Die Aufgabe des westlichen Dnipro-Ufers bei Cherson ist die dritte bedeutende militĂ€rische Niederlage Russlands in der Ukraine. Bereits Anfang April, nur sechs Wochen nach Kriegsbeginn, musste die russische Armee ihren Angriff auf Kyiv aufgeben. Schlechte logistische Planung und militĂ€rische AusfĂŒhrung lieĂen den VorstoĂ buchstĂ€blich stecken bleiben. Mitte September konnte die Ukraine die russischen KrĂ€fte dann aus dem Gebiet Charkiw zurĂŒckdrĂ€ngen und so den Druck auf die russischen Frontlinien im Osten weiter hochhalten. Am 09. November kĂŒndigten der russische Verteidigungsminister Sergei Schoigu und der Oberbefehlshaber fĂŒr die Ukraine Sergei Surowikin den Abzug aus der Stadt Cherson an. Bereits am Wochenende danach verlieĂen die russischen Truppen das westliche Dnipro-Ufer.
Begleitet werden die militĂ€rischen RĂŒckschlĂ€ge in der Ukraine von einer ganzen Reihe politischer FehleinschĂ€tzungen. So setzt Moskau darauf, dass die westliche UnterstĂŒtzung fĂŒr die Ukraine angesichts der hohen Kosten, die der Krieg auch fĂŒr Europa und die USA verursacht, nachlĂ€sst. ErfĂŒllt hat sich diese Hoffnung bislang â trotz kontroverser Debatten um die UnterstĂŒtzung der Ukraine zwischen westlichen VerbĂŒndeten und innerhalb westlicher Staaten â nicht. Im Gegenteil: Bis dato vermochten es weder Konflikte um Waffenlieferungen und strategische Zielsetzungen noch der steigende innenpolitische Druck durch Inflation und Energiekrise, die UnterstĂŒtzung fĂŒr Kyiv ernsthaft in Frage zu stellen.
FehleinschĂ€tzungen, Korruption und schlechte AusrĂŒstung
Die GrĂŒnde des russischen Scheiterns sind vielfĂ€ltig. Letztlich sind sie jedoch alle Konsequenz des bestehenden politischen Systems. Moskaus Entscheidungen zeichnen sich durch politische FehleinschĂ€tzungen und unzulĂ€ngliche militĂ€rische FĂŒhrung aus, die vor allem durch den Vorrang von LoyalitĂ€t gegenĂŒber Kompetenz als ausschlaggebenden Karrierefaktor bedingt ist. Dazu kommen die Korruption in der Politik und der RĂŒstungsindustrie, ein mangelhaftes VerstĂ€ndnis fĂŒr die politischen und gesellschaftlichen RealitĂ€ten in der Ukraine und in Europa, und die katastrophale Ausstattung der russischen Armeen, die sich ihrerseits in schlechter Ausbildung, schlechter AusrĂŒstung, und schlechter Moral niederschlĂ€gt. Moskau hat die eigene StĂ€rke ĂŒberschĂ€tzt, vor allem aber den Widerstand der Ukraine und den Zusammenhalt im Westen unterschĂ€tzt. Der Krieg in der Ukraine ist kein schneller Siegeszug, sondern ein verlustreicher Abnutzungskrieg. Das Risiko ist hoch, dass dies mittelfristig so bleiben wird.
Doch trotz der bisherigen gravierenden Fehler hat Moskau diese Situation erkannt und passt seine militĂ€rische Strategie den politischen RealitĂ€ten sowie dem Kriegsverlauf an. Der RĂŒckzug aus Cherson zeigt, dass die politische FĂŒhrung Russlands kein irrationaler und blinder Akteur ist. Trotz der offensichtlichen Fehlentscheidungen und der systemischen Fehler ist Moskau fĂ€hig zu lernen â und das sowohl in Bezug auf das eigene militĂ€rische Handeln als auch mit Blick auf die Kommunikation.
In dem seit Wochen vorbereiteten â wenn auch erzwungenen â RĂŒckzug aus Cherson und vom rechten Dnipro-Ufer zeigt sich, welche Lehren Russland aus dem chaotischen Verlust der Gebiete um Charkiw im September gezogen hat. Die militĂ€rische FĂŒhrung passt die Ziele an die FĂ€higkeiten und Möglichkeiten der russischen KrĂ€fte an. Die Vorbereitungen dieses RĂŒckzugs laufen bereits seit Anfang Oktober. Sie umfassen die Aufgabe des schwer zu verteidigenden BrĂŒckenkopfes westlich des Dnipro und den RĂŒckzug hinter das östliche Ufer â eine deutlich leichter zu verteidigende Frontlinie. PrioritĂ€t hat insbesondere die Sicherung der LandbrĂŒcke zur Krim und anderer besetzter Gebiete. Das zeigt sich vor allem durch die Absicherung der Frontlinie und das VerstĂ€rken dezimierter Einheiten durch mobilisierte KrĂ€fte. UnterstĂŒtzt werden diese MaĂnahmen durch die anhaltenden Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur sowie die Truppenbewegungen in Belarus, die einen Teil der ukrainischen KrĂ€fte im Norden binden.
Verbesserte Kommunikation
Die Anpassung der militĂ€rischen Strategie an die Lage in der Ukraine wird begleitet von einer deutlich verbesserten und zielgerichteteren Kommunikation. Dies zeigt sich besonders im Vergleich mit den russischen Niederlagen bei Kyiv and Charkiw. Als im MĂ€rz die tiefgreifenden Probleme der Offensive auf Kyiv deutlich wurden, lief laut Wladimir Putin noch âalles nach Planâ; und der chaotische RĂŒckzug aus der Region Charkiw wurde von russischer Seite erst kommentiert, als er nicht mehr zu leugnen war â und dann wenig spĂ€ter, ebenso wie der gescheiterte Angriff auf Kyiv, mit dem Euphemismus der âUmgruppierungâ verschleiert. Die Mitteilung dazu verkĂŒndete der Pressesprecher des Verteidigungsministeriums. Die militĂ€rische und politische FĂŒhrung duckte sich weg. Diese VersĂ€umnisse fĂŒhrten wiederum zu einem Verlust der Deutungshoheit. Die Folge war eine heftige, wenn auch kurze Welle öffentlicher Kritik, die ihren Ausdruck nicht nur im russischen Fernsehen, sondern auch in den zahlreichen Telegram-Chats fand, die seit Kriegsbeginn eine wichtige Quelle fĂŒr das Kriegsgeschehen auf russischer Seite sind. Mitglieder der Eliten wie der tschetschenische Machthaber Ramsan Kadyrow und der GrĂŒnder der Wagner-Gruppe Jewgeni Prigoschin nutzten die Gelegenheit, um ihre persönliche Fehde mit dem Verteidigungsministerium zu befeuern.
Deutlich besser kommunizierte die russische FĂŒhrung nun jedoch mit Blick auf den RĂŒckzug vom rechten Dnipro-Ufer. So kĂŒndigte Sergei Surowikin bereits am 18. Oktober an, dass im Gebiet Cherson schwere Entscheidungen getroffen werden mĂŒssten â und in einer inszenierten Sitzung verkĂŒndeten Surowikin und Schoigu schlieĂlich den RĂŒckzug aus der Region. BegrĂŒndet wurde dies nicht nur mit militĂ€rischen ZwĂ€ngen, sondern auch mit dem Vorrang des Lebens russischer Soldaten. Eine BegrĂŒndung, die angesichts des bisherigen Umgangs mit den eigenen Soldaten reichlich zynisch wirkt, jedoch genau ĂŒberlegt sein dĂŒrfte. Denn angesichts der breiten Mobilisierung russischer Soldaten ist ihr Ăberleben von gestiegener Bedeutung fĂŒr die russische Ăffentlichkeit.
Die Verantwortung fĂŒr die militĂ€rische Lage wird allein den MilitĂ€rs und dem Verteidigungsministerium ĂŒberlassen: Die politische FĂŒhrung zeigte sich nicht bei der inszenierten VerkĂŒndung des RĂŒckzugs. Surowikin ist dafĂŒr der geeignete Mann. Seine Vita â geprĂ€gt von RĂŒcksichtslosigkeit und dem Einsatz unerbittlicher militĂ€rischer Gewalt â lĂ€sst ihn unverdĂ€chtig erscheinen, was Zimperlichkeit oder fehlendes Durchsetzungsvermögen angeht. Er kann den RĂŒckzug deshalb als militĂ€risch alternativlos darstellen und dabei glaubwĂŒrdig bleiben. Die bisherigen Kritiker des russischen Verteidigungsministeriums wie Kadyrov und Prigoschin bezeichneten die Entscheidung ebenfalls als richtig und auch Wladimir Solowyow, ein russischer TV-Moderator und fĂŒhrender Propagandist, sprach von einem schmerzhaften, aber militĂ€risch sinnvollen Schritt.
Blitzableiter fĂŒr Misserfolge
Mit dieser Entscheidung und der passenden Kommunikation versucht Moskau, das Vertrauen der Bevölkerung, aber auch der Eliten in das Machtsystem zu festigen. Der militĂ€rische RĂŒckzug muss damit nicht zwingend zu mehr Skepsis gegenĂŒber der politischen FĂŒhrung und dem System fĂŒhren, sondern könnte sogar das Gegenteil bewirken. Unterhalb der politischen Zielsetzung und auf der Ebene militĂ€rischer Strategien eröffnet sich ein begrenzter Raum von ĂberprĂŒfung und Anpassung von Entscheidungen. Dieser dient auch als Blitzableiter fĂŒr Misserfolge im Krieg gegen die Ukraine und schĂŒtzt die politische FĂŒhrung vor Kritik. Den Preis fĂŒr Fehlentscheidungen zahlt nicht Putin selbst, sondern den zahlen diejenigen, deren Aufgabe die Umsetzung der politischen Ziele ist, insbesondere auf militĂ€rischer Ebene. Dies eröffnet ein politisches Konfliktfeld, in dem Elitenmitglieder um Ressourcen konkurrieren können, ohne das System an sich in Frage zu stellen. Diese Konkurrenz war und ist ein stabilisierender Faktor des russischen Machtsystems.
Die ĂŒbergeordneten politischen Ziele, die insbesondere Putin in seinen Reden seit Kriegsbeginn beschreibt, werden dagegen nicht aufgegeben: Die Zerstörung der Ukraine, die auĂenpolitische Umsetzung des russischen Imperialismus und die Erhaltung des innenpolitischen Machtsystems bleiben das Ziel. Kritik an diesen Zielen und damit an Putin und dem Machtsystem selbst wird auch weiterhin nicht geduldet. Moskaus LernfĂ€higkeit beschrĂ€nkt sich damit auf militĂ€rische Strategien und ihre politische Kommunikation, die politische Zielsetzung bleibt davon unberĂŒhrt.






