Deutsche Atlantische Gesellschaft e.V.

Buchrezension: Dr. Michael Paul, „Der Kampf um den Nordpol. Die Arktis, der Klimawandel und die Rivalität der Großmächte“

Cold War 2.0: Droht eine neuer Kalter Krieg in der Arktis?

Einen besseren Zeitpunkt hätte der Autor für die Veröffentlichung dieses Buches nicht auswählen können. Michael Paul, Senior Fellow der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, analysiert auf 286 Seiten am Beispiel der Arktis neue außen- und sicherheitspolitische Machtkonstellationen von globaler Reichweite. Diese stellen nicht nur internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen und die NATO in Frage, sondern auch die Sicherheit Deutschlands. In einer Zeit, in der Deutschland die „Zeitenwende“ eingeläutet hat, zeigt Michael Paul anschaulich auf, dass der Schritt zu einer neuen deutschen Sicherheitsidentität überfällig ist. Das überwiegend vor der russischen Invasion der Ukraine verfasste und teils um die Ereignisse in der Ukraine ergänzte Buch verdeutlicht, wie sehr sich Welt durch die Entwicklungen auch und gerade in der Arktis von einer bipolaren hin zu einer multipolaren und mehrdimensionalen entwickelt. 

Unter dem Titel „Der Kampf um den Nordpol“ erläutert Paul, dass die Arktis „zunehmend zum Ort widerstreitender Interessen und Machtkonflikte“ wird. Dieses Buch erklärt den vielfältigen Wandel in der Arktis, problematisiert die Konflikte und zeigt Wege zu Dialog und Kooperation auf in einer Zeit der wachsenden imperialen Machtpolitik Russlands und des aggressiven Aufstrebens Chinas, das sich als „Arktis-Nahanrainer“ versteht. Die Welt bewegt sich in Richtung eines zweiten Kalten Krieges, „Cold War 2.0“, wobei sich die Arktisregion zunehmend zu einem Hotspot machtpolitischer Konkurrenz entwickelt. 

„Der Klimawandel schafft eine neue Arktis“, schreibt Paul. Im Klartext: Der Klimawandel lässt das Meereis in der Arktis schmelzen, verändert die arktische Umwelt und Topografie und ermöglicht den Zugang und die Ausbeutung von Rohstoffen durch neue eisfreie Schifffahrtswege. Dadurch werden wirtschaftliche, handels- und sicherheitspolitische Begehrlichkeiten auch über die Arktis hinaus geweckt. 

Der Klimawandel ist Fluch und Segen zugleich. Er schafft Voraussetzungen für eine wirtschaftliche Entwicklung, was aber am wenigsten den 4 Millionen Bewohnern der Arktis zukommt. Neben Gold, Diamanten, Eisen, Kupfer, Nickel, Kohle, Uran und Zink werden 13 Prozent der weltweiten Öl- und 30 Prozent der Gasvorkommen in der Arktis vermutet. Zwar rücken die westlichen Industriestaaten zunehmend von fossilen Energieträgern ab, aber der Bedarf in Entwicklungs- und Schwellenländern steigt stetig und trägt damit zum unerwünschten Anstieg der CO2-Emmissionen bei. 

Der Kampf um den Nordpol ist bereits voll im Gange. Für Russland ist die Arktis eine zentrale Region zum wirtschaftlichen Aufbau des Landes und zur Verwirklichung von Putins Masterplan eines großrussischen Imperiums. Sie dient, so Paul, als „Ressourcenbasis und Bastion zur Verteidigung Russlands als Großmacht.“ Ebenso will China an der wirtschaftlichen Entwicklung der Arktis teilhaben, zum einen um an die Rohstoffvorkommnisse zu gelangen und zum anderen um die Nördliche Seeroute nördlich Sibiriens im Rahmen der Polaren Seidenstraße zu nutzen. Die Arktis ist fester Bestandteil der Strategie Pekings auf dem Wege zur Weltmacht. 

Chinas Präsident Xi Jinping sieht sich mit Russland strategisch im ideologischen Kampf gegen die USA verbunden. Moskau befürwortet die „grenzenlose“ Strategische Partnerschaft mit China, bleibt jedoch skeptisch, was den Einfluss Pekings in der Region angeht. Denn Russland beansprucht den Festlandssockel bis hin zum Nordpol als eigenes Territorium, was die Nördliche Seeroute unter völliger Kontrolle Russlands stellen würde. Umso mehr ist daher Moskau bestrebt, seine arktischen Interessen militärisch abzusichern, was nicht zuletzt dazu führte, dass westliche Arktisstaaten auch militärisch in der Region nachzogen. Sollte Moskau die Entscheidung der Festlandgrenzkommission des VN-Seerechtsübereinkommens hinsichtlich der Territorialansprüche Russlands nicht akzeptieren, kann dies zu einer militärischen Eskalation führen und damit auch weitreichende Folgen für bestehende internationale Regelwerke wie die Vereinten Nationen haben. Das kann nicht im Sinne Pekings sein, das im Südchinesischen Meer die Regeln auch nach eigenen Gutdünken bestimmen will. Xi Jinping braucht die Nördliche Seeroute als internationales Gewässer, um in Krisenzeiten die Versorgungsrouten mit eigenen militärischen Instrumenten abzusichern. Damit verliert die Arktis ihren Ausnahmecharakter als „Zone des Friedens und der Zusammenarbeit“, wie einst von Michail Gorbatschow 1986 in Murmansk proklamiert. 

Die Arktis wird, so Paul, zum „Ziel geopolitischer Ambitionen“. Dabei nennt der Autor die Großmächte explizit beim Namen, die sich der „Rivalität im Eismeer“ gegenübertreten: USA, China und Russland, wobei das von Rohstoffen wie Öl und Gas sowie von Exporten extrem abhängige Deutschland nicht unerwähnt bleibt. Gerade der Krieg in der Ukraine verdeutlicht durch die einseitige energetische Abhängigkeit Deutschlands vom russischen Gas die Verwundbarkeit der deutschen Sicherheitspolitik. Das Ziel, Deutschland und weite Teile der östlichen EU von russischen Energieträgern abhängig zu machen, dürfte spätestens seit der Annexion der Krim im Jahre 2014 und dem Beginn von Nord Stream 2 Teil des russisch-politischen Kalküls gewesen sein. 

Zu Recht beschreibt Michael Paul, dass die politischen Konflikte und Spannungen der letzten Jahre nur zu einem kleinen Teil in der Arktis selbst liegen. Größtenteils, so Paul, „kommen sie von außen als geopolitscher ‚Spillover‘ der Konkurrenz zwischen USA, China und Russland.“ Auch wenn für die Arktis im Gegensatz zur Antarktis kein eigenes internationales Vertragswerk besteht, so existieren seit einigen Jahrzehnten internationale, zwischenstaatliche und nationale Regelwerke, die dem Klima- und Umweltschutz, der Wirtschaftsentwicklung, der Seenotrettung und wissenschaftlichen Zusammenarbeit in der Arktis dienen. So stellt der 1996 gegründete Arktische Rat, dem acht Anrainerstaaten der Arktis angehören, das wichtigste zwischenstaatliche Forum für die Zusammenarbeit in der Arktis dar. Zwar befasst dieser sich nicht explizit mit sicherheitspolitischen Fragen, aber kleinere Foren wie der NATO-Russland-Rat, der Arctic Security Forces Roundtable (ASFR) sowie der Arctic Chiefs of Defense befassten sich mit militärischen Fragen in der Arktis. Nach der Annexion der Krim durch Russland im Jahre 2014 wurde Russland jedoch von den Sitzungen suspendiert. 

Der Krieg in der Ukraine heizt den „Kalten Krieg 2.0“ in der Arktis weiter auf. Sollten Finnland und Schweden der NATO beitreten, stünde Russland von den insgesamt acht Arktis-Anrainerstaaten sieben NATO-Staaten in der Arktis gegenüber. Für Moskau wäre das ein Horror-Szenarium, denn damit wäre Russland, das knapp die Hälfte des arktischen Territoriums besitzt, vollkommen abgeschottet. Mit dem russischen Einmarsch in die Ukraine verweigerten die westlichen Arktisstaaten die Teilnahme an den Sitzungen des Arktischen Rates, dem Russland zurzeit vorsteht. Die Zusammenarbeit mit Russland ist faktisch damit beendet. Dennoch sieht der Autor eine dringende Notwendigkeit zu einer Rückkehr der Kooperation. Dabei verweist Michael Paul auf die dramatischen Konsequenzen für Klima- und Umweltschutz, die nicht ohne Russland bewältigt werden können. 

Die seit 2014 bestehenden und mit dem russischen Einmarsch in die Ukraine 2022 deutlich verschärften westlichen Sanktionen gegen Moskau wirken sich zunehmend auf die fragile Situation in der Arktis aus. Der Einsatz veralteter Technologien zur Förderung von Öl und Gas, bedingt durch die Sanktionen im Technologiebereich, tragen zu einer weiteren Verschmutzung der Umwelt und der Erderwärmung bei. In diesem Bereich, so Paul, braucht es mehr statt weniger Kooperation. Aus der Sicht des Autors wächst der Bedarf an Mechanismen, Spannungen zu bewältigen, den Dialog aufrechtzuerhalten und die Zusammenarbeit zu verbessern je mehr Aktivitäten und Wettbewerb um Zugang und Einfluss in der Arktis zunehmen. Daher sei es für die Arktisstaaten essenziell, einen Dialog über Fragen der militärischen Sicherheit zu führen. Dieser werde wahrscheinlich nicht im Rahmen des Arktischen Rates zu realisieren sein, aber es sei möglich, die ausgesetzten Dialogforen mit Russland wieder aufzunehmen, um Transparenz zu erhöhen und Missverständnissen – und damit Eskalationsrisiken – vorzubeugen. Der Autor plädiert für eine militärische Zurückhaltung auf allen Seiten, um die Arktis friedlich zu halten. Ob dies angesichts des Ukraine-Krieges realistisch ist, dürfte momentan bezweifelt werden, solange Putin an der Macht ist. Interessant ist dagegen sein Vorschlag eines „militärischen Verhaltenskodex“ in der Arktis (Arctic Military Code of Conduct) zur Förderung der Zusammenarbeit. Allerdings verlangt dieser Vorschlag die Bereitschaft zu ernsthaften Verhandlungen auf allen Seiten und ein Vertragswerk müsste international durchsetzbar sein. 

Die Arktis darf nicht zum Ziel nationalistischer Politik werden, fordert Michael Paul. Die Bewahrung des Friedens zur Wahrung unseres Klimas ist ein multilaterales Projekt. Kein einfaches Unterfangen angesichts Tendenzen seitens Russlands und Chinas, internationale Organisationen zu untergraben und Regeln selbst zu bestimmen. 

Nicht nur die Großmächte USA, Russland und China sowie die Arktisstaaten sind aufgerufen, klima- und sicherheitspolitische Verantwortung für diese Region zu übernehmen, sondern auch Deutschland. Als ein führendes Arktisforschungsland hat die Bundesregierung bereits 2019 mit der Veröffentlichung ihrer neuen Arktisstrategie die sicherheitspolitische Brisanz erkannt. Es gilt, die Arktisstrategie auch in eine neue deutsche Sicherheitsstrategie einzubetten, die angesichts der russischen Aggression in der Ukraine und zukünftig darüber hinaus notwendig geworden ist.

Mit seinem Buch hat es Michael Paul vermocht, sehr eindrucksvoll die Problematik zwischen Klimawandel und Sicherheit in der Arktis zu verbinden. Der Klimawandel schafft jedoch Voraussetzungen mit ungeahnten Chancen und Herausforderungen, die momentan öffentlich als unbewohnbare Eiswüste wahrgenommen wird. Als Schlüsselregion für Weltklima und künftige Weltwirtschaft muss es unsere Aufgabe sein, diese fragile Region friedlich zu halten. Der Kampf um den Nordpol hat längst begonnen. Das Buch ist daher eine Mahnung an all jene, die mit nationalistischen Strategien versuchen, Konflikte machtpolitisch umzusetzen statt globaler Verantwortung zu übernehmen.

Buchrezension: Michael Paul, „Der Kampf um den Nordpol. Die Arktis, der Klimawandel und die Rivalität der Großmächte“, Herder Verlag, 2022, 18,00 Euro

Ein Beitrag von:

Michael Däumer

Politikberater im Bereich Arktis und war zwischen 2014 und 2018 der Vertreter Deutschlands im Arktischen Rat beim Auswärtigen Amt

Michael Däumer, Berater für sicherheitspolitische Arktisfragen, studierte Politikwissenschaft an den Universitäten Bonn, Pittsburgh und Harvard. Nach Tätigkeiten als Dozent an der Harvard-Universität (1987-1992), in der Staatskanzlei von Mecklenburg-Vorpommern (1992-1993) sowie in der Bundesgeschäftsstelle der CDU Deutschlands (1993-1996) war er als stellvertretender Staatsrat und Leiter der Europaabteilung in der Landesregierung Bremen tätig (1996-2001). Von 2001 bis 2003 war er stellvertretender Leiter der Landesvertretung Hamburg in Berlin und leitete von 2003 bis 2009 die Auslandsbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung zunächst in Madrid und anschließend in Amman. 2010 wechselte er nach Brüssel in die Generaldirektion für Auswärtige Beziehungen (DG RELEX) und wurde 2011 vom Europäischen Auswärtigen Dienst (EAD) übernommen. Von 2014 bis 2018 war er für die Arbeitsbereiche Arktis und Ostseezusammenarbeit im Auswärtigen Amt in Berlin zuständig und vertrat Deutschland im Arktischen Rat sowie im Ostseerat.

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