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Nein, Deutschland ist nicht gewappnet und kann es auch nicht sein: einerseits ist die Begrifflichkeit zu umfassend, andererseits ist die BekÀmpfung hybrider Bedrohungen (mittels des vernetzten Ansatzes) nicht ausreichend institutionalisiert.
SpĂ€testens seit der Ukraine-Krise sind die Begriffe âhybride Bedrohungenâ und âhybride KriegsfĂŒhrungâ modern. 2016 fanden sie sich das erste Mal als zentrale sicherheitspolitische Herausforderung im WeiĂbuch der Bundesregierung wieder, zusammen mit der dazugehörigen Antwort des vernetzten Ansatzes. Hybride Bedrohungen â ein Bedrohungspotential, das unsere liberalen Demokratien auf unterschiedlichsten Wegen destabilisieren kann. Die erforderliche Reaktion (besser: PrĂ€vention) muss qua natura interdisziplinĂ€r und ressortĂŒbergreifend sein und bedarf zivil-militĂ€rischer Zusammenarbeit, institutionalisierter Regeln und Prozesse und Resilienz in der Bevölkerung.
Das Spektrum hybrider Bedrohungen ist enorm breit. Innerhalb des Cyberraums geht es um Hackerangriffe, Online-Propaganda und Radikalisierung und die Verbreitung von Desinformation. Die Akteure sind schwer nachzuverfolgen, Einfluss und Umfang der Aktion sind oft erst spĂ€t einschĂ€tzbar. Die Themen und angesprochenen Bevölkerungsgruppen sind so divers, dass die Unterscheidung zwischen autonomer gesellschaftlicher Entwicklung und gezielter, akteursgesteuerter Taktik oft unklar ist und flieĂend ineinander ĂŒbergehen kann. Wesentlich offensiver ist die Instrumentalisierung von FlĂŒchtlingen (jĂŒngstes Beispiel an der belarusisch-polnischen Grenze), bei der Akteure, Taktik und Ziel schnell identifizierbar sind, die Handhabung allerdings politisch sensibel und komplex. Ebenso gravierend: Investitionen und die Kontrolle fremder Staaten in bzw. ĂŒber kritische Infrastruktur wie beispielsweise Energieversorgung, (Flug-)hĂ€fen und Mobilfunknetze. Dabei spielt Wirtschaftspolitik eine ebenso groĂe Rolle wie AuĂen- und Sicherheitspolitik.
Diese Dynamik bedarf eines vernetzten Ansatzes in der BekĂ€mpfung, das heiĂt die Beteiligung unterschiedlicher Akteure aus MilitĂ€r, Politik, Zivilgesellschaft und Wissenschaft. Diese zu mobilisieren und ressortĂŒbergreifend zu koordinieren ist vielschichtig, vor allem wenn es darum geht, Prozesse, Strukturen und Verantwortlichkeiten festzulegen und zu bestimmen, was genau in diesen vernetzten Ansatz einflieĂt. PrĂ€vention, Reaktion und Resilienzförderung erfordern die wissenschaftliche Analyse gesellschaftlicher und sicherheitspolitischer Entwicklungen, eine ressortĂŒbergreifende Risikobewertung, nationale und multilaterale Absprachen und Informationsaustausch, die Sicherung von Infrastruktur, die Reglementierung von SanktionsmaĂnahmen, politische Bildung sowie die Förderung von Zivilcourage.
Seit Aufnahme in das WeiĂbuch der Bundesregierung wechselte die ministeriale FederfĂŒhrung fĂŒr hybride Bedrohungen mehrfach und liegt jetzt beim Bundesministerium des Innern (zuvor lag sie im Bundeskanzleramt und zwischenzeitlich im Bundesministerium der Verteidigung). Der vernetzte Ansatz ist verteidigungspolitisch im Bundesministerium der Verteidigung verankert. Es fehlt an Prozessen, die die ministeriale und ressortĂŒbergreifende Zusammenarbeit transparent machen und Redundanz verhindern: Analyse und Bewertung finden teilweise parallel und unabgestimmt statt, Handlungsempfehlungen werden oft erst mit groĂer Verzögerung umgesetzt.
FĂŒr eine effizientere und effektivere BekĂ€mpfung hybrider Bedrohungen mĂŒssen sowohl die Begrifflichkeit als auch der Lösungsansatz interdisziplinĂ€r und ressortĂŒbergreifend operationalisiert werden. Akteure, Mittel und Wirkung sollten klassifiziert und darauf aufbauend modulare Handlungsoptionen entwickelt werden. AuĂerdem gibt es kulturelle und strukturelle Defizite im Austausch auf Augenhöhe zwischen MilitĂ€r und Zivilgesellschaft, die dringend angegangen werden mĂŒssen. Ein Beispiel ist der Austausch von Informationen, der traditionell militĂ€rseitig auf dem Prinzip des Need to Know basiert und streng hierarchisch strukturiert ist. Zivilgesellschaftlich werden Prozesse und Entscheidungen wesentlich öfter hinterfragt, da gilt eher âje mehr Informationen, desto besserâ. Das Umdenken von Need to Know zu Dare to Share muss vielen Köpfen erst noch angewöhnt werden. Nicht zuletzt muss die Zivilbevölkerung viel stĂ€rker eingebunden werden â vor allem wenn es darum geht, hybride Bedrohungen als solche zu erkennen.






