Der Angriff Russlands auf die Ukraine hat endgĂŒltig gezeigt, dass Deutschland zu groĂ, zu reich und geostrategisch zu wichtig ist, um auf Einfluss zu verzichten und der harten Konkurrenz mit Russland und China auszuweichen.
Deutschland will eine deutschlandfreundliche Welt, fĂŒr deren Erhalt VerbĂŒndete und Freunde in strategischer SolidaritĂ€t einiges mitleisten â doch als Demokratie hat Deutschland es noch nicht gelernt, sich als konkurrenzfĂ€hige Weltmacht zu organisieren.
Die Zusammenarbeit in Europa und darĂŒber hinaus als Vermittler und BrĂŒckenbauer zu gestalten â das kann Deutschland gut. Jetzt ist es Zeit, dass sich das wichtigste Land Europas der Konkurrenz mit den hartnĂ€ckigen, zu fast allem bereiten Kontrahenten wie Russland und China nicht nur stellt, sondern dass es Europa dabei anfĂŒhrt, diese Konkurrenzbeziehung zu gestalten.
So wichtig es fĂŒr Deutschland auch ist, die stĂ€rkste MilitĂ€rmacht Europas zu sein und ein europĂ€isches VerteidigungsbĂŒndnis in der NATO anzufĂŒhren, so reicht dies doch nicht aus. Im Nuklearzeitalter muss Deutschland in der Lage sein, Einfluss auszuĂŒben und seine Feinde zu konfrontieren, ohne durch nukleare Drohungen erpressbar zu sein. Deutschland muss mehr tun, um die GlaubwĂŒrdigkeit der amerikanischen Nukleargarantie zu stĂ€rken; seine Feinde dĂŒrfen nie in Versuchung kommen, die Entschlossenheit der NATO und Deutschlands auf die Probe zu stellen.
Vorbild werden
Die historischen Reden im Bundestag am 27. Februar 2022 zum Angriff Russlands auf die Ukraine haben den Weg gezeigt, der die notwendige neue Einstellung erahnen lĂ€sst. Aber auch hier ging es eher um Reagieren als um Agieren. Deutschland muss jedoch in die Offensive gehen, sich schlagkrĂ€ftig und streitfĂ€hig als Vorbild positionieren. Deutschlands Entscheidungen sind nicht nur fĂŒr sich selbst, sondern fĂŒr den gesamten westlichen Verbund von gröĂter Konsequenz. Der Grad der â auch militĂ€rischen â Erpressbarkeit Europas hĂ€ngt zunehmend von Deutschland ab.
Ist Deutschland nicht einflussreich und wegweisend, gibt es keine EuropĂ€ische Union, keine NATO, die der Herausforderung aus Beijing und Moskau gewachsen ist. Die Parole âEuropa stĂ€rken!â reicht nicht aus. Deutschland muss sich selbst stĂ€rken. Das stĂ€rkste Mitglied des Teams muss zuerst sich selbst fit machen, fĂŒr sich selbst die Richtung bestimmen, bevor es mit den anderen den gemeinsamen Weg bestreiten kann. Ohne deutsche Strategie kommt keine europĂ€ische Strategie, ohne deutsche SouverĂ€nitĂ€t â also deutsche Macht â kommt keine europĂ€ische Macht. Auf Deutschland kommt es an.
Wie kann Deutschland seine Macht zum Tragen bringen, wie kann Deutschland verhindern, dass die Gegner dies tun? Ein konkurrenzfĂ€higes Deutschland sucht nach neuer Hebelkraft, ist dynamisch und stringent zugleich, lernt aus den eigenen Fehlern, denkt in Szenarien, generiert Optionen. Ein konkurrenzfĂ€higes Deutschland weiĂ Ziel und Weg, Strategie und Taktik, Prinzip und Programm im Gleichgewicht zu halten. Gute Strategie verlangt Lernlust und Neugier â vielleicht auch ein bisschen Clausewitz, Scharnhorst, und Moltke. Die Gefahren, die Russland und China heute darstellen, fordern auf jeden Fall eine gesamtgesellschaftliche Instandsetzung, wie die Bundesrepublik sie in sicherheitspolitischen Fragen noch nie unternommen hat.
FĂŒhrung zeigen
Die europĂ€ische Sicherheit braucht Deutschland in einer FĂŒhrungsrolle â bei der Bereitstellung von militĂ€rischen FĂ€higkeiten, bei der Entwicklung der Geostrategie und bei der Mobilisierung von VerbĂŒndeten fĂŒr diesen andauernden Wettbewerb mit den Autokraten. FĂŒhrung kommt leichter, wenn Deutschland seinen Dialog mit den anderen EuropĂ€ern mit Tatkraft und wegweisenden Strategien untermauern kann.
Ohne deutsche FĂŒhrung im Sinne von gekonntem Einsatz der Machthebel, auch der militĂ€rischen, ist das kontinentale Europa, wenn nicht der ganze Westen, zunehmend verwundbar gegen eine andauernde, breitangelegte, gut durchdachte Offensive der autoritĂ€ren, zum Teil totalitĂ€ren Konkurrenz.
Vor den heutigen geostrategischen Gegebenheiten muss sich Deutschland, wie Amerika zu Beginn des Kalten Krieges, nicht nur konkurrenzfĂ€hig aufstellen, sondern auch in eine neue FĂŒhrungsrolle hineindenken. »Kein deutscher Alleingang« darf nicht bedeuten, darauf zu warten, dass andere etwas tun. Deutschland kann auch ohne »Alleingang« Partner mobilisieren, Koalitionen bilden, Strategien entwickeln. Wenn Deutschland seine eigenen, aber auch europĂ€ische und westliche Interessen mit allen ihm zur VerfĂŒgung stehenden Mitteln schĂŒtzen und fördern will, muss es in eine FĂŒhrungsrolle hineinwachsen. Kein anderes europĂ€isches Land ist so reich wie Deutschland, kein anderes europĂ€isches Land kann so viel tun wie Deutschland. FĂŒhrung ist einsam, aber sie muss kein Alleingang sein.
Deutsche FĂŒhrung muss sich sowohl auf die Gestaltung der existentiellen Beziehung zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und den weniger vereinigten Staaten von Europa wie auch auf die SelbstbekrĂ€ftigung der EuropĂ€ischen Partner unter sich konzentrieren. VerbĂŒndete und Partner zu mobilisieren ist einfacher, wenn man selbst ein gutes Beispiel abgibt, und Europa ist einfacher zu einigen, wenn die Beziehungen zwischen Berlin und Washington gut sind. Frankreich ist einfacher zu bewegen, auch âeuropĂ€ischerâ zu machen, wenn Deutschland sein atlantisches Standbein stark hĂ€lt.
Selbstbewusst mĂŒssen die Deutschen sich als mĂ€chtiges, zur Gestaltung der Zusammenarbeit gezwungenes Land verstehen. FĂŒhrung heiĂt KĂŒhnheit, als Erster Initiative zu ergreifen statt als Letzter. Absprache ist wichtig, Eigeninitiative noch wichtiger. Bei Nordstream 2, russischen Energieimporten, Waffenlieferungen an die Ukraine oder Kriegszielen scheint Deutschland die notwendige FĂŒhrungsrolle meiden zu wollen. Den FuĂ auf der Bremse statt auf dem Gas. Es gibt viele im Bundestag, vielleicht sogar eine Mehrheit, die lieber auf das Gaspedal drĂŒcken wĂŒrden, aber die Partei des Bundeskanzlers setzt sich hier mit ihrem vorsichtigeren Kurs durch.
FĂŒhrung ist die Bereitschaft, den ersten Schritt zu machen, in der Erwartung, andere werden folgen, auch bei militĂ€rischen Fragen. Gerade in Krisenzeiten ist es jedoch wichtig fĂŒr ein einflussreiches Land wie Deutschland, dem Reaktionsmodus zu entkommen, mit neuen VorschlĂ€gen fĂŒr die europĂ€ischen und atlantischen Partner nach vorne zu stoĂen.
Nukleare Erpressbarkeit meiden
Will Deutschland als stĂ€rkste und fĂŒhrende europĂ€ische Macht einen gröĂeren Anteil zur Sicherung und Erweiterung der westlichen Weltordnung leisten, ist das allerwichtigste, die eigene nukleare Erpressung vermeiden zu können, also die amerikanische Nukleargarantie glaubwĂŒrdig zu halten. Um den Gefahren der neuen nuklearen Ordnung gewachsen zu sein, muss die deutsche Regierung ernsthaft und offen ĂŒber Notwendigkeiten der nuklearen Abschreckung und der amerikanischen Rolle darin sprechen.
Hier ist die politische Willensbildung in der Bevölkerung und bei den VerbĂŒndeten von zentraler Bedeutung. Die deutsche Regierung muss artikulieren, welche Interessen Deutschland in diesem schwierigen Bereich der Konkurrenz mit Russland und China hat und mit welchen FĂ€higkeiten Deutschland selbst zur nuklearen Abschreckung beitragen kann.
Deutschlands Rolle in Europa macht seine Bedeutung fĂŒr die Weiterentwicklung der nuklearen NATO-Strategie und AusrĂŒstung wichtiger als je zuvor. Russland und China verstehen es, die Angst des Westens vor einer militĂ€rischen Eskalation auszunutzen. Sie sehen sich in einer Konkurrenz der Risikobereitschaft. Eine glaubwĂŒrdige nukleare Abschreckung fĂŒr Deutschland macht es dem Westen einfacher, dieser Risikobereitschaft entgegenzuwirken, der Konkurrenz auch hier besser zu widerstehen.
Bei den Dual-Key Systemen, bei denen Deutschland selbst amerikanische Kernwaffen benutzen könnte, fĂ€ngt die GlaubwĂŒrdigkeit der erweiterten Abschreckung fĂŒr Deutschland an. Hier muss vorerst der nukleare Frieden stabilisiert werden. Hier muss die deutsche Regierung klar machen können, dass die nukleare Erpressung Deutschlands keine Wirkung haben wird, dass ein nuklearer Angriff auf Deutschland oder auch ein konventioneller Angriff, der die deutsche Existenz gefĂ€hrdet, einen deutschen (wenn nicht einen amerikanischen) nuklearen Vergeltungsschlag erzwingen könnte. Ist eine solche Risikoteilung fĂŒr die Deutschen nicht akzeptabel, gibt es fĂŒr Deutschland dann auch keinen Grund am Dual-Key System teilzunehmen. Die Frage ist, wie bereit Amerika dann aber noch wĂ€re, alles fĂŒr Deutschland zu riskieren.
Es kommt auf Deutschland an
Ist Deutschland der Konkurrenz gewachsen und ist Deutschland fĂ€hig, Europa strategisch zu fĂŒhren, ist es einfacher, die GlaubwĂŒrdigkeit der amerikanischen Nukleargarantie zu erhalten. Je besser sich die EuropĂ€er, insbesondere Deutschland, verteidigen können, desto unwahrscheinlicher ist es, dass die NATO in die Situation gerĂ€t, entweder zu kapitulieren oder nuklear zu eskalieren, und desto unwahrscheinlicher ist es, dass Moskau und Beijing Europa als erpressbar ansehen.
Heute ist Deutschland mehr als jeder andere Staat des Westens gefordert, seine KonkurrenzfĂ€higkeit auszubauen, seine FĂŒhrungsrolle strategisch zu stĂ€rken, und seine nukleare Erpressbarkeit zu reduzieren, um die Welt zu seinen Gunsten mitzugestalten und den Gegnern der westlichen Friedensordnung Paroli zu bieten.







[âŠ] (Veröffentlicht am 7.12.2022 auf der Website der Deutschen Atlantischen Gesellschaft: https://ata-dag.de/opinions-on-security/ausgabe-25-denison/17776/) [âŠ]