Deutsche Atlantische Gesellschaft e.V.

(55) Brauchen wir eine nukleare NachrĂŒstungsdebatte?

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„Die nukleare Abschreckung wurde zum ersten Mal instrumentalisiert“, sagt der Politikwissenschaftler Dr. Karl-Heinz Kamp, „Russland hat die Nukleardrohung genutzt, um unterhalb dieser Drohung Krieg zu fĂŒhren“. Damit habe atomare Abschreckung eine neue Bedeutung bekommen – und die Idee der nuklearwaffenfreien Welt sei damit vom Tisch.

Und noch mehr habe sich in den letzten Jahren geĂ€ndert: Anders als im Kalten Krieg ist die Konfliktbeziehung zwischen AtommĂ€chten heute multilateral. Das seien alles GrĂŒnde, um zu fragen: Passen die alten Nuklearstrategien noch, beispielsweise die der Stationierung von Atomwaffen auf deutschem Boden, welche – im Falle eines Falles – unter Flugzeuge montiert und an ihr Ziel geflogen werden mĂŒssten, um sie dort abzuwerfen.

Welche Rolle spielt Deutschland in dieser Frage nach nuklearer Abschreckung und Verteidigung? Eine Atommacht werde Deutschland aus guten historischen GrĂŒnden nicht werden, aber Deutschland ist Teil des Konzepts der „Nuklearen Teilhabe“, das NATO-Staaten ohne eigene Nuklearwaffen in die Zielplanung und den Einsatz der Waffen einbezieht. Ist es nötig, die nuklearen Strategien der erweiterten Abschreckung der aktuellen Sicherheitslage anzupassen? Wie könnte eine deutsche oder europĂ€ische Strategie aussehen?

Die amerikanischen Atomwaffen, die auf europĂ€ischem Boden stationiert sind (in Deutschland, Italien, Belgien und in den Niederlanden) und die mit Flugzeugen transportiert werden mĂŒssen, sind zwar Teil eines alten Strategieansatzes, hĂ€tten aber einen Vorteil, erklĂ€rt Dr. Kamp: Sie haben politische Signalwirkung. „Wenn die Amerikaner sagen wĂŒrden, sie erhöhen die Zahl der stationierten Atomwaffen in Europa, dann setzt man damit ein Signal“. Das zeige, wie sehr die nukleare Abschreckung ein politisches Konzept sei. „Mit Nuklearwaffen kann man drohen“.

Umso mehr sei es jetzt an der Zeit zu diskutieren, ob es nicht sinnvoller wĂ€re, amerikanische Atomwaffen weiter östlich zu stationieren, zum Beispiel im Baltikum, in Polen oder RumĂ€nien. Und hĂ€tten Raketen nicht mehr Sinn als freifallende Bomben? Die Antwort könnte auch „nein“ lauten, aber die Debatte mĂŒsse gefĂŒhrt werden, davon ist der Associate Fellow der Deutschen Gesellschaft fĂŒr AuswĂ€rtige Politik (DGAP) im Zentrum fĂŒr Ordnung und Governance in Osteuropa ĂŒberzeugt.

Im GesprÀch mit Moderator Oliver Weilandt macht Dr. Karl-Heinz Kamp auch deutlich, warum seiner Meinung nach der Atomwaffenverbotsvertrag (AVV) seine Relevanz verloren habe: Das Konzept der nuklearen Abschreckung sei seit seiner Ratifizierung noch bedeutsamer. Und man könne nicht einerseits an dem Konzept der Abschreckung festhalten und es gleichzeitig delegitimieren.

Eine Diskussion ĂŒber eine EuropĂ€ische Union mit eigenen Atomwaffen gehe an der Wirklichkeit vorbei, denn dafĂŒr mĂŒssten die EU-Staaten ihre militĂ€rische SouverĂ€nitĂ€t abgeben. Die 2 % des BIP Verteidigungsausgaben, die die USA von den NATO-Mitgliedsstaaten fordern, werden nach EinschĂ€tzung von Dr. Kamp nicht ausreichen. Mehr noch: Der „Transatlantic Bargain“ mĂŒsse vor allem auch im Hinblick auf Entwicklungen im Indo-Pazifik neu bestimmt werden.

Zu Gast:

Dr. rer. pol. Karl-Heinz Kamp

Associate Fellow, Deutsche Gesellschaft fĂŒr AuswĂ€rtige Politik (DGAP)

Karl-Heinz Kamp ist Politikwissenschaftler und Sicherheitsexperte. Er studierte Geschichte und Sozialwissenschaften an der UniversitĂ€t Bonn und promovierte an der UniversitĂ€t der Bundeswehr Hamburg. Nach einem sicherheitspolitischen Stipendium arbeitete er von 1989 bis 2003 bei der Konrad Adenauer Stiftung in leitenden Funktionen. Von 2007 bis 2013 war er Research Director am NATO Defense College in Rom, 2015–2019 PrĂ€sident der Bundesakademie fĂŒr Sicherheitspolitik und 2019–2023 Beauftragter des Politischen Direktors im Bundesministerium der Verteidigung. Er ist Associate Fellow im Zentrum fĂŒr Ordnung und Governance in Osteuropa, Russland und Zentralasien der Deutsche Gesellschaft fĂŒr AuswĂ€rtige Politik und lehrt an der UniversitĂ€t Roma Tre in Rom.

Moderation:

Oliver Weilandt

GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Hörfunkagentur Internationaler Audiodienst (iad)

Oliver Weilandt moderiert den »Atlantic Talk Podcast« der Deutschen Atlantischen Gesellschaft. Der Agenturleiter und Autor zahlreicher Radiofeature und politischer Hintergrundberichte auf den Wellen der ARD sowie in den Programmen des Deutschlandradios verantwortet unter anderem auch das Privatfunkprogramm der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Weitere Informationen erhalten Sie von:

Dr. Nicolas Fescharek

Referent
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