Völlig ĂŒberraschend kam es zwar nicht, aber jetzt ist es auch ganz offiziell: Polen möchte Atombomben auf seinem Territorium. Jaroslaw Kaczynski, der Vize-Regierungschef und als Vorsitzender der regierenden nationalkonservativen PIS-Partei der eigentliche starke Mann in der polnischen Politik, sagte es, in der WELT AM SONNTAG ganz besonders an die Adresse der Deutschen gerichtet, so: âWenn die Amerikaner uns bitten wĂŒrden, US-Atomwaffen in Polen einzulagern, so wĂ€ren wir dafĂŒr aufgeschlossen. Es wĂŒrde die Abschreckung gegenĂŒber Moskau deutlich verstĂ€rkenâ.
Doch was wĂŒrde das bedeuten? Sollte die NATO sich das wirklich wĂŒnschen? Der eigentliche Kern des Artikels 5, des Beistandsversprechens der Allianz, ist die nukleare Abschreckung durch die Amerikaner. Das weiĂ man natĂŒrlich auch in Warschau ganz genau. Das in den Zeiten eines bislang als unvorstellbar geglaubten Krieges in Europa zu betonen, macht deutlich, wie brisant dieser polnische Wunsch in Wahrheit ist. Denn die Stationierung zusĂ€tzlicher amerikanischer Atomsprengköpfe in der direkten NĂ€he der russischen Enklave Kaliningrad und den neuen besten Freunden Moskaus in Belarus wĂŒrde nicht nur eine abschreckende Wirkung entfalten, sondern zu einer Proliferation von Atomwaffen fĂŒhren und die nukleare Eskalationsschraube ein StĂŒck weiter nach oben drehen. Bisher hat die NATO diese Waffen bewusst weiter entfernt im Westen gelagert, um klar zu signalisieren, dass sie nicht in einer frĂŒhen Phase eines Krieges eingesetzt wĂŒrden und nicht unmittelbar Moskau oder Petersburg erreichen können. Bei einer âVornestationierungâ in Polen wĂ€re dies anders, zumindest wĂŒrde dies in Moskau als offensiver Akt und als nukleare KriegsfĂŒhrungsoption verstanden. Und das wĂŒrde vermutlich Konsequenzen haben: Die Stationierung von weiteren nuklearfĂ€higen Iskander in Kaliningrad und auch in Belarus wie auch von Kampfflugzeug-Geschwadern, die im Kriegsfall als allererstes die NATO-Atomwaffen und ihre TrĂ€gerwaffen, die Kommandozentralen und FĂŒhrungseinrichtungen angreifen wĂŒrden â sofort.
Eine Vornestationierung wĂŒrde die GlaubwĂŒrdigkeit der Abschreckung also nicht erhöhen. Im Gegenteil, es wĂŒrde auf russischer Seite zur AufrĂŒstung fĂŒhren, und im Krieg Polen sofort zum Ziel von massiven russischen SchlĂ€gen machen. Vornestationierung hĂ€tte also einen dramatischen Destabilisierungseffekt und wĂŒrde die Sicherheit Polens effektiv vermindern, nicht erhöhen.
Sicherlich: Man kann durchaus darauf verweisen, dass es Putins Russland ist, welches das Spiel mit dem nuklearen Feuer angeheizt hat. Und das nicht erst seit dem Krieg gegen die Ukraine. Seit Jahren schon vergeht kein ZapadGroĂmanöver ohne nukleare Einlagen und ohne den tatsĂ€chlichen Abschuss von nuklearwaffenfĂ€higen Raketen. Und Wladimir Putin hat sich noch am Wochenende vor der Invasion der Ukraine demonstrativ sozusagen zum Oberbefehlshaber eines solchen Manövers gemacht, bei dem die atomare Komponente ganz besonders betont wurde. Die Botschaft war schon dabei unĂŒberhörbar: Russland ist zum Einsatz von Nuklearwaffen bereit und in der Lage. Als dann der Krieg begann, wurde auch noch die atomare Bereitschaftsstufe fĂŒr die StreitkrĂ€fte erhöht.
Dazu hatte Russland schon Jahre zuvor den historischen INF-AbrĂŒstungsvertrag fĂŒr Mittelstreckenraketen in der Praxis beendet. Die Entwicklung und 2017 die Stationierung der SSC-8-Raketen mit ĂŒber 2000 Kilometern Reichweite war der vorsĂ€tzlich eingeleitete Bruch dieses Vertrages, aus dem die Amerikaner als Reaktion dann formal ausstiegen. Auch die
Stationierung von Iskander-Waffensystemen in Kaliningrad mit einer Reichweite bis vor die Tore von Berlin war eine ĂŒberdeutliche atomare DrohgebĂ€rde.
In Russland gibt es also lĂ€ngst wieder eine atomare Bedrohung durch landgestĂŒtzte Mittelstreckenraketen, die ganz Europa erreichen können. Auf Seiten der NATO gibt es bislang auf dem Kontinent in Europa dagegen keine einzige Rakete, auch keine mit konventionellen Sprengköpfen.
Die russische Nukleardoktrin schlieĂt einen Einsatz von Atomwaffen zur Erzwingung von politischen und militĂ€rischen Zielen nicht aus. Auch wenn die meisten Experten derzeit den Gebrauch von Atomwaffen im Ukraine-Krieg fĂŒr unwahrscheinlich halten, sind dies die Fakten.
Und wer die Bilder von abgeschlachteten Zivilisten durch Putins Soldaten in der Ukraine sieht, die man ebenfalls vor kurzem noch fĂŒr unvorstellbar gehalten hat, der kann die Ăngste verstehen, die es gerade in den osteuropĂ€ischen Nachbarstaaten auch vor der atomaren Drohung aus Moskau gibt. Polens jahrelanges DrĂ€ngen auf US- Atomwaffen auf dem eigenen Territorium muss man jetzt erst recht verstehen. Haben nicht diejenigen recht, die immer schon gesagt haben, Wladimir Putin verstehe nur eine klare Sprache der militĂ€rischen StĂ€rke? Zeigt sich nicht gerade jetzt, wie sehr man dies in der Vergangenheit versĂ€umt hat? Und wie brutal und rĂŒcksichtslos Putin vorgeht?
Und dennoch: Die NATO sollte dem nicht nachgeben. Seit dem ersten Abwurf von Atomwaffen in Hiroshima und Nagasaki ist es bisher gelungen, auch in den gefÀhrlichsten Zeiten des Kalten Krieges eine erneuten Atomschlag zu verhindern, wohl wissend, welche Gefahr auch ein begrenzter nuklearer Einsatz haben könnte.
Die Gefahr einer nuklearen Eskalation im Kriegsfall muss unbedingt verhindert werden. Denn das wĂŒrde das HeranrĂŒcken von Atomwaffen auf beiden Seiten in Osteuropa ohne Zweifel bedeuten. Und das könnte auch den Appetit bei weiteren potentiellen AtommĂ€chten vor allem im Mittleren Osten deutlich anheizen, nun ebenfalls endgĂŒltig nach Atomwaffen zu streben. Kandidaten dafĂŒr sind zahlreich.
Damit keine MissverstĂ€ndnisse entstehen: Die nukleare Abschreckung muss ohne Wenn und Aber erhalten bleiben, ebenso wie die nukleare Teilhabe. Wer keine Atomwaffen hat, das bekommt die Ukraine gerade besonders schmerzlich nach der Aufgabe ihres riesigen Arsenals nach dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion zu spĂŒren, der ist erpressbar. Dem muss die Allianz weiter ein unĂŒbersehbares Stoppschild entgegensetzen. Hier kommt die deutsche Rolle ins Spiel. Das Herumeiern um die Ersetzung des deutschen Tornado-TrĂ€gerwaffensystems, vor allem bei den Sozialdemokraten in der GroĂen Koalition, fĂŒr die auf deutschem Boden stationierten vermutlich 20 US-Atomwaffen war ein gewichtiger Vorwand fĂŒr die Polen, diese Bomben doch lieber in ihr Land zu holen.
Erst durch Putins Ukraine-Krieg hat der SPD-Bundeskanzler Olaf Scholz mit der Entscheidung fĂŒr die Fâ35 endgĂŒltig klare VerhĂ€ltnisse geschaffen. Die Entscheidung fĂŒr dieses modernste Modell, das dazu auch in vielen anderen NATO-Staaten eingefĂŒhrt wird, schreibt die deutsche Teilhabe an der nuklearen Abschreckung der Allianz fĂŒr viele Jahre fest. Das ist auch ein wichtiges Signal in die Richtung der ĂŒbrigen NATO-Partner fĂŒr die GlaubwĂŒrdigkeit des deutschen Beitrags zur nuklearen Abschreckung im BĂŒndnis. Dazu gehört im Ăbrigen auch die Modernisierung der Bâ61Atombomben im EifelstĂ€dtchen BĂŒchel, die bereits vollzogen wurde. Sie sind weit zielgenauer als das bisherige Modell.
Bei einem Verzicht auf die Stationierung der von Polen erhofften Atomwaffen entfiele auch die Sorge vor einem Bruch der Ăbereinkunft durch den Westen. In der NATO-Russland-Grundakte war dieser Verzicht auf die Stationierung von Atomwaffen in Osteuropa festgeschrieben worden. Kritiker wie Polens Jaroslaw Kaczynski haben ohne Zweifel recht, wenn sie sagen: âDie Nato-Grundakte ist ein totes Dokument. Russland hat schon 2008 in Georgien damit begonnen, sie zu verletzen und hat es seitdem immer wieder getanâ.
Die Allianz rĂŒstet an ihrer Ostflanke mit konventionellen StreitkrĂ€ften deutlich auf. Wladimir Putin hat mit seinem Ăberfall auf die Ukraine dafĂŒr gesorgt, dass die NATO dies entschlossen tut. Ein nukleares Muskelspiel jedoch sollte daraus nicht werden. Letztlich werden ohnehin nur die Amerikaner entscheiden, wo sie ihre Bomben fĂŒr den nuklearen Schutzschirm fĂŒr ihre VerbĂŒndeten lagern wollen. âDie Initiative mĂŒsste von den Amerikanern ausgehenâ, weiĂ auch Polens Kaczynski.
Derzeit sieht es nicht danach aus, dass sie den polnischen WĂŒnschen nachgeben werden. PrĂ€sident Joe Biden, innenpolitisch weiter auf wackligem Grund, dĂŒrfte dafĂŒr kaum eine politische Mehrheit finden.







