Deutsche Atlantische Gesellschaft e.V.

Aus Fehlern lernen – Der russische Rückzug aus Cherson

Ausgabe 22: Sarah Pagung

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Die Aufgabe des westlichen Dnipro-Ufers bei Cherson ist die dritte bedeutende militärische Niederlage Russlands in der Ukraine. Bereits Anfang April, nur sechs Wochen nach Kriegsbeginn, musste die russische Armee ihren Angriff auf Kyiv aufgeben. Schlechte logistische Planung und militärische Ausführung ließen den Vorstoß buchstäblich stecken bleiben. Mitte September konnte die Ukraine die russischen Kräfte dann aus dem Gebiet Charkiw zurückdrängen und so den Druck auf die russischen Frontlinien im Osten weiter hochhalten. Am 09. November kündigten der russische Verteidigungsminister Sergei Schoigu und der Oberbefehlshaber für die Ukraine Sergei Surowikin den Abzug aus der Stadt Cherson an. Bereits am Wochenende danach verließen die russischen Truppen das westliche Dnipro-Ufer.

Begleitet werden die militärischen Rückschläge in der Ukraine von einer ganzen Reihe politischer Fehleinschätzungen. So setzt Moskau darauf, dass die westliche Unterstützung für die Ukraine angesichts der hohen Kosten, die der Krieg auch für Europa und die USA verursacht, nachlässt. Erfüllt hat sich diese Hoffnung bislang – trotz kontroverser Debatten um die Unterstützung der Ukraine zwischen westlichen Verbündeten und innerhalb westlicher Staaten – nicht. Im Gegenteil: Bis dato vermochten es weder Konflikte um Waffenlieferungen und strategische Zielsetzungen noch der steigende innenpolitische Druck durch Inflation und Energiekrise, die Unterstützung für Kyiv ernsthaft in Frage zu stellen.

Fehleinschätzungen, Korruption und schlechte Ausrüstung

Die Gründe des russischen Scheiterns sind vielfältig. Letztlich sind sie jedoch alle Konsequenz des bestehenden politischen Systems. Moskaus Entscheidungen zeichnen sich durch politische Fehleinschätzungen und unzulängliche militärische Führung aus, die vor allem durch den Vorrang von Loyalität gegenüber Kompetenz als ausschlaggebenden Karrierefaktor bedingt ist. Dazu kommen die Korruption in der Politik und der Rüstungsindustrie, ein mangelhaftes Verständnis für die politischen und gesellschaftlichen Realitäten in der Ukraine und in Europa, und die katastrophale Ausstattung der russischen Armeen, die sich ihrerseits in schlechter Ausbildung, schlechter Ausrüstung, und schlechter Moral niederschlägt. Moskau hat die eigene Stärke überschätzt, vor allem aber den Widerstand der Ukraine und den Zusammenhalt im Westen unterschätzt. Der Krieg in der Ukraine ist kein schneller Siegeszug, sondern ein verlustreicher Abnutzungskrieg. Das Risiko ist hoch, dass dies mittelfristig so bleiben wird.

Doch trotz der bisherigen gravierenden Fehler hat Moskau diese Situation erkannt und passt seine militärische Strategie den politischen Realitäten sowie dem Kriegsverlauf an. Der Rückzug aus Cherson zeigt, dass die politische Führung Russlands kein irrationaler und blinder Akteur ist. Trotz der offensichtlichen Fehlentscheidungen und der systemischen Fehler ist Moskau fähig zu lernen – und das sowohl in Bezug auf das eigene militärische Handeln als auch mit Blick auf die Kommunikation.

In dem seit Wochen vorbereiteten – wenn auch erzwungenen – Rückzug aus Cherson und vom rechten Dnipro-Ufer zeigt sich, welche Lehren Russland aus dem chaotischen Verlust der Gebiete um Charkiw im September gezogen hat. Die militärische Führung passt die Ziele an die Fähigkeiten und Möglichkeiten der russischen Kräfte an. Die Vorbereitungen dieses Rückzugs laufen bereits seit Anfang Oktober. Sie umfassen die Aufgabe des schwer zu verteidigenden Brückenkopfes westlich des Dnipro und den Rückzug hinter das östliche Ufer – eine deutlich leichter zu verteidigende Frontlinie. Priorität hat insbesondere die Sicherung der Landbrücke zur Krim und anderer besetzter Gebiete. Das zeigt sich vor allem durch die Absicherung der Frontlinie und das Verstärken dezimierter Einheiten durch mobilisierte Kräfte. Unterstützt werden diese Maßnahmen durch die anhaltenden Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur sowie die Truppenbewegungen in Belarus, die einen Teil der ukrainischen Kräfte im Norden binden.

Verbesserte Kommunikation

Die Anpassung der militärischen Strategie an die Lage in der Ukraine wird begleitet von einer deutlich verbesserten und zielgerichteteren Kommunikation. Dies zeigt sich besonders im Vergleich mit den russischen Niederlagen bei Kyiv and Charkiw. Als im März die tiefgreifenden Probleme der Offensive auf Kyiv deutlich wurden, lief laut Wladimir Putin noch „alles nach Plan“; und der chaotische Rückzug aus der Region Charkiw wurde von russischer Seite erst kommentiert, als er nicht mehr zu leugnen war – und dann wenig später, ebenso wie der gescheiterte Angriff auf Kyiv, mit dem Euphemismus der „Umgruppierung“ verschleiert. Die Mitteilung dazu verkündete der Pressesprecher des Verteidigungsministeriums. Die militärische und politische Führung duckte sich weg. Diese Versäumnisse führten wiederum zu einem Verlust der Deutungshoheit. Die Folge war eine heftige, wenn auch kurze Welle öffentlicher Kritik, die ihren Ausdruck nicht nur im russischen Fernsehen, sondern auch in den zahlreichen Telegram-Chats fand, die seit Kriegsbeginn eine wichtige Quelle für das Kriegsgeschehen auf russischer Seite sind. Mitglieder der Eliten wie der tschetschenische Machthaber Ramsan Kadyrow und der Gründer der Wagner-Gruppe Jewgeni Prigoschin nutzten die Gelegenheit, um ihre persönliche Fehde mit dem Verteidigungsministerium zu befeuern.

Deutlich besser kommunizierte die russische Führung nun jedoch mit Blick auf den Rückzug vom rechten Dnipro-Ufer. So kündigte Sergei Surowikin bereits am 18. Oktober an, dass im Gebiet Cherson schwere Entscheidungen getroffen werden müssten – und in einer inszenierten Sitzung verkündeten Surowikin und Schoigu schließlich den Rückzug aus der Region. Begründet wurde dies nicht nur mit militärischen Zwängen, sondern auch mit dem Vorrang des Lebens russischer Soldaten. Eine Begründung, die angesichts des bisherigen Umgangs mit den eigenen Soldaten reichlich zynisch wirkt, jedoch genau überlegt sein dürfte. Denn angesichts der breiten Mobilisierung russischer Soldaten ist ihr Überleben von gestiegener Bedeutung für die russische Öffentlichkeit.

Die Verantwortung für die militärische Lage wird allein den Militärs und dem Verteidigungsministerium überlassen: Die politische Führung zeigte sich nicht bei der inszenierten Verkündung des Rückzugs. Surowikin ist dafür der geeignete Mann. Seine Vita – geprägt von Rücksichtslosigkeit und dem Einsatz unerbittlicher militärischer Gewalt – lässt ihn unverdächtig erscheinen, was Zimperlichkeit oder fehlendes Durchsetzungsvermögen angeht. Er kann den Rückzug deshalb als militärisch alternativlos darstellen und dabei glaubwürdig bleiben. Die bisherigen Kritiker des russischen Verteidigungsministeriums wie Kadyrov und Prigoschin bezeichneten die Entscheidung ebenfalls als richtig und auch Wladimir Solowyow, ein russischer TV-Moderator und führender Propagandist, sprach von einem schmerzhaften, aber militärisch sinnvollen Schritt.

Blitzableiter für Misserfolge

Mit dieser Entscheidung und der passenden Kommunikation versucht Moskau, das Vertrauen der Bevölkerung, aber auch der Eliten in das Machtsystem zu festigen. Der militärische Rückzug muss damit nicht zwingend zu mehr Skepsis gegenüber der politischen Führung und dem System führen, sondern könnte sogar das Gegenteil bewirken. Unterhalb der politischen Zielsetzung und auf der Ebene militärischer Strategien eröffnet sich ein begrenzter Raum von Überprüfung und Anpassung von Entscheidungen. Dieser dient auch als Blitzableiter für Misserfolge im Krieg gegen die Ukraine und schützt die politische Führung vor Kritik. Den Preis für Fehlentscheidungen zahlt nicht Putin selbst, sondern den zahlen diejenigen, deren Aufgabe die Umsetzung der politischen Ziele ist, insbesondere auf militärischer Ebene. Dies eröffnet ein politisches Konfliktfeld, in dem Elitenmitglieder um Ressourcen konkurrieren können, ohne das System an sich in Frage zu stellen. Diese Konkurrenz war und ist ein stabilisierender Faktor des russischen Machtsystems.

Die übergeordneten politischen Ziele, die insbesondere Putin in seinen Reden seit Kriegsbeginn beschreibt, werden dagegen nicht aufgegeben: Die Zerstörung der Ukraine, die außenpolitische Umsetzung des russischen Imperialismus und die Erhaltung des innenpolitischen Machtsystems bleiben das Ziel. Kritik an diesen Zielen und damit an Putin und dem Machtsystem selbst wird auch weiterhin nicht geduldet. Moskaus Lernfähigkeit beschränkt sich damit auf militärische Strategien und ihre politische Kommunikation, die politische Zielsetzung bleibt davon unberührt.

Ein Beitrag von:

Sarah Pagung

Associate Fellow, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP)

Sarah Pagung ist seit Februar 2019 Associate Fellow bei der DGAP. Sie arbeitet zu russischer Außen-, Sicherheits- und Informationspolitik. Sie hat kürzlich ihre Doktorarbeit zu Konzepten russischer Einflussnahme auf internationale Zielgruppen abgeschlossen.

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