Deutsche Atlantische Gesellschaft e.V.

Ausgabe 19: Robin Wagener MdB

Sine qua non – Die Ukraine stĂ€rker unterstĂŒtzen

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Ein Reisebericht von MdB Robin Wagener

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Es ist ca. 17:30 Uhr. Nach einem langen Tag mit verschiedensten politischen GesprĂ€chen sitzen wir im Zentrum Kyjiws, in der PrĂ€sidialadministration der Ukraine, und beraten die Fortschritte und KonditionalitĂ€ten eines ukrainischen EU-Beitritts als die Sirenen losheulen. Luftalarm. Eine Rakete wurde in Richtung Kyjiw abgefeuert, ihr Ziel zunĂ€chst unbekannt. Was in unserer Delegation eine gewisse NervositĂ€t hervorruft, gehört zur traurigen AlltĂ€glichkeit unserer GesprĂ€chspartner.

Symbolischer könnte ich meine jĂŒngste Dienstreise nach Kyjiw kaum zusammenfassen, denn wieder wurde klar, dass Putin einen Krieg gegen den EU-Beitritt und die Westintegration des Landes fĂŒhrt. Einen Krieg gegen unsere Werte und Ideale. 

„Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die der GrĂ¶ĂŸe der Bedrohung entsprechen“ erklĂ€rte Robert Schumann 1950 in den Geburtsstunden der EU. Dieser Satz bewahrheitet sich erneut. Die EuropĂ€ische Union ist unsere Garantie fĂŒr Frieden – ihr Versprechen wollen wir teilen und erneuern. Sie hat als Raum der Sicherheit und Freiheit, der Demokratie und des Rechts nichts an ihrer Strahlkraft verloren. Sie ist Leitstern fĂŒr die Menschen in der Westbalkanregion, in der Ukraine, in Moldau und in Georgien. Sie bleibt HoffnungstrĂ€ger fĂŒr die Zusammenarbeit und Partnerschaften mit den demokratischen Zivilgesellschaften, die sich ĂŒberall auf der Welt fĂŒr Menschenrechte einsetzen und sich ein Leben frei von UnterdrĂŒckung, Korruption und WillkĂŒr wĂŒnschen. Die Verleihung des Kandidatenstatus war daher richtig und all unsere ukrainischen GesprĂ€chspartner dankten uns fĂŒr die deutsche UnterstĂŒtzung in der Frage.

Nun braucht es eben diese „schöpferischen Anstrengungen“ in den kommenden Monaten und Jahren in Kyjiw, BrĂŒssel, aber auch in Berlin. Ein Ziel meiner Reise war daher auch ein erstes Ausloten einer „Integrationspartnerschaft“ zwischen dem Deutschen Bundestag und der ukrainischen Werchowna Rada. Denn klar ist, die EU wird weiterhin der Reformmotor bleiben und Deutschland kann und sollte hier seiner Verantwortung gerecht werden.

Der russische Vernichtungskrieg gegen die Ukraine hat die geopolitische Situation und Sicherheitsarchitektur auf unserem Kontinent radikal verĂ€ndert. Putin versucht mit brachialer Gewalt, sein diktatorisches RĂ©gime auf unserem Kontinent auszuweiten. Die Verantwortung fĂŒr diesen Krieg trĂ€gt Putin. Die Verantwortung fĂŒr den Schutz vor ihm tragen wir gemeinsam. Daher ist die Integration Schwedens und Finnlands in die NATO ebenso folgerichtig wie die militĂ€rische UnterstĂŒtzung der Ukraine. 

Im Lichte der russischen Invasion hat der Bundestag aus seiner demokratischen Mitte heraus der Ukraine die unverbrĂŒchliche Freundschaft und volle SolidaritĂ€t ausgedrĂŒckt. Wiederholt wurde interfraktionell nicht nur die politische, wirtschaftliche, finanzielle und humanitĂ€re UnterstĂŒtzung zugesagt, sondern auch die Lieferung von RĂŒstungsgĂŒtern in das ukrainische Kriegsgebiet bestĂ€tigt. Diese BeschlĂŒsse bedĂŒrfen einer engagierten Umsetzung. Angesichts der existenziellen Fragestellungen taugt die Auseinandersetzung um Waffenlieferungen nicht zum parteipolitischen Schaukampf, sondern fordert eine verantwortungsbewusste, ehrliche und transparente Debatte und engagierte und mutige PrĂŒfung der Mittel- und Möglichkeiten, um die Ukraine in ihrem Kampf fĂŒr Freiheit, Demokratie, territoriale IntegritĂ€t und SouverĂ€nitĂ€t bestmöglich zu unterstĂŒtzen.

Deutschland hat angesichts der unprovozierten und völkerrechtswidrigen russischen Invasion der Ukraine mit der Tradition einer restriktiveren RĂŒstungsexportpolitik gebrochen. Das war moralisch geboten, ist rechtens und richtig. Die Bundesregierung und unsere Partner in EU und NATO bewegen sich damit klar im rechtlichen Rahmen der Charta der Vereinten Nationen in der UnterstĂŒtzung der Selbstverteidigung eines souverĂ€nen Staates. Die militĂ€rische UnterstĂŒtzung der Ukraine alleine durch die fortwĂ€hrende Lieferung von Waffen macht keinen der ukrainischen Alliierten völkerrechtlich zu einer Konfliktpartei, egal was Putins Weltanschauung oder Propaganda behaupten. Auch Art und Umfang der gelieferten RĂŒstungsgĂŒter können daran nichts Ă€ndern – zumal es fĂŒr die Unterscheidung zwischen „leichten“ und „schweren“ Waffen keine rechtlich verbindliche Definition gibt und dieser Begriff vor allem dem politischen Vokabular entstammt. Debatten ĂŒber bestimmte Qualifizierungen unserer militĂ€rischen UnterstĂŒtzung bringen uns darum nicht weiter. Die Exporte mĂŒssen sich endlich am Bedarf der ukrainischen StreitkrĂ€fte orientieren. Eine westliche Staatengemeinschaft, die mit der Panzerhaubitze 2000 eines der modernsten, aber auch mit HIMARS, M270 und anderem moderne und sehr effektive westliche Waffensysteme liefert, kann die Ausfuhr von einfachen SchĂŒtzenpanzern nicht ohne stichhaltige BegrĂŒndung versagen. Wir sollten uns nicht den haltlosen russischen DrohgebĂ€rden beugen, sondern bleiben auch hier dem Völkerrecht verpflichtet.

Niemand kann heute sagen, wann und wie dieser Krieg beendet wird. Die Verantwortung hierfĂŒr trĂ€gt der Aggressor Russland. Und ĂŒber die Frage, zu welchen Bedingungen dies akzeptabel wĂ€re, haben zunĂ€chst auch die angegriffenen Ukrainerinnen und Ukrainer zu befinden. Mit Sicherheit kann man aber sagen, dass die russische militĂ€rische Überlegenheit ĂŒberwunden werden muss, um ernsthafte Verhandlungen zu ermöglichen, die die Ukraine in ihrer Existenz, SouverĂ€nitĂ€t und demokratischen Ausrichtung sichern. Die Erkenntnis, dass eine kleine postsowjetische Armee sich nicht gegen eine ĂŒbergroße postsowjetische Armee behaupten kann, fĂŒhrte bereits zu den Waffenlieferungen der westlichen VerbĂŒndeten. Nun gilt es, diese Lieferungen an den Bedarf der verĂ€nderten KriegsfĂŒhrung anzupassen und die Ukraine auch mit modernem GerĂ€t westlichen Standards auszustatten. Dies hilft, einen brutalen Abnutzungskrieg mit unzĂ€hligen Opfern auf beiden Seiten zu vermeiden. Es gehört zu den vermeintlichen AbsurditĂ€ten dieses Krieges, dass ein Mehr an modernen Waffen zu weniger Gewalt und Tod fĂŒhren kann. Die amerikanischen HIMARS oder
deutschen Haubitzen liefern die Evidenz: Die westlichen Artilleriesysteme zerstören gezielt russische Munitionsdepots auf grĂ¶ĂŸere Entfernung und beugen damit Tod und Zerstörung vor. Dies haben mir nahezu alle GesprĂ€chspartner in Kyjiw bestĂ€tigt und es heißt, dass allein der Einsatz der amerikanischen HIMARS den russischen Artilleriebeschuss um das 10fache reduziert hĂ€tte. Moderne westliche Waffen verĂ€ndern somit auch die Kalkulation des Kremls. Aber auch einfachere SchĂŒtzenpanzer können einen Beitrag zum Schutz der ukrainischen StreitkrĂ€fte leisten, da hierdurch das Risiko von Verletzungen durch die Schrapnelle der russischen Artillerie gesenkt wird. Angesichts der berichteten brutalen russischen Kriegsverbrechen in den besetzen Gebieten ist es notwendig, dass die Ukraine diese Gebiete so schnell wie möglich befreien kann. Jeder befreite Kilometer bedeutet weniger ermordete, verschleppte, vergewaltigte, verstĂŒmmelte Menschen. FĂŒr diese Befreiung ist auch der sichere gepanzerte Transport von Soldaten erforderlich. Schwere Waffen bieten den Soldaten in den Frontstellungen besseren Schutz und erhöhen die VerteidigungsfĂ€higkeiten der ukrainischen StreitkrĂ€fte – es grenzte an unterlassener Hilfeleistung, wĂŒrden wir die bestehenden FĂ€higkeiten versagen.

Es klingt zunĂ€chst befremdlich, aber die Lieferung schwerer Waffen zĂ€hlt zur besten humanitĂ€ren Hilfe, die man der Ukraine aktuell leisten kann. Dies war eine der zentralen Botschaften aus meinem GesprĂ€ch mit den Vertreter*innen der ukrainischen Zivilgesellschaft. Schwere westliche Waffen seien auch eine Voraussetzung fĂŒr die europĂ€ische Integration und alle Anstrengungen der Ukraine fĂŒr die notwendigen Reformen zur BekĂ€mpfung der Korruption und weiteren Modernisierung des Landes – darin waren sich alle einig. Nur eine weiter existierende und souverĂ€ne Ukraine kann diese Reformen durchfĂŒhren und eines Tages Mitglied der EuropĂ€ischen Union werden. 

Moderne Waffenlieferungen leisten einen Beitrag, diesen Krieg einzudĂ€mmen. Deswegen sollten wir auch die anhaltende Debatte ĂŒber die Ringtausche nicht ĂŒberbewerten und uns auf die direkte Lieferung moderner westlicher Waffen inklusive SchĂŒtzen- und Kampfpanzern konzentrieren. Die Ukraine ist kein fernes Land im Nirgendwo, sondern kĂ€mpft in unserer Nachbarschaft fĂŒr unsere gemeinsamen demokratischen Werte. Putins Pfad der maximalen Konfrontation sollten wir daher nicht mit missverstĂ€ndlichen Rezepten einer ĂŒberholten Entspannungspolitik beantworten wollen, sondern unseren BeschlĂŒssen folgen und die RĂŒstungsexporte in Abstimmung mit unseren Partnern und in der gemeinsamen Verantwortung am Bedarf der Ukraine ausrichten. Hierzu gilt es auch den transatlantischen Dialog auf allen Ebenen zu intensivieren.

Ein Beitrag von:

Robin Wagener MdB

BĂŒndnis 90/Die GrĂŒnen

Robin Wagener, geboren 16.August 1980, studierte Rechtswissenschaften an der UniversitĂ€t Bielefeld. Ab 2015 war er Richter in der Sozialgerichtsbarkeit in MĂŒnster und Detmold. Seit 2021 ist er fĂŒr BĂŒndnis 90/Die GrĂŒnen Mitglied des Deutschen Bundestages.

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