Deutsche Atlantische Gesellschaft e.V.

Eine Frage der WĂĽrde

Ein Plädoyer für Waffenlieferungen an die Ukraine

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In Deutschland tun sich trotz der unerträglichen Massaker an ukrainischen Zivilisten noch immer viele Menschen mit dem Thema Waffenlieferungen schwer. Die unausgesprochene Annahme scheint zu sein, dass Waffenlieferungen den Krieg nur unnötig verlängern, Russland diesen Krieg trotz heftiger Gegenwehr ohnehin gewinnt und gesteigerte Gegenwehr Putin nur zu noch barbarischeren Angriffen animiert. Daher mĂĽsse die Ukraine diplomatische Konzessionen akzeptieren, damit mehr Ukrainer ĂĽberleben, Putin Erfolge vorweisen kann und das Militär sein brutales Vorgehen einstellt. 

Andere halten dem entgegen, dass den Ukrainern geholfen werden muss, diesen Krieg entweder recht schnell durch massive Gegenwehr zu beenden oder einem langen ZermĂĽrbungskrieg standzuhalten. Aus dieser Perspektive wird Putin nur dann an den Verhandlungstisch kommen, wenn er dazu gezwungen wird. Sich von seinem RĂ©gime die Bedingungen des europäischen Friedens diktieren zu lassen wäre daher fahrlässig und drĂĽckebergerisch. 

Die Anhänger der ersten Position übersehen etwas leichtfertig, dass die Ukrainer die Entscheidung zum bedingungslosen Widerstand längst getroffen haben – und diese souveräne Entscheidung von Millionen von Bürgern, nämlich die Möglichkeit des eigenen Sterbens eher in Kauf zu nehmen als die russische Schreckensherrschaft, die auf eine Niederlage folgen würde, sollte den Zauderern die Entscheidung eigentlich weitgehend abnehmen. Das heißt weiterhin nicht, dass wir eine Flugverbotszone durchsetzen sollten, die nach Ansicht der allermeisten Experten sehr gefährliche Konsequenzen hätte. Aber es bedeutet, dass die Lieferung mobiler und leicht zu bedienender Waffen zu steigern ist. Zudem ist die Lieferung schwererer Waffensysteme – soweit vor dem Hintergrund der eigenen Wehrhaftigkeit vertretbar – notwendig.

Denn was wir in der Ukraine beobachten, ist, dass hier eine ganz andere Abwägung hinsichtlich des menschlichen Lebens vorgenommen wird, als wir es im Westen lange gewohnt waren. Vertreter des so genannten Konzeptes der „menschlichen Sicherheit“ argumentierten seit vielen Jahren, dass unser Verständnis von Sicherheit den unbedingten Schutz individuellen Lebens absolut setzen mĂĽsse. Der Schutz staatlicher Institutionen, Grenzen, Funktionen und Symbole ist in dieser Sicht weniger entscheidend als der Schutz der Individuen vor Hunger, Leid und Tod. 

Doch genau das scheint die ukrainische Bevölkerung gerade vollkommen anders zu sehen. Der ukrainische Schriftsteller Jurij Andruchowytsch hat diesbezĂĽglich in der FAZ vom 20.03. einen wichtigen Gedanken formuliert: Dort vertrat er die Idee, „dass menschliches Leben nicht nur eine physische Seite hat. Zum menschlichen Leben gehört auch die WĂĽrde“. FĂĽr Westeuropäer sei das schwer vorstellbar, denn wir leben „seit Ende des zweiten Weltkriegs mit der Idee, dass das menschliche Leben der höchste Wert sei. FĂĽr die meisten Europäer ist die Idee, das eigene Leben fĂĽr etwas zu geben, wie aus einer anderen Zeit.“ Dieser Begriff der WĂĽrde bewegt sich jenseits „staats-zentrierter“ oder „menschlicher Sicherheit“. Es geht hier primär weder um den Schutz staatlicher Infrastruktur noch um den unbedingten Schutz des individuellen Lebens, sondern vor allem um den Schutz vor individueller und kollektiver EntwĂĽrdigung: „Wenn wir kapitulieren, sind wir in der Sklaverei – der brutalsten Sklaverei, die man sich vorstellen kann“, sagt Andruchowytsch. „Entweder kapitulieren wir, verleugnen unsere Identität und nehmen alles an, was er in seinem faschistischen Land etabliert hat – oder er vernichtet uns.“ 

Der ukrainische Widerstand ist in seiner Massivität nur möglich, weil hier Millionen Menschen entscheiden, dass Putins Diktatur auch unter Gefährdung ukrainischen Lebens abgewehrt werden muss. Dies trägt auch zur Erklärung des Umstands bei, dass die ukrainische Regierung es ihren Bürgern nicht freistellt, humanitäre Korridore zu nutzen, die auf russisches Territorium führen.

Das bringt uns zu der Frage, ob es das wirklich wert wäre, für die „Würde“ der ukrainischen Nation den Tod tausender Menschen durch Hunger und Bomben zu akzeptieren. Wo läge die Grenze – und ab wann wäre es unerträglich? Was, wenn das russische Militär taktische Atombomben oder Chemiewaffen einsetzt?

Zum Glück können wir uns da auf das oben genannte, sehr einfache Prinzip verlassen: Die Ukrainer sollen es selbst entscheiden und sie haben das längst getan. Solange sie ihre Meinung nicht ändern sollte eine positive Einstellung zur Lieferung von Waffen eine Selbstverständlichkeit sein.

Dr. Nicolas Fescharek ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Deutschen Atlantischen Gesellschaft und Betreiber des Blogs www.prosipo.de

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