Deutsche Atlantische Gesellschaft e.V.

Ausgabe 01: Samuel B. H. Faure

Kann die deutsch-französische Zusammenarbeit in der RĂŒstungsindustrie gelingen?

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Ja, die deutsch-französische Zusammenarbeit im Bereich der RĂŒstungsindustrie kann in den 2020er Jahren (weiterhin)[1] erfolgreich sein, wenn drei Bedingungen – politischer, industrieller und bĂŒrokratischer Natur  â€“ erfĂŒllt sind. 

Die erste Bedingung hĂ€ngt mit den Wahlen und Regierungsbildungen in Deutschland 2021 und Frankreich 2022 zusammen. In Frankreich deuten die Umfragen, wie bereits 2017, auf ein Duell zwischen dem liberalen Amtsinhaber PrĂ€sident Emmanuel Macron und der Neonationalistin Marine Le Pen vom Rassemblement National hin. Bei einer Wiederwahl von Emmanuel Macron wĂŒrde weiterhin viel politisches Kapital in die deutsch-französische Zusammenarbeit investiert werden. FĂŒr Macron ist die Partnerschaft mit Berlin der unverzichtbare politische Pfeiler seines Projektes einer »europĂ€ischen Wiedergeburt«, welches weit ĂŒber industrielle und militĂ€rische Fragen hinausgeht. Sollte hingegen Le Pen PrĂ€sidentin werden, so wĂŒrde Frankreich seine Beziehungen zu Berlin wohl zugunsten bilateraler Beziehungen mit London und Washington stark reduzieren, wie Le Pen es im Juli in einem Meinungsbeitrag angedeutet hat. Die Wahl eines weiteren rechtsextremen Kandidaten, wie etwa des Publizisten Eric Zemmour, brĂ€chte dasselbe Ergebnis. 

Die zweite Voraussetzung liegt in der Verteidigungsindustrie. Ein kooperatives europĂ€isches RĂŒstungsprogramm hat dann Erfolgschancen, wenn dabei ein europĂ€ischer Industriekonzern am Steuer sitzt – und nicht mehrere nationale Firmen. Das Programm des europĂ€ischen MilitĂ€rtransportfliegers A400M â€“ er wurde im August zur Evakuierung von Zivilisten aus Afghanistan eingesetzt – wurde nur deswegen ein Erfolg, weil Deutschland und Frankreich mit EADS (der VorgĂ€ngerin von Airbus) ein transnationales Unternehmen schufen, welches fĂŒr das Transportflugzeug die industrielle Verantwortung ĂŒbernehmen konnte. Die Integration der deutschen und französischen Industrie fĂŒr militĂ€rische Landsysteme bleibt nach wie vor unzureichend – trotz der GrĂŒndung von KNDS im Jahr 2015 und trotz der im Dezember 2020 getroffenen Entscheidung, fortan einen einzigen CEO (den Deutschen Frank Haun) und einen einzigen Verwaltungsratsvorsitzenden (den Franzosen Philippe Petitcolin) zu haben. Eine beschleunigte und verstĂ€rkte Integration von KNDS wĂŒrde das Risiko von Konflikten zwischen nationalen Industriellen verringern, wie es kĂŒrzlich zwischen Airbus und Dassault Aviation wĂ€hrend der FCAS-Verhandlungen zu beobachten war. Dies ließe auch die Erfolgschancen des Kampfpanzers der Zukunft, des so genannten Main Ground Combat System (MGCS) steigen.

Die dritte Bedingung ist bĂŒrokratischer Art und wird in der öffentlichen Debatte vollkommen vernachlĂ€ssigt. Doch ein halbes Jahrhundert Politikwissenschaft hat uns gelehrt, dass staatliches Handeln nicht nur das Ergebnis eines »politischen Willens« und des Wirkens der »Industrielobby« ist, sondern dass die staatliche Technokratie eine wesentliche Rolle[2] spielt, weil sie die Entwicklung und Umsetzung bilateraler Projekte verlangsamen oder beschleunigen kann. TatsĂ€chlich spielen zivile und militĂ€rische Beamte in den Verteidigungsministerien eine SchlĂŒsselrolle bei der Begleitung von RĂŒstungsprojekten, weil ihr Status ihnen eine zeitliche Dauerhaftigkeit sichert, die ĂŒber ein politisches Mandat von einigen Jahren hinausgeht. Daher können die anhaltenden Unterschiede in der deutschen und französischen Verwaltungskultur gegenseitiges Nichtverstehen befördern und bilaterale Verhandlungen, die sich ĂŒber Jahrzehnte hinziehen, verlangsamen. Die Angleichung von Ausbildung, Organisation und Funktionsweise der deutschen und französischen Verwaltung wĂŒrde ein gemeinsames VerstĂ€ndnis industrieller und strategischer Fragen befördern. 

Diese drei Bedingungen wĂŒrden die deutsch-französische Zusammenarbeit in der RĂŒstungsindustrie, einem Vektor verstĂ€rkter strategischer Autonomie, zwar nicht garantieren, aber sie wĂŒrden sie sehr wohl begĂŒnstigen. 


[1] Einige Projekte, deren Erfolg zunĂ€chst keineswegs gewiss war, waren dennoch erfolgreich: das  Hubschrauberprogramm Tiger in den 1990er Jahren, die GrĂŒndung von EADS und dann Airbus in den 2000er Jahren, die laufenden Verhandlungen ĂŒber die Eurodrohne, das MGCS oder FCAS. Letzterem wurde am 31. August 2021 ein Budget von mehr als 8 Milliarden Euro fĂŒr die Entwicklung eines Demonstrators bewilligt.

[2] https://onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1002/epa2.1081

Ein Beitrag von:

Samuel B.H. Faure

Dozent fĂŒr Politikwissenschaft, UniversitĂ€t Sciences Po Saint-Germain-en-Laye; Wissenschaftlicher Mitarbeiter am CNRS-Forschungszentrum Printemps, UniversitĂ€t Paris-Saclay

Samuel B.H. Faure ist Dozent fĂŒr Politikwissenschaft an der UniversitĂ€t Sciences Po Saint-Germain-en-Laye und wissenschaftlicher Mitarbeiter am CNRS-Forschungszentrum Printemps an der UniversitĂ€t Paris-Saclay. Er ist Autor von zwei BĂŒchern und etwa dreißig Buchkapiteln und wissenschaftlichen Artikeln in englischer und französischer Sprache ĂŒber die Verteidigungspolitik und die RĂŒstungsindustrie in Europa. Website: https://samuelbhfaure.com/

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