Die NATO muss ihr Handeln in den letzten 20 Jahren kritisch hinterfragen und sich neu aufstellen. Scheitern muss dabei eine realistische Option sein.
Ich mag offizielle Gedenktage nicht besonders. FĂŒr meinen Geschmack geben sie oft zu wenige Antworten auf die Frage, was wir aus den jeweiligen Ereignissen eigentlich gelernt haben. Der 11. September 2001, oder kurz â9/11â, ist so ein Tag. FĂŒr viele wird dieser Tag Anlass sein, um noch einmal an die monströsen TerroranschlĂ€ge in New York und Washington vor 20 Jahren zu erinnern und damit an das diffuse GefĂŒhlsgemisch aus Schock, Trauer, Angst und ohnmĂ€chtiger Wut, das die Bilder auf der ganzen Welt auslösten, als die Flugzeuge in die Twin Towers und das Pentagon hineinrasten.
Die Erinnerung an den Tod von fast 3 000 Menschen ist immer noch bitter, vor allem fĂŒr die Hinterbliebenen der Opfer. Aus einer politischen Perspektive aber hinterlĂ€sst der 20. Jahrestag von â9/11â einen genauso bitteren Geschmack. Zwei Jahrzehnte, nachdem sich der Westen und groĂe Teile der internationalen Gemeinschaft solidarisch an die Seite Amerikas gestellt haben, sind wir praktisch wieder âzurĂŒck auf Losâ.
Zwei Jahrzehnte, nachdem sich der Westen und groĂe Teile der internationalen Gemeinschaft solidarisch an die Seite Amerikas gestellt haben, sind wir praktisch wieder âzurĂŒck auf Losâ.
Nein, der âKrieg gegen den Terrorâ, den der damalige US-PrĂ€sident George Bush nach den Angriffen auf Amerika ausrief, ist nicht gewonnen. Das AusmaĂ und die IntensitĂ€t dieses Unterfangens sind jedoch beispiellos. Der von Washington dirigierte Anti-Terror-Kampf fĂŒhrte eine bunte Staatenkoalition in 83 LĂ€nder: unter anderem nach Afghanistan, Pakistan, in den Irak, Syrien und Jemen weiter nach Libyen, Mali, Somalia und in viele weitere Staaten. Die militĂ€rischen EinsĂ€tze in Afghanistan und im Irak waren die lĂ€ngsten, gröĂten, teuersten und verlustreichsten, die Amerika und seine europĂ€ischen VerbĂŒndeten seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges unternommen haben.
Das Watson Institute der Brown University dokumentiert in seinem âCosts of Warâ-Projekt seit Jahren akribisch die Kosten aller MilitĂ€rinterventionen nach dem 11. September 2001. Danach wurden im Rahmen des âKrieges gegen den Terrorâ weltweit mehr als 800 000 Menschen getötet; 37 Millionen Menschen verloren durch Gewalt und Terror ihre Heimat; ĂŒber 30 000 US-Soldaten und Veteranen verĂŒbten wĂ€hrend und nach ihren EinsĂ€tzen Selbstmord; und weitere 7 000 US-Soldaten starben wĂ€hrend der militĂ€rischen Operationen. Die finanziellen Kosten aller bisherigen MilitĂ€reinsĂ€tze belaufen sich auf geschĂ€tzte acht Billionen US-Dollar. Aber es sind nicht nur diese unglaublichen Zahlen, die das ResĂŒmee der Anti-Terror-Anstrengungen fragwĂŒrdig erscheinen lassen. Trotz aller globaler Anstrengungen hat sich der islamisch motivierte Terrorismus geographisch weiter ausbreiten können. Wie ein KrebsgeschwĂŒr hat er in vielen LĂ€ndern Metastasen gebildet, sich den jeweils neuen Bedingungen angepasst und geschickte Techniken der Rekrutierung, Finanzierung und Propaganda entwickelt. Al-Qaida, der Islamische Staat und viele andere Terrorgruppen schmieden weiter ihre AnschlagsplĂ€ne gegen die vermeintlichen Feinde ihres Glaubens und ihrer Interessen.
Trotz aller globaler Anstrengungen hat sich der islamisch motivierte Terrorismus geographisch weiter ausbreiten können.
Dass sich Amerika ausgerechnet wenige Wochen vor dem 20. Jahrestag von â9/11â mit einem chaotischen Abzug seiner Truppen aus Afghanistan verabschiedet hat, ist besonders tragisch. Er hinterlĂ€sst nicht nur ein humanitĂ€res Desaster fĂŒr Millionen Afghanen, sondern auch einen hochexplosiven politischen Scherbenhaufen und ein strategisches Vakuum, in das ambitionierte Regional- und GroĂmĂ€chte wie Russland, China, Pakistan und der Iran stoĂen. Der Sieg der Taliban ĂŒber Amerika und seine westlichen VerbĂŒndeten ist Freudenfest und Motivation fĂŒr jede radikalislamische Terrorzelle auf dieser Welt. Unter dem Schutz derer, die den NATO-Truppen 20 Jahre lang tödliche Verluste beigebracht haben, können sich die Netzwerke von Al-Qaida, Haqqani und des Islamischen Staates kĂŒnftig weitestgehend ungestört entfalten. Sicher, einige der Terrorgruppen werden sich untereinander bekĂ€mpfen, aber ein von den Taliban beherrschtes Afghanistan wird sich in Zukunft auĂerhalb westlicher Kontrolle und Einflussmöglichkeiten weiterentwickeln. Wohin die Reise das Land am Hindukusch fĂŒhren wird, an dem einst deutsche Sicherheitsinteressen verteidigt werden sollten, ist gegenwĂ€rtig völlig ungewiss.
Eine Àhnliche Entwicklung droht im Irak, wo sich die amerikanischen Kampftruppen anschicken, das Land bis zum Jahresende zu verlassen. Eine NATO-Ausbildungsmission soll dort helfen, eine schlagkrÀftige und verteidigungsbereite irakische Armee aufzubauen. Aber die vor drei Jahren besiegt geglaubten islamischen Gotteskrieger sind nun in einigen Landesteilen wieder auf dem Vormarsch. Eine instabile Regierung in Bagdad und die tief verwurzelten ethnisch-religiösen Konflikte sind nicht gerade ideale Voraussetzungen, gutbewaffnete Islamisten in ihre Schranken zu verweisen.
Aus innenpolitischen GrĂŒnden lĂ€sst sich nachvollziehen, warum US-PrĂ€sident Biden die Kapitel Afghanistan und Irak um jeden Preis beenden will. Als demokratische Ordnungs- und Gestaltungsmacht befinden sich die USA bereits seit einigen Jahren auf dem RĂŒckzug. Im Nahen Osten, in der Golfregion, in Nord- und Zentralafrika und nun auch in Afghanistan spielen die USA weder politisch, wirtschaftlich noch militĂ€risch eine fĂŒhrende Rolle. Die USA sind heute eine politisch zutiefst gespaltene Gesellschaft, deren politische Aufmerksamkeit primĂ€r auf ihre innenpolitischen BedĂŒrfnisse gerichtet ist. Die Regierung in Washington wird ihr politisches Engagement und ihre militĂ€rische UnterstĂŒtzung sicherlich noch eine Weile fĂŒr Europa aufrechterhalten. Aber der eigentliche Fokus der amerikanischen FĂŒhrungselite liegt auf der strategischen Konfrontation mit China, die in den kommenden Jahren politische Energie und Ressourcen binden wird.
Aus innenpolitischen GrĂŒnden lĂ€sst sich nachvollziehen, warum US-PrĂ€sident Biden die Kapitel Afghanistan und Irak um jeden Preis beenden will.
Der RĂŒckzug der USA aus groĂen Teilen der Welt hat auch in der NATO tiefe Spuren hinterlassen, die seit einigen Jahren zwischen FĂŒhrungslosigkeit, Selbstzweifeln und hartnĂ€ckigem Beharren auf ihre Relevanz hin- und hertreibt. Das krachende Scheitern ihres zwanzigjĂ€hrigen Engagements in Afghanistan wirft viele Fragen auf: Wieso konnte es zu so vielen FehleinschĂ€tzungen ĂŒber das politische Wesen der Afghanen kommen? Wieso hat man in einer tribalen Gesellschaft versucht, zentralregierte, nach westlichem Vorbild organisierte StreitkrĂ€fte zu schaffen? Wie kam es, dass die strategischen und militĂ€rischen Ziele der VerbĂŒndeten immer weiter auseinanderklafften? Und wieso sind die Anti-Terror-BemĂŒhungen nach so vielen Jahren nicht wirklich erfolgreich gewesen? Genauso wenig wie die Biden-Administration erweckt die NATO den Anschein, dass sie sich einer schonungslosen Aufarbeitung des Afghanistan-Einsatzes stellen will. Stattdessen macht sich das BĂŒndnis weiter auf die Suche nach einem neuen strategischen Konzept, dessen Schwerpunkte sich nach Ansicht von NATO-GeneralsekretĂ€r Stoltenberg irgendwo zwischen Russland, China, Klimawandel, AbrĂŒstung, Partnerschaften und militĂ€rischen ErtĂŒchtigungsaufgaben verbergen. Wo genau die strategische Kernaufgaben der Allianz in den kommenden Jahren liegen werden, bleibt â leider â nebulös.
Wird es in Zukunft einen weiteren 11. September geben? Eine seriöse Antwort darauf kann nur lauten: sehr wahrscheinlich. Der bösartig-verblendeten KreativitĂ€t potentieller Angreifer sind kaum Grenzen gesetzt. Das Arsenal von Waffen und Instrumenten, mit denen unzĂ€hlige Menschen getötet und Gesellschaften destabilisiert werden können, ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Ob mit nuklearen, konventionellen, biologischen, chemischen und weltraumgestĂŒtzten Waffen, ob durch Cyberangriffe oder mit hybriden Methoden: Das Spektrum der Möglichkeiten ist sehr breit. Besonders brisant ist dabei, dass Technologien wie KĂŒnstliche Intelligenz die Identifizierung eines Aggressors immer schwerer machen. Das klassische Szenario einer vorher angekĂŒndigten militĂ€rischen GroĂoffensive auf das westliche BĂŒndnis durch einen anderen Staat wird nicht die Kriegsform der Zukunft sein. Stattdessen sind es asymmetrische Bedrohungen wie der radikalislamische Terrorismus, die die Sicherheit des Westens auf vielfĂ€ltige Weise gefĂ€hrden.
Mit einer hastigen, oberflĂ€chlichen und beschönigenden Aufarbeitung der westlichen Anti-Terror-Strategie wĂŒrden wir uns nur selbst belĂŒgen.
Ist das westliche BĂŒndnis auf ein erneutes alptraumartiges Szenario wie am 11. September 2001 gut vorbereitet? Teilweise. Richtig ist, dass die NATO in den vergangenen Jahren versucht hat, sich auf kĂŒnftige Sicherheitsrisiken wie Cyberattacken, Weltraumgefahren, hybride Destabilisierungsversuche und disruptive Technologien einzustellen. Und gelegentlich ĂŒbt sie auch den Ablauf interner Entscheidungsprozesse zur Aktivierung eines BĂŒndnisfalls. Aber nĂŒchterne RealitĂ€t ist, dass die Bedrohungsperzeptionen der 30 VerbĂŒndeten weit auseinanderklaffen. FĂŒr die einen ist der Hauptfeind ein aggressives Russland; fĂŒr die anderen die instabile SĂŒdgrenze des BĂŒndnisgebietes; fĂŒr die nĂ€chsten liegen die strategischen Interessen in Afrika oder SĂŒdostasien. Es bedĂŒrfte eines besonderen politischen Kraftaktes, um die VerbĂŒndeten im Ernstfall erneut hinter einer gemeinsamen Fahne zu vereinen. Aber selbst, wenn dies gelingen sollte, stellte sich fĂŒr die NATO die Frage: Und jetzt? Wie sollte sie auf einen asymmetrischen Angriff reagieren? Und genau diese Frage fĂŒhrt uns zurĂŒck zu den TerroranschlĂ€gen vom 11. September 2001. Mit einer hastigen, oberflĂ€chlichen und beschönigenden Aufarbeitung der westlichen Anti-Terror-Strategie wĂŒrden wir uns nur selbst belĂŒgen. In der Konsequenz wĂŒrden die politisch and militĂ€risch Verantwortlichen ihre Fehler lediglich wiederholen. Ein âZurĂŒck auf Losâ bedeutet, das eigene Handeln selbstkritisch zu hinterfragen; sich einzugestehen, dass Scheitern auch immer eine realistische Option ist; sich gedanklich neu aufzustellen; und letztlich zu versuchen, es kĂŒnftig besser zu machen.








