Mit diesem Appell eröffnete Botschafter Boris Ruge, Beigeordneter GeneralsekretĂ€r der NATO fĂŒr politische Angelegenheiten und Sicherheitspolitik, den NATO Talk 2025 im Hotel Adlon Kempinski Berlin. In seiner Keynote forderte er mehr strategische Weitsicht und europĂ€ische Eigenverantwortung.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors veröffentlichen wir an dieser Stelle die Keynote-Rede. Es gilt das gesprochene Wort.
Lieber Christian Schmidt,
Lieber Heiner BrauĂ,
Lieber Rolf Wagner,
Sehr geehrte Damen und Herren,
Sie haben eben den NATO-GeneralsekretĂ€r, Mark Rutte, gehört. Und ich könnte mich natĂŒrlich jetzt auf den Standpunkt stellen: Roma locuta, causa finita. Mit anderen Worten: der Chef hat gesprochen, die Sache ist erledigt. Aber tatsĂ€chlich schulde ich der Deutschen Atlantischen Gesellschaft einen Vortrag, und zwar schon deswegen, weil ich in den Jahren meiner DAG-Mitgliedschaft stets durch Abwesenheit geglĂ€nzt habe.
Als erstes daher herzlichen Dank fĂŒr die Ehre, heute zu Ihnen sprechen zu dĂŒrfen.
Vorweg folgende Anmerkung: Seit ich 1989 in den AuswĂ€rtigen Dienst eingetreten bin, sind Sicherheitspolitik und transatlantische Beziehungen das Hauptthema meiner Laufbahn. Ich bin jetzt als Beigeordneter GeneralsekretĂ€r das dritte Mal fĂŒr die NATO tĂ€tig. Und diese TĂ€tigkeit im Internationalen Stab ist fĂŒr mich nicht bloĂ eine âVerwendungâ (wie man in der deutschen Verwaltung sagt) sondern Herzenssache.
Meine Abteilung PASP (Political Affairs & Security Policy) ist mit ihren 100 Mitarbeitern eine NATO im Kleinen. Die Arbeit mit diesen Kolleginnen und Kollegen aus mehr als 25 Nationen macht groĂe Freude.
Noch eine Anmerkung zum Tod von Klaus Scharioth. Er war natĂŒrlich als âDirector Private Officeâ die rechte Hand von GeneralsekretĂ€r Manfred Wörner. Und als Politischer Direktor und StaatssekretĂ€r des AA war er fĂŒr mich Vorbild und Mentor. Mein MitgefĂŒhl gilt seiner Familie.
Wenn man heute ĂŒber die sicherheitspolitische Lage Deutschlands und Europas spricht, muss Ausgangspunkt die Feststellung sein: die Lage ist ernst.
Bemerkenswert ist, dass viele Menschen in Deutschland genau das erfasst haben. Das ist an Umfragewerten deutlich abzulesen. Die Zustimmung zur NATO liegt in diesem Jahr bei einem Rekordwert von 73% der Befragten.
Lange Zeit wurde die NATO in Deutschland nicht gar so hoch gehandelt. Die deutsche Politik war zwar Verfechterin des Multilateralismus, aber damit waren v.a. die Vereinten Nationen und die EuropĂ€ische Union gemeint. Die NATO war bei uns ein bischen das âSchmuddel-Kindâ des Multilateralismus. Das ist glĂŒcklicherweise heute nicht mehr der Fall.
Die DAG spielt eine wichtige Rolle in der Kommunikation dessen, wofĂŒr die NATO steht. Die heutige Veranstaltung ist nur ein Beispiel von vielen. FĂŒr diesen Beitrag sind wir Ihnen zu Dank verpflichtet.
Bevor wir uns der gegenwĂ€rtigen strategischen Lage zuwenden, ist es ratsam, einen Schritt zurĂŒckzugehen und sich mit der Vorgeschichte zu befassen, v.a. mit Russland und der deutschen Sicht auf Russland.
Es ist kaum ĂŒberraschend, dass nach den Schrecken des von Nazi-Deutschland ausgelösten Weltkriegs und nach der friedlichen, von der Sowjetunion mit ermöglichten Vereinigung Deutschlands im Jahre 1990 die groĂe Mehrzahl unserer Landsleute den Wunsch nach einem normalen, konstruktiven VerhĂ€ltnis zu Russland hatten.
Dieser Wunsch war nicht nur verstĂ€ndlich. Er war anstĂ€ndig und ehrenwert. Allerdings blendeten viele aus, dass Russland durchaus nicht deckungsgleich ist mit der Sowjetunion, und dass die Opfer des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges nicht nur Russen sondern auch Ukrainer und WeiĂrussen und andere NationalitĂ€ten umfasste, und natĂŒrlich auch zahllose BĂŒrger derjenigen Staaten, die das UnglĂŒck hatten, geographisch zwischen Hitler-Deutschland und der Sowjetunion Stalins zu liegen.
Erschwerend kam hinzu, dass die russische Politik von den 2000ern an einen zunehmend problematischen Kurs einschlug und dass der Wunsch nach konstruktiven Beziehungen in Moskau immer weniger einen Gegenpart fand.
Anders gesagt: Der zunehmend aggressive und imperiale Charakter der russischen Politik unter Wladimir Putin wurde zu wenig und zu spÀt wahrgenommen.
Die Wegmarken sind bekannt: Putins Rede auf der MĂŒnchner Sicherheitskonferenz von 2007, der Angriff auf Georgien 2008, die erste Invasion der Ukraine 2014, schlieĂlich die »fullscale invasion« 2022.
Als jemand, der sich lange mit dem Mittleren Osten beschĂ€ftigt hat, wĂŒrde ich hinzufĂŒgen den Einsatz der russischen Luftwaffe in Syrien ab 2015, der reichlich Anschauungsmaterial fĂŒr die russische Form der KriegsfĂŒhrung bot, inklusive systematischer Angriffe auf KrankenhĂ€user und andere humanitĂ€re Einrichtungen in Oppositionsgebieten unter völliger Missachtung des humanitĂ€ren Völkerrechts.
Nun wird hĂ€ufig eingewandt, dass der Westen, v.a. die NATO, russische sicherheitspolitische Interessen nicht ausreichend beachtet habe und dass insbesondere die NATO-Erweiterung fĂŒr Russland inakzeptabel gewesen sei. Und richtig ist natĂŒrlich, dass Sicherheitspolitik stets auch Perzeptionen der anderen Seite einbeziehen muss.
Lange Zeit hatte Moskau allerdings keine EinwĂ€nde gegen die NATO-Erweiterung. Russland akzeptierte 1990 in der Charta von Paris und 1997 in der NATO-Russland-Grundakte das Prinzip, dass Staaten das Recht haben, âihre sicherheitspolitischen Dispositionen frei zu treffenâ bzw. âdie Mittel zur GewĂ€hrleistung ihrer eigenen Sicherheit selbst zu wĂ€hlen.â
Und natĂŒrlich ging die NATO-Erweiterung, deren erster Schritt 1999 erfolgte, einher mit einem Wandel der NATO in Richtung kooperative Sicherheit und vor allem mit dem Angebot einer privilegierten Partnerschaft zwischen der NATO und Russland. Die Basis dafĂŒr war die bereits genannte NATO-Russland-Grundakte von 1997 und die Rom-ErklĂ€rung von 2002.
Diese Partnerschaft ging weit ĂŒber die Angebote hinaus, die das BĂŒndnis anderen Drittstaaten machte. Soll heiĂen: Es gab ab den spĂ€ten 90ern eine wirklich bemerkenswerte partnerschaftliche und konstruktive Zusammenarbeit zwischen der NATO und Russland.
Und auch nach der ersten russischen Invasion der Ukraine im Jahre 2014 war die Reaktion der NATO eine ausgesprochen moderate:
Die praktische Zusammenarbeit mit Russland wurde suspendiert, aber der Dialog im NATO-Russland-Rat lief weiter. Beim Gipfel von Wales im Jahr 2014 einigten sich die Mitglieder der Allianz zwar auf eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben auf 2% ĂŒber einen Zeitraum von zehn Jahren. TatsĂ€chlich lieĂen sich zahlreiche BĂŒndnispartner aber viel Zeit mit der Einlösung dieser Zusagen, auch und gerade Deutschland.
Gleichzeitig versuchten Deutschland und Frankreich im sogenannten Normandie-Format Lösungen fĂŒr den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine zu finden.
Und der 2019 gewÀhlte ukrainische PrÀsident Selenskyj trat sein Amt mit der erklÀrten Zielsetzung an, den Krieg in der Ost-Ukraine zu einem Ende zu bringen.
Ungeachtet all dessen brach Putin 2022 den gröĂten Krieg in Europa seit 1945 vom Zaun. Trotz aller BemĂŒhungen, die Invasion abzuwenden, inklusive zahlreicher hochrangiger Besuche in Moskau und einer letzten Sitzung des NATO-Russland-Rats noch im Januar 2022.
Mit anderen Worten:
- Es war Russland, das ohne Grund einen Angriffs- und Vernichtungskrieg gegen die Ukraine initiierte und damit die elementarsten Normen der VN-Charta verletzte.
- Es war Russland, das die Konfrontation mit dem Westen wÀhlte.
- Es war Russland, das sich bewusst gegen die privilegierte Partnerschaft mit der NATO entschied.
Und es waren die russische Aggression und der Versuch Moskaus, die sicherheitspolitische Ausrichtung benachbarter Staaten zu diktieren, die Finnland und Schweden dazu bewegten, Mitglieder der Allianz zu werden (im Falle Schwedens nach mehr als 200 Jahren der NeutralitÀt).
Man kommt nicht umhin zu konstatieren:
Wunschdenken in Bezug auf Russland, nicht zuletzt hier in Deutschland, stand einer realistischen Sicherheitspolitik im Wege und fĂŒhrte zu schwerwiegenden VersĂ€umnissen, die bis heute nachwirken.
Nur vor dem Hintergrund des erneuten russischen Angriffs auf die Ukraine ist zu verstehen, warum die NATO im Strategischen Konzept von 2022 Russland zur Hauptbedrohung erklÀrte (wÀhrend Russland im Strategischen Konzept von 2010 noch Partner war). Zitat:
âDie Russische Föderation ist die gröĂte und unmittelbarste Bedrohung fĂŒr die Sicherheit der VerbĂŒndeten und fĂŒr Frieden und StabilitĂ€t im euro-atlantischen Raum. Sie versucht, ĂŒber Zwang, Subversion, Aggression und Annexion Einflussbereiche zu schaffen und unmittelbare Kontrolle zu erlangen.â
Ich hoffe, Sie sehen mir nach, dass ich etwas ausgeholt habe.
Das war mir aus drei GrĂŒnden wichtig:
- Erstens ist ohne den Blick zurĂŒck die aktuelle strategische Lage nicht zu verstehen.
- Zweitens geht es darum, einem falschen Narrativ entgegenzutreten, wonach die NATO fĂŒr Russlands Krieg gegen die Ukraine verantwortlich sei und wonach der Westen grundlos einen RĂŒstungswettlauf mit Russland begonnen habe.
- Drittens kommt es darauf an, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und es in der Zukunft besser zu machen. Das bedeutet vor allem, die sicherheitspolitische RealitÀt zur Kenntnis zu nehmen, in der wir uns befinden.
Das fĂŒhrt uns zum Hier und Jetzt und zur strategischen Lage, der wir uns gegenĂŒbersehen.
Putins imperialer Krieg gegen die Ukraine hat bereits Hunderttausende das Leben gekostet, aber ein Ende ist nicht absehbar. Russland versucht weiterhin, die Ukraine in einem Abnutzungskrieg niederzuringen. Russland unterscheidet dabei nicht zwischen zivilen und militĂ€rischen Zielen. Es nimmt auch keinerlei RĂŒcksicht auf die eigenen Soldaten, die Woche um Woche zu Tausenden fĂŒr geringfĂŒgige GelĂ€ndegewinne geopfert werden.
Russlands Kriegsziele sind unverĂ€ndert die Eroberung groĂer Teile der Ukraine aber vor allem die Sicherstellung russischer Dominanz ĂŒber die Ukraine. Putin hat sĂ€mtliche Versuche von PrĂ€sident Trump konterkariert, einen Waffenstillstand oder gar eine Beilegung des Konflikts zu vereinbaren.
Der russische Staat, Russlands Wirtschaft und Gesellschaft sind heute komplett darauf ausgerichtet, den Krieg zu gewinnen und die Existenz der Ukraine als unabhÀngiger und souverÀner Staat zu beenden.
Aber damit nicht genug: Moskau baut zielstrebig seine RĂŒstungsindustrie und seine StreitkrĂ€fte auf, um Macht zu projizieren, auch ĂŒber die Ukraine hinaus. Dazu kommt eine aggressive Rhetorik gegenĂŒber der NATO, einschlieĂlich der Drohung mit dem Einsatz von Nuklearwaffen. Teil des Bildes ist schlieĂlich eine umfassende hybride Kampagne Russlands gegen NATO-Staaten, mit dem Ziel die UnterstĂŒtzung der Ukraine zu unterminieren, innenpolitische Spannungen zu verschĂ€rfen und die Allianz auseinanderzudividieren.
Beim Haager Gipfel im Juni dieses Jahres haben die Staats- und Regierungschefs festgehalten, dass Russland noch auf lange Zeit eine Bedrohung der euro-atlantischen Sicherheit darstellen wird.
Anders gesagt: Auch wenn der Krieg in der Ukraine enden sollte, auch wenn es eine neue FĂŒhrung in Moskau gĂ€be, wĂŒrde die Bedrohung durch Russland andauern.
Die zweite im Strategischen Konzept genannte Bedrohung, der Terrorismus, wird derzeit hĂ€ufig ĂŒbergangen. Der Terrorismus bleibt aber eine akute Bedrohung und ist, wie wir aus Erfahrung wissen, ein PhĂ€nomen, das in Zyklen auftritt und dessen Auswirkungen keinesfalls zu unterschĂ€tzen sind.
China ist im Strategischen Konzept von 2022 nicht als Bedrohung sondern als âHerausforderungâ eingestuft: Dort heisst es, Zitat:
âDie von der Volksrepublik China erklĂ€rten Ziele und ihre Politik des Zwangs stellen unsere Interessen, unsere Sicherheit und unsere Werte vor Herausforderungen.â
In der ErklĂ€rung des Washingtoner Gipfels vom Juli 2024 wird China als âentscheidender BefĂ€higer von Russlands Krieg gegen die Ukraineâ bezeichnet.
Verglichen mit 2022 hat die Herausforderung durch China keinesfalls abgenommen. Dabei geht es auch um den Aufbau der chinesischen StreitkrÀfte, v.a. der Marine, der Luftwaffe und der sogen. RaketenstreitkrÀfte, und zwar in einem Umfang und einem Tempo, wie es die Welt mindestens seit 1945 nicht erlebt hat.
FĂŒr die NATO ist zunĂ€chst einmal zur Kenntnis zu nehmen, dass China in den vergangenen Jahrzehnten einen historisch einmaligen Aufstieg durchlaufen hat. Chinas wirtschaftliche, technologische, militĂ€rische und politische Machtstellung ist eine Tatsache.
Die NATO wird weiterhin ihre Interessen gegenĂŒber China zu wahren suchen. Aber das 2022 gemachte Angebot des Dialogs mit Peking gilt weiterhin, auf der Grundlage gegenseitigen Respekts.
FĂŒr die Vereinigten Staaten bedeutet der Machtzuwachs Chinas, dass Washington dem Indo-Pazifik mehr Aufmerksamkeit schenken und Ressourcen dorthin verlagern muss.
Unsere Sicherheit und unsere Interessen werden auch bedroht durch Konflikte und InstabilitĂ€t in Nah-/Mittelost, dem Maghreb und in der Sahel-Region. Die NATO hat darauf 2024 mit einem âAktionsplan fĂŒr die SĂŒdliche Nachbarschaftâ reagiert.
Im Norden ist die Arktis zu einem Schauplatz geopolitischer RivalitĂ€t geworden. Die althergebrachte Feststellung âHigh North, low tensionâ hat ihre Geltung verloren. Deswegen muss die NATO sich jetzt intensiv mit dieser Region befassen.
Neben Land, See, Luft und Cyber entwickelt sich auch der Weltraum zu einer militÀrischen DomÀne, und zwar einer, in der China und Russland uns den Rang ablaufen könnten.
Gleichzeitig hat die Bedeutung von Nuklearwaffen zugenommen, nicht zuletzt wegen Modernisierung und Aufbau des russischen Atom-Arsenals und der enormen Investitionen Pekings, die letztlich darauf zielen, China zu einer Nuklearmacht auf Augenhöhe mit den USA und Russland zu machen.
Wie geht die NATO mit dieser Lage um? Die Antwort findet sich in der ErklÀrung des Gipfels von Den Haag. Ein kurzer Text von nur einer Seite, der es aber in sich hat.
Der erste Absatz der ErklĂ€rung enthĂ€lt ein âunverbrĂŒchliches Bekenntnis zur kollektiven Verteidigung, wie es in Art. 5 des Nordatlantikvertrags niedergelegt ist â dass ein Angriff auf einen ein Angriff auf alle ist.â
Angesichts einer angespannten Sicherheitslage und angesichts von Fragen ĂŒber die kĂŒnftige Richtung der amerikanischen Politik war dies ein wichtiges Signal, dass die Allianz zusammensteht.
Was den Gipfel zu einem historischen Ereignis machte, waren allerdings nicht diese Worte sondern war vielmehr die Einigung auf ein neues Ausgabenziel.
âHistorischâ ist natĂŒrlich ein inflationĂ€r genutztes Adjektiv. Diplomaten und Politiker sprechen selten von âgescheitertenâ Gipfeltreffen.
Die Einigung auf ein neues Ziel von zusammengenommen 5% des BSP fĂŒr Sicherheit und Verteidigung ist aber tatsĂ€chlich historisch und transformativ.
Mark Rutte hat das als das Erreichen einer seit Jahrzehnten von den USA geforderten, aber nie eingelösten âEqualizationâ, also eines Ausgleichs, bezeichnet.
Man könnte auch von einer âRekalibrierungâ sprechen, die dafĂŒr sorgt, dass ĂŒber einen Zeitraum von 10 Jahren EuropĂ€er und Kanadier vergleichbar stark in die eigene Sicherheit und Verteidigung investieren, wie es die USA ĂŒber das gesamte Bestehen der NATO hinweg getan haben.
Wie die Nationen das Jahr fĂŒr Jahr umsetzen, ist ihre eigene, souverĂ€ne Entscheidung. Aber alle Nationen haben sich neben den FĂ€higkeitszielen aus dem Verteidigungsplanungsprozess nunmehr auch auf diese Ausgabenziele verpflichtet. Es gibt keine âOpt-outsâ, keine Ausnahmen.
Und anders als im Falle des 2014er Gipfels von Wales schreitet bei vielen Alliierten bereits jetzt die Umsetzung voran. Das gilt nicht nur fĂŒr Polen und die baltischen Staaten. Gerade Deutschland ist hier Vorbild und Taktgeber fĂŒr andere Alliierte.
Damit haben die Staats- und Regierungschefs im Haag ein starkes Signal der Entschlossenheit an Moskau gesandt.
Vielleicht noch wichtiger: Die Staats- und Regierungschefs haben gezeigt, dass sie in der Lage waren, gemeinsam eine Richtungsentscheidung zu treffen. Und zwar eine, die nicht nur eine gerechte Lastenteilung beinhaltet sondern auch sicherstellt, dass die USA ihr Engagement in der Allianz aufrechterhalten.
Neben Verteidigungsausgaben ging es beim Haager Gipfel auch um die StĂ€rkung der RĂŒstungsindustrie in Europa und Nordamerika, ohne die wir unsere StreitkrĂ€fte nicht ausreichend ausstatten können. Auch dies ein Hauptthema, aber eines, zu dem ich als Nichtexperte nicht gar so viel beitragen kann.
Ich will stattdessen das dritte Hauptthema des Gipfels hervorheben, nÀmlich die Ukraine.
In der GipfelerklÀrung findet sich folgende Passage, Zitat:
âDie VerbĂŒndeten bekrĂ€ftigen ihre dauerhaften einzelstaatlichen Zusagen zur UnterstĂŒtzung der Ukraine, deren Sicherheit zu unserer Sicherheit beitrĂ€gt, und werden zu diesem Zweck direkte BeitrĂ€ge fĂŒr die Verteidigung der Ukraine und ihre Verteidigungsindustrie bei der Berechnung der Verteidigungsausgaben der VerbĂŒndeten einkalkulieren.â
Die deutsche Fassung bewegt sich vielleicht nicht auf dem allerhöchsten sprachlichen Niveau, aber hier werden mehrere wichtige GrundsÀtze festgehalten:
- Die Sicherheit der Ukraine ist auf das Engste mit der Sicherheit der Allianz verbunden.
- Der Beitrag der Ukraine zur GewÀhrleistung unserer Sicherheit wird anerkannt.
- Ausgaben fĂŒr die Verteidigung der Ukraine und fĂŒr die RĂŒstungsindustrie der Ukraine sind anrechenbar auf die entsprechenden Ausgaben der VerbĂŒndeten unter dem neuen Haager Ausgabenziel.
Dieser Aspekt des Gipfels wurde in seiner Bedeutung vielerorts nicht gleich erkannt, ist aber auĂerordentlich wichtig.
Es geht darum, im Hier und Jetzt der Ukraine in ihrem Abwehrkampf beizustehen. Und es geht darum, ihr fĂŒr die Zeit nach einem Waffenstillstand oder einer Beendigung des Krieges die nötige UnterstĂŒtzung zu gewĂ€hren, damit ihre StreitkrĂ€fte kĂŒnftig Russland abschrecken und sich notfalls erneut verteidigen können.
NatĂŒrlich gibt es auch die Planungen der âKoalition der Willigenâ und GesprĂ€che ĂŒber Sicherheitsgarantien. Aber letztlich kommt es auf die StĂ€rke der ukrainischen StreitkrĂ€fte an.
Auch bei der militĂ€rischen UnterstĂŒtzung der Ukraine zeigt die Bundesregierung FĂŒhrung, u.a. durch die umfassende Finanzierung von Luftverteidigungssystemen sowie von dringend benötigtem US-GerĂ€t im Rahmen der âPrioritized Ukraine Requirements Listâ (PURL). Diese UnterstĂŒtzungsleistungen sind ĂŒberlebenswichtig fĂŒr die Ukraine. Sie finden im BĂŒndnis hohe Anerkennung.
Noch eine weitere Anmerkung zu Den Haag: Am Rande des Gipfels gab Premierminister Starmer bekannt, dass GroĂbritannien Fâ35 Flugzeuge beschaffen werde, um in die nukleare Teilhabe der NATO einzusteigen. Die britische Regierung bezeichnete dies als bedeutendste VerstĂ€rkung der britischen ânuclear postureâ seit Jahrzehnten. GroĂbritannien fĂŒgt damit seinen seegestĂŒtzten nuklearen FĂ€higkeiten eine weitere luftgestĂŒtzte Kategorie hinzu.
Das ist ein Hinweis darauf, dass das Thema der nuklearen Abschreckung an AktualitĂ€t gewonnen hat. Wir mögen das bedauern, aber wir kommen nicht umhin uns mit dem Nuklear-Thema zu befassen. Dazu gehören aus Sicht der NATO natĂŒrlich auch Mechanismen der RĂŒstungskontrolle, zumindest im Sinne der Risikoverminderung und der Sicherstellung strategischer StabilitĂ€t.
Es ist in der NATO Konsens, dass die EU im Bereich Sicherheit und Verteidigung eine Rolle spielen kann und muss.
Die EuropĂ€ische Kommission und der EuropĂ€ische AuswĂ€rtige Dienst haben kĂŒrzlich mit der âDefence Readiness Roadmap 2030â ein Verteidigungs-Programm vorgelegt.
Unzweifelhaft hat die EU eine wichtige Rolle bei der Generierung von Ressourcen fĂŒr die StreitkrĂ€fte der EU-Mitgliedstaaten und fĂŒr die Verteidigung der Ukraine.
Die EU wird mit ihrem umfassenden Instrumentarium bei der StĂ€rkung der europĂ€ischen RĂŒstungsindustrie eine SchlĂŒsselrolle spielen und wird dies auch in Bereichen wie der âmilitĂ€rischen MobilitĂ€tâ tun.
Klar ist aber auch: Die vereinbarte Arbeitsteilung zwischen EU und NATO, wonach die NATO der alleinige Rahmen fĂŒr kollektive Verteidigung ist, muss bestehen bleiben. Entsprechend muss die Allianz auch weiterhin auch das ausschlaggebende Forum fĂŒr die Verteidigungsplanung sein.
Denn ohne die USA, die TĂŒrkei, GroĂbritannien, Norwegen und die ĂŒbrigen ânon-EU Alliesâ bringt EU-Europa schlicht nicht genĂŒgend militĂ€rische FĂ€higkeiten auf die Waagschale.
Was jedoch gebraucht wird, ist eine NATO, in der EuropĂ€er und Kanadier bereit und in der Lage sind, einen groĂen Teil der Last fĂŒr die konventionelle Verteidigung Europas zu ĂŒbernehmen. Diesen Weg haben wir mit dem Haager Gipfel eingeschlagen.
DarĂŒber hinaus hat jetzt eine Diskussion ĂŒber den sogenannten âeuropĂ€ischen Pfeiler der NATOâ Fahrt aufgenommen. Diesen Begriff gibt es schon seit Jahrzehnten, auch in Dokumenten der NATO.
Wir sind weit davon entfernt, Einigkeit darĂŒber zu haben, wohin genau die Reise gehen soll. Aber auch europĂ€ische VerbĂŒndete, die nicht der EU angehören, denken jetzt darĂŒber nach, wie ein âeuropĂ€ischer Pfeilerâ beschaffen sein könnte.
In der französischen âNationalen Strategischen ĂberprĂŒfungâ, der âRevue Nationale Strategiqueâ, vom Juli dieses Jahres findet sich dazu folgende Aussage:
»Frankreich ⊠wird eine treibende Kraft fĂŒr eine starke und glaubwĂŒrdige europĂ€ische SĂ€ule des BĂŒndnisses sein (sprich: der NATO). Die StĂ€rkung desselben mithilfe der europĂ€ischen Institutionen und der europĂ€ischen Staaten ist unerlĂ€sslich, um die Auswirkungen eines geringeren amerikanischen Engagements abzufedern und gleichzeitig die Sicherheit des Kontinents zu wahren.«
Und beim Treffen der NATO-Verteidigungsminister vor wenigen Wochen brachte Secretary Hegseth den Begriff einer âEuropean-led NATOâ in die Debatte ein, meines Wissens das erste Mal, dass eine US-Regierung diesen Begriff verwendet.
Gemeinsam ist diesen verschiedenen Aussagen die Erkenntnis, dass Europa mehr Verantwortung ĂŒbernehmen muss. Aber keinesfalls im Sinne einer Verengung auf die EU, und ohne in irgendeiner Weise die NATO als transatlantisches BĂŒndnis in Frage zu stellen.
Was bedeutet das alles fĂŒr Deutschland?
Wir sind, nicht zuletzt durch die VersÀumnisse der Vergangenheit in Zugzwang und unter Zeitdruck. Der Nachholbedarf im Bereich der Bundeswehr ist enorm.
Gleichzeitig gilt: Deutschland hat es in der Hand die Herausforderungen zu bewÀltigen.
Die Bundesregierung hat schon im Vorfeld des Haager Gipfels eine FĂŒhrungsrolle eingenommen. Seit Jahren ist Deutschland bereits der wichtigste europĂ€ische UnterstĂŒtzer der Ukraine.
Und die Bevölkerung in Deutschland, ich sagte es eingangs, hat in ihrer Mehrheit verstanden, was die Stunde geschlagen hat, und dass Sicherheit und Verteidigung hohe PrioritÀt eingerÀumt werden muss.
Klar ist auch, dass die Transformation der NATO ohne deutsche FĂŒhrung nicht gelingen kann.
Als internationaler Beamter darf man sich selten etwas wĂŒnschen. Und schon gar nicht von seinen Arbeitgebern, den Mitgliedstaaten des BĂŒndnisses.
Aber wenn ich eine Wunschliste fĂŒr Deutschland aufstellen dĂŒrfte, wĂ€re sie wie folgt:
- Die komplexe sicherheitspolitische Lage ohne Scheuklappen zur Kenntnis nehmen und reflektieren;
- Im Dialog mit der Bevölkerung das Bewusstsein fĂŒr Krisen- und Konfliktszenarien schĂ€rfen (wofĂŒr Schweden und Finnland Vorbild sein können);
- die Verteidigungsausgaben weiterhin kontinuierlich erhöhen;
- die Bundeswehr so schnell wie möglich zum RĂŒckgrat der konventionellen Verteidigung in Mitteleuropa ausbauen;
- die KapazitĂ€t der deutschen (und europĂ€ischen) RĂŒstungsindustrie ausweiten;
- die notwendigen Anstrengungen zu unternehmen, um die deutsche Wirtschaft und unsere technologische Basis zu verstĂ€rken, damit wir nicht (noch weiter) zurĂŒckfallen.
- mit Blick auf mögliche Krisen- und Konfliktszenarien die HandlungsfÀhigkeit des Staates sicherstellen (wobei der jetzt ins Leben gerufene Nationale Sicherheitsrat eine wichtige Rolle spielen kann).
Ohne Ăbertreibung ist festzuhalten: Die Zukunft der NATO hĂ€ngt wesentlich davon ab, dass Deutschland der strategischen Herausforderung unserer Zeit gerecht wird.
Noch einmal herzlichen Dank der DAG fĂŒr die Einladung.
Und vielen Dank fĂŒr Ihre Geduld und Ihre Aufmerksamkeit.









