EU und USA mĂŒssen unter Bedingungen der Geoökonomie zusammenfinden
Bericht von Janis Wendland und Janis MĂŒller-SpĂ€th
Am 21. Oktober diskutierten Omid Nouripour MdB, Prof. Dr. Stefan Fröhlich und Dr. Josef Braml unter der Moderation von Andreas Schwarzkopf (Frankfurter Rundschau) ĂŒber die möglichen Auswirkungen der anstehenden US-PrĂ€sidentschaftswahl auf die transatlantischen (wirtschafts-)politischen Beziehungen. Die Veranstaltung mit circa 40 GĂ€sten fand im Schlosshotel Kronberg im Taunus und per Live-Stream online fstatt. Eingeladen hatte die âDeutsche Atlantische Gesellschaft e.V.â (DAG). Partner waren der âBundesverband Sicherheitspolitik an Hochschulenâ (BSH) und die âGesellschaft fĂŒr Sicherheitspolitikâ (GSP).
Trotz der unterschiedlichen Positionen der Diskutanten herrschte weitestgehend Konsens hinsichtlich der Frage, ob der Ausgang der US-Wahl groĂe Ănderungen fĂŒr die Beziehungen zwischen Europa und den USA bedeute. Die unter der Trump-Administration gewachsenen Spannungen wĂŒrden nach einer Wahl Bidens nicht automatisch reduziert. Die groĂen internen Probleme der USA, welche Trump erst ins Amt brachten, wĂŒrden auch unabhĂ€ngig vom Wahlausgang nach wie vor bestehen bleiben. Wenngleich Joe Biden als PrĂ€sident einen weniger isolationistischen Kurs fahren und wieder mehr auf die VerbĂŒndeten der USA zugehen könnte, so blieben die Forderungen nach der Ăbernahme von mehr Verantwortung der NATO-Mitgliedstaaten ebenso weiter von Relevanz, wie der zu erwartende Transfer innenpolitischer Probleme der USA auf ihre VerbĂŒndeten. Ferner sei die zunehmende â u.a. durch die USA betriebene â Instrumentalisierung von Wirtschaftskraft und WĂ€hrung als Waffe nicht auĂer Acht zu lassen. Josef Braml betonte in diesem Zusammenhang das Stichwort der âGeökonomieâ als Verbund von Sicherheitspolitik, Wirtschaft und Geopolitik. Deutschland dĂŒrfe sich daher nicht der Illusion hingeben, unter Biden wĂŒrden die Dinge einfacher werden, urteilte Fröhlich.
Was ist mit China?
Einen weiteren Grund fĂŒr die BestĂ€ndigkeit der internen Probleme der USA stelle China dar, das als aufstrebender Hauptrivale finanzielle Ressourcen â man denke hier an die RĂŒstung und Entwicklungszusammenarbeit â binden wĂŒrde, die unter anderen UmstĂ€nden der US-Innenpolitik zuflieĂen könnten. Auch die EU habe in ihren jĂŒngsten auĂen- und wirtschaftspolitischen Ausrichtungen China als strategischen Wettbewerber und Rivalen erkannt, nicht zuletzt weil China die offenen europĂ€ischen MĂ€rkte zum Wachstum nutze, den Zugang zu den eigenen MĂ€rkten jedoch restriktiv reguliere.
Daher fanden sich auf dem Podium auch hinsichtlich der Frage, was Deutschland und Europa in der aktuellen Lage lernen und Ă€ndern mĂŒssten, kaum Reibungspunkte. Die EU mĂŒsse sich im steigenden Wettbewerbsdruck mit China klar positionieren und sich auf ihre eigenen Potentiale besinnen, denn die vielfach beschworenen AbhĂ€ngigkeiten wĂŒrden nur allzu oft stark ĂŒberschĂ€tzt. Auch Omid Nouripour warnte in diesem Kontext klar vor einer Distanzierung von den USA, da trotz der belasteten Beziehungen die bestehende Wertegemeinschaft nicht leiden dĂŒrfe. Europa könne und solle die Situation nutzen, um sich der eigenen FĂ€higkeiten zur Machtprojektion bewusst zu werden. Dabei sei Machtprojektion nicht im Sinne der Abschreckung, sondern im Sinne der Kooperation der Mitgliedstaaten an einer gemeinsamen Vision zu verstehen. Die EU solle daher stĂ€rker Eigenverantwortung ĂŒbernehmen â in Kooperation und nicht in Abgrenzung zu den USA.
AbschlieĂend war sich das Podium einig, dass die EuropĂ€ische Union als Vorreiter in Umweltfragen und der Energiepolitik auftreten könne. Dr. Braml betonte an dieser Stelle, dass es das Ziel sein sollte, dass eine Win-win Situation entsteht, von der sowohl die EU als auch die USA profitieren, um nicht dem Rivalen China in die HĂ€nde zu spielen â was wiederum Russland in das chinesische Lager treiben könnte. Ăhnlich ordnete Prof. Fröhlich dies ein, betonte allerdings, die EU mĂŒsse sich dessen bewusst werden, dass die eigenen AbhĂ€ngigkeiten nicht so verheerend sind, wie hĂ€ufig gesagt werde. Die globalen Interdependenzen sorgen auch dafĂŒr, dass China und Russland wirtschaftlich abhĂ€ngig von der EuropĂ€ischen Union sind.
WĂ€hrung als Waffe
Vergleichsweise offen blieb hingegen etwa die Frage, wie in einer Situation von Soft-Power-Demonstration, VerantwortungsĂŒbernahme und eindeutiger wertegemeinschaftlicher Positionierung Projekte von höchster politischer SensibilitĂ€t zu klĂ€ren seien, wie beispielsweise Nord Stream 2. Gerade vor dem Hintergrund der zunehmenden Instrumentalisierung von WĂ€hrung als Waffe und dem verstĂ€rkten US-Export von FlĂŒssiggas unter dem Label âFreedom Gasâ mĂŒsse Deutschland fĂŒr dieses SpannungsverhĂ€ltnis eine Lösung finden. Will Deutschland hier jedoch Fakten schaffen, so dĂŒrfe dabei nicht vergessen werden, dass auch innerhalb der EU sehr geteilte Meinungen bezĂŒglich des Umgangs mit Russland vorherrschen. Der selbsterklĂ€rte Anspruch, âaus der Mitte herausâ in Abstimmung mit den Partnern zu fĂŒhren, könne dabei rasch im Minenfeld der widerstreitenden politischen Partnermeinungen versanden. Ein klarer Kurs wĂ€re jedoch von groĂer Wichtigkeit. Die Frage lautet deshalb wohl eher, welchen Partner oder Rivalen man vor den Kopf stöĂt, und weniger, wie man den gröĂten Konsens schafft.
Wir bedanken uns bei der DAG-Regionalleiterin des Forums Frankfurt, Ava Nouripour-Welteke, und bei der Leiterin dieses Projekts, Nicoletta Backhaus, fĂŒr die Ausrichtung dieser Podiumsdiskussion und die Möglichkeit, als Vertreter der Fachgruppe fĂŒr AuĂen- und Sicherheitspolitische Themen an der UniversitĂ€t Frankfurt dieser beiwohnen zu dĂŒrfen.
Aufzeichnung vom 21. Oktober 2020 um 18:30 Uhr






