Deutsche Atlantische Gesellschaft e.V.

Ausgabe 18: Christina Moritz

Sicherer mit einem Nationalen Sicherheitsrat?

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Er ist der RealitĂ€t gewordene schlimmste anzunehmende Fall, der schnelle Maßnahmen und Umsteuern erfordert: Der Ukraine-Krieg lĂ€sst weltweit sicher GewĂ€hntes ins Wanken geraten. Die Sicherheit der Energie- und Lebensmittelversorgung, kritischer Kommunikationssysteme und Infrastrukturen, die StabilitĂ€t der FinanzmĂ€rkte, vor allem aber ein friedliches Miteinander unter Wahrung der derzeitigen Staatsgrenzen. Wahlkampfforderungen nach Reformen in der deutschen Sicherheitsarchitektur und einem Nationalen Sicherheitsrat (NSR) hallen nach. Die im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung fĂŒr 2022 in Aussicht gestellte Nationale Sicherheitsstrategie befindet sich noch im AnkĂŒndigungsstadium, ein NSR nicht einmal in diesem. Und das, wĂ€hrend andere LĂ€nder unter dem Eindruck des russischen Angriffs Nationale SicherheitsrĂ€te im Eiltempo einsetzen. Darunter Ungarn, der bislang einzige VisegrĂĄd-Staat ohne eine zentrale Sicherheitsinstitution.

Deutsches Klein-Klein

In der Bundesrepublik gibt es derweil allerlei kleinteilige Initiativen ohne ĂŒbergeordnete Struktur oder Konzept. So haben die Innenminister von Bund und LĂ€ndern nach der Flutkatastrophe an der Ahr den ersten Schritt hin zu einer besseren Verzahnung ihrer ZustĂ€ndigkeiten getan. Zur StĂ€rkung des Zivil- und Katastrophenschutzes beschlossen sie Anfang Juni 2022 die GrĂŒndung des Gemeinsamen Kompetenzzentrums Bevölkerungsschutz beim Bundesamt fĂŒr Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in Bonn. Mit dieser neu geschaffenen Plattform sollen Behörden des Bundes wie Bundespolizei und Bundeswehr in Zukunft besser mit LĂ€ndern, Kommunen und Hilfsorganisationen zusammenarbeiten können. Auch zur Sicherheit im Netz zeichnen sich Verbesserungen ab. Von einer CyberSicherheitsstrategie und der BĂŒndelung von Kompetenzen auf Bundesebene ist die Rede. Rund zehn Milliarden Euro aus dem regulĂ€ren Bundeshaushalt stehen dafĂŒr kĂŒnftig zur VerfĂŒgung. Die Bundes-Netze zur Kommunikation zwischen Ministerien und Behörden sollen mit 6,5 Milliarden Euro modernisiert werden. FĂŒr den Aufbau eines schnellen Breitbandmobilfunks fĂŒr Polizei, Feuerwehr und andere EinsatzkrĂ€fte sind 1,5 Milliarden Euro, fĂŒr abhörsichere GesprĂ€che mit den deutschen Botschaften 5 Milliarden Euro veranschlagt.

Die weitreichendsten finanziellen, materiellen und institutionellen Anpassungen an die zunehmend komplexere Sicherheitslage schließlich betreffen die Bundeswehr. Mit 100 Milliarden Euro aus dem ‚Sondervermögen Bundeswehr‘ können vor allem Luftwaffe und Marine, aber auch das Heer, nun dringend benötigte Waffensysteme und persönliche Ausstattung fĂŒr Soldatinnen und Soldaten beschaffen. Aus dem bereits auf ĂŒber 50 Milliarden Euro aufgestockten Jahresetat fĂŒr Verteidigung wĂ€re dies nicht möglich gewesen. Zudem erhalten die StreitkrĂ€fte ein Territoriales FĂŒhrungskommando, das Katastrophenhilfe und Bevölkerungsschutz durch den Einsatz der Bundeswehr im Inland aus einer Hand steuern soll. Dieses wird aus dem schon bestehenden Kommando Territoriale Aufgaben hervorgehen und im MĂ€rz 2023 einsatzbereit sein.

Das AuswĂ€rtige Amt hat eine Sommer-Tour gestartet, um nach kanadischem Vorbild mit per Zufall ausgewĂ€hlten BĂŒrgerinnen und BĂŒrgern ĂŒber die Nationale Sicherheitsstrategie zu diskutieren. Die Beteiligung der Zivilgesellschaft ist grundsĂ€tzlich eine gute Idee. Zumal in Zeiten, in denen es angesichts immer neuer GefĂ€hrdungen bei der KrisenbewĂ€ltigung entscheidend auf deren WiderstandsfĂ€higkeit (Resilienz) ankommt. Doch wie reprĂ€sentativ und strategiebildend können ‚ZufallsbĂŒrger‘ sein, wenn ein Großteil der Bevölkerung gar nicht zu Wort kommt?

Es sind die Menschen im Lande, die bei Flut oder Brand Ersthilfe leisten, sich gegenseitig informieren oder dort ganz pragmatisch VorrĂ€te anlegen, wo staatliche Reserven bei SchutzrĂ€umen, Lebensmitteln oder Medikamenten jahrelang abgebaut worden sind. Schwindet ihr Vertrauen in die HandlungsfĂ€higkeit des Staates, schwĂ€cht dies Deutschland als Ganzes. Denn bei ihnen ist nicht nur UnterstĂŒtzungs-Potenzial, sondern auch bislang unentdeckter Sachverstand zu suchen und zu finden. Verunsichert und aufgebracht können BĂŒrgerinnen und BĂŒrger hingegen zum Instrument derer werden, die die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu destabilisieren trachten. Das gilt es zu verhindern mit dem Aufbau einer vertrauenswĂŒrdigen zentralen Sicherheitsinstitution, deren Empfehlungen von einer großen Mehrheit getragen werden, weil sie auf dem bestmöglichen Analyseprozess basieren.

Mit Sicherheit (noch) unsicher

Noch sind nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um die Bundesrepublik krisenfester zu machen. Insbesondere fehlt es an einer systematischen, umfassenden Herangehensweise und den nötigen institutionellen Reformen. Deshalb wird es ab Herbst 2022, wenn die nĂ€chste Corona-Welle zu erwarten steht und Russland die Angriffe auf die Ukraine unvermindert fortsetzt, wieder eines Pandemie-Krisenstabes im Bundeskanzleramt, womöglich ergĂ€nzt um einen Energie- oder Cyber-Krisenstab, bedĂŒrfen. Mehr Geld und die angedachten neuen Kompetenzzuschnitte in Teilbereichen reichen indes nicht aus, um Deutschland langfristig strategiefĂ€higer zu machen. Und wer sorgt einstweilen zentral fĂŒr eine koordinierte UnterstĂŒtzung der Ukraine, fĂŒr Energie- und Lebensmittelsicherheit oder fĂŒr Löschflugzeuge?

Sicherer wĂ€re Deutschland mit einem regelmĂ€ĂŸig tagenden Nationalen Sicherheitsrat mit festem organisatorischanalytischem Unterbau, der – lediglich im Notfall und zeitlich begrenzt – auch als Nationaler Krisenstab mit Durchgriffsrechten fungieren und Handlungsanweisungen kommunizieren könnte. Bei logischer Betrachtung muss er, anders als es die Ampel-Koalition bisher handhabt, vor der Ausformulierung einer Nationalen Sicherheitsstrategie entstehen. Denn nur mit einer im Kanzleramt angesiedelten ĂŒbergeordneten Leitstelle kann dreierlei gelingen: die erstmalige systematische Ansprache und Vernetzung neuer – auch internationaler – sicherheitsrelevanter Akteure, die Erarbeitung eines umfassenden Lagebildes durch BĂŒndelung und Analyse aller verfĂŒgbaren zivilen und militĂ€rischen Daten sowie die kontinuierliche Fortschreibung und Weiterentwicklung der deutschen Sicherheitsstrategie.

MilitĂ€rische VerteidigungsfĂ€higkeit, Katastrophen‑, Energie und IT-Resilienz im Zusammenhang mit Außenpolitik, Wirtschaft, Gesundheit, Klima oder Landwirtschaft strukturiert und umfassend 24 Stunden am Tag denken und ins Werk setzen – Kein Ressort, keine Denkfabrik und kein Lehrstuhl vermögen auf sich gestellt dieses schwierige Management der immer komplexer werdenden Bedrohungslage zu leisten. Ganz zu schweigen von der Auswertung großer Datenmengen (big data). Ein dem Bundeskanzler unterstellter NSR mit Nationalem Sicherheitsberater, Sekretariat und Ressort-Verbindungsbeamten dagegen böte all dies unter einem Dach. Vorbereitet wĂŒrden die Sitzungen durch eine externe Analyseeinheit mit – je nach Lage – flexibel einsetzbaren Expertenclustern.

Eine in dieser Form institutionalisierte KontinuitĂ€t mit einem rund um die Uhr handlungsfĂ€higen Nationalen Sicherheitsrat ist der SchlĂŒssel zu dauerhafter Sicherheit Deutschlands. Andernfalls droht ein neuer ‚Weißbuch-Effekt‘ – eine Karawane von Expertentreffen und Workshops, die letztlich in der WĂŒste des Zeitablaufs verschwindet. Vor allem aber drohen fortgesetzte DysfunktionalitĂ€t und Verlangsamung staatlicher Entscheidungsprozesse, wie sie wĂ€hrend der ersten Jahre der COVID-19-Pandemie besonders deutlich zutage traten.

Besonderheit und Mehrwert des NSR-Modells ist die Kombination aus operativer und strategischer HandlungsfĂ€higkeit. Gut ein Drittel aller Staaten weltweit hat einen Nationalen Sicherheitsrat etabliert, der in Notfallszenarien Empfehlungen fĂŒr Gegenmaßnahmen gibt. Dieses Konstrukt sollte hierzulande um KapazitĂ€ten ergĂ€nzt werden, die Eingaben von Anregungen aller BĂŒrgerinnen und BĂŒrger auswerten können. Insgesamt ist ein Nationaler Sicherheitsrat das geeignete institutionelle Austauschforum, um Deutschland krisenfester zu machen und fĂŒr Landes- und BĂŒndnisverteidigung besser aufzustellen.

Ein Beitrag von:

Christina Moritz

Politologin aus Berlin

Die Berliner Politologin Christina Moritz forscht und promoviert zu ihrem Modell fĂŒr einen deutschen Nationalen Sicherheitsrat (NSR), das sie 2016 erstmals vorgestellt hat. Die Expertin setzt sich in Fachpublikationen und VortrĂ€gen fĂŒr die Schaffung der Institution ein.

Weitere Informationen erhalten Sie von:

Dr. Nicolas Fescharek

Referent
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