Deutsche Atlantische Gesellschaft e.V.

Von Pointen und PanzerfÀusten: Die ambivalente Rolle von Humor in der (deutschen) Sicherheitspolitik

Ausgabe 41: Daniel Beck

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Nicht erst seitdem die NATO 2018 wĂ€hrend der Mission Trident Juncture mit dem norwegischen Fitnessmodel Lasse Matberg einen Influencer fĂŒr ihre Öffentlichkeitsarbeit gewinnen konnte, scheint Unterhaltung immer mehr Bestandteil von Sicherheitspolitik zu werden. An die Stelle von MaskulinitĂ€t und StĂ€rke treten zunehmend Humor und Schabernack. Auch wenn es zunĂ€chst erstaunt, dass staatliche, sicherheitspolitische Kommunikation unterhaltsam sein kann, wird diese Strategie etwa in skandinavischen LĂ€ndern und den USA zunehmend verfolgt. Beim schwedischen MilitĂ€r beispielsweise werden Rekruten mit TortenwĂŒrfen ins Gesicht und humorvollen Parallelen zum zivilen Alltag angesprochen.

WĂ€re Humor auch in der sicherheitspolitischen Kommunikation in Deutschland ein Mittel, auf das angesichts der PopularitĂ€t in anderen LĂ€ndern zurĂŒckgegriffen werden sollte? Kann so generell die Akzeptanz und das Ansehen der Bundeswehr gesteigert werden? Immerhin verfehlt die Bundeswehr ihre Aufstockungsziele beim Personal aktuell deutlich. Das könnte auch an den bisherigen Rekrutierungskampagnen liegen. Im Mai 2023 startete die Kampagne „Was zĂ€hlt, wenn wir wieder StĂ€rke zeigen mĂŒssen“. Darin griff die Bundeswehr die verĂ€nderte sicherheitspolitische Lage auf und versuchte, durch eine vermeintlich ehrliche Schilderung der sicherheitspolitischen Lage, Personal zu rekrutieren. Die Reaktionen darauf waren ĂŒberaus negativ, denn die Kampagne sei „PR-mĂ€ĂŸig extrablöd“ (SĂŒddeutsche Zeitung).

Da die aktuelle Wahrnehmung die einer eher trĂ€gen und durchreglementierten Institution ist, könnte moderne und unterhaltsame Kommunikation durchaus ein SchlĂŒssel zum Erfolg sein. Die Bundeswehr könnte etwa selbst Humor in der Außendarstellung und vor allem in den Kampagnen nutzen. Ähnliche Strategien wurden bereits in einer Ă€ußerst selbstironischen Kampagne der Berliner Polizei angewendet und als erfolgreich gewertet. Dies könnte Aufmerksamkeit erregen, jedoch ebenso zur Verharmlosung der Gefahren bei den Aufgaben von Soldaten fĂŒhren, wie Beispiele aus der Praxis illustrieren. Der Einsatz von Humor kann Teil eines Erfolgsrezepts sein, und Humor und sicherheitspolitische Themen können harmonieren, wie etwa das Beispiel Schweden zeigt. Auch in Schweden hatten die StreitkrĂ€fte zu Beginn der 2010er Jahre mit erheblichen Akzeptanz- und Nachwuchsproblemen zu kĂ€mpfen, die durch die Umwandlung in eine Freiwilligenarmee mit deutlich zu wenigen Freiwilligen verschĂ€rft wurden.

Eine besondere RealitÀt in Schweden

Schwedische MilitĂ€r-Rekrutierungsvideos aus den vergangenen Jahren illustrieren, wie Humor zur Erzeugung von LegitimitĂ€t in Sicherheitsdiskursen eingesetzt werden kann. Hier wurde Humor statt ausschließlich neoliberaler oder VerantwortungsBotschaften verwendet und gĂ€ngige MilitĂ€r-Klischees verspottet. So gelang es dort seit 2017, mehr öffentliche Wahrnehmung und stĂ€rkere Akzeptanz fĂŒr sicherheitspolitische Akteure herzustellen. Die schwedischen Rekrutierungskampagnen ziehen unterhaltsame Parallelen zwischen zivilen Jobs und dem MilitĂ€r: Humor ist hier ein willkommener BrĂŒckenbauer. Die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen MilitĂ€rischen und Zivilem, sowie die stereotypischen Vorstellungen vom MilitĂ€r werden dabei amĂŒsant dargestellt.

Eine der Szenen aus den Videos beginnt in einem GroßraumbĂŒro: „Dieser Job ist wie jeder andere. Du musst Probleme selbst lösen und darfst keine Angst davor haben, einen Kollegen um Hilfe zu bitten, wenn du sie brauchst. Man trĂ€gt Verantwortung und gibt einfach sein Bestes.“ Schließlich wandelt sich die Szene in den Alltag von Soldaten, die marschieren und ihr Lager neben einer Feuerstelle aufbauen: „Manchmal findet man in der Mittagspause Zeit fĂŒr einen Spaziergang. Vielleicht triffst du auch Kollegen auf dem Weg. Anstrengend, oder? Aber es kann sich lohnen. Denn das Abendessen wird draußen serviert. Lecker.«

Andere Beispiele fĂŒr die Verharmlosung des soldatischen Alltags finden sich in einem Clip aus der Kampagne „Viele haben viele Fragen“, in dem Fragen von Zivilisten unterhaltsam von MilitĂ€rangehörigen beantwortet werden: „Werde ich mich selbst finden?“ fragt ein junger Mann, der an einem spirituell anmutenden Ort Yoga macht. „Vielleicht“ antwortet eine Soldatin, die einem Kollegen eine Panzerfaust auf die Schulter legt. „Muss ich meinen Clan verlassen?“ will eine Figur aus einem Fantasy-Videospiel wissen. „FĂŒr eine Weile, aber du bekommst einen neuen“, antwortet eine Frau in einem weißen Overall, die eine Gruppe von LanglĂ€ufern anfĂŒhrt, alle in weißen Uniformen gekleidet.

Aufgrund der Spannung zwischen sachlicher Intention der Akteure und humorvoller Kommunikation ist Humor als Bestandteil staatlicher Sicherheitspolitik von hohem Interesse. Die OriginalitĂ€t besteht darin, humoristische Äußerungen als produktiven Bestandteil der Sicherheitspolitik zu verstehen, da Humor LegitimitĂ€t fĂŒr staatliche Akteure und deren Kommunikation durch Nahbarkeit und Selbstironie erzeugen kann.

Die durch Humor ermöglichten Parallelen zwischen Alltag (Selbstfindung und Computerspiele) und Krieg/Disziplin verharmlosen den Soldatenberuf enorm, auch wenn sie natĂŒrlich starken Bezug zur LebensrealitĂ€t von jungen Menschen aufweisen. Der Beruf wird als ganz normaler BĂŒroalltag mit gewissen Extras dargestellt. Diese Ambivalenzen der Darstellung sind zu kritisieren, weil die Videos suggerieren, dass scheinbar jede Person bereits die notwendigen Qualifikationen mitbringt, die fĂŒr das MilitĂ€r notwendig sind.

Potential von Humor in sicherheitspolitischer Kommunikation

Generell zeigt die Forschung aber, dass Humor im Kontext von Rekrutierungsvideos eher problematisch ist. Auch wenn er eine mögliche Strategie darstellt, um kurzfristig LegitimitĂ€t fĂŒr sicherheitspolitische Akteure zu schaffen. Problematisch ist, dass Humor genutzt wird, um eher unangenehme Elemente der Sicherheitspolitik versteckt zu kommunizieren, indem er die Aufmerksamkeit der Zuschauer von Fragen rund um Leben und Tod negativen Aspekten des Soldatendaseins ablenkt. FĂŒr die Politik ist ein weiterer Mechanismus interessant: Erfolgt Kritik, kann darauf verwiesen werden, dass man den Spaß nicht so ernst nehmen soll.

In anderen Feldern der Sicherheitspolitik sind diese Konsequenzen jedoch weniger problematisch. Richtig eingesetzt, kann Humor zu einem GefĂŒhl von Sicherheit beitragen, da zur Wahrnehmung von Humor kognitive Prozesse notwendig sind, die von Sorgen, Bedrohungen oder Angst ablenken können. Da Humor nur in einem GefĂŒhl von Sicherheit wahrgenommen werden kann, trĂ€gt er auch zu dieser bei.

Humor in der staatlichen Krisenkommunikation

Trotz vieler Kritik wurde Humor in Deutschland bereits fĂŒr sicherheitspolitische Zwecke genutzt, um Akzeptanz fĂŒr Maßnahmen in Krisensituationen zu schaffen. Die staatliche Krisenkommunikation wĂ€hrend der Corona-Pandemie illustriert, wie Humor zur Erzeugung von LegitimitĂ€t in Sicherheitsdiskursen und zur Legitimierung sicherheitspolitischer Akteure eingesetzt werden kann. Da er durch kreative ErzĂ€hlungen die SelbstidentitĂ€t und das SicherheitsgefĂŒhl von Individuen stĂ€rken kann, kann er beispielsweise als eine Strategie gegen PandemiemĂŒdigkeit gesehen werden.

Dies illustriert die deutsche COVID-Kampagne „Besondere Helden“, die auf unterhaltsame Weise Nichtstun als heldenhafte Tat prĂ€sentierte. In einem Kampagnenvideo sitzt ein alter Mann gemĂŒtlich in seinem Sessel und erzĂ€hlt von heroischer Musik untermalt vom Krieg gegen Corona und wie er im Kampf gegen Corona zum Helden wurde. Lustigerweise durch Nichtstun. „Ich war faul wie ein WaschbĂ€r“ und „Unser Sofa war die Front“, schmunzelt der sympathisch wirkende Senior. Das Video im typischen Zeitzeugeninterview-Stil ist kein Late-Night-Show Gag, sondern die offizielle Kommunikation der deutschen Bundesregierung wĂ€hrend der zweiten COVID-Welle im November 2020.

Durch die ErklĂ€rung von „Nichtstun“ und „Faulheit“ zu „Kampf“ und „Heldentum“ versuchte die deutsche Bundesregierung, das GefĂŒhl von Besorgnis und Unsicherheit in der jungen Generation wĂ€hrend Corona zu zerstreuen und ein neues sinnstiftendes Narrativ zu bieten. Humor eignet sich, um in Krisensituationen ein GefĂŒhl von Sicherheit durch identitĂ€tsfördernde Narrative zu schaffen: Nichtstun macht zum Helden, eine Botschaft, die jungen Menschen Sinn geben sollte und sie zum zuhause bleiben motivieren sollte. Dabei gab es durchaus Kritik an der Botschaft, da vor allem sozial schwĂ€chere Schichten sich das zuhause bleiben nicht leisten können und so zu den Verlierern der Pandemie werden.

Auch hier war die typische Verteidigungsstrategie zu beobachten: Man solle die Aussagen nicht allzu ernst nehmen, bat der damalige Regierungssprecher Steffen Seibert. Dieser Humor zeigt MachtausĂŒbung durch das ZurĂŒckweisen von Verantwortung und Maßnahmen, die ein GefĂŒhl von Sicherheit bieten und zu einer stabilen SelbstidentitĂ€t wĂ€hrend der Pandemie beitragen können.

Die angefĂŒhrten Beispiele zeigen, welche Rolle Humor in der Theorie und Praxis der Sicherheitspolitik bereits spielt und auch in der deutschen Sicherheitspolitik spielen kann. Rekrutierungsvideos verschiedener StreitkrĂ€fte illustrieren jedoch, wie satirische Narrative dazu beitragen, das MilitĂ€r als normalen Teil des Alltags zu legitimieren und selbstironisch schiefe Vergleiche zu zivilen Jobs zu ziehen, was kritisiert werden muss. So werden Kandidatinnen und Kandidaten mit einem Augenzwinkern angesprochen, was insgesamt ĂŒber die tatsĂ€chlichen Konsequenzen hinwegtĂ€uscht und weniger Angriffspunkte fĂŒr Kritiker bietet.

Insgesamt ist beim Einsatz von Humor fĂŒr sicherheitspolitische Themen ein verantwortungsvoller und ethischer Umgang notwendig. Dies gilt vor allem in Bezug auf die Darstellung sensitiver Inhalte und die Inklusion und Exklusion von bestimmten sozialen Gruppen sowie die Überdeckung von relevanten Informationen durch Humor und Unterhaltung. Auch die deutsche Wehrbeauftragte Eva Högl betonte, dass es wichtig sei, Bewerberinnen und Bewerbern zu sagen, dass die Bereitschaft notwendig sei, ihr Leben zu geben, wenn sie sich fĂŒr den Soldatenberuf entscheiden: „Denn dann gewinnen wir jene Bewerber, denen wirklich bewusst ist, was es heißt, Soldatin oder Soldat zu sein“.

Ein Beitrag von:

Daniel Beck

Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent am Lehrstuhl fĂŒr Internationale Beziehungen, Otto von-Guericke-UniversitĂ€t Magdeburg

Daniel Beck ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent am Lehrstuhl fĂŒr Internationale Beziehungen and der Otto-von-Guericke-UniversitĂ€t Magdeburg. Er verfĂŒgt ĂŒber einen Master-Abschluss in Friedens- und Konfliktforschung (UniversitĂ€t Magdeburg) und einen Bachelorabschluss in Geschichte und Politikwissenschaft (UniversitĂ€t Freiburg), wobei er wĂ€hrend seines Studiums und der Promotion Aufenthalte in Sydney und Bergen absolvierte. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich politischem Humor, poststrukturalistischen AnsĂ€tzen AnsĂ€tze und visueller Kommunikation. Insbesondere der strategische Einsatz von Humor durch staatliche Akteure zum Zweck der LegitimitĂ€t in der internationalen Politik steht im Mittelpunkt seiner Arbeit. Von 2018 bis 2021 war er Sprecher der Jungen AFK, der Vertretung junger WissenschaftlerInnen in der Arbeitsgemeinschaft fĂŒr Friedens- und Konfliktforschung (AFK).

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