Die Herausforderungen fĂŒr Bosnien-Herzegowina
Es ist auch eine Touristenattraktion, aber vor allem eine Erinnerung daran, dass der gewalttĂ€tige Nationalismus in dieser Region eine lange und blutige Tradition hat: gleich gegenĂŒber der LateinerbrĂŒcke wurde am 28. Juni 1914 der österreichisch-ungarische Kronprinz Franz Ferdinand in Sarajevo von dem serbischen AttentĂ€ter Gavrilo Princip erschossen. Nur wenige Tage spĂ€ter fĂŒhrte das zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Heute steht an dieser Stelle der Nachbau des Autos, in dem es den Kronprinzen traf, Touristen können sich darin fotografieren lassen, groĂe Fotos von damals und eine Gedenktafel kĂŒnden von der Tat.
Das scheint nur an der OberflĂ€che weit entfernte Geschichte. Doch die ethnischen Spannungen hörten nie auf. Zwischen 1992 und 1995 war Sarajevo 1425 Tage lang Schauplatz einer Belagerung durch Truppen der bosnisch-serbischen Armee, 10,615 Menschen starben, darunter 1,601 Kinder, gut 50 000 wurden verletzt. Und in Srebrenica ermordeten Truppen der serbischen Republik Srpska im Juli 1995 8000 bosniakische MĂ€nner von 13 bis 78 Jahren â ein Verbrechen, das die internationale Gemeinschaft als Völkermord einstuft.
Unverarbeitete Geschichte und anhaltende Spannungen
Quer durch die weiterhin gespaltenen ethnischen Lager in Bosnien-Herzegowina (BiH) ist man sich bis heute zumindest in einem Punkt einig: Die Verbrechen dieser blutigen Zeit wurden nicht aufgearbeitet. Selbst Verteidigungsminister Zukan Helez rĂ€umt freimĂŒtig ein: Man ist stĂ€ndig mental im Krieg. Ein hochrangiger Offizier der EUFOR Althea MilitĂ€rmission, die versucht, die Lage mit 1200 Soldaten/innen, darunter auch 50 von der Bundeswehr, stabil zu halten, bringt es so auf den Punkt: âDer Versöhnungsprozess hat niemals begonnen, das Gegenteil ist der Fallâ. Und auch ein UniversitĂ€tsrektor bestĂ€tigt: Die Studenten lebten in einer AtmosphĂ€re der Angst.
Daraus ergibt sich das langfristig wohl gröĂte Problem dieses Landes auf dem West-Balkan: die massenweise Abwanderung seiner jungen, qualifizierten Leute. Bis zu 145 000 stimmen pro Jahr mit den FĂŒĂen darĂŒber ab, was sie von der Zukunft in ihrem Land halten: offensichtlich nichts. Sie gehen, sobald sie ihre Ausbildung beendet haben, viele davon nach Deutschland. Und das bei einer Bevölkerung von rund 2,5 Millionen. FĂŒr dem kroatischen Bevölkerungsteil ist das ohnehin kein Problem. Die meisten dieser BĂŒrger haben auch einen kroatischen Pass, sie sind damit EU-BĂŒrger und können sich ĂŒberall in der EuropĂ€ischen Union ansiedeln.
Die Rolle des Hohen ReprÀsentanten
Eine neue Regierung versucht, sich gegen diesen Trend zu stemmen. Es ist ihr auch gelungen, einen Haushalt zu verabschieden. Dabei spielt auch eine Institution eine wichtige Rolle, die auf der Welt einmalig ist: Durch das Friedensabkommen von Dayton wurde von der internationalen Gemeinschaft das Amt des Hohen ReprÀsentanten geschaffen, der einzigartige Vollmachten hat. Es kann Gesetze erlassen oder Politiker entlassen, er kann also ganz grundsÀtzlich in den politischen Prozess eingreifen, um das Land auf der Basis des Friedensabkommens stabil zu halten.
Derzeit ist mit dem frĂŒheren deutschen Bundesminister Christian Schmidt ein Mann mit dieser komplexen Aufgabe betraut, der mit seinen Entscheidungen dazu beigetragen hat, dass die Wahlen am 2. Oktober 2022 ĂŒberhaupt stattfinden und am Ende eine Regierung in der Föderation von BiH möglich wurde.
Korruption und EinflĂŒsse von AuĂen
Viele in BiH setzen nun groĂe Hoffnungen auf ihn, dass er mit seinen weitreichenden Kompetenzen die vielfĂ€ltigen Herausforderungen lösen wird. Aber die Probleme sind so vielfĂ€ltig, dass fĂŒr Optimismus wenig Platz zu sein scheint. Die Notwendigkeit, die unterschiedlichen Ethnien âSerben, Bosniaken, Kroaten- zu berĂŒcksichtigen, fĂŒhrt ĂŒberall zu aufgeblĂ€hten, unwirtschaftlichen Organisationseinheiten, hĂ€ufig angelehnt an die ethno-nationalistischen Parteien, Vetternwirtschaft und zum Dauer-KrebsgeschwĂŒr der Korruption, mafiöse Strukturen eingeschlossen. Die Wirtschaft stagniert, die Bereitschaft fĂŒr westliche Investitionen ist gering. Das schafft Raum fĂŒr einen groĂen Spieler aus dem Fernen Osten. China hat auf dem Balkan auch Bosnien-Herzegowina entdeckt und bringt sich als Investor ein, von Autobahnprojekten bis zur Energieversorgung.
Doch lĂ€ngst hat sich eine andere Macht als der eigentliche Gegenspieler des Westens in diesem Balkan-Staat fest etabliert. Russland setzt alles daran, das fragile Gleichgewicht zu zerstören und die unverkennbaren Abspaltungstendenzen zu befördern. Mit Milorad Dodik, als Vertreter der Teil-Republik Srpska zwar ehemals Mitglied der PrĂ€sidentschaft von Bosnien-Herzegowina, hat Russland einen engen VerbĂŒndeten, dessen kaum verdecktes Ziel die Abspaltung und die mögliche Eingliederung in ein GroĂ-Serbien ist. Damit folgt er dem russischen Narrativ. So wie Waldimir Putin ein âRusskiy Mirâ ein GroĂ-Russland inklusive der Ukraine anstrebt, so soll es auch einâ Sprski vetâ ein GroĂ-Serbien geben. GelĂ€nge dies, dann könnte es zu einem neuen Transnistrien kommen, eine direkte, auch militĂ€rische russische PrĂ€senz in einem Land, das Richtung Westen strebt.
Das Streben nach EU- und NATO-Mitgliedschaft
Das scheint, trotz aller tiefen ethnischen GegensĂ€tze dem Mehrheitswillen der Bevölkerung zu entsprechen. Drei Viertel, so schĂ€tzt man in der Regierung in Sarajevo ein, sind fĂŒr einen Beitritt zur EuropĂ€ischen Union. Die EU hat im vergangenen Jahr auch fĂŒr BiH ein Zeichen gesetzt und dem Land einen Kandidatenstatus verliehen. Aber auch hier gibt es trotz der Zustimmung in der Bevölkerung Bremser im politischen Lager. Viele in der Politik haben sich im Status Quo komfortabel eingerichtet und fĂŒrchten die von der EU verlangten tiefgreifenden Reformen, nicht zuletzt bei der BekĂ€mpfung der Korruption.
Wie bei anderen Beitrittskandidaten auch ist allen klar, dass auch deshalb ein tatsĂ€chlicher Beitritt zur EuropĂ€ischen Gemeinschaft gewiss nicht so bald bevorsteht. Und Ă€hnliches gilt auch fĂŒr die NATO. In der Allianz sieht man seit Jahren die Notwendigkeit, dem russischen Vordringen auf dem Balkan ein Stoppschild entgegenzusetzen. NATO-GeneralsekretĂ€r Stoltenberg sprach davon, die Allianz könne sich auch in BiH kein Sicherheitsvakuum leisten. Im Lager Butmir am Rande von Sarajevo hat die NATO deshalb zusammen mit der EUFOR-Truppe ein Hauptquartier eingerichtet. Von dort organisiert das MilitĂ€rbĂŒndnis Hilfe fĂŒr die kleine, im Aufbau befindliche Armee des Balkanstaates und fĂŒhrt auch zahlreiche gemeinsame Ăbungen durch.
MilitÀr und Sicherheit
Die Regierung versucht, die FĂŒhrung der StreitkrĂ€fte so zu besetzen, dass die ethnischen Risse keine Rolle spielen sollen. Verteidigungsminister Helez sagt, die Armee sei der bestintegrierte Teil im Lande, âbesser als die Politikâ. Aber wie weit das trĂ€gt, sollten die Spannungen zunehmen, bleibt offen. Zwar wurden die GehĂ€lter fĂŒr die Soldaten um 20 Prozent angehoben, aber die auf dem Papier rund 10 000 Mann starke Truppe bleibt dramatisch unterfinanziert und unterbesetzt.
80 bis 90 Prozent des Verteidigungshaushalts gehen allein fĂŒr die Personalkosten drauf. Bosnien-Herzegowina wurde bereits 2010 in den Membership Action Plan (MAP) der NATO aufgenommen. Auch fĂŒr den NATO- Gipfel in Vilnius liegt eine Einladung als Gast vor. Doch wann es wirklich zu einer Mitgliedschaft kommt, ist angesichts der internen, von Russland befeuerten WiderstĂ€nde vor allem aus dem serbischen Lager nicht wirklich absehbar.
Ein ungewisser Ausblick
Eine NATO-Studie kommt zu dem Schluss, der Krieg in der Ukraine unterstreiche die Notwenigkeit, den West-Balkan davor zu bewahren, Moskaus neues Feld der tiefgreifenden Störung in Europa zu werden. Doch jenseits dieser geopolitischen Ziele sehen Beobachter in Sarajevo weiterhin vor allem die inneren Konflikte als die entscheidende Bedrohung an. Und dabei ĂŒberwiegt die Skepsis.
âIch sehe wirklich keine Zukunft fĂŒr dieses Landâ, ist die zutiefst pessimistische EinschĂ€tzung eines hochrangigen westlichen Diplomaten, vor allem mit Blick auf die dramatische Abwanderung der ĂŒberwiegend jungen Menschen. Ein hoher EU-MilitĂ€r fasst das so zusammen: âDie Lage ist fragil, aber stabil. Niemand weiĂ, wo das Land in zehn Jahren sein wirdâ.





