Auf der diesjĂ€hrigen NATO Talk Konferenz der Deutschen Atlantischen Gesellschaft rief Staatsminister Tobias Lindner (Bâ90 Die GrĂŒnen) der hohen Zahl junger sicherheitspolitisch interessierter Menschen im Saal zu: âDiskutieren Sie mit, auch wenn Sie nicht gedient haben!â Auch mit einer âZivilisten-Karriereâ könne man in die Themen der Sicherheitspolitik âreinfindenâ. Und dies sei auch ânotwendig, wenn wir nicht wollen, dass unserer StreitkrĂ€fte eine abgekapselte EntitĂ€t in unserer Gesellschaft sind, sondern wirklich StaatsbĂŒrgerinnen und StaatsbĂŒrger in UniformâŠâ Zivilisten wie er seien den StreitkrĂ€ften also âzumutbarâ und das gelte insbesondere fĂŒr junge Menschen, die sich vielleicht zierten, sich auf das weite Feld der
Sicherheitspolitik zu begeben.
Zu einer Ă€hnlichen Schlussfolgerung kam der ehemalige deutsche Botschafter in Washington, Dr. Klaus Scharioth, am Ende des NATO Talks: Er interessiere sich fĂŒr AuĂen- und Sicherheitspolitik nicht weil, sondern obwohl er gedient habe: âIch war 18
Monate bei der Bundeswehr und ich kann ihnen sagen, es waren nicht meine glĂŒcklichsten 18 Monate. Und ich habe mich trotzdem dafĂŒr interessiert. Ich finde die Tatsache, dass man gedient hat oder nicht gedient hat sollte ĂŒberhaupt keine Rolle
spielen.â
Genau darum geht es: Dass nun immer mehr Menschen in diesem Land sich trauen, die Komfortzone zu verlassen und mitzudiskutieren. Es geht nicht darum, dass nun alle zur Bundeswehr gehen, schieĂen lernen oder AuslandseinsĂ€tze gut finden sollen, sondern darum, dass die sicherheitspolitische Diskussion die DebattenbeitrĂ€ge aller KrĂ€fte und Generationen des Landes benötigt. Mit der von Bundeskanzler Olaf Scholz ausgerufenen Zeitenwende ist bereits zu beobachten, dass sich immer mehr junge Menschen das Thema âSiPoâ zu eigen machen â und das auch bei politisch linksstehenden KrĂ€ften. Auch wenn beispielsweise in der SPD oder bei den GrĂŒnen teils kontrovers ĂŒber Verhandlungsangebote diskutiert wird, so ist doch klar erkennbar, dass Debatten ĂŒber Sinn und Zweck einer nationalen Streitkraft ein ganzes StĂŒck realistischer gefĂŒhrt werden als noch vor einem Jahr. Es kann der Demokratie nur guttun, wenn sich alle KrĂ€fte des politischen Spektrums klar
dazu bekennen, dass die europĂ€ische Sicherheitsordnung auch wetterfest gemacht werden muss. Und das dĂŒrfen und mĂŒssen auch solche Menschen (wie der Autor) sagen, die nicht bei der Bundeswehr waren, sondern Zivildienst geleistet haben.
DarĂŒber hinaus macht es StreitkrĂ€fte zu einem besseren Integrationsmotor, wenn sie die gesamte Bandbreite der Gesellschaft und alle in ihr vorkommenden LebensentwĂŒrfe und Einstellungen abbilden â dies ist auch ein Garant dafĂŒr, dass
die Bundeswehr keine elitĂ€re Truppe ist und die volle Akzeptanz und den Respekt der gesamten Bevölkerung genieĂt, die sie vertritt. Wie UniversitĂ€tsprofessor Carlo Masala es Anfang Oktober in der TAZ sagte: Armeen sind umso besser, âwie sie die
DiversitĂ€t ihrer Gesellschaften widerspiegeln, und zwar komplett, sei es sexuell, sei es religiös. Eine militĂ€rische GroĂorganisation wie die Bundeswehr sollte keine Armee der Spartaner sein, mit entsprechendem Elitebewusstsein. Wie soll die funktionieren, wenn sie den Staat und die Gesellschaft, die sie verteidigen, aus ihrer Eliteposition verachten?â
Zudem ist es auch in Bezug auf Themen wie extremistische Umtriebe oder ĂŒberholte Geschlechterbilder in den StreitkrĂ€ften essentiell, wenn ein kritisches und junges Publikum der Bundeswehr von auĂen auf die Finger schaut. Mit dem stillschweigenden Desinteresse der letzten Jahrzehnte jedenfalls ist es schwer, etwas gegen die Umtriebe der Ewiggestrigen zu tun, dies es natĂŒrlich auch in den deutschen StreitkrĂ€ften gibt.
âDie MilitĂ€rs sind die neuen Virologenâ hieĂ es nach dem russischen Ăberfall auf die Ukraine vielfach in den sozialen Medien. Das mag sein, aber zur ImmunitĂ€t der Bevölkerung braucht Deutschland schon ein Bisschen mehr, als Experten, die sich zwar in ihrem Thema auskennen, sich aber schon alleine deswegen nur mit Ihresgleichen unterhalten, weil niemand anderes zuhören will. Gesamtgesellschaftliche Resilienz kann nur erreicht werden, wenn Themen wie Verteidigung, RĂŒstung und europĂ€ische Sicherheitszusammenarbeit nicht tabuisiert werden â auch wenn es unangenehm ist. Eine Bundeswehr, die beispielsweise offen am Christopher Street Day PrĂ€senz zeigt, um fĂŒr ein sicheres Deutschland fĂŒr alle zu werben, kann fĂŒr unser freiheitliches Deutschland nur ein Gewinn sein.
Hoffnung gibt ein Bericht der GrĂŒnen EP-Abgeordneten Viola von Cramon, die auf einer Buchvorstellung am 22. November im Deutschen Theater berichtete, wie wenig das pazifistische Erbe der Partei die Jungen GrĂŒnen dabei behindere, zu erkennen, dass die Ukraine mit Waffen unterstĂŒtzt werden mĂŒsse. Die Jungen GrĂŒnen, so Viola von Cramon, interessierten sich vor allem fĂŒr die Frage, wie wir eine âoffene, tolerante, gender-gerechte, diskriminierungsfreie und progressive Gesellschaft schaffen, die gleichzeitig die Mammut-Aufgabe des Klimawandels bewĂ€ltigtâ. Dass eine solche Gesellschaft mit Putin nicht zu machen ist, sei den Jungen GrĂŒnen vollkommen klar und dass die westlichen Demokratien zum Erreichen dieser beiden Ziele handlungsfĂ€hig sein mĂŒssen und daher auch einen Sieg Putins gegebenenfalls mit Waffen verhindern mĂŒssen, ebenfalls.
Solche Aussagen machen Mut: Junge Menschen sind ein essentielles Element in der Ausgestaltung der âZeitenwendeâ, die Deutschland in den nĂ€chsten Jahren bevorsteht und wenn gerade sie unserem Land dabei helfen können, ein aktuelleres Bild der RealitĂ€t zu bekommen und selbstgefĂ€llige Trugbilder der Vergangenheit zu entstauben, dann ist das sehr willkommen. Denn es ist klar: Noch immer wird der Klimawandel viel zu wenig in der deutschen Debatte ĂŒber Sicherheitspolitik diskutiert, noch immer hantieren viele mit einem zu einseitigen Fokus auf militĂ€rische Mittel, und noch immer werden Probleme der globalen Ungleichverteilung einfach als ânormalâ hingenommen. Ăndern wird sich daran aber nur etwas, wenn junge Menschen Impulse setzen und mitdiskutieren.






