Erschienen auf Cicero.de
Bundeskanzler Olaf Scholz möchte keine Taurus-Marschflugkörper an die Ukraine liefern. Doch wer in seinen Entscheidungen lieber auf allerlei Bedenken statt auf die Nato-Sicherheitsgarantie vertraut, macht sich Drohungen aus Moskau gegenĂŒber erpressbar.
Bundeskanzler Scholz will (vorerst) der Ukraine keine Taurus-Marschflugkörper liefern. Dies lieĂ er am Rande des Gipfeltreffens der EuropĂ€ischen Union am 6. Oktober in Spanien verlauten. Seine BeweggrĂŒnde sind unklar. Scholz belĂ€sst es bei Andeutungen.
Das liegt einerseits in der Natur der Sache: Das strategische und militĂ€rische FĂŒr und Wider von bestimmten Waffenlieferungen kann die Regierung kaum öffentlich im Detail erörtern. Denn Putin hört mit und zieht daraus seine SchlĂŒsse. Andererseits wirken manche BegrĂŒndungen des Kanzlers vorgeschoben. Mehr noch: Sie liefern Hinweise auf ein Denkmuster, das bĂŒndnispolitisch bedenklich ist. Trifft es zu, beschĂ€digt es Deutschlands GlaubwĂŒrdigkeit und lĂ€sst Zweifel an der sicherheitspolitischen Kompetenz im Kanzleramt aufkommen.
BegrĂŒndungen des Kanzlers sind wenig ĂŒberzeugend
Erst war ĂŒber Umwege aus dem Kanzleramt zu hören, die Programmierung des Navigationssystems des Lenkflugkörpers Taurus verlange die VerfĂŒgbarkeit von GelĂ€ndedaten der Ukraine, sei kompliziert und mĂŒsste durch deutsche Soldaten in der Ukraine ĂŒberwacht werden, was einem Kriegseinsatz gleichkomme.
Dort sind aber schon seit LĂ€ngerem der weitreichende britische Marschflugköper âStorm Shadowâ und das baugleiche französische System âScalp-EGâ auf Seiten der Ukraine im Einsatz. Die Ukraine verfĂŒgt also schon lĂ€ngst ĂŒber die nötigen Geodaten und Zielkoordinaten. Und MilitĂ€rexperten zufolge können ukrainische Experten auch in der Programmierung und Bedienung des Taurus in Deutschland ausgebildet werden. Ein Storm-Shadow-Flugkörper hat jĂŒngst das russische Marine-Oberkommando in Sewastopol zerstört.
Auch Taurus hat eine groĂe militĂ€risch-taktische Bedeutung fĂŒr die KriegsfĂŒhrung der Ukraine. Er kann den Gegenangriff der ukrainischen Armee zur Befreiung ukrainischen Territoriums wirkungsvoll unterstĂŒtzen. Seine wichtigsten militĂ€rischen FĂ€higkeiten sind seine Reichweite (von rund 500 km), TiefflugfĂ€higkeit und Sprengkraft. Er kann in der Tiefe des Raums, den die russische Armee besetzt hĂ€lt, verbunkerte BefehlsstĂ€nde, gehĂ€rtete Munitionsdepots, BrĂŒcken, Eisenbahnlinien und Start- und Landebahnen zerstören.
Kurz: Er kann FĂŒhrung und Versorgung der russischen Armee und damit ihre KampffĂ€higkeit an der Front erheblich schwĂ€chen. Wer will, dass der Gegenangriff der ukrainischen Armee weiter merklich vorankommt und schlieĂlich die russischen Invasoren zurĂŒckwerfen kann, muss fĂŒr die schnellstmögliche Lieferung von Taurus sein.
Scholz fĂŒhrt mantrahaft das Risiko einer Ausweitung des Krieges an
DemgegenĂŒber wird Kanzler Scholz mit der Feststellung zitiert, dass bei den Waffenlieferungen an die Ukraine beachtet werden mĂŒsse, was die Verfassung vorgebe und was Deutschlands Handlungsmöglichkeiten seien. Dazu zĂ€hle âganz besonders die Tatsache, dass wir selbstverstĂ€ndlich gewĂ€hrleisten mĂŒssen, dass es keine Eskalation des Krieges gibt und dass auch Deutschland nicht Teil der Auseinandersetzung wirdâ. Briten und Franzosen âkönnen etwas, was wir nicht dĂŒrfenâ.
Was meint Scholz genau? Man wird unweigerlich an sein monatelanges Zögern im letzten Jahr erinnert, der Ukraine moderne Kampfpanzer Leopard 2 zu liefern. Auch damals fĂŒhrte er mantrahaft das Risiko einer âEskalationâ durch Putin und der Ausweitung des Krieges an und bestand darauf, dass parallel zu Deutschland auch die USA Kampfpanzer lieferten, um eine vermeintliche exklusive Bedrohung Deutschlands durch Russland auszuschlieĂen. Weder fĂŒhrten aber deutsche Leopard-Panzer in der Ukraine zu einer Eskalation noch zu einer Bedrohung Deutschlands. Und Washington lieferte amerikanische Kampfpanzer erst in diesen Tagen.
HĂ€tte die Ukraine Monate frĂŒher genĂŒgend gepanzerte Gefechtsfahrzeuge erhalten, wĂ€re ihr Gegenangriff vermutlich viel weiter gekommen und hĂ€tte sie womöglich verhindern können, dass Russland monatelang das tiefgestaffelte Verteidigungssystem im SĂŒden und Osten errichtete, an dem sich die ukrainische Armee jetzt unter hohen Verlusten die ZĂ€hne ausbeiĂt.
Altes Denkmuster von Kanzler Scholz tritt wieder hervor
Dennoch tritt das alte Denkmuster von Kanzler Scholz nun wieder hervor. Aus Regierungskreisen wird berichtet, er sei besorgt, die Ukraine könne auch die Kertsch-BrĂŒcke zerstören, die Russland mit der Krim verbindet und ein zentrales StĂŒck einer wichtigen militĂ€rischen Versorgungslinie fĂŒr die russische Armee ist. Sie zu unterbrechen, ist nicht nur das legitime Recht der Ukraine, sondern militĂ€risch absolut sinnvoll.
Da die Krim fĂŒr Putin groĂe militĂ€rische und politisch-symbolische Bedeutung hat, könnte, so hört man, ihn eine solche Operation zu einer Eskalation veranlassen, die sich dann auch gegen Deutschland richten könnte. Briten und Franzosen seien dagegen gefeit, weil sie Atomwaffen besitzen, die eine abschreckende Wirkung auf Russlands FĂŒhrung hĂ€tten.
Aber ist das Argument stichhaltig? Erstens liegt eine âEskalation des Kriegesâ nicht in deutscher Hand, ihre Vermeidung können wir nicht âgewĂ€hrleistenâ. Und zweitens: Wie muss man sich eine Eskalation konkret vorstellten? In welche Richtung? Gegen die Ukraine, aber wie? Womöglich gegen Deutschland oder sogar Teile der Nato? Oder sogar durch die Drohung mit dem Einsatz von Atomwaffen? WĂŒrden sich Kanzler Scholz und seine Berater von solchen BefĂŒrchtungen letztlich leiten lassen, wĂŒrden sie entscheidende Grundkonstanten deutscher Sicherheit auĂer Acht lassen.
Deutschland ist durch Artikel 5 des Nordatlantikvertrags geschĂŒtzt
Deutschland ist als Nato-Mitglied durch die kollektive Sicherheits- und Verteidigungsgarantie des Artikels 5 des Nordatlantikvertrags geschĂŒtzt: Einer fĂŒr alle, alle fĂŒr einen! Das nahezu ausschlieĂliche AbstĂŒtzen durch Scholz auf den Gleichschritt mit der amerikanischen Regierung in der Panzerfrage hat selbst PrĂ€sident Biden ĂŒberrascht und war kein Vertrauensbeweis in die SolidaritĂ€t der Nato als Ganzer und eigentlich ein Fauxpas des Kanzlers. Denn wĂŒrde Putin Deutschland bedrohen, hĂ€tte er die gesamte Nato gegen sich, 31 VerbĂŒndete, einschlieĂlich Amerikas.
Deutschland ist aus guten GrĂŒnden keine Nuklearmacht wie die Vereinigten Staaten, Frankreich und GroĂbritannien. Aber wir stehen wie alle anderen nicht-nuklearen Nato-VerbĂŒndeten unter dem Schutz der erweiterten nuklearen Abschreckung der USA. Deutschland zumal ist aus amerikanischer wie aus russischer Sicht (immer noch) strategisch die zentrale europĂ€ische Macht in der Mitte Europas.
Hier sind Zehntausende amerikanischer Soldaten und ihre Familien stationiert. Hier liegen die wichtigsten amerikanischen militĂ€rischen FĂŒhrungseinrichtungen in Europa. Eine Drohung gegen Deutschland kĂ€me insofern einer Drohung gegen Amerika gleich. Bisher hat Putin dies vermieden wie der sprichwörtliche Teufel das Weihwasser.
Abschreckung passiert im RisikokalkĂŒl des Gegners
Denn Abschreckung passiert im RisikokalkĂŒl des Gegners. Das Risiko, dass im Falle eines nuklearen Einsatzes durch Russland gegen einen oder mehrere BĂŒndnispartner in Europa die USA zum Gegenschlag gegen Russland ausholen könnten, mit untragbar hohen SchĂ€den fĂŒr Russland selbst, ist aus Moskauer Sicht viel zu hoch.
Im September 2022 warnte der amerikanische AuĂenminister Antony Blinken die russische FĂŒhrung öffentlich, dass jeder Einsatz von Atomwaffen durch Russland, selbst wenn er ânurâ in der Ukraine erfolgte, âkatastrophale Konsequenzen auch fĂŒr Russland selbstâ hĂ€tte. Die Botschaft lautete: Die USA wĂŒrden sich in jedem Fall militĂ€risch engagieren. Daraufhin erstarb das lose Gerede in Moskau ĂŒber den Einsatz von Nuklearwaffen, und bisher lebte es nicht wieder auf. Putin hatte verstanden.
Erpressbar gegenĂŒber Drohungen aus Moskau
NatĂŒrlich hat die Bundesregierung die Pflicht, bei der militĂ€rischen UnterstĂŒtzung der Ukraine mit besonderen Waffen, die eine weitreichende militĂ€rische Wirkung haben, die möglichen politischen Folgen zu analysieren und mögliche Risiken abzuwĂ€gen. Sie sollte dies in enger Abstimmung mit ihren VerbĂŒndeten tun, vor allem den USA, aber eben auch im Gleichschritt mit unseren wichtigsten europĂ€ischen Partnern. Anzuerkennen ist auch, dass die deutsche Regierung hinter den USA zum gröĂten europĂ€ischen UnterstĂŒtzer der Ukraine aufgerĂŒckt ist.
Die leitende Maxime muss immer sein, die Ukraine möglichst mit allem zu unterstĂŒtzen, was nötig ist, dass sie gegen den Aggressor obsiegen kann. Denn wird Putin nicht gestoppt, dann ist auch Europa bedroht. Wer sich fĂŒr seine Entscheidungen dabei nicht zugleich von der Gewissheit der Nato-Sicherheitsgarantie fĂŒr Deutschland durch seine VerbĂŒndeten leiten lĂ€sst, sondern möglichen Risiken und allerlei Bedenken das Feld ĂŒberlĂ€sst, der ĂŒbt Selbstabschreckung und macht sich Drohungen aus Moskau gegenĂŒber erpressbar.






