Mehrere post-sowjetische Staaten wollen in die EuropĂ€ische Union: neben der Ukraine die drei kleineren Staaten Georgien, Moldau und Armenien. Die EuropĂ€ische Kommission hat Anfang November 2023 fĂŒr die Ukraine und Moldau BeitrittsgesprĂ€che empfohlen, Georgien soll Beitrittskandidat werden.
Die EU sei durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine âgeopolitisch erwachtâ, sagt Dr. Khatia Kikalishvili. Sie stammt selbst aus Georgien und ist seit 2019 Programmdirektorin Ăstliche Partnerschaft im Berliner Zentrum Liberale Moderne (LIBMOD). Im Atlantic Talk Podcast beschreibt sie, welche Euphorie in Georgien nach der Empfehlung der EU-Kommission herrschte, die dort gewissermaĂen auch als Empfehlung an die Bevölkerung empfunden worden sei, denn 80 % der Bevölkerung seien dort seit den 1990er-Jahren durchgĂ€ngig pro-europĂ€isch.
Die Ukraine, Georgien, Moldau und Armenien verbinden zwei Dinge: erstens teilten sie die europĂ€ischen Ideen von Freiheit, Frieden und Sicherheit und zweitens seien sie alle von Russland bedroht. So stĂŒnden Georgiens Teilrepubliken Abchasien und SĂŒdossetien seit Jahren unter starkem Einfluss Moskaus. Kikalishvili betont, Russland gehe es dabei schlussendlich nicht nur um Besatzung, sondern um Annexion. Wie groĂ ist die Gefahr, dass Russland aus dem besetzen Abchasien Drohnen in Richtung Ukraine schickt und damit möglicherweise Georgien in den Krieg hineingezogen wird? Und wie groĂ ist das geopolitische Potenzial eines geplanten Tiefseehafens im georgischen Kurort Anaklia? FĂŒr China wie fĂŒr die USA und die EU hochinteressant, wĂŒrde der geplante Hafen China und die EU auf dem âmittleren Korridorâ der neuen SeidenstraĂe verbinden, ohne russisches Territorium zu berĂŒhren.
Im Atlantic Talk Podcast spricht Moderator Oliver Weilandt mit Kikalishvili auch ĂŒber die europĂ€ischen Programme in der Republik Moldau. Die EU hatte erkannt, wie unvorbereitet Moldau auch in Hinblick auf Cyberattacken und Destabilisierungsstrategien insbesondere auch von Russland ist. Im April 2022 hat die EU daher eine zivile Mission in der Republik Moldau eingerichtet mit dem Ziel, die WiderstandsfĂ€higkeit des Sicherheitssektors des Landes zu stĂ€rken.
Erhebliche Auswirkungen hat der Krieg gegen die Ukraine auch im sĂŒdlichen Kaukasus. In der ehemaligen Sowjetrepublik Armenien spitzt sich die Situation zu; auch weil Russlands Krieg in der Ukraine in der Region ein erhebliches Vakuum hinterlassen hat. Armenien hat dem von der TĂŒrkei unterstĂŒtzten Aserbaidschan am 18. November auf der OSZE-Tagung vorgeworfen, einen neuen Krieg vorzubereiten. Dabei geht es nicht nur um Bergkarabach, sondern um die Region Nachitschewan. Droht dort, an der Grenze zur TĂŒrkei, der nĂ€chste Krieg?
Damit sich strukturelle Probleme wie bei der frĂŒheren EU-Osterweiterung nicht wiederholen, seien eine Reihe von Reformen in der EuropĂ€ischen Union nötig. Kikalishvili betont, Reformprozess und Erweiterung sollten parallel stattfinden. Dass diese EU-Reformen schmerzhaft sein könnten, habe BundesauĂenministerin Annalena Baerbock wie kein deutscher AuĂenminister zuvor bemerkenswert offen angesprochen. Dabei geht es unter anderem um Ănderung des Einstimmigkeitsprinzips und Finanz- und Beitrittsfragen.
FĂŒr die Staaten zwischen Europa und Asien, die ums Ăberleben kĂ€mpfen, bleibe neben allen militĂ€rischen Fragen ein Hauptthema: âSie wollen zurĂŒck in die EuropĂ€ische Familieâ, sagt Kikalishvili. Sie versprĂ€chen sich Sicherheit von der EU, ja, aber umgekehrt bedeute die Sicherheit dieser Staaten auch Sicherheit fĂŒr Europa. Wenn Freiheit und Frieden dort Bestand haben, so Kikalishvili, macht das Europa stark.






