĂŒndeten ĂŒberwiegt die Vorstellung von China als einem autoritĂ€ren Riesenreich, das die liberalen Grundwerte des Westens nicht teilt, seine Nachbarn militĂ€risch einschĂŒchtert und fĂŒr den Westen eine Reihe von gravierenden Sicherheitsrisiken und technologisch-wirtschaftlichen Herausforderungen mit sich bringt. Es ist durchaus bemerkenswert, dass es der CSDR-CIISS Gruppe gelungen ist, ĂŒber die jeweiligen Wahrnehmungen und Kritikpunkte offen zu sprechen und sie in ihrem Bericht festzuhalten.

Politische Handlungsempfehlungen

Der gemeinsame Bericht beider Think tanks enthĂ€lt auch eine Reihe konkreter Empfehlungen fĂŒr die politischen FĂŒhrungen in den NATO-HauptstĂ€dten, in BrĂŒssel und Peking. Vor allem mit Blick auf die laufenden Arbeiten an dem neuen Strategischen Konzept der NATO, das auf dem Gipfeltreffen im Juni in Madrid verabschiedet werden soll, hoffen die Autoren, einige politische Impulse geben zu können. 

In der RealitĂ€t ist das BĂŒndnis immer noch reichlich weit von einer gemeinsamen und umfassenden China-Strategie entfernt. 2019 konnten sich die VerbĂŒndeten in ihrer Londoner GipfelerklĂ€rung zum ersten Mal darauf einigen, China explizit als mögliche neue Bedrohung zu erwĂ€hnen: „Wir erkennen, dass der wachsende Einfluss und die internationale Politik Chinas sowohl Chancen als auch Herausforderungen darstellen, die wir als Allianz zusammen angehen mĂŒssen“, heißt es in dem Dokument. Auf ihrem BrĂŒsseler Gipfeltreffen im vergangenen Juni gingen sie noch einen Schritt weiter. In dem GipfelkommuniquĂ© werden Chinas “erklĂ€rte Ambitionen und selbstbewusstes Verhalten als systemische Herausforderungen fĂŒr die regelbasierte internationale Ordnung und relevante Bereiche der Sicherheit der Allianz“ bezeichnet. DarĂŒber hinaus Ă€ußerten die VerbĂŒndeten ihre Sorge ĂŒber Chinas „undurchsichtliches“ konventionelles und nukleares MilitĂ€rpotenzial, die Partnerschaft mit Russland und Chinas hĂ€ufigen Mangel an Transparenz und den Einsatz von Desinformation. 

Bei aller Kritik unterstrichen sie jedoch auch ihre Bereitschaft zum Dialog: „Auf der Grundlage unserer Interessen begrĂŒĂŸen wir Gelegenheiten, mit China in Bereichen von Bedeutung fĂŒr das BĂŒndnis und bei gemeinsamen Herausforderungen wie dem Klimawandel zusammenzuarbeiten“. Im September 2021 betonte NATO-GeneralsekretĂ€r Jens Stoltenberg nach einem virtuellen Treffen mit dem chinesischen Außenminister Wang Yi noch einmal das Interesse der Allianz, mit China in einen Dialog zu treten. Das Problem dabei ist, daß der Austausch zwischen beiden Seiten aber eher sporadisch ist.

Genau hier setzt der CSDR/CIISS Bericht an. Konkret empfiehlt die Gruppe fĂŒnf Themenbereiche, in denen sie Ansatzpunkte fĂŒr eine Interessenskonvergenz zwischen dem BĂŒndnis und Peking sehen: maritime Sicherheit, Klimawandel, regionale Sicherheit, militĂ€rische Transparenz und Risikoverminderung in sensitiven Bereichen und der Kampf gegen den Terrorismus. FĂŒr jedes Themenfeld liefern sie eine Reihe plausibler Argumente, warum ein NATO-China-Dialog funktionieren könnte.

DarĂŒberhinaus schlagen sie die Entwicklung eines gemeinsamen Fahrplans (Joint Roadmap) vor, der dazu beitragen könnte, einen konkreten Rahmen fĂŒr kĂŒnftige Treffen, Themen und zu erwartete Ergebnisse zu schaffen.

Bei der öffentlichen Vorstellung des Berichtes ging die chinesische Seite sogar noch weiter und schlug vor, ĂŒber die Einrichtung von VerbindungsbĂŒros in NATO und Peking nachzudenken. Der persönliche Austausch zwischen den Vertretern beider Seiten wĂ€re der beste Weg, um sich besser kennenzulernen und, bei allen Unterschieden, nach Gemeinsamkeiten zu suchen.

Der Ball liegt nun in BrĂŒssel und in den HauptstĂ€dten der NATO-Mitglieder. Es ist zu hoffen, dass die VorschlĂ€ge der beiden Think tanks zu weiteren politischen Diskussionen in der NATO anregen. Ungeachtet dessen hat die Gruppe beschlossen, ihre informellen GesprĂ€che weiter in diesem Jahr fortzusetzen. Schließlich ist der GesprĂ€chsbedarf enorm.


[1] Laut dem chinesischen Horoskop steht die Raubkatze fĂŒr Mut, Abenteuer, Optimismus, Durchsetzungskraft und Risikobereitschaft.

Ein Beitrag von:

Dr. Stefanie Babst

Senior Associate Fellow, European Leadership Network, London; Principal, Brooch Associates, London; PrĂ€sidiumsmitglied, Deutsche Gesellschaft fĂŒr AuswĂ€rtige Politik, Berlin

Studierte in Kiel von 1983-89 an der Christian-Albrechts UniversitĂ€t und nachfolgend der Pennsylvania State University/USA Politische Wissenschaft, Slawistik und Internationales Recht. 1993 promovierte sie mit Hilfe eines Stipendiums der Harvard University, der Friedrich Naumann Stiftung und der Fulbright Kommission an der Christian-Albrechts-UniversitĂ€t in Kiel. Als erste weibliche Dozentin an der FĂŒhrungsakademie der Bundeswehr in Hamburg, ĂŒbernahm sie den Lehrstuhl fĂŒr Russland- und Osteuropastudien. Nach verschiedenen Gastdozenturen in den USA, der Russischen Föderation, der Ukraine und Tschechischen Republik wechselte Stefanie Babst 1998 in den Internationalen Stab der NATO, wo sie zunĂ€chst als German Information Officer und Referatsleiterin arbeitet, bevor sie im Mai 2006 von NATO-GeneralsekretĂ€r Jaap de Hoop Scheffer zur Stellvertretenden Beigeordneten GeneralsekretĂ€rin fĂŒr Public Diplomacy der NATO ernannt wurde. Damit wurde sie zur höchstrangigsten deutschen Frau im Internationalen Stab der NATO und prĂ€gte die Öffentlichkeits- und Medienpolitik der Allianz sehr nachhaltig. Unter NATO-GeneralsekretĂ€r Anders Fogh Rasmussen baute Stefanie Babst, einen Krisenvorausschau- und strategischen Planungsstab fĂŒr die NATO auf, den sie bis Januar 2020 auch leitete. Seit MĂ€rz 2020 arbeitet sie als strategische Beraterin und Publizistin und unterstĂŒtzt mehrere multilaterale Projekte. DarĂŒber hinaus ist sie MitgrĂŒnderin von Brooch Associates, einer von fĂŒnf renomierten Powerfrauen geleiteten strategischen Beratungsfirma mit Sitz in London.

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Michael Simon

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