Deutsche Atlantische Gesellschaft e.V.

Antigone und die Ukraine

Ein Essay von Dr. Nicolas Fescharek 

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Die russische FĂŒhrung stellt momentan vorsĂ€tzlich unerfĂŒllbare Forderungen: Die NATO soll schriftlich auf neue Mitglieder verzichten, was Schweden und Finnland ebenso einbezieht wie die Ukraine, Georgien oder Staaten auf dem Balkan. Sie soll ihre militĂ€rische Infrastruktur und FĂ€higkeiten aus denjenigen LĂ€ndern abziehen, die seit 1999 beitraten. Außerdem sollen unter anderem alle amerikanischen Atomwaffen aus Europa verschwinden. 

            Es sieht also so aus, als sei 2022 das Jahr der Entscheidung im Wertekonflikt zwischen den NATO-Staaten und Russland. VordergrĂŒndig geht es um die SouverĂ€nitĂ€t der Ukraine, tatsĂ€chlich aber um viel mehr: Erstens geht es um die Frage der LegitimitĂ€t von EinflusssphĂ€ren von GroßmĂ€chten im 21. Jahrhundert, zweitens um die Frage, ob die NATO-Osterweiterung legitim war, sowie drittens um die Frage, ob eine neue europĂ€ische Sicherheitsordnung entstehen kann, in der Russland anders einbezogen ist als im aktuellen Rahmen der NATO-Russland-Grundakte, also der Kodifizierung von gleichberechtigter Kooperation auf Feldern von beiderseitigem Interesse.

            Die Diskussion darĂŒber, wie mit diesen Fragen zu verfahren ist, bleibt in Deutschland – und dort vor allem in der SPD – stark von der historischen Erfahrung der Ostpolitik der Regierungen Brandt und Schmidt in den 1970er Jahren geprĂ€gt. VernachlĂ€ssigt wird dabei oft, dass diese Politik der Öffnung nach Osten vor allem auch durch eine grundlegende StrategieĂ€nderung der NATO möglich wurde, wie sie im Harmel-Bericht von 1967 formuliert ist. Seither verfolgte das westliche BĂŒndnis einen dualen Ansatz: Aufrechterhaltung glaubwĂŒrdiger VerteidigungsfĂ€higkeit und eine Politik der Entspannung. Dies fĂŒhrte schließlich zur Schlussakte von Helsinki 1975 und zu zahlreichen RĂŒstungsbegrenzungsabkommen. 

Zur Umsetzung dieser NATO-Strategie in praktische Politik trug Brandts Entspannungspolitik wesentlich bei. Sie bestand im Wesentlichen aus einem Dreischritt: Erstens akzeptierte die SPD-gefĂŒhrte westdeutsche Regierung zunĂ€chst einmal den territorialen Status Quo – dies bedeutete durch den Moskauer und Warschauer Vertrag von 1970 die faktische Aufgabe der ehemaligen deutschen Ostgebiete und spĂ€ter eine staatsrechtliche Anerkennung der DDR als einem von zwei Staaten einer Nation („fĂŒreinander nicht Ausland“), sowie die Aufgabe des deutschen Alleinvertretungsanspruchs auf der internationalen BĂŒhne. Zweitens lenkte die Regierung Brandt mit diesem Ansatz den Blick von moralischen Grundsatzdebatten hin zur Definition gemeinsamer Interessen (wie beispielsweise die nukleare AbrĂŒstung). Drittens formulierte die Ostpolitik ein Gemisch aus langfristigen und kurzfristigen Zielen: Kurzfristig sollten konkrete Konflikte entschĂ€rft und handfeste Erleichterungen fĂŒr die Menschen beiderseits des Eisernen Vorhangs erreicht werden; langfristig aber durch die „Überwindung des Status Quo“ eine AnnĂ€herung der Staaten und Gesellschaften in Ost und West erreicht werden. 

            Dieser Ansatz sorgte erwartungsgemĂ€ĂŸ fĂŒr viel Gegenwind. FĂŒr die VertriebenenverbĂ€nde war eine Aufgabe der Ostgebiete, ihrer Heimat, nicht akzeptabel, die CDU befĂŒrchtete unter anderem eine Bedrohung von Adenauers Erbe der Westanbindung. Aus westlicher Perspektive bedeutete dies auch, Schießbefehle an der deutsch-deutschen Grenze, die Niederschlagung des Prager Volksaufstandes von 1968 und die gesamte Besatzung Osteuropas durch die Sowjetunion zunĂ€chst einmal hintanzustellen – im Prinzip eine ungeheure Zumutung. 

            Doch wie erwĂ€hnt war diese Politik der ausgestreckten Hand nur eine von zwei SĂ€ulen eines Doppelansatzes. Denn unter Willy Brandt blieb die Bundesrepublik fest in der NATO verankert, die Bundeswehr entwickelte sich zur stĂ€rksten europĂ€ischen Armee im NATO-BĂŒndnis und der Anteil der Verteidigungsausgaben am BIP stieg von 3,1 auf 3,6 %. Die folgende sozialdemokratisch gefĂŒhrte Regierung unter Helmut Schmidt setzte diese Linie konsequent fort: Sie sorgte fĂŒr eine durchgreifende Modernisierung und weitere StĂ€rkung der Bundeswehr (in Struktur, AusrĂŒstung, FĂŒhrung und Ausbildung), steigerte den Verteidigungshaushalt jĂ€hrlich signifikant  und  machte sich schließlich fĂŒr den NATO-Doppelbeschluss von 1979 stark, der NachrĂŒstung mit nuklearen Mittelstreckenwaffen mit einem Verhandlungsangebot zur Begrenzung von Nuklearwaffen in Europa verband: Diese Diplomatie aus einer Position der StĂ€rke fĂŒhrte 1987 schließlich zum INF-Vertrag zwischen den PrĂ€sidenten Reagan und Gorbatschow ĂŒber die vollkommene Eliminierung der Mittelstreckenwaffen in Europa.

            Das antike TheaterstĂŒck der Königstochter Antigone, welches der folgende Abschnitt kurz in Erinnerung ruft, birgt im Kern eine Nachricht, deren philosophischer Gehalt verblĂŒffend viel Ähnlichkeit mit der Grundphilosophie der Ostpolitik aufweist: Wo sich miteinander unvereinbare Grundauffassungen gegenĂŒberstehen („die Ukraine ist russisch“ vs. „die Ukraine ist ein eigenstĂ€ndiges Land“), kann eine Lösung, die nicht ins Verderben (oder im Fall der Antigone in den Freitod) fĂŒhrt, nicht auf einem Spielfeld entstehen, auf dem im Grunde nur alte Argumente neu formuliert werden; der Disput in moralisch absolut gesetzten Kategorien fĂŒhrt, wenn er nicht durch symbolische Gesten ergĂ€nzt wird, zur VerhĂ€rtung. Das bedeutet, dass sich eine Lösung fĂŒr die aktuellen Spannungen um die Ukraine an einer Doppelstrategie aus militĂ€rischer StĂ€rke und Verhandlungsangeboten orientieren muss, die erstens den Mut hat, die KlĂ€rung von Grundsatzfragen nicht zur Vorbedingung zu machen und zweitens dem russischen Volk (und nicht Putin) den Respekt zu erweisen, fĂŒr den es empfĂ€nglich ist.

Antigone und die Vertagung des Rechthabens 

            Nach dem Erbfolgekrieg zwischen den beiden BrĂŒdern der Antigone, Polyneikes und Eteokles, bei dem beide den Tod finden, verfĂŒgt der König von Theben, Kreon, die Bestattung des Eteokles. Polyneikes aber soll keine Bestattung gewĂ€hrt werden, weil dieser einen Feldzug gegen die eigene Stadt gefĂŒhrt hat, um Eteokles zu entthronen. Doch als Kreon den Leichnam des Polyneikes bewachen lĂ€sst, rebelliert Antigone und besteht darauf, dass auch ihr „verrĂ€terischer“ Bruder Polyneikes bestattet werden muss. Dazu fĂŒhrt sie das Gesetz der Familie und des Herzens ins Feld. Sie glaubt, das Gesetz des Herzens, das Gewissen, stehe ĂŒber dem Gesetz der Stadt. Sie weiß natĂŒrlich, dass Kreon König ist und das Gesetz der Stadt durchsetzen muss. Doch fĂŒr Antigone ist dieser Konflikt essentiell. Sie geht so weit, sich mit ihrem GĂŒrtel zu erhĂ€ngen.

            NatĂŒrlich vermittelt der Ausgang der griechischen Tragödie keine Handlungsanleitung fĂŒr praktische Politik heute. Aber man kann aus dem Prinzip des Tragischen zwei Schlussfolgerungen ableiten: Erstens ist eine Analyse des Konfliktes zwischen Antigone und Kreon in moralischen Kategorien mĂŒĂŸig und unfruchtbar, weil a priori niemand entscheiden kann, welches „Gesetz“ das „bessere“ ist – das Gesetz der Stadt oder das Gesetz des Gewissens. Daraus resultiert, zweitens, dass eine Konfliktlösung, bei der keine der beiden Parteien den Freitod wĂ€hlt oder den anderen umbringt, nur auf einem Feld gedeihen kann, das zunĂ€chst nicht in Kategorien von Gut und Böse argumentiert. Dass das natĂŒrlich nicht den Verzicht von (politischen und moralischen) Prinzipien zugunsten eines zynischen Pragmatismus bedeuten kann, oder dass das autoritĂ€re Wertesystem Putins nicht mit dem demokratischen gleichzusetzen ist, all das ist selbstredend richtig – dazu spĂ€ter mehr. Jedenfalls aber fĂŒhrt kein Weg daran vorbei, dass eine Situation, in der zwei Überzeugungssysteme sich unversöhnlich gegenĂŒber stehen nur durch einen Fokus auf gemeinsame Interessen und durch eine Langzeitperspektive entschĂ€rft werden kann. 

            Zur Erinnerung: Umfragen weisen darauf hin, dass fĂŒr etwa 90 % der Russen die Krim schlicht russisch ist und dass nur 4 % der russischen Bevölkerung eine russische Schuld an den Spannungen in der Ukraine sieht, wĂ€hrend etwa die HĂ€lfte die NATO und die USA beschuldigt. Ein Ausdiskutieren, und damit ein Denken in Kategorien von „falsch“ und „richtig“, ist nicht per se ĂŒberflĂŒssig, aber das Rechthaben muss vertagt werden und zurĂŒcktreten hinter dem gemeinsamen Versuch, die „Kuh vom Eis zu holen“. Die Öffnung hin zu pragmatischen Schritten in Richtung einer Lösung kann nur der diplomatische Dialog erreichen. 

            Dazu ein paar AnmerkungenErstens stellt sich die Frage, ob der pragmatische Ansatz, der trotz berechtigter moralischer Vorbehalte Lösungen sucht, nicht die zynische Aufgabe fundamentaler Prinzipien bedeutet. Ich argumentiere, dass das nicht die zwingende Folge sein muss. Denn niemand sagt ja, dass man nicht langfristig das Ziel verfolgen soll, der russischen Bevölkerung westliche Vorstellungen, beispielsweise von Rechtsstaatlichkeit, schmackhaft zu machen. Und nach einer friedlichen Lösung in der Ukraine zu suchen muss niemanden davon abhalten, die russische Destabilisierungsstrategie in der Ukraine und ganz Europa klar zu benennen. Ein „Verrat“ wĂ€re das nur, wenn damit Russlands „privilegierte Interessen“ (Dimitri Medwedew) im „Nahen Ausland“ dauerhaft und prinzipiell akzeptiert wĂŒrden. 

            Zweitens muss man fragen, ob die hier einander gegenĂŒberstehenden Wertesysteme so gleichwertig und gleichberechtigt sind wie der klassische Konflikt zwischen Gesetz und Gewissen in der griechischen Tragödie. Legitimiert der Westen damit nicht einfach nur ein despotisches RĂ©gime? Rekapitulieren wir zur Beantwortung dieser Frage einmal die jĂŒngste Geschichte der Ukraine und Russlands: Nach der Invasion der Krim und der GrĂŒndung der „Volksrepubliken“ Luhansk und Donezk setzte die EU Sanktionen in Kraft, die eher symbolischer Natur waren. Das so genannte Minsker Abkommen war fĂŒr die Ukraine ein Affront. Die UnterhĂ€ndler einigten sich auf ein Gesetz ĂŒber einen „Sonderstatus“ von Donezk und Luhansk, mit dem die Selbstverwaltung der russisch besetzten Gebiete und vorgezogene Wahlen ermöglicht werden sollten. Petro Poroschenko, François Hollande und Angela Merkel akzeptierten im Minsker Abkommen vom Februar 2015, dass Wladimir Putin darin seine UnterstĂŒtzung fĂŒr die „uneingeschrĂ€nkte Achtung der SouverĂ€nitĂ€t und der territorialen Unversehrtheit der Ukraine“ proklamierte – ein schlechter Witz. Die deutsche Bundesregierung ließ auch nach der Krim-Annexion das Projekt Nord Stream 2 laufen, welches die Ukraine umgeht und als ein Pfeiler einer AnnĂ€herungspolitik an Russland dargestellt wurde. 

            Im selben Zeitraum zog die Regierung Putin im Inneren die Daumenschrauben an, sperrte Oppositionelle ein, vergiftete Alexej Nawalny, hackte die US-Wahl 2016, griff zugunsten eines verbrecherischen Machthabers militĂ€risch in den Syrienkrieg ein, steuerte Cyberangriffe auf westliche LĂ€nder, gab den Tiergartenmord in Berlin in Auftrag, startete eine massive UnterstĂŒtzungskampagne fĂŒr populistische Parteien in ganz Europa, orchestrierte ein zynisches FlĂŒchtlingsdrama an der belarussisch-polnischen Grenze und ließ zuletzt zehntausende Truppen an der ukrainischen Grenze aufmarschieren. 

            Von der orangenen Revolution, den Maidan-Protesten und zahlreichen Umfragen einmal ganz abgesehen, liegen mittlerweile die Ergebnisse von vier ukrainischen Wahlen seit 2014 vor, welche eine starke Tendenz hin zum politischen Westen untermauern. Dies wird von Putin in seinem Aufsatz „Über die historische Einheit von Russen und Ukrainern“geflissentlich ignoriert. Es stehen sich hier also ausdrĂŒcklich nicht, wie bei Antigone und Kreon, zwei gleich legitime Sichtweisen oder Weltanschauungen gegenĂŒber. Denn dass die Ukraine sich tendenziell mehrheitlich nach Westen orientiert, scheint relativ gesichert – dass sie eigentlich russisch sei hingegen ist eine eindimensionale Konstruktion, die sich ĂŒber mehrere ukrainische Referenden hinwegsetzt.

            Angesichts eines solchen „Vorstrafenregisters“ wĂ€re es in der Tat nachvollziehbar, wenn einer Diplomatie, die solche Dinge nicht resolut bestraft, „Verrat“ und Ausverkauf der ukrainischen UnabhĂ€ngigkeit vorgeworfen wĂŒrde. Doch wir erinnern uns: Auch zu Zeiten von Brandt und Schmidt war es die sowjetische FĂŒhrung, die im Innern jegliche freiheitliche Bewegung und Opposition unterdrĂŒckte und mit Satellitenregierungen in den Warschauer-Pakt-Staaten die mittel- und osteuropĂ€ischen Völker unterdrĂŒckte. Dennoch hat der Erfolg des Harmel-Berichts dem Doppelansatz von „StĂ€rke und Nachsicht“ im Nachhinein Recht gegeben. Das Argument, dass man Untaten nicht belohnen darf, trifft zu. Aber das darf verantwortliche Politik nicht davon abhalten, immer wieder nach VerstĂ€ndigungsmöglichkeiten und praktischen Lösungen zu suchen. 

            Drittens stellt sich die Frage, was das alles konkret heißt und was also zu tun ist. Wie soll angesichts des russischen Aufmarschs und der unverhohlenen Drohungen der russischen FĂŒhrung gegenĂŒber den USA, der NATO und der Ukraine der duale Ansatz von Harmel und Brandt ins Werk gesetzt werden? Als erstes gilt es aus meiner Sicht, den Preis fĂŒr eine russische Invasion, solange es noch möglich ist, durch Waffenlieferungen an den ukrainischen Widerstand hochzutreiben (dass vor allem die USA bis jetzt nennenswerte Waffenlieferungen auf sich nehmen, ist aus strategischer Sicht ein glĂŒcklicher Ausweg fĂŒr die deutsche Diplomatie). Sollte eine Invasion durch Russland dennoch stattfinden, gĂ€lte es, die Konsequenzen der folgenden zwei Handlungsoptionen, die sich schematisch gesprochen böten, gut abzuwĂ€gen: Bei Option N°1 wĂŒrden sich die EntscheidungstrĂ€ger vom Modell „UnterstĂŒtzung der Mujaheddin in Afghanistan 1979 bis 1989“ leiten lassen. Konkret bedeutet das, den aktuellen Moment als eine Abkehr vom deutschen Appeasement zu sehen, die Ukraine militĂ€risch zu befĂ€higen und abzuwarten, ob ein blutiger “Bruderkrieg“ in Russland dafĂŒr sorgt, dass Putin unter Druck gerĂ€t, den Angriff einstellt und sich auf Verhandlungen einlĂ€sst. Die (inakzeptable) Alternative dazu wĂ€re, dass man die RealitĂ€t der russischen Übermacht im Grunde anerkennt und das Land preisgibt – dafĂŒr aber, Option N°2, eine breit angelegte internationale Kampagne zur Isolierung der russischen Regierung in Angriff nimmt. Aus den aktuell symbolischen Sanktionen wĂŒrde dann ein echtes Instrument, um einen Keil zwischen Putin und seine Oligarchen zu treiben: Einfrieren russischer Gelder in „Londongrad“, Konfiszieren aller Villen an der CĂŽte d’Azur, Rauswurf aus dem SWIFT-System, ein Ende von Nord Stream 2, massive Aufnahme ukrainischer FlĂŒchtlinge und materielle UnterstĂŒtzung der politischen Exilgruppen. Das Ziel hieße dann, Russland international zu isolieren. Ob das klappt, steht in den Sternen, zumal China versucht sein könnte, etwas ganz Ähnliches mit Taiwan zu versuchen und damit den gesamten Westen, vor allem die USA, mit zwei Großkonflikten zu konfrontieren.

            Im Sinne einer Ostpolitik 2.0 sollte zu einer Doppelstrategie auch die weitere StĂ€rkung der VerteidigungsfĂ€higkeit der NATO-Staaten gehören, vor allem derer, die eine gemeinsame Grenze mit Russland haben, eine höhere inner-europĂ€ische militĂ€rische MobilitĂ€t, die Erhöhung der AbwehrfĂ€higkeit im Cyberraum, eine Verbesserung der politischen EntscheidungsfĂ€higkeit der EuropĂ€er in außenpolitischen Fragen, die schrittweise Reduktion der eigenen AbhĂ€ngigkeit in Energiefragen – und notfalls eine Antwort mit effektiven konventionellen FĂ€higkeiten auf die landgestĂŒtzten, mobilen Mittelstreckenraketen, welche Russland unter Bruch des INF-Vertrags von 1987 in seinem Westen stationiert hat. Politisch gesehen kann es notfalls auch bedeuten, eine föderale Lösung in der Ukraine zu finden, in der Donezk und Lugansk nur noch lose mit Kiew verbunden sind (wenngleich darĂŒber die Ukrainer selbst zu entscheiden haben). 

            Weitere VorschlĂ€ge, die einen Abzug russischer Truppen aus den besetzten Gebieten genauso umfassen wie RĂŒstungskontrollverhandlungen und vertrauensbildende Maßnahmen, hat beispielsweise Wolfgang Ischinger am 31. Dezember in der SĂŒddeutschen Zeitung gemacht. Gerade auf dem Gebiet der AbrĂŒstung und Vertrauensbildung gibt es echte beidseitige Interessen. Begleitet werden sollten diese VorschlĂ€ge schließlich von Anreizen im Sinne einer „Wenn–Dann“-Ansage, also etwa wirtschaftliche Kooperation, die Zusammenarbeit bei der Zukunftstechnologie des Wasserstoffs, die Schaffung eines visafreien Reiseverkehrs (außer fĂŒr giftmischende Geheimagenten natĂŒrlich) oder schlicht die PandemiebewĂ€ltigung. Schließlich muss nicht jeder „tragische“ Konflikt zwingend zur „Tragödie“ werden. 

            Und damit landen wir zum Ende dieses Artikels wieder bei Antigone – und bei der theatralischen Seite von Politik. Der Konflikt zwischen Kreon und Antigone endet auch deswegen in der Katastrophe, weil die Sprache versagt, wenn das Neuformulieren alter Argumente keine Öffnung bringt. Und sollte Putin die Ukraine angreifen gĂ€be es ohnehin nicht viel zu reden, denn dann hĂ€tte Putin seine Dialogverweigerung auf die Spitze getrieben. Sollte er es jedoch unterlassen (und auch nur dann!), wĂ€re es sinnvoll, eine evidente Lehre aus Antigone zu ziehen: Ist es denkbar, dass sich europĂ€ische Politiker darauf einlassen, eine ebenso symboltrĂ€chtige Geste ins Werk zu setzen wie es Willy Brandts Kniefall in Warschau war? Erinnern wir uns, der SPD-Kanzler tat nach eigener Aussage das, „was Menschen tun, wenn die Sprache versagt“. Das Geniale an diesem Kniefall war ja eben, dass Brandt mit dieser Geste ĂŒber das Neuformulieren alter Argumente hinaus ein drittes Feld eröffnete, das der Emotionen, der Symbolik und des Respekts. „Putin möchte Respekt“ – dieser Satz war in den letzten Tagen in der deutschen Presse zu vernehmen. Daher scheint es mir sinnvoll, diesen Artikel mit folgender Provokation zu beenden: Kann sich Annalena Baerbock, die nach eigenen Aussagen eine vollkommen neue, eine „feministische“ Außenpolitik verfolgen will, zur Abwechslung von Theaterregisseuren und anderen Kunstschaffenden beraten lassen und fragen: Wie ließe sich eine symbolische Geste, die das Feld des Arguments um das Feld des Respekts erweitert, bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Abschreckung, medienwirksam so umsetzen, dass sich spĂ€tere Generationen noch daran erinnern werden? Dies dĂŒrfte kein Kniefall vor Putin sein, aber es sollte den Versuch enthalten, dem russischen Volk, das die Zeit nach 1989 als entwĂŒrdigende DemĂŒtigung erlebt hat, Respekt zu erweisen und so dem Moment vorzubeugen, bei dem die Sprache zu versagen droht.

* Ich danke Heinrich Brauß, Reinhard Fescharek, Eugen Gossen, Peter Koller, Werner Sonne und Alinda Spaiser fĂŒr kontroverse Diskussionen und Kommentare beim Entstehen dieses Artikels.

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