In der nordenglischen Grafschaft Yorkshire thront ĂŒber dem Wear-Fluss die Kathedrale zu Durham. Viele KĂ€mpfe hat dieses Gotteshaus âhalf Church of God, half castle âșgainst the Scotâ schon erlebt. Eines der bunten Kirchenfenster ist der Royal-Air-Force gewidmet und thematisiert die âSchlacht von Englandâ. Aus vielen farbenprĂ€chtigen Flachglas-Teilen setzt sich das Bild eines Air-Force-Piloten zusammen, der auf einem schwarzen Falken steht â ein Sinnbild fĂŒr die Jagdflugzeuge aus der Hawker-Reihe. Er wird von einem Erzengel gehĂŒtet. Unter den Fittichen von Falke, Soldat und Engel ruht in Sicherheit die Stadt Durham.
Die hier gezeigte Einheit von BĂŒrgerschaft, Armee und göttlichem Schutz illustriert, dass viele Gesellschaften so ganz anders von ihren StreitkrĂ€ften denken als die deutsche. Viele dieser EindrĂŒcke habe ich auf meinen Reisen im Ausland gesammelt. Sie haben fĂŒr mich ein Bild geprĂ€gt, wie eine demokratische, moderne Armee aussehen sollte. In diesem Essay möchte ich, wie bei einem Mosaik, die unterschiedlichen Erfahrungen zusammenfĂŒgen und so die Gesamtidee greifbarer machen. Das mag gerade in diesen Tagen der âZeitenwendeâ eine lohnende Aufgabe sein.
ISTANBUL Ein fĂŒr mich einschneidendes Ereignis waren die Geschehnisse um den tĂŒrkischen Putschversuch vom 15. Juli 2016, die ich vor Ort als Student miterlebte. Kampfjets der Putschisten jagten so schnell und tief ĂŒber die DĂ€cher der HĂ€user, dass sie die Schallmauer durchbrachen, und wir alle dachten: Die Stadt wird bombardiert. Schlecht bewaffnete Zivilist:innen strömten in heldenhafter Courage auf die öffentlichen PlĂ€tze, um ihre Republik zu verteidigen. Diese Tage waren eine grollende Warnung fĂŒr jede liberale Demokratie. Gleiches gilt fĂŒr die völkerrechtswidrige Invasion in Nordsyrien. Ăber die FĂ€higkeiten der tĂŒrkischen Armee hingegen bin ich immer wieder erstaunt: Sie ist nicht nur zweitgröĂte Truppenstellerin in der NATO, auch qualitativ leistet sie einen wichtigen Beitrag zum BĂŒndnis. Als die meisten anderen westlichen Staaten kopflos aus Afghanistan geflohen waren, sicherten kurz darauf tĂŒrkische Soldaten den Flughafen von Kabul.
BOCHUM Mit einem deutschen Afghanistan-Veteran habe ich oft ĂŒber die Bundeswehr diskutiert. Trotz mancher Debatten ĂŒber âHaltungsproblemeâ und die mangelhafte Technik hat er mich gelehrt, das GrĂŒndungsideal der Bundeswehr zu schĂ€tzen: Eine Armee aus StaatsbĂŒrger:innen in Uniform, die nur in strengsten AusnahmefĂ€llen unsere PlĂ€tze im Inland betritt, und der sich jeder entziehen kann, wenn sein Gewissen es befiehlt. Das ist fĂŒr mich eine einzigartige Eigenschaft der deutschen StreitkrĂ€fte. Denn die Parlamentsarmee will fest umgĂŒrtet sein mit dem gesellschaftlichen Band, das freiheitlich-demokratische Grundordnung heiĂt.
DURHAM Die schmerzliche Stimmung im Gottesdienst erinnerte mich an Karfreitag. Der âRemembrance Dayâ, mit dem die britische Gesellschaft ihrer toten Soldat:innen gedenkt, wurde in meiner englischen Kirchengemeinde voller Anteilnahme zelebriert. Der Prediger berichtete von einem ScharfschĂŒtzen aus unserer Mitte, der nach seinem Einsatz im Irak stĂ€ndig ĂŒber seine Rolle als Herr ĂŒber Leben und Tod grĂŒbeln mĂŒsse und dessen Seele daran zu zerbersten drohe. Schon in den Wochen vor dem Feiertag hatten sich die sonst so verfeindeten Politiker:innen beider Lager die stilisierte Mohnblume ans Revers geheftet. Ich sah das Zeichen der SolidaritĂ€t in Schaufenstern, auf der StraĂe, oft im Fernsehen. Die britische Gesellschaft debattiert jeden November aufs Neue all die groĂen ethischen Fragen der Friedenspolitik und hinterfragt ganz konkret die Kriegsziele aktueller Konflikte. Die deutsche Ăffentlichkeit ĂŒbte sich bisher bei diesen Themen in Ignoranz.
BRĂSSEL WĂ€hrend meiner Traineezeit bei der EU Kommission lernte ich viele Kolleg:innen kennen, die im NATO-Hauptquartier arbeiteten. Unter all den Organisationen, die in der europĂ€ischen Hauptstadt tĂ€tig sind, ist die NATO fĂŒr mich das gröĂte, aber auch fragilste Wunder. MĂ€nner und Frauen in Zivil oder Uniform arbeiten hier miteinander, man spricht unterschiedliche Sprachen, bringt die besten Eigenschaften verschiedener Disziplinen zusammen, schafft tagtĂ€glich durch diese Vielfalt ein StĂŒck der transatlantischen IdentitĂ€t. Doch all das beruht nur auf dem guten Willen der Nationen â und bis vor kurzem diskutierte man in den HauptstĂ€dten ernsthaft die Abwicklung des BĂŒndnisses. Es ist symbolhaft, dass das neue Hauptquartier trotz des eisernen, trutzigen âNATO Starsâ am Fahnenplatz vor allem aus zerbrechlichem Glas und filigranem Stahl zu bestehen scheint.
Wie also soll die Idee jener Bundeswehr, die ich mir fĂŒr die Zukunft vorstelle, zusammengefĂŒgt sein? Welches Gesamtbild ergibt sich aus den einzelnen Mosaiksteinen?
- Dem tĂŒrkischen Vorbild sollten wir nur ganz punktuell folgen: Wir mĂŒssen mehr in den MilitĂ€rhaushalt investieren. Unser KriegsgerĂ€t muss auf dem neusten Stand der Technik sein. Vor allem die digitale Abwehr muss gestĂ€rkt werden.
- Unsere Gesellschaft muss lernen, sich, wie die Briten, mit dem Krieg politisch zu befassen: Kriegspolitik muss sich immer neu begrĂŒnden. Veteranen verdienen unsere Anerkennung. Kein Soldat, der nach einem freien Tag mit der Bahn zur Kaserne fĂ€hrt, soll lange grĂŒbeln mĂŒssen, ob er sich in Uniform zeigt.
- In BrĂŒssel spĂŒrt man die starke Beziehung von Bundeswehr und NATO: Wenn uns Afghanistan etwas gelehrt hat, dann doch dass alle europĂ€ischen Initiativen zum Ziel haben mĂŒssen, die NATO zu stĂ€rken. Wir dĂŒrfen daneben keine neue, aber schwĂ€chere Allianz errichten. Gleichzeitig kann die Bundeswehr viel von der DiversitĂ€t der NATO lernen. Denn hier zeigt sich, dass Vielfalt eine StĂ€rke ist.
- Bei allen Reformen soll die Bundeswehr fest zu ihren GrĂŒndungsideen stehen: Die Armee sei beseelt von dem liberalen Ethos unserer Demokratie. Denn das ist der stĂ€rkste Schild, wie Karl Popper sagen wĂŒrde, der offenen Gesellschaft vor ihren Feinden.






