Islamisten erobern Afghanistanâ Ist die neue Generation Taliban gemĂ€Ăigter?
Das Interview erschien am 18.08.2021 auf zdf.de.
Passend zum Thema weisen wir auf unsere nĂ€chste Atlantic Talk Diskussion hin, bei der Prof. Dr. Dr. GieĂmann und weitere GĂ€ste das Thema ausfĂŒhren und Ihre Fragen beantworten wird.
Hans-Joachim GieĂman hat die Verhandlungen zwischen Taliban und dem Westen eng begleitet. Er plĂ€diert fĂŒr weitere Hilfen aus dem Westen â aber mit Bedingungen.
ZDFheute: Herr GieĂmann, wir nehmen die Taliban meist als einheitliche Gruppe wahr. Haben Sie sie in Doha bei den Verhandlungen mit der afghanischen Regierung auch so erlebt?
Hans-Joachim GieĂmann: Die Delegation des politischen AuslandsbĂŒros der Taliban, verstĂ€rkt von Vertretern der vielen Strömungen in Pakistan, hat sich erstaunlich geschlossen gezeigt. Man darf nicht vergessen, dass es ein einigendes Band gegeben hat, nĂ€mlich das Interesse, die Macht in Afghanistan zu ĂŒbernehmen.
Jetzt haben die Taliban die Macht und mĂŒssen auch gegenĂŒber ihren eigenen FlĂŒgeln und Strömungen liefern und die Erwartungen managen.
ZDFheute: Welche Erwartungen sind das?
GieĂmann: Das ist zum gegenwĂ€rtigen Zeitpunkt die gröĂte Unbekannte. Die Taliban-Delegation hat in Doha nicht gezeigt, dass sie schon klare Vorstellungen hĂ€tte, wie das Land kĂŒnftig gestaltet werden soll. Wie ein Mantra wurde wiederholt, dass es ein echtes islamisches System sein mĂŒsse, mit afghanischen Traditionen und einer erneuerten Verfassung. Aber immer, wenn es darum ging, wie das konkret ausgestaltet sein soll, sind sie sehr ausweichend gewesen. Vielleicht auch, um interne Diskussionen zu ĂŒberspielen.
ZDFheute: Wie unterscheidet sich die jetzige Generation der Taliban von der zu Zeiten des Einmarsches der Alliierten vor 20 Jahren?
GieĂmann: NatĂŒrlich ist das eine Generation, die mit den sozialen Medien aufgewachsen ist, und ein anderes VerhĂ€ltnis zu Kommunikation und Ăffentlichkeit hat. Auf der anderen Seite sind es gerade die jungen MĂ€nner der Bewegung, die besonders radikalisiert worden sind.
Auch durch die Erfahrung in den letzten 20 Jahren, dass die Republik fĂŒr sie keine Heimstatt geworden ist. Da verfingen die Dogmen aus den Koranschulen sehr viel eher als bei der urbanen Bevölkerung auf der Republikseite. Wir haben da starke Diskrepanzen und werden sehen, wie sich das entfaltet.
ZDFheute: Was erwartet die Bevölkerung von den Taliban?
GieĂmann: Es zeigt sich jetzt, dass der RĂŒckhalt fĂŒr die Regierung nicht stark genug gewesen ist, um sich schĂŒtzend vor die Republik zu stellen, und dass viele Menschen inzwischen eher den Taliban folgen. Nicht nur, weil sie gezwungen worden sind, sondern weil sie zum Teil mehr Vertrauen in die Ordnung der Taliban gewonnen haben, auch wenn sie rigide ist, als in das Rechtssystem der Republik. Es gab eine schleichende Erosion der Republik, zum Teil bedingt durch die unglaubliche Diskrepanz zwischen dem AufhĂ€ufen von Reichtum fĂŒr relativ wenige und einer hohen Armutsrate und Bildungsmisere insgesamt. Wir haben im Westen die MĂ€dchenschulen und den Zugang zur Bildung hervorgehoben, aber 75 Prozent der Bevölkerung kann nach 20 Jahren Republik immer noch nicht lesen und schreiben. Das sind diejenigen, die das Vertrauen in die Republik verloren haben.
ZDFheute: Wie beurteilen Sie AnkĂŒndigungen der Taliban, Frauen an der Regierung zu beteiligen?
GieĂmann: Es ist vielleicht so, dass die Taliban gegenwĂ€rtig versuchen, vor der internationalen Gemeinschaft gut dazustehen, um die wirtschaftlichen und finanziellen, Hilfen, von denen das Land abhĂ€ngig ist, nicht zu gefĂ€hrden. Ich bin aber ĂŒber eine Reihe ErklĂ€rungen ĂŒberrascht, angefangen von der inklusiven Regierung bis hin zur angekĂŒndigten Generalamnestie.
Wenn sich die in Taten umsetzen, könnte das zu einer Diskussion fĂŒhren, die ein afghanisches Gesellschafts- und politisches System hervorbringt, das mit unseren Vorstellungen von Demokratie nicht viel zu tun hat â das aber vielleicht die Grundlage fĂŒr einen schmerzlichen Aussöhnungsprozess sein kann. In einem Land, in dem es seit 40 Jahren ununterbrochen Krieg gibt und in dem Frieden als Wert einen hohen Stellenwert bekommen hat.
ZDFheute: Welche Haltung sollte der Westen gegenĂŒber der neuen Situation in Afghanistan einnehmen?
Es ist ein guter Zeitpunkt zu akzeptieren, dass die Bevölkerung eher bereit ist, einen neuen Weg einzuschlagen, ungeachtet der schrecklichen Bilder, die wir aus Kabul gesehen haben. Und dass die Hilfen nicht per se abgebrochen werden sollten, weil die Taliban an die Macht gekommen sind, sondern dass im Westen darĂŒber nachgedacht werden muss, welche Bedingungen fĂŒr die Hilfen formuliert werden â auch als Druckmittel an die Taliban, sich an ihre Worte und Versprechen zu halten.
Das Interview fĂŒhrte Ralf Lorenzen.






