Nicht erst seitdem die NATO 2018 wĂ€hrend der Mission Trident Juncture mit dem norwegischen Fitnessmodel Lasse Matberg einen Influencer fĂŒr ihre Ăffentlichkeitsarbeit gewinnen konnte, scheint Unterhaltung immer mehr Bestandteil von Sicherheitspolitik zu werden. An die Stelle von MaskulinitĂ€t und StĂ€rke treten zunehmend Humor und Schabernack. Auch wenn es zunĂ€chst erstaunt, dass staatliche, sicherheitspolitische Kommunikation unterhaltsam sein kann, wird diese Strategie etwa in skandinavischen LĂ€ndern und den USA zunehmend verfolgt. Beim schwedischen MilitĂ€r beispielsweise werden Rekruten mit TortenwĂŒrfen ins Gesicht und humorvollen Parallelen zum zivilen Alltag angesprochen.
WĂ€re Humor auch in der sicherheitspolitischen Kommunikation in Deutschland ein Mittel, auf das angesichts der PopularitĂ€t in anderen LĂ€ndern zurĂŒckgegriffen werden sollte? Kann so generell die Akzeptanz und das Ansehen der Bundeswehr gesteigert werden? Immerhin verfehlt die Bundeswehr ihre Aufstockungsziele beim Personal aktuell deutlich. Das könnte auch an den bisherigen Rekrutierungskampagnen liegen. Im Mai 2023 startete die Kampagne âWas zĂ€hlt, wenn wir wieder StĂ€rke zeigen mĂŒssenâ. Darin griff die Bundeswehr die verĂ€nderte sicherheitspolitische Lage auf und versuchte, durch eine vermeintlich ehrliche Schilderung der sicherheitspolitischen Lage, Personal zu rekrutieren. Die Reaktionen darauf waren ĂŒberaus negativ, denn die Kampagne sei âPR-mĂ€Ăig extrablödâ (SĂŒddeutsche Zeitung).
Da die aktuelle Wahrnehmung die einer eher trĂ€gen und durchreglementierten Institution ist, könnte moderne und unterhaltsame Kommunikation durchaus ein SchlĂŒssel zum Erfolg sein. Die Bundeswehr könnte etwa selbst Humor in der AuĂendarstellung und vor allem in den Kampagnen nutzen. Ăhnliche Strategien wurden bereits in einer Ă€uĂerst selbstironischen Kampagne der Berliner Polizei angewendet und als erfolgreich gewertet. Dies könnte Aufmerksamkeit erregen, jedoch ebenso zur Verharmlosung der Gefahren bei den Aufgaben von Soldaten fĂŒhren, wie Beispiele aus der Praxis illustrieren. Der Einsatz von Humor kann Teil eines Erfolgsrezepts sein, und Humor und sicherheitspolitische Themen können harmonieren, wie etwa das Beispiel Schweden zeigt. Auch in Schweden hatten die StreitkrĂ€fte zu Beginn der 2010er Jahre mit erheblichen Akzeptanz- und Nachwuchsproblemen zu kĂ€mpfen, die durch die Umwandlung in eine Freiwilligenarmee mit deutlich zu wenigen Freiwilligen verschĂ€rft wurden.
Eine besondere RealitÀt in Schweden
Schwedische MilitĂ€r-Rekrutierungsvideos aus den vergangenen Jahren illustrieren, wie Humor zur Erzeugung von LegitimitĂ€t in Sicherheitsdiskursen eingesetzt werden kann. Hier wurde Humor statt ausschlieĂlich neoliberaler oder VerantwortungsBotschaften verwendet und gĂ€ngige MilitĂ€r-Klischees verspottet. So gelang es dort seit 2017, mehr öffentliche Wahrnehmung und stĂ€rkere Akzeptanz fĂŒr sicherheitspolitische Akteure herzustellen. Die schwedischen Rekrutierungskampagnen ziehen unterhaltsame Parallelen zwischen zivilen Jobs und dem MilitĂ€r: Humor ist hier ein willkommener BrĂŒckenbauer. Die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen MilitĂ€rischen und Zivilem, sowie die stereotypischen Vorstellungen vom MilitĂ€r werden dabei amĂŒsant dargestellt.
Eine der Szenen aus den Videos beginnt in einem GroĂraumbĂŒro: âDieser Job ist wie jeder andere. Du musst Probleme selbst lösen und darfst keine Angst davor haben, einen Kollegen um Hilfe zu bitten, wenn du sie brauchst. Man trĂ€gt Verantwortung und gibt einfach sein Bestes.â SchlieĂlich wandelt sich die Szene in den Alltag von Soldaten, die marschieren und ihr Lager neben einer Feuerstelle aufbauen: âManchmal findet man in der Mittagspause Zeit fĂŒr einen Spaziergang. Vielleicht triffst du auch Kollegen auf dem Weg. Anstrengend, oder? Aber es kann sich lohnen. Denn das Abendessen wird drauĂen serviert. Lecker.«
Andere Beispiele fĂŒr die Verharmlosung des soldatischen Alltags finden sich in einem Clip aus der Kampagne âViele haben viele Fragenâ, in dem Fragen von Zivilisten unterhaltsam von MilitĂ€rangehörigen beantwortet werden: âWerde ich mich selbst finden?â fragt ein junger Mann, der an einem spirituell anmutenden Ort Yoga macht. âVielleichtâ antwortet eine Soldatin, die einem Kollegen eine Panzerfaust auf die Schulter legt. âMuss ich meinen Clan verlassen?â will eine Figur aus einem Fantasy-Videospiel wissen. âFĂŒr eine Weile, aber du bekommst einen neuenâ, antwortet eine Frau in einem weiĂen Overall, die eine Gruppe von LanglĂ€ufern anfĂŒhrt, alle in weiĂen Uniformen gekleidet.
Aufgrund der Spannung zwischen sachlicher Intention der Akteure und humorvoller Kommunikation ist Humor als Bestandteil staatlicher Sicherheitspolitik von hohem Interesse. Die OriginalitĂ€t besteht darin, humoristische ĂuĂerungen als produktiven Bestandteil der Sicherheitspolitik zu verstehen, da Humor LegitimitĂ€t fĂŒr staatliche Akteure und deren Kommunikation durch Nahbarkeit und Selbstironie erzeugen kann.
Die durch Humor ermöglichten Parallelen zwischen Alltag (Selbstfindung und Computerspiele) und Krieg/Disziplin verharmlosen den Soldatenberuf enorm, auch wenn sie natĂŒrlich starken Bezug zur LebensrealitĂ€t von jungen Menschen aufweisen. Der Beruf wird als ganz normaler BĂŒroalltag mit gewissen Extras dargestellt. Diese Ambivalenzen der Darstellung sind zu kritisieren, weil die Videos suggerieren, dass scheinbar jede Person bereits die notwendigen Qualifikationen mitbringt, die fĂŒr das MilitĂ€r notwendig sind.
Potential von Humor in sicherheitspolitischer Kommunikation
Generell zeigt die Forschung aber, dass Humor im Kontext von Rekrutierungsvideos eher problematisch ist. Auch wenn er eine mögliche Strategie darstellt, um kurzfristig LegitimitĂ€t fĂŒr sicherheitspolitische Akteure zu schaffen. Problematisch ist, dass Humor genutzt wird, um eher unangenehme Elemente der Sicherheitspolitik versteckt zu kommunizieren, indem er die Aufmerksamkeit der Zuschauer von Fragen rund um Leben und Tod negativen Aspekten des Soldatendaseins ablenkt. FĂŒr die Politik ist ein weiterer Mechanismus interessant: Erfolgt Kritik, kann darauf verwiesen werden, dass man den SpaĂ nicht so ernst nehmen soll.
In anderen Feldern der Sicherheitspolitik sind diese Konsequenzen jedoch weniger problematisch. Richtig eingesetzt, kann Humor zu einem GefĂŒhl von Sicherheit beitragen, da zur Wahrnehmung von Humor kognitive Prozesse notwendig sind, die von Sorgen, Bedrohungen oder Angst ablenken können. Da Humor nur in einem GefĂŒhl von Sicherheit wahrgenommen werden kann, trĂ€gt er auch zu dieser bei.
Humor in der staatlichen Krisenkommunikation
Trotz vieler Kritik wurde Humor in Deutschland bereits fĂŒr sicherheitspolitische Zwecke genutzt, um Akzeptanz fĂŒr MaĂnahmen in Krisensituationen zu schaffen. Die staatliche Krisenkommunikation wĂ€hrend der Corona-Pandemie illustriert, wie Humor zur Erzeugung von LegitimitĂ€t in Sicherheitsdiskursen und zur Legitimierung sicherheitspolitischer Akteure eingesetzt werden kann. Da er durch kreative ErzĂ€hlungen die SelbstidentitĂ€t und das SicherheitsgefĂŒhl von Individuen stĂ€rken kann, kann er beispielsweise als eine Strategie gegen PandemiemĂŒdigkeit gesehen werden.
Dies illustriert die deutsche COVID-Kampagne âBesondere Heldenâ, die auf unterhaltsame Weise Nichtstun als heldenhafte Tat prĂ€sentierte. In einem Kampagnenvideo sitzt ein alter Mann gemĂŒtlich in seinem Sessel und erzĂ€hlt von heroischer Musik untermalt vom Krieg gegen Corona und wie er im Kampf gegen Corona zum Helden wurde. Lustigerweise durch Nichtstun. âIch war faul wie ein WaschbĂ€râ und âUnser Sofa war die Frontâ, schmunzelt der sympathisch wirkende Senior. Das Video im typischen Zeitzeugeninterview-Stil ist kein Late-Night-Show Gag, sondern die offizielle Kommunikation der deutschen Bundesregierung wĂ€hrend der zweiten COVID-Welle im November 2020.
Durch die ErklĂ€rung von âNichtstunâ und âFaulheitâ zu âKampfâ und âHeldentumâ versuchte die deutsche Bundesregierung, das GefĂŒhl von Besorgnis und Unsicherheit in der jungen Generation wĂ€hrend Corona zu zerstreuen und ein neues sinnstiftendes Narrativ zu bieten. Humor eignet sich, um in Krisensituationen ein GefĂŒhl von Sicherheit durch identitĂ€tsfördernde Narrative zu schaffen: Nichtstun macht zum Helden, eine Botschaft, die jungen Menschen Sinn geben sollte und sie zum zuhause bleiben motivieren sollte. Dabei gab es durchaus Kritik an der Botschaft, da vor allem sozial schwĂ€chere Schichten sich das zuhause bleiben nicht leisten können und so zu den Verlierern der Pandemie werden.
Auch hier war die typische Verteidigungsstrategie zu beobachten: Man solle die Aussagen nicht allzu ernst nehmen, bat der damalige Regierungssprecher Steffen Seibert. Dieser Humor zeigt MachtausĂŒbung durch das ZurĂŒckweisen von Verantwortung und MaĂnahmen, die ein GefĂŒhl von Sicherheit bieten und zu einer stabilen SelbstidentitĂ€t wĂ€hrend der Pandemie beitragen können.
Die angefĂŒhrten Beispiele zeigen, welche Rolle Humor in der Theorie und Praxis der Sicherheitspolitik bereits spielt und auch in der deutschen Sicherheitspolitik spielen kann. Rekrutierungsvideos verschiedener StreitkrĂ€fte illustrieren jedoch, wie satirische Narrative dazu beitragen, das MilitĂ€r als normalen Teil des Alltags zu legitimieren und selbstironisch schiefe Vergleiche zu zivilen Jobs zu ziehen, was kritisiert werden muss. So werden Kandidatinnen und Kandidaten mit einem Augenzwinkern angesprochen, was insgesamt ĂŒber die tatsĂ€chlichen Konsequenzen hinwegtĂ€uscht und weniger Angriffspunkte fĂŒr Kritiker bietet.
Insgesamt ist beim Einsatz von Humor fĂŒr sicherheitspolitische Themen ein verantwortungsvoller und ethischer Umgang notwendig. Dies gilt vor allem in Bezug auf die Darstellung sensitiver Inhalte und die Inklusion und Exklusion von bestimmten sozialen Gruppen sowie die Ăberdeckung von relevanten Informationen durch Humor und Unterhaltung. Auch die deutsche Wehrbeauftragte Eva Högl betonte, dass es wichtig sei, Bewerberinnen und Bewerbern zu sagen, dass die Bereitschaft notwendig sei, ihr Leben zu geben, wenn sie sich fĂŒr den Soldatenberuf entscheiden: âDenn dann gewinnen wir jene Bewerber, denen wirklich bewusst ist, was es heiĂt, Soldatin oder Soldat zu seinâ.





