âEs muss uns gelingen, aus dieser latenten Angst Selbstbewusstsein zu machen, dass diese Gesellschaft mit anderen zusammen in der Lage ist, einen solchen Krieg zu verhindernâ, sagt Sigmar Gabriel, âund zwar dadurch, dass wir uns so stark machen, dass keiner auf die Idee kommt, mit einem Krieg anzufangen.â
Der SPD-Politiker und frĂŒhere Stellvertreter der Bundeskanzlerin erklĂ€rt auch, was dazu seiner Meinung nach vor allem nötig ist: âDie wichtigste Voraussetzung dafĂŒr, einen potenziellen Angreifer aus Russland abschrecken zu können, ist, dass eine Gesellschaft sich ihrer Lage bewusst ist. Erstens, dass es etwas zu verteidigen gibt, nĂ€mlich dass wir in einer der wirklich liberalsten und freiheitlichsten Gesellschaften auf dem Planeten hier leben, und dass [diese Freiheit] zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren ernsthaft bedroht ist.â
Im Atlantic Talk Podcast spricht Gastgeber Oliver Weilandt mit Sigmar Gabriel darĂŒber, vor welchen sicherheitspolitischen Aufgaben nicht nur der Staat Deutschland steht, sondern welche Verantwortung die BĂŒrgerinnen und BĂŒrger der Bundesrepublik haben. Denn die Kehrseite der Freiheit sei die Verantwortung. Dass der Krieg in der Ukraine âwas mit uns zu tun hat und dass Russland eigentlich den Westen bekĂ€mpft und nicht nur die Ukraine â das glaube ich nicht, dass das schon angekommen istâ, so die EinschĂ€tzung des frĂŒheren AuĂenministers und heutigen Vorsitzenden der Atlantik-BrĂŒcke.
Er sieht die Wehrpflicht als eine gute Möglichkeit fĂŒr eine wirkliche tiefgreifende gesellschaftliche Debatte, denn wenn praktisch in jedem Haushalt darĂŒber gesprochen werden muss, âob man zur Bundeswehr geht oder nicht und was das eigentlich bedeutetâ, dann könne eine Gesellschaft âin der Diskussion auch den Konflikt irgendwann auflösen oder auch mit Mehrheit entscheidenâ.
Damit die Gesellschaft die gegenĂŒber der Vergangenheit fundamental verĂ€nderte Bedrohung auch versteht und diskutiert, ist Sigmar Gabriel auch fĂŒr eine deutliche Sprache: Es gehe eben um mehr als VerteidigungsfĂ€higkeit. âVerteidigungsbereit zeigt, ich kann mein Territorium verteidigen. AbschreckungsfĂ€hig ist: âVersuchâs erst gar nicht, das landet bei dir!â Dazu sind wir in der Lageâ.
In dieser Folge des Atlantic Talk Podcasts geht es auch darum, wie die EuropĂ€erinnen und EuropĂ€er gemeinsam in der sich verĂ€ndernden Welt agieren sollten. Oliver Weilandt und Sigmar Gabriel sprechen ĂŒber die gleichzeitig stattfindenden Einigungs- und Spaltungstendenzen innerhalb Europas. Wie sollte sich die EU in der sich verschiebenden globalen Ordnung positionieren, wie zum Beispiel mit den BRICS-Staaten umgehen? Eine Forderung Deutschlands nach einem stĂ€ndigen Sitz im UN-Sicherheitsrat sieht Gabriel als so kontrĂ€r zur Auffassung des globalen SĂŒdens, dass er sich âwundere, dass sie immer noch vertreten wirdâ.
Der SPD-Politiker ist sich sicher, es werde rund zehn Jahre brauchen, die Bundeswehr wieder so auszurĂŒsten, dass sie eine abschreckungsfĂ€hige Territorialarmee ist. Und das bedeute auch, dass Deutschland und Europa die Amerikaner lĂ€nger brauchen, als gewĂŒnscht. Zugleich macht Gabriel deutlich, wie essentiell die Bereitschaft Deutschlands im europĂ€ischen wie transatlantischen Kontext ist, nach einem Waffenstillstand die Ukraine gegen einen möglichen erneuten Ăberfall Russlands abzusichern. Wenn Deutschland dann âneinâ sagen wĂŒrde, âdann können wir einpackenâ.
Im Grunde geht es in dieser Folge auf ganz unterschiedlichen Ebenen um Werte: Die Freiheit, aus der sich eine Verantwortung fĂŒr die deutsche und europĂ€ische Gesellschaft fĂŒr ihre Verteidigung ergibt, aber eben auch die Grundlagen, die Staaten miteinander verbinden und beispielsweise ĂŒber viele Jahrzehnte das transatlantische VerhĂ€ltnis zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika geprĂ€gt haben.
Gabriel beruft sich auf Churchill, wenn er sagt, dass es Freundschaften zwischen Staaten eigentlich nicht gibt, wohl aber gemeinsame Interessen. Das Wertefundament mit den USA werde möglicherweise âverdammt dĂŒnnâ. Wenn es um gemeinsame Interessen geht, dann könnten Deutschland und die EU weiter mit den USA zusammenarbeiten. DarĂŒber hinaus gelte es aber auch jetzt schon, eine ganze Reihe anderer internationaler Partner zu finden.
Auch in den transatlantischen Beziehungen habe es immer wieder RĂŒckschlĂ€ge gegeben. Trotzdem hĂ€tten sie sich am Ende immer zum Besseren weiterentwickelt. âEs gibtâ, sagt Sigmar Gabriel, âkeinen Grund zur Annahme, dass sozusagen jetzt das Ende der Geschichte erreicht sei.â








