Deutsche Atlantische Gesellschaft e.V.

Der NATO-Beitritt der Ukraine im RealitÀtscheck

Ausgabe 35: Dr. Alexandra Dienes

Atlantic Talk Podcast abonnieren:
RSS-Feed Apple Podcast Spotify

Artikel als PDF herunterladen

Download article in English

Seit Jahren steckt die NATO in einem Dilemma: Einerseits möchte sie eine Politik der offenen TĂŒr beibehalten, andererseits schreckt sie vor einer Provokation Russlands zurĂŒck und eröffnet ehemaligen Republiken der Sowjetunion keine konkrete Mitgliedschaftsperspektive.

Denn schon die Grundsatzdokumente der OSZE, die das Ende des Kalten Krieges besiegelt haben, enthalten einen Widerspruch: Das Prinzip der BĂŒndnisfreiheit steht der Unteilbarkeit der Sicherheit gegenĂŒber. Mit anderen Worten: Jedes Land kann seine BĂŒndnisse und außenpolitische Orientierung frei und ohne EinschrĂ€nkungen wĂ€hlen, jedoch mit RĂŒcksicht auf die Sicherheitsbedenken der Nachbarn.

Dies lĂ€sst einen großen Raum fĂŒr Interpretation und eröffnet TĂŒr fĂŒr Konflikte. Russland hat mit Verweis auf das eigene Sicherheitsinteresse jahrelang die (bereits geschehene wie potentielle) NATO-Osterweiterung beklagt, und sie sogar als Rechtfertigung fĂŒr den Beginn der Invasion der Ukraine genutzt. Dabei denkt der Kreml in EinflusssphĂ€ren und verkennt, dass die NATO-Erweiterung keinen Automatismus und keinen US-Expansionismus beinhaltet. Vielmehr folgt sie dem aktiven Beitrittsgesuch von entsprechenden Staaten, falls es im Konsens angenommen wird.

Mit dem Beginn der russischen Invasion der Ukraine ist die nach 1989 entstandene Sicherheitsordnung stark erschĂŒttert worden. Krieg ist in das Bewusstsein der EuropĂ€er zurĂŒckgekehrt. Die reprĂ€sentative Bevölkerungsumfrage „Security Radar“ der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt, dass Menschen Angst vor neuen Kriegen haben und eine MilitĂ€rkonfrontation zwischen Russland und dem Westen fĂŒr wahrscheinlich halten. Die Umfrage wurde in vier Staaten unmittelbar vor dem Ausbruch des Krieges und ein Jahr spĂ€ter erneut durchgefĂŒhrt.

Die Ukraine steckt nun in einer denkbar schlechten Situation: Krieg auf eigenem Boden und Kontrollverlust ĂŒber Teile des Staatsgebiets; diffuses Versprechen einer NATO-Mitgliedschaft seit 2008 ohne einen membership action plan; und keine klare und zeitlich definierte Beitrittsperspektive. Dies soll sich nun Ă€ndern, so der Wunsch der ukrainischen Regierung. Noch in der frĂŒhen Phase des Krieges, Ende MĂ€rz 2022, lag bei den Verhandlungsversuchen die Frage der NeutralitĂ€t der Ukraine auf dem Tisch. Seitdem hat die Ukraine einen festen Kurs hin zur NATO-Integration eingeschlagen, getragen von einer breiten nationalen Zustimmung und verankert in der Verfassung. Ein NATO-Beitritt ist im Interesse der Ukraine, weil damit die SouverĂ€nitĂ€t extern gesichert werden wĂŒrde.

Auf dem NATO-Summit in Vilnius am 11. und 12. Juli 2023 wird sich die Frage des Beitritts erneut stellen. Die Ukraine drĂ€ngt auf ein festes Versprechen einer Mitgliedschaft fĂŒr die Zeit nach dem Krieg, sowie Sicherheitsgarantien in der Zwischenzeit. PrĂ€sident Selenskij und Verteidigungsminister Resnikow warnen den Westen davor, nicht „den Fehler von 2008“ zu wiederholen. Eine Ukrainische NATO-Mitgliedschaft sei „nicht verhandelbar“.

Die europĂ€ische öffentliche Meinung dazu ist in Bewegung und keinesfalls eindeutig. Die Umfrage „Security Radar“ zeigt, dass die Menschen in Deutschland einen NATO-Beitritt der Ukraine mehrheitlich ablehnen, wĂ€hrend die Polen und Letten ihn begrĂŒĂŸen. Französische Befragte sind unentschieden. In allen vier LĂ€ndern ist die Zustimmung im Vergleich zu der Zeit vor dem Beginn der Invasion gestiegen, dennoch sind die Unterschiede zwischen „Ost“ und „West“ in der NATO gewaltig. Die Frage nach dem potentiellen EU-Beitritt der Ukraine stĂ¶ĂŸt auf mehr Wohlwollen, polarisiert aber auch stark.

Wie sieht es in Bezug auf die GewĂ€hrleistung der ukrainischen Sicherheit aus? Aus gewisser Perspektive leistet der Westen durch seine finanzielle und militĂ€rische UnterstĂŒtzung bereits einen entscheidenden Beistand fĂŒr die Ukraine. Der ukrainische Staat gibt einen Großteil des Budgets fĂŒr Verteidigung aus und hĂ€ngt fast komplett von der westlichen Finanzhilfe ab. Ohne westliche Waffenlieferungen könnten die ukrainischen Soldaten wahrscheinlich nicht weiterkĂ€mpfen. Den einzigen potentiellen game changer und die wirksamste Sicherheitsgarantie, die Entsendung der eigenen Truppen, haben US PrĂ€sident Joe Biden und Bundeskanzler Olaf Scholz deutlich abgelehnt. Die BegrĂŒndung lautet: Wir wollen keinen Krieg mit Russland.

Dabei folgen die Regierungschefs genau der roten Linie, die ihr Elektorat vorgibt. In Deutschland, Frankreich, Lettland und Polen lehnen ĂŒberwĂ€ltigende Mehrheiten die Entsendung eigener Truppen in die Ukraine ab – eine Frage, die sich durchaus im Falle eines NATO-Beitritts der Ukraine stellen könnte. Der „Security Radar“ verdeutlicht außerdem, dass die Frage nach Waffenlieferungen die Gesellschaften polarisiert: Nur knappe Mehrheiten sind dafĂŒr, Ă€hnlich viele Menschen lehnen mehr MilitĂ€rhilfe fĂŒr die Ukraine ab.

Die meisten Befragten geben Russland unmissverstĂ€ndlich die Schuld fĂŒr den Krieg und wollen das Land bestraft sehen, nicht zuletzt durch wirtschaftliche Abkopplung und die Ausweitung der Sanktionen. Die NATO-Osterweiterung wird von vielen kritisch gesehen, vor allem in Deutschland und Frankreich. Dennoch betrachten die meisten Befragten den Krieg aus einer gewissen Distanz: Sie sehen ihn nicht als einen Stellvertreterkrieg zwischen Russland und dem Westen bzw. der NATO, sondern als eine bilaterale Angelegenheit zwischen Russland und der Ukraine.

Die Ukraine hat jeden Grund, in die NATO aufgenommen werden zu wollen und jedes Recht, das Beitrittsgesuch zu stellen. Die Beitrittsperspektive ist jedoch nur unter zwei Voraussetzungen realistisch. Die erste ist das – bisher nicht absehbare – Ende des Krieges und die Erreichung eines halbwegs stabilen Zustands zwischen der Ukraine und Russland. Die zweite ist das Votum der 31 BĂŒndnismitglieder, was eine inhĂ€rent politische Frage ist. Dabei spielt eine wichtige Rolle, ob die NATO durch den Beitritt der Ukraine sicherer wird oder nicht. Hinzu kommen 31 innenpolitische Debattenfelder. Das Veto Ungarns und der TĂŒrkei bezĂŒglich des schwedischen Beitritts lĂ€sst die Problematik deutlich erkennen. Am Ende des Tages entscheiden die zum gegebenen Zeitpunkt amtierenden Regierungen mit ihren jeweiligen Interessen und Agenden. Insofern sollten die BĂŒndnismitglieder in Vilnius expectation management betreiben und gleichzeitig ihr Engagement fĂŒr die Wiederherstellung der ukrainischen SouverĂ€nitĂ€t bekrĂ€ftigen.

Ein Beitrag von:

Dr. Alexandra Dienes

Senior Researcher, Friedrich-Ebert-Stiftung Wien

Dr. Alexandra Dienes ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des RegionalbĂŒros fĂŒr Zusammenarbeit und Frieden in Europa der Friedrich-Ebert-Stiftung mit Sitz in Wien. Sie hat an der UniversitĂ€t von Amsterdam in Politikwissenschaft promoviert und arbeitet zu außen- und sicherheitspolitischen Themen im OSZE Raum. Sie leitet den “Security Radar”, die außenpolitische Umfragestudie der Stiftung, die 2019, 2022 und 2023 auf der MĂŒnchner Sicherheitskonferenz prĂ€sentiert wurde.

Weitere Informationen erhalten Sie von:

Dr. Nicolas Fescharek

Referent
LennĂ©straße 11 · 10785 Berlin
030 20649-134
030 20649-136
Bildnachweise fĂŒr diese Seite
 Copyright
Dr. Nicolas Fescharek Leo Simon dr-nicolas-fescharek-150x150.jpg
CS Mitgliederversammlung 4 DAG / Andreas Schwarz CS-Mitgliederversammlung-4-150x150.png
FĂŒr Abbildungen, die hier nicht gelistet sind, ist kein Urheber-Nachweis notwendig, oder wir selbst sind der Urheber.
Double Opt-in by Forge12